Migräne ist ein weit verbreitetes neurologisches Leiden, das Millionen von Menschen weltweit betrifft. In Deutschland leiden schätzungsweise 8 bis 10 Millionen Menschen an Migräne, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Migräne, einschliesslich der Ursachen, Symptome, Diagnose und verschiedenen Behandlungsoptionen.
Was ist Migräne?
Migräne ist eine primäre Kopfschmerzerkrankung, bei der der Schmerz selbst die Krankheit ist. Sie zeichnet sich durch wiederkehrende, meist einseitige Kopfschmerzen aus, die von Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet sein können. Der Begriff "Migräne" stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet "halber Schädel", was auf die oft halbseitige Lokalisation der Schmerzen hinweist.
Unterscheidung zu anderen Kopfschmerzarten
Kopfschmerz ist ein Überbegriff für verschiedene Kopfschmerzerkrankungen. Migräne unterscheidet sich von anderen Kopfschmerzarten, wie z. B. Spannungskopfschmerzen, durch ihre spezifischen Charakteristika und Begleitsymptome. Im Gegensatz zu Spannungskopfschmerzen, die oft als dumpf und drückend empfunden werden, sind Migränekopfschmerzen meist pulsierend und werden bei körperlicher Anstrengung stärker.
Ursachen und Auslöser
Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig erforscht. Es wird jedoch angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt.
Genetische Veranlagung
Migräne tritt häufig familiär gehäuft auf, was auf eine genetische Komponente hindeutet. Bei Migränepatienten mit Aura ist eine positive Familienanamnese besonders häufig. Es gibt jedoch auch viele Patienten, bei denen niemand sonst in der Familie an Migräne leidet.
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Auslösende Faktoren
Auch wenn eine genetische Veranlagung besteht, können bestimmte Faktoren eine Migräneattacke auslösen. Diese Auslöser sind individuell verschieden und oft multifaktoriell, d. h. mehrere Faktoren müssen zusammenkommen, um eine Attacke auszulösen. Zu den häufigsten Auslösern gehören:
- Hormonelle Schwankungen: Frauen sind aufgrund hormoneller Veränderungen häufiger von Migräne betroffen als Männer. Insbesondere kurz vor und während der Menstruation, wenn der Östrogenspiegel sinkt, treten häufig Attacken auf. Auch die Phase des Eisprungs könnte eine empfindliche Zeit sein. Während der Schwangerschaft erfahren viele Frauen eine Besserung, während in der Menopause ebenfalls eine Besserung eintreten kann.
- Stress: Stress kann sowohl ein Auslöser als auch ein Verstärker von Migräne sein. Gerade am Wochenende nach einer stressigen Woche kann es zu einer Migräneattacke kommen, wenn der Körper von Anspannung auf Entspannung umschaltet.
- Schlafstörungen: Unregelmässige Schlafzeiten, Schlafmangel oder übermässiger Schlaf können Migräneattacken auslösen.
- Ernährung: Bestimmte Nahrungsmittel und Getränke, wie z. B. Alkohol (insbesondere Rotwein und Sekt), Käse, Schokolade oder Zitrusfrüchte, können bei manchen Menschen Migräne auslösen.
- Umweltfaktoren: Wetterumschwünge, grelles Licht, laute Geräusche oder starke Gerüche können ebenfalls Migräneattacken provozieren.
Symptome
Die Symptome einer Migräneattacke können vielfältig sein und variieren von Person zu Person. Typische Symptome sind:
- Kopfschmerzen: Die Kopfschmerzen sind meist einseitig, pulsierend und von mittlerer bis starker Intensität. Sie können sich bei körperlicher Anstrengung verschlimmern.
- Übelkeit und Erbrechen: Übelkeit ist ein häufiges Begleitsymptom der Migräne. In manchen Fällen kann es auch zu Erbrechen kommen.
- Licht- und Lärmempfindlichkeit: Viele Migränepatienten reagieren empfindlich auf helles Licht und laute Geräusche. Sie ziehen sich während einer Attacke oft in einen dunklen und ruhigen Raum zurück.
- Aura: Bei etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten tritt vor oder während der Kopfschmerzphase eine sogenannte Aura auf. Die Aura äussert sich in vorübergehenden neurologischen Störungen, wie z. B. Flimmersehen, Zickzacklinien, Gefühlsstörungen oder Sprachstörungen.
Die Aura
Die Aura entsteht durch eine Erregungswelle, die sich über die Hirnrinde ausbreitet. Diese Erregungswelle kann verschiedene Hirnareale betreffen und zu unterschiedlichen Symptomen führen.
- Visuelle Aura: Die häufigste Form der Aura äussert sich in Sehstörungen, wie z. B. Flimmersehen, Zickzacklinien, Lichtblitze oder Gesichtsfeldausfälle. Die Sehstörungen treten meist auf beiden Augen auf, aber nur auf einer Hälfte des Gesichtsfelds.
- Sensible Aura: Bei der sensiblen Aura kommt es zu Gefühlsstörungen, wie z. B. Kribbeln oder Taubheit in den Händen, im Gesicht oder in der Zunge.
- Sprachliche Aura: In seltenen Fällen kann die Aura auch das Sprachzentrum betreffen und zu Sprachstörungen, wie z. B. Wortfindungsschwierigkeiten, führen.
Die Aurasymptome entwickeln sich langsam und dauern in der Regel zwischen 5 und 60 Minuten. Nach der Aura folgt meist die Kopfschmerzphase.
Diagnose
Die Diagnose der Migräne wird in der Regel anhand der Anamnese und der Beschreibung der Symptome gestellt. Eine körperliche Untersuchung und neurologische Tests können durchgeführt werden, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschliessen. In den meisten Fällen sind bildgebende Verfahren wie CT oder MRT nicht erforderlich.
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Kopfschmerztagebuch
Um die Diagnose zu erleichtern und mögliche Auslöser zu identifizieren, kann es hilfreich sein, ein Kopfschmerztagebuch zu führen. In diesem Tagebuch werden die Häufigkeit, Intensität, Dauer und Begleitsymptome der Kopfschmerzen sowie mögliche Auslöser dokumentiert.
Behandlung
Die Behandlung der Migräne zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Häufigkeit und Intensität der Attacken zu reduzieren. Es gibt verschiedene Behandlungsoptionen, die je nach Schweregrad der Erkrankung und individuellen Bedürfnissen eingesetzt werden können.
Akutbehandlung
Die Akutbehandlung dient dazu, die Symptome einer akuten Migräneattacke zu lindern. Hierzu können folgende Medikamente eingesetzt werden:
- Schmerzmittel: Bei leichten bis mittelschweren Attacken können rezeptfreie Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen oder Paracetamol helfen. Es ist wichtig, die Medikamente frühzeitig und in ausreichender Dosierung einzunehmen.
- Triptane: Triptane sind spezielle Migränemedikamente, die bei mittelschweren bis schweren Attacken eingesetzt werden. Sie wirken, indem sie die Blutgefässe im Gehirn verengen und die Freisetzung von Entzündungsstoffen hemmen. Zu den Triptanen gehören Eletriptan, Rizatriptan, Sumatriptan und Zolmitriptan.
- Lasmiditan: Lasmiditan ist ein neueres Medikament zur Akutbehandlung der Migräne. Es wirkt ähnlich wie Triptane, beeinflusst aber die Blutgefässe nicht. Daher kann es auch bei Patienten eingesetzt werden, die aufgrund von Durchblutungsstörungen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen keine Triptane einnehmen dürfen.
- Antiemetika: Antiemetika sind Medikamente, die Übelkeit und Erbrechen lindern. Sie können in Kombination mit Schmerzmitteln oder Triptanen eingesetzt werden.
Vorbeugende Behandlung
Die vorbeugende Behandlung zielt darauf ab, die Häufigkeit und Intensität der Migräneattacken zu reduzieren. Sie kommt in Betracht, wenn die Attacken häufig auftreten oder die Akutbehandlung nicht ausreichend wirksam ist. Folgende Medikamente können zur Vorbeugung eingesetzt werden:
- Betablocker: Betablocker werden häufig zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt, können aber auch bei Migräne vorbeugend wirken.
- Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva, wie z. B. Amitriptylin, können ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.
- Antiepileptika: Einige Antiepileptika, wie z. B. Topiramat oder Valproinsäure, können die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- CGRP-Antikörper: CGRP-Antikörper sind eine neue Klasse von Medikamenten, die speziell zur Migräneprophylaxe entwickelt wurden. Sie blockieren die Wirkung des Botenstoffs CGRP, der bei der Entstehung von Migräne eine wichtige Rolle spielt.
- Botulinumtoxin: Botulinumtoxin (Botox) kann bei chronischer Migräne eingesetzt werden, um die Häufigkeit der Kopfschmerzen zu reduzieren.
Nicht-medikamentöse Behandlung
Neben der medikamentösen Behandlung gibt es auch verschiedene nicht-medikamentöse Ansätze, die bei Migräne hilfreich sein können:
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- Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training oder Yoga können helfen, Stress abzubauen und die Häufigkeit von Migräneattacken zu reduzieren.
- Biofeedback: Biofeedback ist eine Methode, bei der Patienten lernen, ihre Körperfunktionen, wie z. B. Muskelspannung oder Herzfrequenz, bewusst zu beeinflussen. Dies kann helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Akupunktur: Akupunktur ist eine traditionelle chinesische Behandlungsmethode, bei der feine Nadeln in bestimmte Punkte des Körpers gestochen werden. Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur bei Migräne wirksam sein kann.
- Ernährungsumstellung: Eine ausgewogene Ernährung und das Vermeiden von Auslösern können helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
- Regelmässiger Schlaf: Regelmässige Schlafzeiten und ausreichend Schlaf sind wichtig für die Vorbeugung von Migräneattacken.
- Bewegung: Regelmässige körperliche Aktivität kann helfen, Stress abzubauen und die Häufigkeit von Migräneattacken zu reduzieren.
Natürliche Heilmittel
Es gibt auch einige natürliche Heilmittel, die bei Migräne eingesetzt werden können. Dazu gehören:
- Ingwer: Ingwer kann bei Übelkeit und Erbrechen helfen, die oft mit Migräne einhergehen.
- Pfefferminzöl: Pfefferminzöl kann auf die Schläfen aufgetragen werden, um Kopfschmerzen zu lindern.
- Magnesium: Magnesiummangel kann Migräneattacken begünstigen. Die Einnahme von Magnesiumpräparaten kann helfen, die Häufigkeit der Attacken zu reduzieren.
- Vitamin B2 (Riboflavin): Vitamin B2 kann ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.
Leben mit Migräne
Migräne kann das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Es ist wichtig, die Erkrankung ernst zu nehmen und sich professionelle Hilfe zu suchen. Mit der richtigen Behandlung und den richtigen Strategien können Migränepatienten ein erfülltes Leben führen.
Tipps für den Alltag
- Führen Sie ein Kopfschmerztagebuch: Notieren Sie die Häufigkeit, Intensität, Dauer und Begleitsymptome der Kopfschmerzen sowie mögliche Auslöser.
- Vermeiden Sie Auslöser: Identifizieren Sie Ihre persönlichen Auslöser und versuchen Sie, diese zu vermeiden.
- Achten Sie auf einen regelmässigen Schlaf: Gehen Sie jeden Tag zur gleichen Zeit ins Bett und stehen Sie zur gleichen Zeit auf.
- Essen Sie regelmässig: Überspringen Sie keine Mahlzeiten und achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung.
- Trinken Sie ausreichend: Trinken Sie mindestens 2 Liter Wasser pro Tag.
- Bewegen Sie sich regelmässig: Treiben Sie regelmässig Sport oder machen Sie andere körperliche Aktivitäten.
- Entspannen Sie sich: Nehmen Sie sich Zeit für Entspannung und Stressabbau.
- Suchen Sie sich Unterstützung: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, Ihrer Familie oder Freunden über Ihre Migräne. Es gibt auch Selbsthilfegruppen für Migränepatienten.