Kopfschmerzen sind eine häufige Begleiterscheinung nach einer COVID-19-Erkrankung. Wie andere Spätfolgen der Infektion können sie länger anhalten, verschwinden aber meistens von selbst. Doch was tun, wenn die Kopfschmerzen bleiben? Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, verschiedenen Arten und Behandlungsansätze von Migräne und Kopfschmerzen im Zusammenhang mit COVID-19.
Kopfschmerzen nach Corona: Ein weit verbreitetes Phänomen
Kopfschmerzen werden als ein häufiges und früh einsetzendes Symptom einer Corona-Infektion beschrieben. Gewöhnlich vergehen die Kopfschmerzen nach einer Dauer von rund 2 Wochen wieder. Viele Patienten berichten im Rahmen der Infektion und auch noch Wochen danach von Kopfschmerzen, manchmal sogar als einziges Symptom überhaupt. Die gute Nachricht: Diese Patienten leiden im Schnitt kürzer an der Viruserkrankung.
Long-COVID und Post-COVID-Syndrom
Die Leitlinienempfehlung des britischen National Institute for Health and Care Excellence (NICE) definiert Long-COVID als gesundheitliche Beschwerden, die jenseits der akuten Krankheitsphase von 4 Wochen fortbestehen oder neu auftreten und als Folge der COVID-19-Infektion verstanden werden können. Ein einheitliches Krankheitsbild gibt es bislang nicht. Zu den häufigsten Beschwerden zählen Müdigkeit, Fatigue (Erschöpfungssyndrom), Kurzatmigkeit, Schlafstörungen, Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme, Muskelschwäche und -schmerzen, sowie Kopfschmerzen.
Als Post-COVID-Syndrom werden Beschwerden bezeichnet, die noch mehr als 12 Wochen nach Beginn der SARS-CoV-2-Infektion vorhanden sind und nicht anderweitig erklärt werden können. Kopfschmerzen treten im Rahmen eines Long- und Post-COVID-Syndroms sehr häufig auf. Bei rund 45 % der Betroffenen bleiben die Kopfschmerzen auch nach der Akuterkrankung bestehen. Bei 16,5 % der Fälle auch noch 60 Tage nach der Erkrankung und bei 10,6 % noch nach 90 Tagen. Nach einem halben Jahr leiden immerhin noch rund 8 Prozent an dauerhaften Kopfschmerzen. Bei bisher rund 30 Millionen bestätigten Infektionen alleine in Deutschland und stetig weiter zunehmenden Infektionszahlen kommt man schnell auf eine beträchtliche Anzahl Betroffener.
Verschiedene Arten von Kopfschmerzen
Dabei kann sich der Kopfschmerz in unterschiedlichen Formen manifestieren. Bereits vor der COVID-Erkrankung vorliegende Kopfschmerzen können durch die Infektion zunehmen, oder aber der Kopfschmerz tritt nach durchgemachter Infektion zum ersten Mal auf. Auch der Zeitpunkt des erstmaligen Auftretens variiert. So kann der Schmerz bereits während der akuten Krankheitsphase auftreten und im Anschluss bestehen bleiben, in manchen Fällen tritt er aber auch erst mit zeitlicher Verzögerung auf. Sehr häufig werden Kopfschmerzen von anderen Symptomen begleitet.
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Es werden unterschiedliche Kopfschmerztypen unterschieden, z.B. ein migräneartiger Kopfschmerz oder aber spannungsartige Kopfschmerzen. In diversen Studien gab die Mehrzahl der Patientinnen mit vorbestehenden Kopfschmerzen an, dass sich die mit Covid-19 in Zusammenhang stehenden Kopfschmerzen von ihren bisherigen Schmerzen unterscheiden. Sie wurden häufig als beidseitig und dumpf-drückend beschrieben (ähnlich des Spannungskopfschmerzes). Des Weiteren ist ein Teil der Patientinnen auch von typischen Migräne-Symptomen, wie der Geräusch- und Lichtempfindlichkeit, oder Übelkeit betroffen.
Haben die Betroffenen bereits vor der Corona Infektion regelmäßig unter primären Kopfschmerzen gelitten, haben sie ein höheres Risiko für das Auftreten von Long/ Post Covid Kopfschmerzen. Unter der Begrifflichkeit der primären Kopfschmerzen werden alle Kopfschmerz-Arten zusammengefasst, die keine bestimmte Ursache, wie eine Erkrankung oder ein Unfall, haben.
Kopfschmerzen nach COVID-19-Impfung
Kopfschmerzen können auch nach einer COVID-19-Impfung auftreten. Kopfschmerzen nach einer COVID-19-Impfung waren sogar mit einer robusteren Immunantwort assoziiert, was darauf hindeutet, dass der physiologische Mechanismus komplex ist.
Ursachenforschung: Was steckt hinter den Kopfschmerzen?
Die Ursachenforschung steckt noch in den Kinderschuhen. Diskutiert werden eine dauerhafte Aktivierung des Immunsystems und des trigeminovaskulären Systems.
Das trigeminovaskuläre System
Das trigeminovaskuläre System besteht aus Neuronen im Trigeminusnerv, dem 5. Hirnnerv, die das Großhirn betreffende Blutgefäße mit den von den Nerven aufgenommenen Reizen versorgen.
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Beteiligung des Inflammasoms
In neueren Forschungsarbeiten wird das Augenmerk auf eine Beteiligung des sog. Inflammason gelegt. Dabei handelt es sich um einen Eiweißkomplex des angeborenen Immunsystems, welches, vereinfacht formuliert, für die Aktivierung von Entzündungsreaktionen, genauer für die Freisetzung von Entzündungsbotenstoffen verantwortlich ist. Als Teil der angeborenen Immunabwehr sei das Inflammasom in der Lage, die Freisetzung von Entzündungsbotenstoffen zu veranlassen - ein Mechanismus, der möglicherweise auch bei der Chronifizierung von primären Kopfschmerzen wie Migräne eine Rolle spielen könnte.
Serotoninmangel als mögliche Ursache
Einen Durchbruch bei der Ursachensuche könnte eine jüngst veröffentlichte Arbeit (Oktober 2023) aus den USA bedeuten. Die Arbeitsgruppe um Maayan Levy von der Perelman School of Medicine in Philadelphia entdeckte bei einer Analyse von mehreren Studien, dass es während der akuten Erkrankungsphase von COVID-19 bei den Patient:innen zu einem Abfall des im Blut zirkulierenden Botenstoffs Serotonin kam. Entwickelten die Betroffenen allerdings Long COVID, so blieb das Serotonin weiter auf dem niedrigen Niveau. Ein ähnlicher Serotoninmangel wurde auch bei Patient:innen gefunden, die sich mit anderen Viren infiziert hatten.
Das angeborene Immunsystem setzt bei Viruskontakt verstärkt sogenannte Interferone vom Typ 1 frei. Diese Immun-Botenstoffe wirken auf die Darmschleimhaut, in der die Bildung von Serotonin aus der Aminosäure Tryptophan stattfindet. Die Interferone hemmen in den Zellen der Darmschleimhaut die Aufnahme von Tryptophan. Dadurch fehlt dort der Rohstoff für die Bildung von Serotonin, sein Level im Blut sinkt ab. Ein niedriger Serotoninspiegel beeinflusst die Gerinnungsaktivität bestimmter Blutzellen, der Thrombozyten.
Der Mangel an dem neuroaktiven Botenstoff Serotonin wirkt sich auch auf die Funktion des Gehirns aus. Zwar kann es die sogenannte Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden, aber die Forscher:innen vermuten einen anderen Weg der Beeinflussung: Ist nicht genug Serotonin vorhanden, wird die Funktion des Vagusnervs beeinträchtigt. Dieser ist unter anderem aktiv an der Steuerung von Prozessen beteiligt, die sich auf das Gedächtnis, die Speicherung von Informationen und auch auf das Kopfschmerzgeschehen auswirken.
Ähnlichkeiten zu anderen Kopfschmerzerkrankungen
Langanhaltende Kopfschmerzen nach einer Virusinfektion sind nicht neu. Eine Influenza (Grippeinfektion) kann mit monatelangen „Nachwehen“ in Form von unter anderem Kopfschmerzen einhergehen und auch das Eppstein Barr Virus kann zu sehr hartnäckigen Kopfschmerzen führen. Gleichwohl nicht so häufig, wie es bei Covid 19 zu sein scheint.
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Bleibende Kopfschmerzen im Rahmen des Long-COVID-Syndroms weisen große Ähnlichkeit mit dem sogenannten NDPH auf. NDPH (new daily persistent headache) steht für neu aufgetretener persistierender täglicher Kopfschmerz. Bei dieser Kopfschmerzerkrankung kommt es zu anhaltenden, von Anfang an täglich auftretenden Kopfschmerzen ohne organische Ursache. Der NDPH ist bis heute noch nicht genau verstanden, aber auch dieser Kopfschmerz-Typus tritt häufig in Zusammenhang mit vorausgegangenen Virusinfektionen auf. Eine vergangene COVID-19-Infektion scheint ein Trigger für das Auftreten des NDHP zu sein.
Historische Aufzeichnungen lassen vermuten, dass NDPH nach der sogenannten „Russischen Grippe“ zwischen 1889-1892 ein weit verbreitetes Symptom war. Der Ausbruch der Russischen Grippe zeigt große Gemeinsamkeiten mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie.
Diagnose und Behandlung: Was hilft gegen die Schmerzen?
Bis dato gibt es noch keine spezifische Behandlungsempfehlung für Long- und Post-COVID-Kopfschmerzen. Die Therapie richtet sich nach den allgemeinen Behandlungsleitlinien von langanhaltenden und chronischen Kopfschmerzen.
Medikamentöse Therapie
Covid-19 assoziierte Kopfschmerzen sprechen in der Regel recht gut auf herkömmliche Kopfschmerzmedikamente an. Diese können aber aus zwei Gründen problematisch sein: Zum einen ist bekannt, dass Covid-19 die Nieren angreift und die Gruppe der NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika), zu der auch der Wirkstoff Ibuprofen gehört, kann bei längerer Einnahme die Nieren schädigen. Aus diesem Grund ist eine längere Einnahme ohne ärztliche Kontrolle und regelmäßige Labor-Kontrollen nicht zu empfehlen. Zum anderen wird beschrieben, dass Long/ Post Covid Kopfschmerzen täglich auftreten können, was zu einer zu häufigen Schmerzmitteleinnahme verführt.
Die tägliche Einnahme an Kopfschmerzmitteln darf aber nicht zur Normalität werden, denn Kopfschmerztabletten können bei zu häufiger Einnahme neue, sogenannte medikamenteninduzierte Kopfschmerzen, auslösen. Von einem „Medication Overuse Headache“/MOH ist bereits auszugehen, wenn an über 15 Tagen pro Monat Kopfschmerzen auftreten und diese über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten mit einem oder mehreren Schmerzmedikamenten behandelt werden. Menschen mit Wochen oder gar Monate andauernden Kopfschmerzen nach einer Covid-19-Erkrankung sollten daher sparsam mit Kopfschmerztabletten umgehen, um nicht in das ‚Hamsterrad´ des medikamenteninduzierten Kopfschmerzes zu geraten.
Zur Eigenmedikation eignen sich zum Beispiel die Wirkstoffe Paracetamol und Ibuprofen. Aufgrund der Nebenwirkungen sollte man sich zur Auswahl in der Apotheke beraten lassen. „Mit der Einnahme lässt sich verhindern, dass ein Schmerzgedächtnis entsteht.“ Anhaltendem Kopfschmerz lässt sich so ein Stück weit vorbeugen.
Wichtig: Schmerzmittel nicht zu lange einnehmen. Die Eigenmedikation mit Schmerzmitteln darf höchstens drei bis fünf Tage lang erfolgen. Hält das Leiden länger an, sollte man sich an seine Hausärztin oder seinen Hausarzt wenden. Das ist wichtig, um die Ursachen der Beschwerden abzuklären. Denn auch Erkrankungen der Nasennebenhöhlen, der Zähne, des Kiefers und Bluthochdruck können Kopfschmerz verursachen und benötigen eine angemessene Therapie. Außerdem ist es wichtig, die Art der Beschwerden zu unterscheiden. Wenn Paracetamol und Ibuprofen nicht helfen, kommen bei Spannungskopfschmerz Antidepressiva zur Therapie infrage. Zur Behandlung von Migräne eignen sich sogenannte Triptane.
Multimodale Therapie
Analog zu anderen chronischen Schmerzerkrankungen sollte die Behandlung aus einer Kombination verschiedener Behandlungsbausteine bestehen. So ist neben der medikamentösen Therapie durch eine/n Schmerztherapeut*in eine bewegungstherapeutische und/oder psychotherapeutische Behandlung anzuraten. Die interdisziplinäre, multimodale Schmerztherapie ist dabei analog zu anderen chronischen Kopfschmerzen die am besten geeignete Therapieform.
Zudem kommt es darauf an, ausreichend zu schlafen, sich an der frischen Luft zu bewegen und - wenn möglich - moderaten Ausdauersport zu betreiben. Auch Psychotherapie ist eine wichtige Säule bei der Behandlung von chronischem Kopfschmerz.
Nicht-medikamentöse Strategien
Viele Betroffene profitieren von Entspannungstechniken wie der progressiven Muskelrelaxation nach Jacobson. Pfefferminzöl, auf Stirn und Schläfen getupft, kann Linderung bringen. Das Portfolio reicht von Bewegung an der frischen Luft über Entspannungstechniken und Stressreduktion.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Nicht jeder, der nach einer durchgemachten Covid-19 Infektion häufiger an Kopfschmerzen leidet, leidet automatisch an Long/Post Covid Kopfschmerzen. Auch das Missverhältnis von verminderter Leistungsfähigkeit nach der Infektion (viele Covid Betroffenen benötigen Zeit, um zu ihrer ursprünglichen körperlichen und kognitiven Verfassung zurück zu finden) und gleichbleibenden hohen Ansprüchen und Anforderungen des und an die/den Betroffene/n kann zu vermehrten Spannungskopfschmerzen führen. Die unsichere Zeit die wir gerade erleben steigert zudem das allgemeine Stressniveau und dadurch auch die Schmerzwahrnehmung, bzw.
Sollten die Schmerzen aber sehr stark und/oder hartnäckig sein, wird der Besuch einer/s Schmerzexpert*in empfohlen.
Prävention: Kann man Kopfschmerzen vorbeugen?
Die gute Nachricht: Inzwischen ist gut belegt, dass die Impfung gegen COVID-19 nicht nur gegen schwere Verläufe der eigentlichen Erkrankung schützt, sondern auch das Risiko für Long COVID erheblich senkt. Das heißt: Mit der Impfung lassen sich auch die Begleitsymptome vermeiden. Dabei wirkt eine sogenannte Booster-Impfung, also die Auffrischung des Impfschutzes, besonders gut. So fand man eine um zwei Drittel verminderte Wahrscheinlichkeit für Long COVID nach drei Impfungen.
Man kann daher davon ausgehen, dass die wirksamste Präventionsmaßnahme nicht nur gegen eine krankheitsauslösende Infektion mit dem Virus, sondern auch gegen Long COVID, die konsequente Anwendung der Vakzine ist.