Migräne nach Stressabbau: Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten

Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende Kopfschmerzattacken gekennzeichnet ist. Stress gilt als einer der Hauptauslöser für Migräneanfälle, wobei insbesondere der Stressabbau eine entscheidende Rolle spielen kann. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen für Migräne nach Stressabbau, die damit verbundenen Symptome und die verschiedenen Behandlungsansätze.

Einführung

Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Sie ist eine neurologische Erkrankung, die das tägliche Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Die Symptome können stunden- oder sogar tagelang anhalten und Routineaufgaben nahezu unmöglich machen. Stress wird von Patienten mit Abstand am häufigsten als Auslöser von Migräne genannt. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass Migräne oft nicht während einer akuten Stresssituation auftritt, sondern vielmehr in der Entspannungsphase danach.

Ursachen für Migräne nach Stressabbau

Physiologische Reaktionen auf Stress

Der Zusammenhang zwischen Stress und Migräne hängt mit den physiologischen Reaktionen des Körpers auf Stressoren zusammen. Wenn eine Person mit Stress konfrontiert wird, reagiert der Körper mit einem Zustand erhöhter Erregung, um sich auf die „Kampf- oder Flucht“-Reaktion vorzubereiten. Dabei werden verschiedene Hormone und Neurotransmitter wie Cortisol, Adrenalin (Epinephrin) und Noradrenalin ausgeschüttet, die zu verschiedenen physiologischen Reaktionen wie erhöhter Herzfrequenz, geschärften Sinnen, beschleunigten Reflexen und der Umleitung des Blutflusses zu wichtigen Bereichen wie den Muskeln führen.

Im Zusammenhang mit Migräne können diese physiologischen Reaktionen die zerebralen Aktivitäten so beeinflussen, dass sie Migräne auslösen. Bei Personen, die für Migräne prädisponiert sind, kann Stress die Freisetzung von Neuropeptiden oder Vasodilatatoren im Gehirn stimulieren, die das umliegende Gewebe und die Blutgefäße entzünden und so Migräneschmerzen verursachen können. Der genaue Mechanismus ist noch nicht vollständig geklärt, und wahrscheinlich sind mehrere Systeme im Gehirn beteiligt, die auf komplexe Weise zusammenwirken.

Die Rolle des Cortisol-Spiegels

In emotional belastenden Situationen reagiert der Körper, indem er vermehrt das Hormon Cortisol ausschüttet. Dieses hat eine dämpfende Wirkung auf das Immunsystem und wird in der Medizin deshalb häufig auch zur Hemmung von Entzündungen verwendet. Mediziner vermuten, dass Schwankungen im Cortisol-Spiegel dafür verantwortlich sind, dass beim Nachlassen von Stress eine Migräne eintreten kann.

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Veränderung des Stressniveaus

Studien zeigen, dass es bei stressbedingter Migräne nicht auf den Grad des Stresses ankommt, sondern vielmehr auf die plötzlichen Veränderungen von einer „normalen“ zu einer „stressigen“ Situation und andersherum, also von der „stressigen“ zur „normalen“ Situation. Auch eine Ende 2014 veröffentlichte Studie im Journal Neurology zeigt, dass Stress durch Migräne erst in den Tagen nach einer Stressphase auftritt. So gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die Entspannung nach dem Stress mit größter Wahrscheinlichkeit die eigentliche Migräne-Ursache ist und nicht der Stress per se.

Wochenend-Migräne-Syndrom

Da die Erholung oft mit dem lang ersehnten Wochenende zusammenfällt, bezeichnen Mediziner diese Art von Migräne auch als „Wochenendmigräne“. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Menschen am Wochenende einen anderen Schlafrhythmus haben. Für Migränepatienten ist das ebenfalls ein möglicher Trigger.

Genetische Faktoren und Umweltfaktoren

Die Pathogenese der Migräne ist komplex und bislang nicht vollständig aufgeklärt. Es wird jedoch angenommen, dass sowohl genetische als auch Umweltfaktoren eine zentrale Rolle spielen. Es gibt klare Hinweise darauf, dass genetische Prädispositionen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Migräne spielen. Eine spezielle Form der Migräne, die familiäre hemiplegische Migräne (FHM), wird durch Mutationen in spezifischen Genen, wie dem CACNA1A-Gen, vererbt. Diese genetische Ursache erklärt, warum Migräne in bestimmten Familien gehäuft auftritt und warum die Erkrankung als nicht heilbar gilt.

Neurochemische Veränderungen

Migräneattacken werden durch eine Fehlregulation im Hirnstamm und Mittelhirn ausgelöst. Diese Hirnregionen aktivieren während eines Anfalls Äste des Trigeminusnervs, der die Blutgefäße der Hirnhaut beeinflusst. Die Aktivierung des Trigeminusnervs führt zur Freisetzung von vasoaktiven Neurotransmittern, wie CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide), die den Gefäßtonus (Spannung der Blutgefäße) verändern und eine neurogene Entzündung der Dura mater (äußerste Hirnhaut) verursachen. Durch die Aktivierung der perivaskulären Nervenendigungen kommt es zu einer Erweiterung der Hirnhautgefäße und einer Freisetzung von Entzündungsmediatoren.

Energiedefizit im Gehirn

Während eines Migräneanfalls ist die Blut- und Sauerstoffversorgung des Gehirns reduziert, was zu einer gestörten Funktion der Nervenzellen führen kann. Es wird angenommen, dass diese Minderversorgung einen zirkulären Mechanismus auslöst, der die Freisetzung von vasoaktiven Substanzen und entzündlichen Molekülen verstärkt.

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Triggerfaktoren

Migränepatienten sind häufig in der Lage, spezifische Triggerfaktoren zu identifizieren, die ihre Attacken auslösen. Etwa 90 % der Migränepatienten berichten, dass bei ihnen solche Triggerfaktoren eine Attacke auslösen können. Zu den häufigsten Triggern gehören:

  • Hormonelle Veränderungen
  • Bestimmte Nahrungsmittel
  • Alkohol
  • Entlastung nach Stresssituationen
  • Wetterumschwung

Symptome der stressbedingten Migräne

Stressbedingte Migräne ist eine durch Stress ausgelöste Kopfschmerzepisode, die durch starke pochende oder pulsierende Schmerzen gekennzeichnet ist, typischerweise auf einer Seite des Kopfes, und manchmal von anderen Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen und extremer Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet wird.

Phasen einer Migräneattacke

Unabhängig von den Migräne-Ursachen verläuft eine solche neurobiologisch bedingte Funktionsstörung des Gehirns in der Regel in mehreren Phasen. Manche Menschen haben lediglich ein bis zwei Mal im Jahr eine Migräne, andere leiden mehrmals im Monat oder gar fast täglich darunter. Der Kopfschmerz ist pulsierend, pochend oder stechend. Er tritt meist einseitig in einer Kopfhälfte auf, kann sich jedoch auch auf die andere Kopfseite ausdehnen.

Migräne mit Aura

Neben der „klassischen“ Migräne leiden bis zu 20 % der Betroffenen an der sogenannten Migräne mit Aura. In dem Fall kündigt sich eine Migräneattacke mit Symptomen wie Sehstörungen, darunter Lichtblitze oder Doppelbilder, Taubheit oder ein kribbliges Gefühl im Gesicht, Sprachstörungen, Schwindel oder Schwierigkeiten beim Gehen an, um nur einige zu nennen.

Psychosomatische Migräne

Eine extreme Form dieser Schmerzen, welche sich durch Attacken äußert, ist die psychosomatische Migräne. Dabei können Betroffene bis zu 72 Stunden andauernde, wiederkehrende Kopfschmerzen erleiden. Im Regelfall wird dieses akute Auftreten durch psychische Faktoren ausgelöst und verläuft in mehreren Phasen.

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Maßnahmen gegen stressbedingte Migräne

Davon ausgehend, dass eine Migräne durch Stress ausgelöst bzw. begünstigt wird, zielt eine Behandlung darauf ab, langfristig den Niveauunterschied zwischen Normalzustand und Stress zu reduzieren. Vor jeder Behandlung einer Migräne steht eine genaue Diagnostik der Migräne-Ursachen im Vordergrund. Darauf aufbauend kann ein individuelles Therapiekonzept erstellt werden.

Stressbewältigungstechniken

Die Fähigkeit, Stress zu bewältigen, ist eine wesentliche Maßnahme zur Vorbeugung von Migräne. Es gibt verschiedene Strategien, die im Alltag helfen können, Stress abzubauen:

  • Struktur: Für Migränepatienten kann ein strikt geplanter Tagesablauf bei der Strukturierung der Aufgaben helfen. Am besten planst du zwischendurch kleine Pausen ein - zum Beispiel für einen kurzen Spaziergang in der Mittagspause.
  • Unterstützung im Alltag: Gerade für Eltern ist es nicht einfach, Migräne und Kinder gleichzeitig zu bewältigen. Im Notfall, zum Beispiel wenn das Kind krank ist, ist es deshalb wichtig, wenn du dich auf Personen in deinem Umfeld, zum Beispiel die Großeltern oder gute Freunde, verlassen kannst.
  • Bewegung: Regelmäßiger Ausdauersport wie Walking oder Joggen - etwa drei bis viermal in der Woche - ist eine gute Möglichkeit, um Stress abzubauen.
  • Entspannung: Entspannungsübungen wie die progressive Muskelentspannung nach Jacobson können erlernt werden, um für Körper und Geist etwas Gutes zu tun.
  • Gesunder Schlaf: Ein erholsamer Schlaf ist die Grundlage für eine bessere Stressresistenz und weniger Kopfschmerzen. Wichtig sind regelmäßige Schlafenszeiten und eine entspannende Abendroutine. Experten empfehlen sieben bis acht Stunden Schlaf pro Nacht, um die Schmerzempfindlichkeit des Körpers zu reduzieren.
  • Cleveres Zeitmanagement: Strukturieren Sie Ihren Tag und setzen Sie Prioritäten. Erledigen Sie wichtige Aufgaben in den produktivsten Stunden, planen Sie regelmäßige Pausen und reduzieren Sie die Bildschirmzeiten.
  • Grenzen setzen: Lernen Sie, „Nein“ zu sagen und Ihre Grenzen zu kommunizieren.

Psychotherapie

Eine psychotherapeutische Behandlung kann beispielsweise bei Migräne hilfreich sein, da sie Ihnen im Rahmen einer Verhaltenstherapie hilft, innere und exogene Stressoren zu erkennen und Ihnen die nötigen Hilfswerkzeuge zur Seite stellt, um mit diesen Stressoren besser umzugehen.

Medikamentöse Behandlung

Eine akute Migräne lässt sich meist mit Medikamenten reduzieren. Es gibt sowohl Akutmedikamente, die während einer Attacke eingenommen werden, als auch Prophylaxe-Medikamente, die regelmäßig eingenommen werden, um die Häufigkeit und Intensität der Attacken zu reduzieren.

Alternative Behandlungsmethoden

Neben den konventionellen Behandlungsmethoden gibt es auch alternative Ansätze, die bei Migräne helfen können:

  • Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR): Studien haben bestätigt, dass das Programm zur Stressbewältigung helfen kann, mit der Krankheit besser umzugehen und Stress, Angst und Depressionen zu reduzieren.
  • Biofeedback: Diese Methode hilft, Körperfunktionen wie Herzfrequenz und Muskelspannung bewusst zu beeinflussen, um Stress abzubauen und Migräne vorzubeugen.
  • Akupunktur: Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur bei der Reduzierung von Migräneattacken helfen kann.

Ernährungsumstellung

Neuere Studien konnten zeigen, dass unser Energiestoffwechsel und besonders stark schwankende Blutzuckerreaktionen eine Rolle bei der Entstehung von Migräne-Attacken spielen. Leidet das Gehirn unter Energiemangel, besteht die Gefahr, dass es in den Migräneanfall kippt. Maßnahmen, die den Energiestoffwechsel stabilisieren wie z.B. regelmäßige Mahlzeiten oder eine Ernährung, die den Blutzucker eher niedrig-stabil hält, sollten daher im Mittelpunkt der Therapie stehen. Es wurde nachgewiesen, dass sie eine effektive Migräneprophylaxe sind.

Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA)

Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) können eine wertvolle Unterstützung bei der Migräneprophylaxe bieten. Sie helfen, individuelle Triggerfaktoren zu identifizieren und den Blutzucker stabil zu halten.

Umgang mit der Angst vor Migräne

Die ständige Angst vor der Migräne begleitet viele Patienten und belastet die Psyche. Es gibt verschiedene Strategien, um mit dieser Angst umzugehen:

  • Mehr Gelassenheit: Versuch, dein Leben nicht komplett nach deinen Ängsten zu gestalten. Stattdessen ist es ratsam zu lernen, mit den Triggern umzugehen und sich ihnen in kleinen Dosen immer mal wieder auszusetzen.
  • Sport: Kopfschmerzexperten sind überzeugt davon, dass regelmäßiger Sport eine Möglichkeit bietet, den Teufelskreis zu durchbrechen.
  • Entspannungsübungen: Um die Angst vor Migräne zu bewältigen, lassen sich die gleichen Techniken wie zum Stressabbau verwenden.

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