Viele Frauen im gebärfähigen Alter leiden unter Migräneattacken. Gerade in der Schwangerschaft, besonders im ersten Trimester, wirft das Thema Migräne viele Fragen auf. Einerseits aus Angst, das ungeborene Kind zu gefährden, andererseits aufgrund der hormonellen Veränderungen im Körper der Frau. Dieser Artikel soll einen umfassenden Überblick über Ursachen, Behandlungsmöglichkeiten und wichtige Aspekte im Zusammenhang mit Migräne im ersten Trimester der Schwangerschaft geben.
Migräne und Schwangerschaft: Ein Überblick
Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die sich durch wiederkehrende, meist einseitige Kopfschmerzen äußert. Diese Kopfschmerzen sind oft pulsierend oder pochend und können von Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet sein. Bei einigen Betroffenen treten vor dem eigentlichen Kopfschmerz sogenannte Auren auf, die sich durch Sehstörungen, Empfindungsstörungen oder Sprachstörungen äußern können.
Während der Schwangerschaft durchläuft der weibliche Körper massive hormonelle Veränderungen. Diese Veränderungen können sich auf die Migräne auswirken - sowohl positiv als auch negativ. Bei vielen Frauen bessern sich die Migränebeschwerden während der Schwangerschaft, während sie sich bei anderen verschlimmern oder sogar erstmalig auftreten.
Ursachen von Migräne im ersten Trimester
Die genauen Ursachen für Migräne in der Schwangerschaft sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass hormonelle Veränderungen eine wesentliche Rolle spielen.
Hormonelle Veränderungen
Besonders im ersten Trimester der Schwangerschaft kommt es zu starken Schwankungen des Östrogenspiegels. Ein niedriger Östrogenspiegel kann eine mögliche Ursache für Migräne sein. Diese hormonell bedingten Veränderungen können viele Regelkreise im Körper durcheinanderbringen und somit Migräneattacken auslösen. Die hohen Östrogenwerte, die natürlicherweise in der Schwangerschaft auftreten, können die Migräne aber auch lindern.
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Weitere mögliche Auslöser
Neben den hormonellen Veränderungen können auch andere Faktoren im ersten Trimester der Schwangerschaft Migräneattacken begünstigen:
- Stress und Anspannung: Die neue Lebenssituation, die oft mit Ängsten und Unsicherheiten verbunden ist, kann Stress und Anspannung auslösen und somit Migräne begünstigen.
- Schlafmangel: Gerade zu Beginn der Schwangerschaft sind viele Frauen müde und erschöpft, was zu Schlafmangel führen kann.
- Flüssigkeitsmangel: Durch Morgenübelkeit und veränderte Trinkgewohnheiten kann es zu Flüssigkeitsmangel kommen.
- Kreislaufprobleme: Die Anpassung des Kreislaufs an die Schwangerschaft kann zu Blutdruckschwankungen und Kreislaufproblemen führen.
- Ernährung: Unregelmäßige Mahlzeiten oder bestimmte Nahrungsmittel können ebenfalls Migräneattacken auslösen.
Symptome von Migräne im ersten Trimester
Die Symptome von Migräne im ersten Trimester der Schwangerschaft können denen außerhalb der Schwangerschaft ähneln. Typische Symptome sind:
- Einseitige, pulsierende oder pochende Kopfschmerzen
- Übelkeit und Erbrechen
- Licht- und Geräuschempfindlichkeit
- Aura (Sehstörungen, Empfindungsstörungen, Sprachstörungen)
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass sich die Symptome während der Schwangerschaft verändern können. So können beispielsweise "gewohnte" Symptome fehlen oder neue hinzukommen. Der individuelle Verlauf ist nicht vorhersagbar.
Behandlung von Migräne im ersten Trimester
Die Behandlung von Migräne im ersten Trimester der Schwangerschaft erfordert eine sorgfältige Abwägung zwischen dem Nutzen für die Mutter und dem möglichen Risiko für das Kind. Grundsätzlich sollten nicht-medikamentöse Maßnahmen bevorzugt werden.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
- Ruhe und Entspannung: Bei einer akuten Migräneattacke hilft in erster Linie absolute Ruhe in einem abgedunkelten Raum.
- Reizabschirmung: Vermeiden Sie Lärm, grelles Licht und starke Gerüche.
- Kühlen: Kühlen Sie den Kopf mit einem Eisbeutel, einem Kühlpack oder speziellen Kühlkompressen bzw. -mützen.
- Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie Yoga, progressive Muskelentspannung oder Meditation können helfen, Stress abzubauen und Migräneattacken vorzubeugen.
- Akupunktur und Akupressur: Einige Frauen schwören auf Akupunktur und Akupressur zur Linderung von Kopfschmerzen und Migräne.
- Pfefferminzöl: Vermischen Sie einige Tropfen Pfefferminzöl mit einem neutralen Trägeröl (z.B. Olivenöl) und tragen Sie die Mischung vorsichtig auf Schläfen, Stirn und Nacken auf.
- Magnesium: Mittel mit Magnesium, die zur Vorbeugung von Migräne eingesetzt werden, gelten als unbedenklich. Sie sind oft in Kombination mit Vitamin B2, Coenzym Q10 oder auch weiteren Vitalstoffen wie Omega-3 Fettsäuren erhältlich.
- Regelmäßiger Tagesablauf: Achten Sie auf einen geregelten Tagesablauf mit Ruhepausen sowie ausreichend Nachtschlaf.
- Ausreichend Flüssigkeit: Trinken Sie ausreichend, mindestens zwei Liter täglich.
- Ernährung: Achten Sie auf regelmäßige Mahlzeiten und vermeiden Sie bekannte Trigger wie bestimmte Nahrungsmittel.
Medikamentöse Behandlung
Wenn nicht-medikamentöse Maßnahmen nicht ausreichend helfen, kann eine medikamentöse Behandlung in Erwägung gezogen werden. Es ist jedoch wichtig, die Einnahme von Medikamenten in der Schwangerschaft immer mit dem Arzt abzustimmen.
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- Paracetamol: Paracetamol gilt bei Kopfschmerzen in der Schwangerschaft als Mittel der Wahl. Es ist in begrenzten Dosen die ganze Schwangerschaft über unbedenklich. Es sollte jedoch nicht leichtfertig eingenommen werden, da es plazentagängig ist und möglicherweise Entwicklungsstörungen beim ungeborenen Kind verursachen kann. Bei starken Schmerzen wird Paracetamol nicht empfohlen, zudem wirkt Paracetamol bei Migräne-Symptomen nicht besonders gut. Mit Paracetamol 1000 mg müssen demnach 12 Schwangere behandelt werden, damit man bei einer Patientin einen Nutzen bzgl. Schmerzfreiheit nach zwei Stunden erzielen kann. Der überwiegende Anteil der Patientinnen würde keinen erwartbaren Nutzen von Paracetamol 1000 mg erzielen.
- Triptane: Helfen die frei verkäuflichen Schmerzmittel nicht, dürfen Schwangere bei starken Migräneanfällen auch Triptane nehmen. Diese Medikamente verschreibt der Arzt. Sie dürfen während der ganzen Schwangerschaft unter ärztlicher Aufsicht genommen werden. Sumatriptan ist das Triptan, das bisher am besten in Studien untersucht wurde. Die aktuelle Fachinformation von Sumatriptan weist keine Kontraindikation von Sumatriptan in der Schwangerschaft aus; sie verweist mit der Formulierung „Das Arzneimittel sollte nur dann bei Schwangeren angewendet werden, wenn der zu erwartende Nutzen für die Mutter ein mögliches Risiko für das Kind überwiegt“ auf die individuelle Nutzenabwägung. Für die anderen Triptane liegen weniger umfangreiche Daten vor.
- Ibuprofen und Acetylsalicylsäure (ASS): Ibuprofen und Acetylsalicylsäure sind in den ersten beiden Dritteln der Schwangerschaft nur in Ausnahmefällen erlaubt. Nach der 28. Woche sollten sie allerdings nicht mehr zum Einsatz kommen. Gegen eine Anwendung im letzten Drittel der Schwangerschaft spricht ein möglicher vorzeitiger Verschluss des sogenannten Ductus arteriosus Botalli. Dieser Verbindungsgang im Blutkreislauf sorgt dafür, dass das Blut des Babys zwischen Hauptschlagader und Lungenschlagader fließen kann, ohne die Lunge zu passieren. Denn beim Ungeborenen arbeitet die Lunge vor der Geburt noch nicht. Ein vorzeitiger Verschluss des Gangs kann nach der Geburt zu einer lebensbedrohlichen Situation beim Kind führen. Ein weiterer Grund, Ibuprofen und Acetylsalicylsäure im letzten Drittel der Schwangerschaft zu meiden: "Sowohl Acetylsalicylsäure, als auch Ibuprofen verlängern die Blutungszeit. Dadurch steigt die Gefahr eines vermehrten Blutverlustes aus Geburtswunden, wie einem Dammriss oder einer Plazentaablösung", erklärt Helwig.
- Metoclopramid und Ondansetron: Bei Übelkeit und Erbrechen sind in der Schwangerschaft Medikamente wie Metoclopramid und Ondansetron sinnvoll. Ondansetron sollte allerdings nicht leichtfertig verschrieben werden (strenge Indikationsstellung). Metoclopramid und Ondansetron sind nicht an ein bestimmtes Trimester gebunden und dürfen während der ganzen Schwangerschaft eingesetzt werden.
Wichtig: Die Auswahl der medikamentösen Attackentherapie erfordert eine individuelle Abwägung des zu erwartenden Nutzens und des möglichen Risikos für die Schwangere und das ungeborene Kind. Eine Selbstmedikation sollte in der Schwangerschaft vermieden und eine ärztliche Verlaufs- und Erfolgskontrolle etabliert werden.
Medikamente zur Migräneprophylaxe
Die Einnahme von Arzneimitteln, die der Vorbeugung einer Migräne dienen, beenden Frauen optimalerweise einige Zeit vor der geplanten Empfängnis. Falls trizyklische Antidepressiva zur Migräne-Prophylaxe eingenommen werden, ist es eventuell möglich, dass diese in niedriger Dosierung auch mit Kinderwunsch weiterverwendet werden können.
Einige Medikamente, die außerhalb der Schwangerschaft zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden, sind während der Schwangerschaft kontraindiziert, da sie die Entwicklung des Kindes im Mutterleib gefährden können. Zu diesen Medikamenten gehören beispielsweise Topiramat und Flunarizin.
Andere Medikamente wie Metoprolol, Propranolol und Amitriptylin dürfen während der gesamten Schwangerschaft zur Vorbeugung eingenommen werden. Es gibt zwar ausreichend medizinische Erfahrung zu ihrer Anwendung in der Schwangerschaft, wissenschaftlich geklärt ist die jeweilige Wirkung aber noch nicht lückenlos. Deshalb gilt es auch bei diesen Medikamenten einige Punkte zu beachten:
- Metoprolol und Propranolol sollen in geringstmöglicher Dosis eingesetzt werden, da es sonst beim Kind (besonders während der Geburt) zu einem verlangsamten Herzschlag (Bradykardie) kommen kann.
- Wird Amitriptylin bis zur Geburt eingenommen, sind Anpassungsstörungen des Kindes nach der Geburt möglich. Daher ist es ratsam, die Amitriptylin-Dosis etwa zwei Wochen vor dem Entbindungstermin zu reduzieren und das Kind nach der Geburt noch einige Zeit in einer Klinik zu überwachen.
- Bei allen drei Medikamenten sind regelmäßige Ultraschalltermine zur Überwachung der kindlichen Entwicklung sinnvoll.
Wann sollten Schwangere mit Kopfschmerzen zum Arzt?
Kopfschmerzen können Anzeichen für eine schwere Erkrankung sein. Schwangere sollten in folgenden Fällen einen Arzt aufsuchen:
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- Wenn sie auf einmal regelmäßig Kopfschmerzen bekommen
- Wenn sie erstmals Blitze oder Sternchen sehen
- Wenn sie Wahrnehmungsstörungen oder sehr starke Kopfschmerzen erleben
- Wenn die Kopfschmerzen plötzlich und ungewöhnlich stark auftreten
- Wenn die Schmerzen trotz Ruhe nicht nachlassen
- Wenn die üblichen Maßnahmen zur Linderung nicht mehr helfen
- Wenn sich das Allgemeinbefinden deutlich verschlechtert
- Wenn nach der 20. Schwangerschaftswoche starke Kopfschmerzen auftreten, die von Sehstörungen, Schwellungen oder Übelkeit begleitet sind (Anzeichen einer Präeklampsie)
Migräne und das Risiko für Schwangerschaftskomplikationen
Schwangere Frauen mit einer Migräneanamnese weisen ein höheres Risiko für komplizierte Schwangerschaftsverläufe auf. Sie sollten entsprechend sorgfältig informiert, überwacht und behandelt werden. In einem aktuellen umfangreichen Umbrella Review zeigt sich, dass bei Frauen mit Migräne generell die Wahrscheinlichkeit einer Präeklampsie, eines niedrigen Geburtsgewichtes des Kindes, einer Frühgeburt, einer Plazentaablösung und einer psychischen Erkrankung während der Schwangerschaft höher ist. Das Risiko ist bei einer schweren Migräne >50% erhöht. Eine schwere Migräne begründet eine Risikoschwangerschaft.
Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass Migräne nicht mit einem negativen Schwangerschaftsverlauf oder erhöhten Fehlbildungsraten assoziiert ist.
Fazit
Migräne im ersten Trimester der Schwangerschaft ist ein komplexes Thema, das viele Fragen aufwirft. Durch die hormonellen Veränderungen und andere Faktoren können Migräneattacken ausgelöst oder verstärkt werden. Die Behandlung erfordert eine individuelle Abwägung zwischen dem Nutzen für die Mutter und dem möglichen Risiko für das Kind. Nicht-medikamentöse Maßnahmen sollten bevorzugt werden. Bei Bedarf kann eine medikamentöse Behandlung in Absprache mit dem Arzt erfolgen.
Es ist wichtig, bei starken oder ungewöhnlichen Kopfschmerzen in der Schwangerschaft einen Arzt aufzusuchen, um mögliche Komplikationen auszuschließen. Eine sorgfältige Überwachung und Behandlung können dazu beitragen, das Risiko für Schwangerschaftskomplikationen zu minimieren und eine gesunde Schwangerschaft zu gewährleisten.
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