Die Migräne ist eine weitverbreitete neurologische Erkrankung, die mit erheblichen Beeinträchtigungen der Lebensqualität einhergehen kann. Aktuelle Forschungsprojekte, wie die Migräne-Studie in Mainz, zielen darauf ab, die Behandlung und das Verständnis dieser komplexen Erkrankung zu verbessern. Dabei werden sowohl verhaltenstherapeutische Ansätze als auch die Entwicklung und Optimierung diagnostischer Instrumente in den Fokus genommen.
Bedeutung psychischer Faktoren bei Migräne
Die Migräne wird gegenwärtig als eine neurobiologische Funktionsstörung des Gehirns angesehen. Neben diesen neurobiologischen Aspekten spielen jedoch auch psychische Faktoren eine wichtige Rolle für die Entstehung, Aufrechterhaltung und den Verlauf der Erkrankung. Dazu gehören beispielsweise der Umgang mit Stressoren und negativen Gefühlen. Aus diesem Grund sind psychologische Fragebögen erforderlich, um krankheitsrelevante psychische Faktoren bzw. ungünstige Verhaltensmuster zu erfassen.
ODIN-Migräne: Optimierung diagnostischer Instrumente
Das Forschungsprojekt „Optimierung Diagnostischer Instrumente bei Migräne“ (ODIN-Migräne) am Psychologischen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) hat sich zum Ziel gesetzt, den Bestand an psychologischen Fragebögen im deutschen Sprachraum zur Erfassung relevanter Faktoren bei Migräne zu verbessern.
Entwicklung und Testung neuer Fragebögen
Konkret sollen im Rahmen von ODIN-Migräne zwei neue Fragebögen entwickelt und deren Eigenschaften getestet werden:
- Fragebogen zur Erfassung von „Attackenangst bei Migräne“ (FAMI): Der Begriff „Attackenangst bei Migräne“ steht in enger Verbindung mit dem im englischen Sprachraum verwendeten Begriff „Cephalalgiaphobia“ und kann als die „Angst vor einer zukünftig auftretenden Migräneattacke“ verstanden werden. Der FAMI wurde in der Projektgruppe von Klan et al. entwickelt und besteht aus 45 Items.
- Fragebogen zur Erfassung von „Kogniphobie“: Der Begriff „Kogniphobie“ bezeichnet die Angst, durch geistige (Über-)anstrengung Kopfschmerzen auszulösen oder zu verschlimmern. Zur Entwicklung einer deutschen Version (CS-HD-G) soll die „Cogniphobia Scale for Headache Disorders - CS-HD“ (Seng et al., 2017) übersetzt werden.
Studiendesign und Rekrutierung
Zur psychometrischen Untersuchung der Fragebögen ist eine einmalige Onlinebefragung von Menschen mit Migräneerkrankung (N ≥ 225) mittels Scosci Survey (Leiner, 2014) geplant. Die Rekrutierung der Studienteilnehmenden erfolgt über soziale Medien.
Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie
Ziel der Befragung
Mit der als Querschnittstudie konzipierten Online-Befragung soll die Rolle von Ängsten bei Migräne genauer erforscht werden. Ziel dieser Befragung ist es auch, vorhandene Fragebögen zur Erfassung von Ängsten bei Migräne zu optimieren. Die Befragung richtet sich an erwachsene Personen mit Migräne.
Verhaltenstherapeutische Verfahren in der Migränebehandlung
Neben der medikamentösen Therapie stellt die Verhaltenstherapie (VT) bzw. Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) einen wichtigen Bestandteil der Prophylaxe von Migräneattacken dar. Die Evidenz verhaltenstherapeutischer Verfahren in der Behandlung der Migräne gilt als gesichert.
Die Mainzer Migräne-Studie: Ein Vergleich verschiedener Therapieansätze
Die Wirksamkeit verhaltenstherapeutischer Verfahren in der Migränebehandlung ist belegt. Allerdings ist bislang unklar, welche Kombination von Verhaltenstherapiemaßnahmen optimale Ergebnisse bringt. Ziel der Mainzer Migräne-Studie ist es, die Wirksamkeit verschiedener verhaltenstherapeutischer Methoden in der Behandlung der Migräne bei Erwachsenen zu untersuchen.
Studiendesign
In der als dreiarmige, randomisiert-kontrollierte Therapiestudie (RCT) konzipierten Migränestudie Mainz wird ein neuartiges, kognitiv-verhaltenstherapeutisches Therapieprogramm („Migränemanagement, MIMA“) mit einem Entspannungstraining sowie einer Wartekontrollbedingung verglichen.
Das Migränemanagement-Programm (MIMA)
Das MIMA liegt als Therapiemanual vor und adressiert spezifische Aspekte der Migräneerkrankung. Die Gruppentherapie erstreckt sich auf sieben Sitzungen, die sich unter anderem den Themen „Psychoedukation“, „Ausbalanciertem Lebensstil“, „Umgang mit Attackenangst“, „Bewältigung der Migräneattacke“ und „Stressbewältigung“ widmen. Ein zentraler Baustein des Therapieprogramms ist außerdem das so genannte „Trigger-Management“.
Lesen Sie auch: Neurologische Expertise bei Migräne
Trigger-Management: Ein flexibler Ansatz
Anders als bisher häufig empfohlen, sollen Patienten im neu entwickelten Therapieprogramm nicht lernen, Trigger völlig zu vermeiden, sondern flexibel mit ihnen umzugehen und sie abhängig von der jeweiligen Situation einzuschätzen. Dafür, dass ein flexibles Trigger-Management sinnvoller als die ausschließliche Vermeidung von Triggern ist, gibt es mehrere Gründe: Zum einen sind manche Trigger unvermeidbar, wie etwa Wetterumschwünge oder hormonelle Veränderungen. Zum anderen lösen Trigger meist nicht zuverlässig eine Attacke aus und wirken oft nur in Kombination mit anderen Faktoren. Außerdem schränkt das Vermeiden von Triggern die Lebensqualität der Betroffenen oft sehr ein.
Erste Ergebnisse
Erste Ergebnisse zeigten, dass sowohl MIMA als auch RLX (Psychoedukation und Muskelentspannung nach Jacobson) sich reduzierend auf die Zahl der Kopfschmerztage auswirkten. Die Anzahl konnte bei circa 40% der Patienten durchschnittlich um 2 Tage pro Monat reduziert werden. Weiters führten beide Interventionen zu einer signifikanten Reduktion der Beeinträchtigung sowie zur Verbesserung der Selbstwirksamkeitserwartung.
Weitere Forschungsfragen
Es gibt noch weiteren Forschungsbedarf im Hinblick auf die Frage, inwieweit durch die Kombination traditioneller verhaltenstherapeutischer Verfahren mit neueren verhaltenstherapeutischen Ansätzen, die Aspekte zur Desensibilisierung der Angst vor Migräneauslösern beinhalten, eine Optimierung der Migräneprophylaxe erzielt werden kann.
Weitere Aspekte der Migränebehandlung
Ernährungsumstellung
US-Wissenschaftler haben festgestellt, dass im Rahmen einer möglichen Ernährungsumstellung auch die verzehrten Fettsäuren einen wichtigen Einflussfaktor darstellen. Demnach sollten Migränepatienten Fischöle solchen pflanzlichen Ölen mit einem hohen Gehalt an Linolsäure, wie beispielsweise im Sonnenblumenöl vorhanden, vorziehen. Es wird angenommen, dass vor allem die im Fischöl enthaltenen Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) dazu führen, dass eine höhere Menge von speziellen schmerzlindernden Stoffwechselprodukten im Blut ausgebildet wird.
Nicht-medikamentöse Therapieoptionen
Kopfschmerzpatienten sollten über nicht medikamentöse Therapieoptionen informiert werden, und es sollten ihnen zusätzliche Optionen angeboten werden.
Lesen Sie auch: Migräne als Risikofaktor für Demenz?