Die Zeitumstellung, ein zweimal jährlich wiederkehrendes Ereignis, beeinflusst unseren Alltag und insbesondere den Tag-Nacht-Rhythmus. Während die Umstellung auf die Winterzeit oft als weniger problematisch wahrgenommen wird, sind negative Auswirkungen der Sommerzeitumstellung auf die Gesundheit belegt, besonders bei anfälligen Personen. Dieser Artikel beleuchtet die Zusammenhänge zwischen Zeitumstellung, Migräne und anderen gesundheitlichen Aspekten, um ein umfassendes Verständnis der Thematik zu ermöglichen.
Die Innere Uhr und Ihre Bedeutung
Eine innere Uhr steuert wichtige Vorgänge in den Organen, von der Herzfrequenz über die Verdauung bis zur Wundheilung. Diese innere Uhr, auch zirkadianer Rhythmus genannt, wird maßgeblich vom Nucleus suprachiasmaticus im Hypothalamus des Gehirns gesteuert. Dieser nur reiskorngroße Bereich empfängt über eine direkte Verbindung mit den Augen Informationen über Tageslicht und Dunkelheit und synchronisiert so den Körper mit dem äußeren Tag-Nacht-Rhythmus. Licht ist somit der größte äußere Einflussfaktor für die innere Uhr. Zusätzlich hat jede Zelle des Körpers eigene Uhren-Gene, wobei etwa zehn Prozent der menschlichen Gene in ihrer Aktivität von der Tageszeit abhängig sind. Diese tageszeitabhängige Genaktivität beeinflusst Leistungsfähigkeit, Erkrankungen, Medikamentenverträglichkeit und Heilungsprozesse.
Auswirkungen der Zeitumstellung auf die Gesundheit
Die Umstellung zur Sommerzeit kann bei vielen Menschen den Körper sehr sensibel reagieren lassen, wodurch die innere Uhr durcheinander gerät. Schlafstörungen, ein akutes Auftreten von Herz-Kreislauf- und Darmerkrankungen, Schlaganfällen, Migräneattacken und Konzentrationsstörungen können die Folge sein. Eine Umfrage der Krankenkasse DAK deutete darauf hin, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung bereits gesundheitliche oder psychische Probleme infolge der Zeitumstellung erlebt hat, wobei Müdigkeit, Schlappheit, Einschlafprobleme, Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten am häufigsten genannt wurden.
Anstieg von Migräneattacken
In der Woche nach der Umstellung zur Sommerzeit gibt es einen signifikanten Anstieg der Migräneattacken. Die Schmerzklinik Kiel ermittelte dies in einer Studie, bei der sie die Kopfschmerzverläufe von Migränepatienten über einen Zeitraum von zwei Jahren auswertete. Besonders auffällig war dabei die Zunahme von Migräneanfällen direkt an den Montagen nach der Umstellung auf Sommerzeit.
Herzinfarkte und andere Erkrankungen
Eine ganze Reihe von Studien zeigt auch ein erhöhtes Auftreten von Herzinfarkten in der Woche nach der Zeitumstellung. Andere Studien zeigen insgesamt einen niedrigeren Anstieg, zum Beispiel vier Prozent mehr Herzinfarkte in der ersten Woche nach der Umstellung. Die Datenlage dazu ist also unterschiedlich, aber die Sommerzeitumstellung scheint nachweisbare Auswirkungen auf die Anzahl der Infarkte zu haben. Auch die Haut hat einen Tag-Nacht-Rhythmus. Verbrennungen, die Menschen am Tag erlitten, heilen 60 Prozent schneller als nächtliche Wunden. Auch das Wachsen und die Ausbreitung von Krebszellen unterliegt zirkadianen Rhythmen.
Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie
Chronotypen und Sozialer Jetlag
Schlafforscher haben herausgefunden, dass der größere Teil der in Deutschland lebenden Menschen zum mittleren Chronotyp mit deutlicher Tendenz zur sogenannten "Eule" gehört. Sie werden morgens erst später wach und aktiv, sind dafür aber auch am Abend länger fit. "Lerchen" sind die Frühaufsteher, die Morgenmenschen. Sie sind früh am Tag leistungsbereit und werden im Gegenzug am Abend früher müde. Diese Varianten des biologischen Rhythmus nennt man Chronotyp. Er beeinflusst die Hormonausschüttung im Körper, die Körpertemperatur, Herzfrequenz, Blutdruck, das Immunsystem und vieles mehr. Viele Menschen gehören zu den späten Chronotypen, gesellschaftliche Anforderungen führen aber häufig dazu, dass sie trotzdem früh aufstehen - ein Leben gegen die innere Uhr. Diese Diskrepanz zwischen eigenem und dem äußeren, sozialen Rhythmus heißt "Sozialer Jetlag". Vor allem Nacht- und Schichtarbeit können negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben.
Historische Entwicklung der Zeitumstellung in Deutschland
Die Idee, die Uhrzeit an die natürlichen Lichtverhältnisse anzupassen, entstand erstmals während des Ersten Weltkriegs. Damals sollte durch eine veränderte Zeitgestaltung Energie gespart und die industrielle Produktion effizienter gestaltet werden. In vielen Ländern Europas wurde deshalb erstmals eine Sommerzeit - als Vorläufer der heutigen Zeitumstellung - eingeführt. Auch in Deutschland wurde dieser Ansatz verfolgt, wenn auch in wechselnden historischen und politischen Kontexten.
In der Bundesrepublik Deutschland wurde die Sommerzeit als flächendeckende Regelung im Jahr 1980 eingeführt. Dieser Schritt erfolgte, um die Nutzung des natürlichen Tageslichts zu optimieren und somit Energie zu sparen. Zeitgleich wurde in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ein ähnlicher, wenn auch leicht differenzierter Ansatz verfolgt - in der DDR kamen im Jahr 1981 offizielle Regelungen zur Zeitumstellung zur Anwendung. Seit ihrer Einführung haben sich die Regelungen zur Zeitumstellung kontinuierlich weiterentwickelt. Trotz technologischer Fortschritte und veränderter Lebensgewohnheiten ist die Praxis der Zeitumstellung in Deutschland bis heute fester Bestandteil des Alltags.
Kritik und Gesellschaftliche Wahrnehmung
Dennoch wächst in der Bevölkerung die Kritik: Studien und Umfragen zeigen, dass ein großer Teil der Bürger die Umstellung als störend und gesundheitlich belastend empfinden. Viele Betroffene berichten über Schlafstörungen, Müdigkeit und eine erhöhte Anfälligkeit für Kopfschmerzattacken, was insbesondere für Menschen mit chronischen Erkrankungen wie dem Cluster-Kopfschmerz von Bedeutung ist.
Die Rolle des Hypothalamus und des Zirkadianen Rhythmus
Der Körper folgt einem inneren Takt, dem zirkadianen Rhythmus, der zahlreiche physiologische Prozesse steuert - von der Körpertemperatur über den Hormonhaushalt bis hin zur Regulation des Schlaf-Wach-Zyklus. Im Zentrum dieses biologischen Timers steht der Hypothalamus, ein kleiner, aber essenzieller Teil des Gehirns. Der Hypothalamus empfängt Signale von äußeren Lichtreizen und synchronisiert damit den gesamten Organismus. Durch die Zeitumstellung, bei der das Tageslicht plötzlich zu anderen Zeiten wahrgenommen wird, kommt es zu einer Diskrepanz zwischen äußerer und innerer Zeit. Diese Diskrepanz kann bei empfindlichen Personen - wie etwa bei Cluster-Kopfschmerzpatienten - zu einer Desynchronisation des zirkadianen Rhythmus führen.
Lesen Sie auch: Neurologische Expertise bei Migräne
Spezifische Auswirkungen auf Cluster-Kopfschmerz
Cluster-Kopfschmerz ist eine chronische und extrem schmerzhafte Erkrankung, die in wiederkehrenden Perioden auftritt. Die genauen Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt, jedoch legen zahlreiche Studien nahe, dass Störungen des zirkadianen Rhythmus - bedingt durch äußere Faktoren wie die Zeitumstellung - eine Rolle spielen. Der abrupte Wechsel der Tageslichtverhältnisse kann den empfindlichen Gleichklang zwischen biologischer Uhr und Umwelt stören, was bei Betroffenen häufig zu einer Verschiebung der Schmerzperioden führt.
Die Wissenschaft geht davon aus, dass ein gestörter Hypothalamus und die daraus resultierende Fehlregulierung der Hormonproduktion maßgeblich an der Intensität und Häufigkeit der Cluster-Kopfschmerzattacken beteiligt sind. Insbesondere Patienten, die bereits an Migräne oder anderen chronischen Kopfschmerzformen leiden, erleben nach der Zeitumstellung häufig eine Zunahme der Beschwerden.
Wissenschaftliche Debatte
Obwohl der Zusammenhang zwischen Zeitumstellung und Cluster-Kopfschmerz vielfach diskutiert wird, herrscht unter Experten weiterhin Meinungsvielfalt. Während einige Studien einen direkten Zusammenhang zwischen der Umstellung und einer Zunahme von Schmerzattacken bestätigen, betonen andere, dass individuelle Faktoren - wie genetische Prädispositionen und bereits bestehende Schlafstörungen - den Effekt signifikant verstärken.
Gesellschaftliche und Politische Diskussionen
In der breiten öffentlichen Diskussion wird die Zeitumstellung zunehmend kritisch betrachtet. Umfragen zeigen, dass ein großer Teil der Bevölkerung die Umstellung ablehnt. Die Kritik richtet sich vor allem gegen die gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die durch den abrupten Wechsel in der Tagesstruktur entstehen. Betroffene berichten von Müdigkeit, Schlafstörungen und einer erhöhten Reizbarkeit, was insbesondere für Menschen mit chronischen Erkrankungen wie dem Cluster-Kopfschmerz problematisch ist.
Wirtschaftliche und Ökologische Perspektiven
Befürworter der Zeitumstellung argumentieren, dass durch die Anpassung an das natürliche Tageslicht Energie gespart werden kann und somit ökologische Vorteile entstehen. Kritiker hingegen weisen darauf hin, dass die tatsächlichen Einsparungen marginal sind und durch die gesundheitlichen Kosten - etwa in Form von Krankheitsausfällen, erhöhten Notaufnahmen und einer steigenden Anzahl von Verkehrsunfällen - bei Weitem übertroffen werden.
Lesen Sie auch: Migräne als Risikofaktor für Demenz?
Europäische Diskussionen und Zukunftsaussichten
Auf europäischer Ebene wird bereits intensiv diskutiert, ob die halbjährliche Zeitumstellung abgeschafft werden sollte. Mehrere EU-Mitgliedstaaten haben in jüngerer Vergangenheit Überlegungen angestellt, die Normalzeit dauerhaft beizubehalten. In Deutschland ist die Debatte ebenso präsent, wobei eine Mehrheit der Bevölkerung und viele Experten für eine Abschaffung der Zeitumstellung plädieren.
Migräne: Mehr als nur Kopfschmerzen
Migräne ist mehr als nur starke Kopfschmerzen. Es ist eine neurologische Ganzkörpererkrankung, dementsprechend spüren die meisten Patientinnen und Patienten weitere Beschwerden. Migräne mit Aura ist eine Form der Migräne, bei der bestimmte neurologische Symptome der eigentlichen Kopfschmerzphase vorausgehen oder sie begleiten. Bis zu 20 % der Betroffenen leiden an der sogenannten Migräne mit Aura. In dem Fall kündigt sich eine Migräneattacke mit Symptomen wie Sehstörungen, darunter Lichtblitze oder Doppelbilder, Taubheit oder ein kribbliges Gefühl im Gesicht, Sprachstörungen, Schwindel oder Schwierigkeiten beim Gehen an, um nur einige zu nennen.
Ursachen und Auslöser von Migräne
Mittlerweile weiß man: Es gibt bei den meisten Menschen mit Migräne nicht „den einen“ Migräneauslöser, auch Trigger genannt. Vielmehr kommen mehrere individuelle Faktoren zusammen, die dann zu einem Migräneanfall führen. Einige davon kann man nur schwer überhaupt identifizieren und wenig bis gar nicht vermeiden. Insgesamt profitieren Menschen mit Migräne von einem regelmäßigen, möglichst ruhigen Alltag. Denn Stress, Zeitdruck und psychische sowie körperliche Belastungen vertragen viele Migräne-Patientinnen und -patienten nur schlecht.
Hormone wie das weibliche Geschlechtshormon Östrogen können einen Einfluss auf die Migräne haben. Belegt wird der Zusammenhang dadurch, dass auffallend viele Migräne-Attacken in die Zeit der Periode fallen. Viele Betroffene berichten davon, dass Migräne-Attacken vornehmlich bei bestimmten Wetterphänomenen eintreten. Dazu gehören starke Temperaturschwankungen, schwül-warme Gewitterluft oder ein plötzlicher Anstieg der Luftfeuchtigkeit. Strömen zu viele Signale und Sinnes eindrücke auf das Gehirn ein, entsteht ebenfalls eine Art Stress. Auch das Durcheinanderkommen der „inneren Uhr“ ist für den Körper ein großer Stressor. Vor allem Schichtarbeiter, Fernreisende oder „Nachteulen“ haben ein erhöhtes Migränerisiko. Bei manchen Menschen führt auch zu wenig Trinken zu Migräne-Anfällen.
Diagnose und Behandlung von Migräne
Wenn der Verdacht auf eine Migräne besteht, ist die richtige Anlaufstelle eine neurologische Praxis. Es gibt keinen bestimmten Labortest oder bildgebenden Nachweis, um eine Migräne zu bestätigen. Erfahrene Fachärzte können jedoch häufig schon aufgrund des Anamnesegesprächs das charakteristische Krankheitsbild der Migräne erkennen. Trotzdem wird in der Regel versucht, andere Ursachen für die Beschwerden auszuschließen.
Vor jeder Behandlung einer Migräne steht eine genaue Diagnostik der Migräne-Ursachen im Vordergrund. Darauf aufbauend kann ein individuelles Therapiekonzept erstellt werden. Eine akute Migräne lässt sich meist mit Medikamenten reduzieren. Neben Migräne gelten auch Depressionen, Burnout und zahlreiche andere psychosomatische Beschwerden als stressassoziiert. Gegen Kopfschmerzen haben sich vor allem nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) als besonders wirksam herausgestellt. In schwereren Fällen kann man sich von seinem Arzt auch sogenannte Triptane verschreiben lassen. Als Alternative bzw. Ergänzung empfehlen manche Ärzte auch Pfefferminzöl, das in die Kopfhaut einmassiert wird. Wenn man während der Migräne-Attacken unter starker Übelkeit leidet, bietet sich zudem die Einnahme von Antiemetika ein. Neben der medikamentösen Behandlung spielt Ruhe eine große Rolle.
Migräne und Wetterfühligkeit
Viele Menschen berichten im Oktober und November über häufigere Kopfschmerzen und Migräneattacken. Laut einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Wetterdienstes bezeichnen sich über 50 Prozent der Deutschen als wetterfühlig. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) hat eine aktualisierte wissenschaftliche Leitlinie veröffentlicht.
Die Schmerzklinik Kiel und Ihre Forschung
Die Schmerzklinik Kiel veröffentlichte eine bahnbrechende Untersuchung über den Einfluss von Zeitumstellung auf Migräne. Das Ergebnis: Die Umstellung auf Sommerzeit im Frühjahr erhöht Migräneattacken um 6,4 Prozent, während die Rückkehr zur Normalzeit im Herbst die Häufigkeit um 5,5 Prozent senkt.
Die Bedeutung eines Stabilen Schlafrhythmus
Ob jemand Frühaufsteher oder Spätaufsteher ist, bestimmt unsere innere Uhr, der "zirkadiane Rhythmus". Migränepatienten sollten insgesamt versuchen, ihren Schlafrhythmus stabil zu halten und ausreichend Schlaf zu bekommen. Für die Studie wurden Daten von 258 Patienten mit Migräne in den Jahren 2020 bis 2022 ausgewertet. Sie zeigen, dass die Zeitumstellung den natürlichen Rhythmus des Körpers stört und Migräne verschlimmern kann.
Status Migraenosus: Wenn die Migräne Nicht Enden Will
Eine der Eigenarten von Migräneattacken aus Sicht der Betroffenen ist, dass sie immer dann auftreten, wenn man sie gerade überhaupt nicht gebrauchen kann. So wenig vorhersehbar der individuelle Verlauf der Migräne ist, sie hält sich jedoch auch an Regeln: spätestens nach 72 Stunden ist die Migräne vorbei. Aber bedauerlicherweise gibt es auch von dieser Regel eine Ausnahme: den Status migraenosus. Mit diesem Begriff bezeichnet man Migräneattacken, die aus welchen Gründen auch immer länger als 72 Stunden anhalten.
Ursachen und Behandlung des Status Migraenosus
Ein häufiger Auslöser von langen Migräneattacken sind die hormonellen Veränderungen zum Zeitpunkt der Menstruation. Beim menstruationsassoziiertem Status migraenosus handelt es sich um ein vorhersehbares Ereignis, das damit gezielten vorbeugenden Maßnahmen zugänglich ist. Eine weitere Option zur Vermeidung eines Status migraenosus ist die primäre Vermeidung von Wiederkehrkopfschmerzen.
Vorbeugende Maßnahmen kommen zu spät, wenn ein Status migraenosus bereits eingetreten ist. Die Erfahrung zeigt, dass die Einnahme von Triptanen und/oder Schmerzmitteln im Status migraenosus mit jedem Tag weniger und kürzer wirksam ist und anstatt die Migräne zu beenden, verlängern die Medikamente die Attacke nur noch. Daher gilt die generelle Empfehlung, ab dem vierten Tage einer Migräne auf Schmerzmittel und Triptane zu verzichten. Zielführender sind Medikamente gegen Übelkeit. Ein weiterer Therapieansatz ist, die dem Migräneschmerz zugrundeliegende Entzündung an den Blutgefäßen der Hirnhäute durch Gabe von Prednisolon oder anderen Kortison-Zubereitungen zu blockieren und damit dem Schmerz die biologische Grundlage zu nehmen.
tags: #migrane #nach #zeitumstellung