Migräne, Schwangerschaft und Präeklampsie: Was Frauen wissen sollten

Migräne ist eine chronische neurologische Erkrankung, die besonders Frauen im gebärfähigen Alter betrifft. Da Migräne und Schwangerschaft beide besondere Herausforderungen mit sich bringen, ist es wichtig, die Zusammenhänge und Risiken zu kennen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass Migräneattacken vor der Schwangerschaft und die Migräneform (mit und ohne Aura) mit Schwangerschaftskomplikationen in Zusammenhang stehen können. Dieser Artikel beleuchtet die Aspekte Migräne, Schwangerschaft und Präeklampsie, um betroffenen Frauen fundierte Informationen und Handlungsempfehlungen zu geben.

Migräne und Schwangerschaft: Eine besondere Herausforderung

Migräne ist eine chronische neurologische Erkrankung, die in Deutschland bei etwa 10,6 % der Bevölkerung auftritt, wobei Frauen mit 15,6 % deutlich häufiger betroffen sind als Männer mit 5,3 %. Gerade im gebärfähigen Alter ist die Prävalenz hoch, weshalb die Erkrankung bei der Familienplanung eine wichtige Rolle spielt. Migräneattacken äußern sich oft durch einseitige Kopfschmerzen, begleitet von Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit.

Viele Migränikerinnen erleben während der Schwangerschaft eine Besserung ihrer Symptome, besonders ab dem zweiten Trimester. Dies wird vor allem auf die stabilen Östrogen-, Gestagen- und körpereigenen Opioid-Spiegel zurückgeführt. Allerdings profitieren nicht alle Frauen von dieser Entwicklung. Bei Migränikerinnen mit Aura fallen die Verbesserungen oft geringer aus, und in manchen Fällen können sich die Symptome sogar verschlimmern. Zudem haben Migränikerinnen während der Schwangerschaft ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck und Präeklampsie.

Studie untersucht Zusammenhang zwischen Migräne und Schwangerschaftskomplikationen

Ein Forscherteam der Harvard Medical School in Boston untersuchte in einer prospektiven Studie, ob Migräneattacken vor der Schwangerschaft und die Migräneform (mit und ohne Aura) mit Schwangerschaftskomplikationen in Zusammenhang stehen. Dazu analysierten sie Daten von 19.694 Teilnehmerinnen der Nurses‘ Health Study II (1989-2009) ohne Vorerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Krebs. Insgesamt lagen Daten zu 30.555 Schwangerschaften vor.

Die Ergebnisse zeigten, dass eine selbstberichtete oder ärztlich diagnostizierte Migräne vor der Schwangerschaft (11 %) mit einem höheren Risiko für Frühgeburt (RR 1,17; 95 %-KI 1,05-1,30), Schwangerschaftsbluthochdruck (RR 1,28; 95 %-KI 1,11-1,48) und Präeklampsie (RR 1,40; 95 %-KI 1,19-1,65) verbunden war. Es wurde jedoch kein Zusammenhang zwischen Migräne und niedrigem Geburtsgewicht (RR 0,99; 95 %-KI 0,85-1,16) oder Gestationsdiabetes (GDM) (RR 1,05; 95 %-KI 0,91-1,22) festgestellt. Das Risiko einer Präeklampsie war bei Migräne mit Aura (RR 1,51; 95 %-KI 1,22-1,88) etwas höher als bei Migräne ohne Aura (RR vs. keine Migräne 1,30; 95 %-KI 1,08-1,57).

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Implikationen für die Schwangerschaftsbetreuung

Die Ergebnisse der Studie unterstreichen die Bedeutung der Migräne-Vorgeschichte als Information für Ärzte, um geburtshilfliche Risiken besser beurteilen und behandeln zu können. Ein erhöhtes relatives Risiko für Präeklampsie bedeutet in absoluten Zahlen einen Anstieg von 3-5 % auf 4-7 % bei Erstgebärenden mit Migräne-Vorgeschichte. Schwangere mit Migräne sollten daher verstärkt auf mögliche Komplikationen wie Präeklampsie überwacht werden.

Dr. Alexandra Purdue-Smithe vom Brigham and Women’s Hospital in Boston betont, dass Frauen mit Migräne in der Vorgeschichte über mögliche Schwangerschaftsrisiken Bescheid wissen und ihren Arzt konsultieren sollten. Es bedarf weiterer Forschung, um die genauen Ursachen für den Zusammenhang zwischen Migräne und Schwangerschaftskomplikationen zu verstehen.

Präeklampsie: Eine ernstzunehmende Schwangerschaftskomplikation

Präeklampsie ist eine spezielle Form des schwangerschaftsbedingten Bluthochdrucks, die meist nach der 20. Schwangerschaftswoche auftritt. Sie äußert sich durch erhöhten Blutdruck und Eiweißausscheidung im Urin. Zusätzliche Symptome können Kopfschmerzen, Sehstörungen, Schwindel oder Schmerzen im Oberbauch sein.

Die Präeklampsie ist eine Komplikation, die während der Schwangerschaft oder im Wochenbett auftreten kann und bei zwei bis fünf Prozent aller Schwangerschaften vorkommt. Ihr Leitsymptom ist ein Blutdruck von mehr als 140/90 mmHg, der die Blutgefäße der Mutter angreift und so ihre Organe schädigt. Werden beispielsweise die Nieren in Mitleidenschaft gezogen, zeigt sich das anhand erhöhter Eiweißwerte im Urin. Ist die Leber betroffen, sind die Leberwerte im Blut erhöht. Eine geschädigte Plazenta versorgt das Kind unter Umständen nicht mehr mit genügend Nährstoffen und Sauerstoff.

Symptome und Diagnose

Ein erhöhter Blutdruck allein macht noch keine Präeklampsie aus. Erst das gleichzeitige Auftreten von Organschädigungen führt zu einer Diagnose. Eine Schwangerschaftshypertonie (auch: Gestationshypertonie) tritt erstmals während der Schwangerschaft auf.

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Während ein erhöhter Blutdruck und Organschädigungen von den Betroffenen zunächst meist unbemerkt bleiben, gibt es andere Symptome, die Betroffene deutlicher wahrnehmen können:

  • Geschwollene Hände
  • Kopfschmerzen
  • Verschwommenes Sehen

HELLP-Syndrom und Eklampsie

Etwa jede zehnte Schwangere mit einer schweren Präeklampsie entwickelt eine Eklampsie. Es gibt jedoch auch Fälle ohne diese Vorgeschichte. Bei einer Eklampsie werden die Symptome der Präeklampsie durch zusätzliche Krampfanfälle ergänzt. Es kann außerdem zu Blutgerinnseln, Hirnblutungen bis hin zur Bewusstlosigkeit kommen.

Etwa 4 bis 35 Prozent der Schwangeren mit schwerer Präeklampsie bilden ein sogenanntes HELLP-Syndrom aus. „HELLP“ steht für das Zusammenspiel aus einer Hämolyse (H), das heißt dem Zerfall von roten Blutkörperchen, den erhöhten Leberwerten ASAT und ALAT mit der Abkürzung „EL“ (engl.: „Elevated Liver enzymes“) und einer erniedrigten Thrombozytenzahl im Blut mit der Abkürzung „LP“ (engl.: „Low Platelet Count“). Auf alle Schwangerschaften umgerechnet, beträgt die Inzidenz, also die Zahl der Neuerkrankungen, des HELLP-Syndroms ca.

Das HELLP-Syndrom ist die schwerste Ausprägung einer hypertensiven Schwangerschaftserkrankung. Sein deutlichstes Symptom sind Schmerzen im rechten Oberbauch, ausgelöst durch die geschädigte Leber. Hinzu kommen starke Übelkeit, Erbrechen und manchmal auch Kopfschmerzen. Die Dynamik des HELLP-Syndroms ist nur schwer abzuschätzen, die Betroffene muss daher intensivmedizinisch überwacht werden. Es kann sich unter Gabe von Medikamenten zurückbilden, allerdings sind auch Komplikationen wie die Ablösung der Plazenta, ein Leberriss, Hirnblutungen und Nierenversagen möglich.

Ursachen und Vorbeugung

Warum manche Frauen eine Präeklampsie entwickeln, ist bislang noch nicht bis ins letzte Detail erforscht. Allerdings wird vermutet, dass sich die Plazenta zu Beginn der Schwangerschaft nicht richtig entwickelt und in die Gebärmutter eingenistet hat. Ein Anzeichen dafür ist ein erhöhter Flusswiderstand in der Gebärmutterarterie, der sich bei einer speziellen Ultraschalluntersuchung (Doppler-Sonographie) zeigt. Als gesichert gilt außerdem, dass bestimmte Vorerkrankungen mit einem erhöhten Risiko für Präeklampsie einhergehen.

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Eine Präeklampsie lässt sich nach aktuellem Wissensstand nur bedingt vorbeugen - von den positiven Effekten einer herzgesunden Lebensführung mit körperlicher Bewegung, wenig Stress und einer ausgewogenen Ernährung abgesehen. Noch ist der beste Schutz vor einer Präeklampsie, ihre Anzeichen möglichst früh zu erkennen.

Überwachung und Behandlung

Bei den Vorsorgeuntersuchungen werden Schwangere regelmäßig der Blutdruck gemessen, das Gewicht kontrolliert sowie der Urin und das Blut untersucht. Mit einem Ultraschall wird die Blutversorgung und das Wachstum des Babys überprüft. All diese Untersuchungen dienen dazu, eventuelle Komplikationen möglichst früh zu erkennen. Bei den Vorsorgeuntersuchungen können Schwangere auch selbst körperliche Beschwerden ansprechen.

Risikopatientinnen wird der behandelnde Arzt oder die behandelnde Ärztin beziehungsweise die Hebamme wahrscheinlich ein Präeklampsie-Screening vorschlagen. Dabei handelt es sich um eine freiwillige Gesundheitsleistung (iGel), die zwischen der 12+0 und 14+0 SSW durchgeführt wird. Bei einem erhöhten Präeklampsie-Risiko hat sich die frühe Einnahme von niedrig dosiertem Aspirin bewährt.

Schwangere mit einer Präeklampsie werden besonders überwacht. Die Behandlung hängt vom Schweregrad der Erkrankung ab, davon, wie weit die Schwangerschaft fortgeschritten ist sowie von der Prognose für Mutter und Kind. Eventuell reicht es schon, zu Hause zu bleiben, Stress zu reduzieren und sich körperlich zu schonen. Betroffene einer Präeklampsie mit Organschädigungen müssen gegebenenfalls stationär im Krankenhaus behandelt werden, damit sie und ihr Baby rund um die Uhr unter Beobachtung stehen.

Mit der Entbindung klingt die Präeklampsie in der Regel ab. Dabei wird je nach Gesundheitsrisiko für Mutter und Kind abgewogen, ob die Geburt eingeleitet werden sollte. Bis dahin wird die Präeklampsie symptomatisch mit blutdrucksenkenden Medikamenten behandelt.

Medikamentöse Therapie von Migräne in Schwangerschaft und Stillzeit

Einige wirksame Arzneimittel für die Prophylaxe und Therapie der Migräne sind am besten bereits bei bestehendem Kinderwunsch umzustellen. Andere sind in Grenzen zulässig, wenn die Schwangerschaft gut betreut wird. Eine unkontrollierte Selbstmedikation ist zu vermeiden.

Migräneprophylaxe in der Schwangerschaft

Die meisten Migräneprophylaktika wurden nicht speziell für die Migränetherapie entwickelt. Valproinsäure wird generell bei der Migräneprophylaxe off-label eingesetzt. Die vorhandenen Daten beziehen sich daher zum Teil auf den Einsatz bei anderen Indikationen. Die meisten Prophylaktika sind nicht für den Gebrauch während der Schwangerschaft und Stillzeit zugelassen, und es fehlen ausreichende Studiendaten für diesen Zeitraum. Es muss individuell entschieden werden, welche Migräneprophylaxe während der Familienplanung, einer laufenden Schwangerschaft oder der Stillzeit angewendet werden soll.

Sofern klinisch notwendig, gelten Metoprolol, Propranolol und Amitriptylin als Mittel der Wahl, während Topiramat und Valproinsäure wegen ihrer bekannten Teratogenität kontraindiziert sind. Valproinsäure soll, wenn möglich, nicht bei Frauen im gebärfähigen Alter eingesetzt werden.

Studien mit insgesamt über 5.000 exponierten Schwangerschaften unter Betablockern mit verschiedenen Grunderkrankungen ergaben keine Hinweise auf ein erhöhtes Fehlbildungsrisiko. Es gibt jedoch Hinweise für klinisch relevante Mangelentwicklungen und Wachstumsverzögerungen in utero (Small for Gestational Age, SGA). Zu beachten ist auch eine mögliche Weheninduktion. Nach einer Exposition während des 3. Trimesters sollen Neugeborene auf Bradykardie, Hypotonie und Hypoglykämie überwacht werden.

Laut Fachinformation soll Amitriptylin, insbesondere im 1. und 3. Trimester, nur eingesetzt werden, wenn klinisch notwendig. Zwar zeigten Tierstudien eine Reproduktionstoxizität bei Dosen, die die humane Anwendung um ein Vielfaches übersteigt. Verschiedene Studien mit fast 1.400 humanen Schwangerschaften ergaben aber keine Hinweise auf Teratogenität. Eine engmaschige Überwachung zur frühzeitigen Erkennung und Behandlung von Entwicklungskomplikationen soll erfolgen. Wird Amitriptylin bis zur Geburt eingenommen, kann es beim Neugeborenen in den ersten Tagen zu Anpassungsstörungen kommen, weshalb auf etwaige Anzeichen geachtet werden soll.

Für Flunarizin gibt es keine Sicherheitsdaten während der Schwangerschaft. Daher soll eine Anwendung vermieden werden. In Tierstudien war Flunarizin plazentagängig, zeigte aber keine Hinweise auf schädliche Auswirkungen auf Schwangerschaft, Geburt, fetale und postnatale Entwicklung.

Valproinsäure besitzt ein hohes teratogenes Potenzial. Bei Exposition während des 1. Trimesters können in etwa 10-20 % Fehlbildungen auftreten, vor allem Lippen-Kiefer-Gaumenspalten und Fehlbildungen von Fingern und Zehen. 1-2 % der exponierten Feten entwickeln eine Spina bifida. Eine Exposition in der Spätschwangerschaft wird mit Störungen der neurokognitiven Entwicklung assoziiert. Valproinsäure darf nur unter sehr zuverlässiger Verhütung verordnet werden. Das schließt jede Form einer natürlichen Verhütung oder von Barrieremethoden strikt aus.

Daten zur Topiramatexposition im 1. Trimester deuten auf ein erhöhtes Risiko für Lippen-Kiefer-Gaumenspalten und für intrauterine Mangelentwicklungen (SGA) hin.

Onaboltulinumtoxin A soll in der Schwangerschaft zurückhaltend eingesetzt werden, da keine ausreichenden Informationen über die Anwendung beim Menschen vorliegen. Jedoch deuten Tierstudien keine Reproduktionstoxizität an, und aufgrund seines hohen Molekulargewichts ist nicht zu erwarten, dass Onaboltulinumtoxin A die Plazentaschranke passiert. Registerdaten zeigen keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für schwere kongenitale Fehlbildungen. Allerdings basieren diese Daten auf etwa 250 Schwangerschaften, von denen die meisten Onabotulinumtoxin A für kosmetische Indikationen erhielten, das heißt in niedrigeren Dosierungen als bei Migräne.

Die monoklonalen Antikörper Erenumab, Galcanezumab, Fremanezumab und Eptinezumab richten sich gegen den CGRP-(Calcitonin Gene Related Peptide-)Rezeptor beziehungsweise das CGRP selbst und sind relativ neu zur Migräneprophylaxe zugelassen, wodurch der Erfahrungsumfang zur Anwendung in der Schwangerschaft sehr gering ist. Daher sind Experten bei der Empfehlung für eine Anwendung in der Schwangerschaft vorsichtig; laut Fachinformation sollen Antikörper während der Schwangerschaft möglichst nicht angewendet werden. Tierdaten zeigen keine Hinweise auf Reproduktions- oder Entwicklungstoxizität, auch eine Überprüfung von 94 Sicherheitsberichten ergab kein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten oder schwere Geburtsfehler beim Menschen. Frauen, die einen dieser Antikörper während der Schwangerschaft oder Stillzeit anwenden, sollten im Rahmen der gesetzlichen Schwangerenvorsorge einschließlich der vorgesehenen Ultraschall-Screenings auf unerwünschte Wirkungen überwacht werden.

Die Bedeutung des CGRP in der Schwangerschaft ist nicht abschließend geklärt. Tierversuche zeigen, dass die körpereigenen CGRP-Level während der Schwangerschaft ansteigen und nach der Geburt sinken, was darauf hindeutet, dass das Peptid an der Regulierung des uteroplazentaren Blutflusses und Entspannung der Gebärmutter beteiligt ist. Dadurch können der Blutdruck reguliert und Komplikationen wie Bluthochdruck und Eklampsie verhindert werden. Studien deuten darauf hin, dass niedrige CGRP-Spiegel das Risiko für Präeklampsie und Eklampsie erhöhen können. Wie genau sich die Hemmung des CGRP durch die Verwendung monoklonaler Antikörper auf das Risiko einer Präeklampsie auswirkt, ist noch nicht bekannt.

Akutmedikation in der Schwangerschaft

Für die Akutmedikation in der Schwangerschaft werden als Mittel der Wahl Ibuprofen und Acetylsalicylsäure in den ersten beiden Trimestern angesehen. Sumatriptan und Paracetamol können die gesamte Schwangerschaft hindurch angewendet werden, solange es sich nicht um eine Dauertherapie handelt.

Die nichtsteroidalen Antirheumatika Ibuprofen, Naproxen, Acetylsalicylsäure und Diclofenac überwinden die Plazentaschranke. Ein Risiko für das Auftreten von Fehlgeburten und Fehlbildungen bei Anwendung in der Frühschwangerschaft konnte bisher nicht ausgeschlossen werden. Eine über längere Zeit andauernde Anwendung nach der 30. Schwangerschaftswoche kann zu einem vorzeitigen Verschluss des Ductus arteriosus und zu Oligohydramnion führen, weshalb die hoch dosierte Anwendung in diesem Zeitraum vermieden werden soll. Eine niedrige ASS-Dosierung von 100 mg/d, etwa zur Präeklampsieprophylaxe bei gegebener Indikation, ist dagegen die ganze Schwangerschaft hindurch bis wenige Wochen vor der erwarteten Geburt gestattet.

Paracetamol ist bei Schmerzen in der Schwangerschaft das Analgetikum der ersten Wahl. Ein Zusammenhang zwischen der mehrwöchigen Paracetamol-Einnahme während der Schwangerschaft und ADHS-Symptomen beim Kind ist zwar rein statistisch nach einer aktuellen Metaanalyse mit skandinavischen Daten vorhanden. Es gibt aber auch zahlreiche weitere Unterschiede zwischen den Schwangeren mit und ohne mehrwöchige Einnahme von Paracetamol (Alkohol, Nikotin, sonstige Selbstmedikation etc.), sodass es bis heute nach wie vor völlig unklar bleibt, ob es sich um einen kausalen Zusammenhang oder lediglich eine Koinzidenz handelt.

Triptane wurden zur Akutmedikation von Migräneattacken entwickelt. Sie sind nicht für eine Anwendung in der Schwangerschaft zugelassen, doch liegen Erfahrungen mit über 4.000 Schwangerschaften mit Sumatriptan vor. Es wurde kein erhöhtes Risiko für Fehlbildungen oder Frühgeburten festgestellt. Die Anwendung während des 1. Trimesters scheint sicher zu sein, und auch später ist die Anwendung vermutlich möglich. Doch sind für eine genauere Beurteilung weitere Daten erforderlich.

Tritt ein Status migraenosus auf, wird dieser mit einer Einmalgabe von Prednison oder Dexamethason therapiert. Fluorierte Kortikoide wie Dexamethason passieren zwar die Plazentaschranke, eine Einmalgabe wird jedoch nicht mit einem erhöhten Risiko in Verbindung gebracht. Daher können beide Wirkstoffe als Einmalgaben genutzt werden.

Bei Übelkeit und Erbrechen kann Metoclopramid während der gesamten Schwangerschaft eingesetzt werden. Bei schwerer Übelkeit und Unwirksamkeit von Metoclopramid kann Ondansetron unter strenger Indikationsstellung während des 2. und 3. Trimesters verwendet werden.

Nichtmedikamentöse Anfallsprophylaxe in der Schwangerschaft und Stillzeit

Unabhängig von einer medikamentösen Prophylaxe kann ein regelmäßiger Tagesablauf mit geregelten Mahl- und Schlafzeiten und nichtmedikamentöse Maßnahmen mit moderater Bewegung und Entspannungsverfahren wie zum Beispiel progressive Muskelentspannung, Meditation oder Yoga, Akupunktur oder die nichtinvasive Neurostimulation einen positiven Effekt ausüben.

Da die i.v.-Gabe von hoch dosiertem Magnesiumsulfat über einen längeren Zeitraum (mehr als 5 Tage) möglicherweise Knochenschäden beim Feten auslösen kann, wird weder die Anwendung von Magnesium noch die der Kombination aus Magnesium, Coenzym Q10 und Riboflavin während der Schwangerschaft empfohlen. Die orale Magnesiumgabe von 400 mg Magnesiumoxid 1- bis 2-mal pro Tag wurde nicht mit einem erhöhten Risiko für Fehlbildungen assoziiert. Auch die Anwendung in der Stillzeit gilt als sicher.

Für die Einzelbestandteile der 3er-Kombination gibt es wenig Sicherheitsdaten. Eine Anwendung in der Schwangerschaft scheint mit keinem erhöhten Risiko einherzugehen.

Prophylaxe der Migräne in der Stillzeit

Es weist nichts darauf hin, dass das Stillen die Migräne negativ beeinflusst. Es gibt Hinweise dafür, dass das Stillen die Zeit bis zum Auftreten der ersten Migräneattacke nach der Geburt, durch Verhinderung des Eisprungs und Stabilisierung der niedrigen Östrogenspiegel, verlängert.

Sollte in der Stillzeit eine medikamentöse Migräneprophylaxe begonnen werden, stehen einige Wirkstoffe zur Verfügung, die nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung angewendet werden sollen.

Die Anwendung von Betablockern wie Metoprolol oder Propranolol gilt als sicher und Behandlung der Wahl. Amitriptylin ist eine weitere Option, ebenso die monoklonalen Antikörper. Betablocker gehen in begrenzten Mengen in die Muttermilch über. Die Exposition des Säuglings ist wahrscheinlich klinisch irrelevant; in den Fachinformationen wird aus Sicherheitsgründen die Anwendung nicht empfohlen.

Amitriptylin und seine Metaboliten gehen zwar nur in geringen Mengen in die Muttermilch über, geringe Konzentrationen wurden jedoch im Plasma und Urin gestillter Säuglinge gefunden. Es ist während der Stillzeit nicht zugelassen, wird jedoch teilweise als stillverträglich und Zweitlinienoption eingestuft. Es scheint keine negativen Auswirkungen auf das Kind zu haben, trotzdem können Schläfrigkeit, Mundtrockenheit oder Obstipation auftreten.

Flunarizin sollte während der Stillzeit nicht eingenommen werden, da es in die Muttermilch übergeht und sich anreichern kann. Valproinsäure bindet stark an Plasmaproteine und geht in geringen Mengen in die Muttermilch über. Eine Anwendung gilt als mit dem Stillen vereinbar, obwohl der Wirkstoff während der Stillzeit nicht zugelassen ist und bei einigen gestillten Säuglingen niedrige Wirkstoffspiegel sowie vorübergehende hämatologische Störungen nachgewiesen wurden. Es gibt keine Indikation für routinemäßige Untersuchungen. Trotzdem sollten Säuglinge auf hämatologische oder hepatologische Anomalien (z. B. später Ikterus) überwacht und Valproinsäure während der Stillzeit nur mit Vorsicht angewendet werden. Topiramat geht erheblich in die Muttermilch über.

Nichtpharmakologische Ansätze bei Migräne in der Schwangerschaft

Nichtpharmakologische Ansätze sollten bei Migräne in der Schwangerschaft immer als Erstbehandlung versucht werden. Leichte Migräneattacken können in der Schwangerschaft nichtmedikamentös durch Reizabschirmung, Ruhe, Entspannung und Eispackungen behandelt werden.

Der Stellenwert von Sumatriptan

Aus der Zusammenstellung ergibt sich, dass bzgl. des zu erwartenden Nutzens bei Behandlung der akuten Migräneattacke in der Schwangerschaft Sumatriptan zu präferieren ist. Der Einsatz sollte möglichst früh im Anfall erfolgen. Bestehen schwere Übelkeit und Erbrechen mit gestörter Aufnahme im Magen, kann der subkutane Einsatz von Sumatriptan 6 mg erwogen werden. Es sind auch geringere subkutane Dosierungen in 3 mg oder als Apothekenrezeptur in 2 und 4 mg verfügbar. Für die anderen Triptane liegen weniger umfangreiche Daten vor, weshalb die Aufstellung auf Sumatriptan beschränkt bleibt.

Die aktuelle Fachinformation von Sumatriptan weist keine Kontraindikation von Sumatriptan in der Schwangerschaft aus; sie verweist mit der Formulierung „Das Arzneimittel sollte nur dann bei Schwangeren angewendet werden, wenn der zu erwartende Nutzen für die Mutter ein mögliches Risiko für das Kind überwiegt“ auf die individuelle Nutzenabwägung. Ähnliche Formulierungen finden sich auch bei den anderen Triptanen; Frovatriptan wird als Ausnahme in der Schwangerschaft nicht empfohlen.

Alternativen

Alternativen in den ersten zwei Schwangerschaftsdritteln mit moderatem Nutzen bei leichten und mittelschweren Migräneattacken sind Ibuprofen und ASS. Diese Medikamente sollten jedoch nicht ab der 20. Für Paracetamol ist der geringste Nutzen zu erwarten.

Triptane Absetzen?

Das Absetzen von Triptanen in der Schwangerschaft führt dazu, dass während der Schwangerschaft mehr unspezifische Medikamente zur Attackenbehandlung eingesetzt werden, in erster Linie Opioide und Paracetamol. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Empfehlungen zum Absetzen von migränespezifischen Medikamenten zu einer Zunahme anderer, als vermeintlich sicherer empfundener Medikamente führen könnte. Der Wechsel von einer migränespezifischen Behandlung zu einer nichtspezifischen off-label Behandlung wie Paracetamol oder Opioide bei schweren Migräneattacken wird mit verstärkten selbstberichteten Schmerzen in Verbindung gebracht. Dadurch wird der Nutzen solcher Wechsel weiter reduziert.

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