Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Es handelt sich um eine komplexe neurologische Störung, die weit über das übliche Kopfweh hinausgeht. Ein besonderes Phänomen im Zusammenhang mit Migräne ist die Aura, die bei etwa 20 bis 30 Prozent der Betroffenen auftritt. Diese Aura kann sich auf verschiedene Weise manifestieren, darunter auch durch Taubheitsgefühle in den Fingern.
Was ist eine Migräne-Aura?
Die Aura ist eine reversible neurologische Störung, die einer Migräneattacke vorausgehen oder sie begleiten kann. Sie äußert sich durch sensorische, motorische oder sprachliche Symptome. Viele Patienten berichten über Anzeichen, die schon einen Tag zuvor die nächste Migräneattacke ankündigen können. Dem Schmerz gehen dann Hochstimmungen oder das Gefühl einer besonderen Leistungsfähigkeit voraus, während andere unter vermehrter Gereiztheit oder depressiven Verstimmungen leiden.
Markus Dahlem, ein Migräneforscher, beschreibt die Aura als Reiz- und Ausfallerscheinungen des Nervensystems. Jeder Sinn kann betroffen sein: Fühlen, Riechen, Sehen und so weiter. Beispielsweise fühlt es sich für manche in einem Moment an, als würde ihnen eine Ameisenarmee über den Arm laufen, dann wird langsam der Arm taub. Und im nächsten Moment springt das Kribbeln direkt in die Lippen. Oder Betroffene riechen zwischenzeitlich nichts mehr oder nehmen einen Geruch wahr, der nicht in der Luft liegt. Oder sie sehen Muster, die eigentlich nicht da sind, etwa Zickzacklinien. Solch visuelle Auren sind besonders häufig und werden beschrieben, während andere Sinneserscheinungen vielleicht zwar bemerkt, aber nicht in einen Zusammenhang mit der Migräneattacke gebracht werden.
Taubheit in den Fingern als Aura-Symptom
Körperteile kribbeln oder werden taub. Die Sprachfähigkeit ist beeinträchtigt. Ein häufiges Symptom der Aura ist das Auftreten von Taubheitsgefühlen oder Kribbeln in verschiedenen Körperteilen, einschließlich der Finger. Dies kann sich wie ein Ameisenlaufen anfühlen, gefolgt von einem allmählichen Verlust des Gefühls. In manchen Fällen kann sich dieses Gefühl auch auf andere Körperteile ausbreiten, wie Lippen oder Arme.
Ursachen der Migräne mit Aura
Die genauen Ursachen der Migräne mit Aura sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass eine Überempfindlichkeit der Nervenzellen in der Hirnrinde eine Rolle spielt. Im Rahmen einer Attacke kommt es zu einer verstärkten Erregung von Nervenzellen, insbesondere des Trigeminusnervs, der für die Schmerzwahrnehmung im Gesicht hauptverantwortlich ist. Im Vergleich zur Migräne ohne Aura wurde bei Migräne-Patienten mit Aura jedoch eine verminderte Hirndurchblutung in bestimmten Hirnarealen festgestellt. Dementsprechend könnte ein Sauerstoffmangel in betroffenen Hirnregionen für die Aura-Symptome verantwortlich sein. Grundlage dieser Störung ist vermutlich ein genetischer Defekt.
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Es gibt auch bestimmte Auslöser, sogenannte Trigger, die Migräneattacken mit Aura hervorrufen können. Solche Auslöser sind beispielsweise Stress, Wetterumschwünge und bestimmte Gerüche.
Neurologische Aspekte
Bei einer Migräneattacke werden die Nervenzellen der Hirnrinde wellenartig vom Hinterkopf bis hin zur Stirn angeregt. Es ist ein bisschen wie bei La Ola im Stadion: Die Welle fließt durch die Menge; so wie ein Fan aufspringt und sich wieder setzt, wird eine Zelle nach der nächsten aktiv, um sich nach der spontanen Aktion erst einmal auszuruhen. Die Welle der Erregung läuft dabei mit majestätisch langsamer Geschwindigkeit durch das Gehirn. Zumeist erfasst sie auf Grund der Lage zunächst den visuellen Bereich. Auf die Erregung der Nervenzellen folgt eine Hemmung für 10 bis 20 Minuten - das ist der Moment, wenn die Zickzacklinien plötzlich verschwinden und nichts da ist oder wenn die Welle den Homunkulus erreicht und durchlaufen hat, ein Taubheitsgefühl das Kribbeln ablöst.
Diagnose und Abgrenzung zu anderen Erkrankungen
Es ist wichtig, eine Migräneaura von anderen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen zu unterscheiden. Plötzliche Sprach- oder Sprachverständnisstörungen, eine Lähmung oder ein Taubheitsgefühl oder Schwindel mit Gangunsicherheit können auf einen Schlaganfall hindeuten. Ebenso, wer häufig unter Kopfschmerzen leidet und sogar eine Migränediagnose hat, aber erstmals eine Aura bemerkt, sollte das abklären lassen. Und wer Auren hat, die jedoch in immer kürzeren Abständen auftreten, als er es gewohnt ist, sollte das ebenfalls abklären lassen.
Die Geschwindigkeit, mit der die Symptome auftreten, ist ein entscheidender Faktor. Die Aura verläuft graduell, ein Schlaganfall - wie der Name schon sagt - eher schlagartig.
Behandlung und Vorbeugung
Auraspezifische Medikamente gibt es nicht. Doch Migräneattacken lassen sich allgemein abstumpfen. Wichtig ist, sich mit dem Arzt oder der Ärztin abzustimmen und nicht einfach selbst etwas einzuwerfen. Oft hilft es, eine Schmerztablette früh zu nehmen und richtig zu dosieren. Also nicht erst abwarten, bis es richtig schlimm wird, und dann nur die halbe Pille schlucken, weil man am liebsten gar nichts nehmen möchte. Diverse Akutschmerzmittel mit Ibuprofen oder Triptanen können Linderung verschaffen. Vorbeugend lassen sich auch Betablocker, Antidepressiva und Antiepileptika verschreiben. Doch einem kleinen Teil der Betroffenen hilft gar nichts.
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Was tun bei einer Migräneaura?
Keine Maschinen bedienen, also auch nicht Fahrrad oder Auto fahren. Die meisten, die davon betroffen sind, kämen auch gar nicht auf die Idee, weil es im Kopf so sehr dröhnt oder die Sicht verschwommen ist und jede Empfindung schmerzt. Sie wollen Ruhe, ziehen daheim die Vorhänge zu und legen sich hin. Für die wenigen Fälle, die nur eine Aura haben und weder Kopfschmerzen noch Übelkeit verspüren, gilt allerdings ebenfalls: nichts machen. Denn wie gesagt, es kann sein, dass Sie etwas Wichtiges nicht sehen, hören oder fühlen.
Migräne-Tagebuch
Man sollte ein gutes Tagebuch führen, damit man das individuelle Migränemuster erkennt und sein Verhalten darauf einstellen kann. Notieren Sie, in welchen Situationen und wie lange die Schmerzen auftreten, wo der Schmerz sitzt, wie er sich anfühlt und ob Sie weitere Beschwerden haben. Oder haben Sie etwas Spezielles gegessen oder getrunken, bevor die Kopfschmerzen begannen?
Präventive Maßnahmen
Mit einem gesunden Lebensstil können Sie selbst dazu beitragen, dass die Migräne möglichst selten auftritt. Dazu zählt bei vielen mehr Regelmäßigkeit im Alltag, zum Beispiel bei den Essens- und Schlafenszeiten. Ebenso wichtig ist ausreichend Bewegung und Entspannung einzuplanen. Entspannungsmethoden wie autogenes Training oder Yoga können die Schmerzen deutlich reduzieren. Manche Betroffene haben mit Akupunktur gute Erfahrungen gemacht. Auch eine ausgewogene Ernährung kann einen positiven Einfluss auf die Migräne haben.
Medikamentöse Prophylaxe
Wenn eine Migräne stärker ausgeprägt ist oder mehr als 3 Attacken pro Monat auftreten, können bestimmte Medikamente vorbeugend verschrieben werden. Dazu zählen Betablocker, krampflösende Wirkstoffe, bestimmte Antidepressiva wie Amitriptylin, Botox (bei schwerer chronischer Migräne) oder monoklonale Antikörper. Auch eine fertige Kombination von Magnesium, Vitamin B2 und Coenzym Q10 wird als Migräneprophylaxe empfohlen.
Akutmedikation
Verschiedene rezeptfreie Schmerzmittel können helfen, die Migräne zu lindern. Dazu zählen die gängigen Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure, Paracetamol oder Ibuprofen. In Form von Kau- oder Brausetabletten werden diese schneller vom Körper aufgenommen. Bei Übelkeit empfiehlt sich die Anwendung von Zäpfchen. Spezifischer wirken die sogenannten Triptane. Vor einer Selbstmedikation ist es immer wichtig, dass eine Migräne ärztlich diagnostiziert ist. Reichen gängige Schmerzmittel zur Linderung nicht aus, kommen Triptane infrage. Sie verengen die Gefäße im Gehirn und hemmen die Entzündung. Welches Triptan im Einzelfall geeignet ist, hängt unter anderem davon ab, ob eher kurze oder länger anhaltende Schmerzattacken auftreten. Manche Triptane wirken schneller und dafür länger. Triptane gibt es in verschiedenen Darreichungsformen wie Tabletten, Zäpfchen, Schmelztabletten oder als Nasenspray. Einige Triptane erhalten Sie sowohl auf Rezept als auch in einer kleinen Packung ohne Rezept bei uns in Ihrer Apotheke. Bei Bluthochdruck, koronarer Herzerkrankung, nach einem Herzinfarkt oder bei einer Durchblutungsstörung der Arme oder Beine, sind Triptane nicht geeignet. Auch Patienten über 60 Jahre sollten diese Wirkstoffe nicht einnehmen. Sprechen Sie uns gerne an.
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Hausmittel
Hausmittel können in erster Linie Begleitsymptome eines leichteren Migräneanfalls lindern. Tee aus Ingwer oder Kamillenblüten wirkt gegen Übelkeit. Auch ein Tee mit Gewürznelken oder Weidenrinde kann zur Schmerzlinderung beitragen. Gleiches gilt für Coolpacks oder Pfefferminzöl, das auf Stirn, Schläfen und Nacken aufgetragen wird, zum Beispiel als fertiges Präparat mit einem watteähnlichen Tupfer.
Migräne in der Schwangerschaft
Schwangere sollten besonders darauf achten, Migräneauslöser zu meiden. Sind Medikamente dennoch nötig, können nach ärztlicher Absprache Schmerzmittel wie Paracetamol oder Ibuprofen bis zur 28. Schwangerschaftswoche eingenommen werden. Triptane sind in der Schwangerschaft nicht zugelassen, allerdings ist Sumatriptan hier im Off-Lable-Use - also auch ohne Zulassung bei Migräne - unter ärztlicher Aufsicht sehr gut erprobt. Eine Migräne lässt bei Schwangeren übrigens vor allem im 2. und 3.
Migräne mit Hirnstammaura
Eine besondere Form der Migräne mit Aura ist die Migräne mit Hirnstammaura. Diese seltene Form der Migräne äußert sich durch Symptome, die vom Hirnstamm ausgehen, wie Doppeltsehen, Sprachstörungen, Schwindel, Tinnitus, Hörminderung, Koordinationsstörungen, Bewusstseinsstörungen und beidseitig auftretende Taubheitsgefühle. Die Diagnose dieser Migräneform kann eine Herausforderung sein, da die Symptome denen eines Schlaganfalls ähneln können. Triptane sind bei dieser Form der Migräne nicht empfohlen, da sie die Blutgefäße verengen und die Symptome verstärken könnten.
Weitere Informationen und Unterstützung
- Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft: Hier finden Sie die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Kopfschmerz und Migräne. Es gibt Informationen über medikamentöse Behandlungsformen, ebenso ein Verzeichnis mit Kopfschmerzexperten, die sich regelmäßig fortbilden, und Kopfschmerzkalender zum Runterladen.
- MigräneLiga e. V. Deutschland: Unterstützt betroffene Migränepatienten mit Aktionen und Informationen rund um die Migräne.
- App »M-sense«: Eine digitale Therapie, die eine personalisierte und mobile Migränetherapie ermöglicht. Sie bietet ihren Nutzerinnen und Nutzern verschiedene Funktionen: ein Tagebuch, um Schmerzattacken, potenzielle Einflussfaktoren und Medikamenteneinnahmen festzuhalten, sowie beispielsweise Wetterdaten.
- Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel: Bietet spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen, alle Kopfschmerzen, wie z.B. chronische Spannungskopfschmerzen, Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch, Clusterkopfschmerz, Nervenschmerz (neuropathischer Schmerz), Rückenschmerz und andere Formen chronischer Schmerzerkrankungen.