Polyneuropathie ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, die durch Schädigung der Nerven vielfältige Beschwerden verursachen kann. Physiotherapie spielt eine entscheidende Rolle bei der Linderung von Symptomen, der Verbesserung der Mobilität und der Steigerung der Lebensqualität von Betroffenen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Anwendung von Physiotherapie bei Polyneuropathie, einschließlich spezifischer Übungen, ergänzender Maßnahmen und langfristiger Behandlungsstrategien.
Einführung in die Polyneuropathie und ihre Ursachen
Die Polyneuropathie ist eine Erkrankung, die keine Altersgrenzen kennt. Schätzungsweise leiden in Deutschland etwa sechs bis acht Prozent der Bevölkerung an dieser Krankheit. Das periphere Nervensystem (PNS) umfasst jenen Teil des Nervensystems, der außerhalb des Schädels und des Wirbelkanals liegt und für die Weiterleitung von Impulsen zwischen Gehirn, Rückenmark und Organen zuständig ist. Das somatische Nervensystem, ein Teil des PNS, steuert willkürliche Bewegungen und Reflexe.
Es gibt verschiedene Ursachen für Polyneuropathie, wobei die erworbene Form deutlich häufiger ist als die angeborene. Mehr als 200 Auslöser sind bekannt.
Häufige Ursachen:
- Diabetes mellitus: Schädigung der kleinen Gefäße, die die peripheren Nerven versorgen (diabetische Polyneuropathie).
- Alkoholmissbrauch: Neurotoxische Wirkung von chronischem Alkoholkonsum (alkoholische Polyneuropathie).
- Kritische Erkrankungen: Fehlleitung des Immunsystems, die die Nerven angreift (Critical-illness-Polyneuropathie).
- Autoimmunerkrankungen: Schädigung durch das eigene Immunsystem.
- Chemotherapie: Nebenwirkungen von Medikamenten.
- Weitere Ursachen: Nierenerkrankungen, Stoffwechselstörungen, Vitaminmangel, Durchblutungsstörungen, Entzündungen, Infektionen (z.B. Borreliose), Vergiftungen (z.B. durch Blei, Kupfer, Amalgam, Cadmium).
Symptome der Polyneuropathie
Die Symptome einer Polyneuropathie können vielfältig sein und variieren je nach betroffenem Nerventyp und Schweregrad der Erkrankung.
Typische Symptome:
- Kribbeln, Taubheitsgefühle, Brennen oder Schmerzen in Fingern, Händen, Zehen und Füßen.
- Eingeschränktes Schmerz- und Temperaturempfinden.
- Muskelschwäche und -krämpfe.
- Gangunsicherheit und Koordinationsstörungen.
- Funktionsstörungen der inneren Organe (z.B. Verdauungsprobleme, Herzrhythmusstörungen, Blasenentleerungsstörungen).
Diagnostik der Polyneuropathie
Die Diagnostik der Polyneuropathie erfordert Erfahrung und eine sorgfältige Anamnese. Der Arzt wird Fragen zur medizinischen Vorgeschichte, zur Art und Dauer der Beschwerden stellen, um mögliche Ursachen zu identifizieren.
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Diagnostische Maßnahmen:
- Neurologische Untersuchung: Prüfung von Reflexen, Sensibilität (Berührung, Temperatur, Vibration) und Muskelkraft.
- Elektrophysiologische Untersuchungen (Nervenleitgeschwindigkeit): Messung der Nervenfunktion.
- Laboruntersuchungen: Blut- und Urinuntersuchungen zur Identifizierung von Grunderkrankungen (z.B. Diabetes, Nierenerkrankungen, Vitaminmangel).
- Bildgebende Verfahren: Gegebenenfalls MRT oder CT zur Beurteilung der Nerven und umliegenden Strukturen.
- Nervenbiopsie: In seltenen Fällen Entnahme und Untersuchung einer Nervenprobe.
Physiotherapie als wichtiger Bestandteil der Behandlung
Physiotherapie ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Behandlung von Polyneuropathie. Sie zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, die Mobilität zu verbessern und die Lebensqualität der Betroffenen zu steigern.
Ziele der Physiotherapie:
- Schmerzlinderung.
- Verbesserung der Sensibilität und des Körpergefühls.
- Stärkung der Muskulatur.
- Verbesserung von Gleichgewicht und Koordination.
- Erhaltung und Verbesserung der Beweglichkeit.
- Reduzierung des Sturzrisikos.
- Förderung der Selbstständigkeit im Alltag.
Spezifische Übungen für die Physiotherapie bei Polyneuropathie
Regelmäßiges Training zu Hause bildet das Fundament für eine wirksame Behandlung von Polyneuropathie. Um die Nerven durch Reize gezielt zu aktivieren, können verschiedene Übungen auch zu Hause angewendet werden.
Übungen für Füße und Beine:
- Zehenstand: Aufrecht vor einem Stuhl oder Tisch stehen, sich langsam auf die Zehenspitzen drücken und diese Position für einige Sekunden halten. Stärkt die Wadenmuskulatur und verbessert das Gleichgewicht.
- Ballrollen: Mit den Fußsohlen einen kleinen Ball (z.B. Igelball) hin und her massieren. Aktiviert die Nerven und massiert die Fußmuskulatur.
- Einbeinstand: Auf einem Bein stehen und versuchen, die Balance 20 Sekunden lang zu halten. Fordert das Nervensystem heraus und verbessert das Gleichgewicht.
- Gehen in Zeitlupe: Für etwa 30 Sekunden in Zeitlupe gehen. Trainiert die Balance intensiv und verbessert die Gangsicherheit.
- Barfußlaufen auf verschiedenen Oberflächen: Fördert die Sensibilität der Füße.
- Zeitung zerreißen mit den Füßen: Greifen und Zerreißen einer am Boden liegenden Zeitung mit den Füßen. Stärkt die Fußmuskulatur und verbessert die Koordination.
- Zehenspitzen in den Boden drücken: In aufrechter Haltung die Zehenspitzen 10 Sekunden lang in den Boden drücken, ohne sie einzukrallen.
- Beinachsentraining: Auf einem Balance-Pad 20 Sekunden lang stehen, um den Schwierigkeitsgrad zu steigern, die Übung auf einem Bein und mit geschlossenen Augen ausführen.
- Fersensitz: Im Fersensitz die Dehnung des Fußrückens spüren.
Übungen für Hände:
- "Baden" der Hände in Schüsseln mit unterschiedlichen Materialien: Hände in Schüsseln mit Linsen oder Reis "baden", um die Sensibilität zu verbessern.
- Knöpfe öffnen und schließen: Fortgeschrittene können Knöpfe an Hemden öffnen und schließen, während sie auf einem Bein stehen.
- Gymnastikball rollen: Einen kleinen Gymnastikball über Hand und Unterarm rollen.
- Tennisbälle werfen und fangen: Zwei Tennisbälle mit beiden Händen in die Luft werfen und wieder auffangen, um die Koordination zu verbessern.
Weitere Übungen:
- Treppensteigen: Am Geländer festhalten und versuchen, mit einem Bein so viele Stufen wie möglich zu nehmen. Anschließend mit dem anderen Bein wiederholen. Verbessert das Gangbild und die Koordination.
- Ergometertraining: Zur Verbesserung der allgemeinen Fitness.
- Kräftigungsübungen für die Beine: Im aufrechten Stand an einem Stuhl festhalten, die Fersen heben, kurz die Position halten und die Fersen wieder absenken.
- Dehnübungen: Dehnübungen tragen dazu bei, die Schmerzen zu reduzieren, da die Schmerzen bei Polyneuropathie oft auch durch Muskelverhärtungen entstehen.
Ergänzende Maßnahmen zur Unterstützung der Therapie
Neben gezielten Übungen können ergänzende Maßnahmen die Polyneuropathie-Therapie verstärken.
Ergänzende Maßnahmen:
- Entspannungstechniken: Meditation, Yoga oder gezielte Atemübungen helfen, Stress abzubauen und die Schlafqualität zu verbessern.
- Tägliche Fußpflege: Untersuche deine Füße täglich auf Druckstellen, Rötungen und Verletzungen, die du aufgrund von Sensibilitätsstörungen eventuell nicht spürst. Die Wassertemperatur für ein Fußbad sollte maximal 37 Grad betragen, um Verbrennungen zu vermeiden.
- Hilfsmittel: Walking-Stöcke bieten Unterstützung bei fortschreitender Gangunsicherheit.
- Massagen: Können die Muskeln lockern und dadurch die Schmerzen reduzieren.
- Elektrotherapie: Reizstrombehandlung (TENS) oder Hochtontherapie zur Schmerzlinderung und Nervenstimulation.
- Vibrationstraining: Kann insbesondere bei Schmerzen hilfreich sein.
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung und gegebenenfalls die Substitution von Vitaminen sind wichtig.
- Schmerzbewältigung: Ergotherapie kann helfen, Schmerzen besser zu bewältigen.
- Sensibilisierungstraining: Schulung der Sensibilität der Finger durch "Baden" in Reis oder anderen Materialien.
- Sturzprophylaxe: Beseitigung von Sturzfallen in der Wohnung und Verwendung rutschfester Schuhe.
Physiotherapeutische Untersuchung und Management neuropathischer Schmerzen
Physiotherapeut:innen führen eine umfassende subjektive und physische Untersuchung durch, um neuropathische Schmerzmechanismen zu erfassen.
Untersuchungsschritte:
- Subjektive Untersuchung: Erhebung der Krankengeschichte und der Schmerzsymptomatik.
- Physische Untersuchung: Untersuchung der betroffenen Region, neurologische Tests (Kennmuskeln, Dermatome, Muskeleigenreflexe), Sensibilitätstestung (Funktionsverlust oder -gewinn).
- Neurodynamische Tests: Überprüfung der Mechanosensitivität des neuralen Bindegewebes (z.B. Straight Leg Raise, SLUMP-Test, Upper Limb Neurodynamic Test 1).
Das physiotherapeutische Management muss multimodal erfolgen und an die jeweilige Genese der Schmerzsituation angepasst werden.
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Rehabilitation bei Polyneuropathie
Wenn bisherige Behandlungen nicht zur gewünschten Beschwerdefreiheit geführt haben, ist ein Reha-Aufenthalt eine sinnvolle therapeutische Ergänzung. Im Reha-Aufenthalt erhalten die Patienten neben der ärztlichen und pflegerischen Betreuung Therapien nicht nur zur Behandlung der Polyneuropathie, sondern auch zu anderen Beschwerden, die oft auch ebenfalls als Folge der Chemotherapie aufgetreten sind. Dazu gehören eine ganze Reihe von Einzelbehandlungen in Ergotherapie und Physiotherapie, aber auch Teilnahme an Gruppen: die Handfunktionsgruppe zum Beispiel, die Gruppe für die Behandlung von Polyneuropathie der Füße. Sie werden Physiotherapie-Bewegungsabläufe trainieren, Sie werden unter anderem zum Beispiel eine Vibrationstherapie bei uns erhalten, einem Gerät, das Galileo heißt. Dazu kommen verschiedene Formen der Elektrotherapie. Es wird in der Reha aber auch eingegangen auf andere Beschwerden, zum Beispiel wenn jemand Rücken- oder Gelenkprobleme hat, wird es in der Physiotherapie angegangen. Sie werden allgemeine Informationen erhalten zur gesunden Lebensführung, aber auch spezifisch auf diese Krankheit bezogen.
Bestandteile der Rehabilitation:
- Einzeltherapien in Ergotherapie und Physiotherapie: Gezieltes Training von Sensibilität, Feinmotorik, Koordination und Gangsicherheit.
- Gruppentherapien: Behandlung von Polyneuropathie der Füße, Handfunktionsgruppe.
- Vibrationstherapie: Stimulation der Nerven und Muskeln.
- Elektrotherapie: Reizstrombehandlung (TENS) und Hochtontherapie.
- Medizinische Trainingstherapie: Ausdauer- und Krafttraining.
- Informationen zur gesunden Lebensführung: Beratung zu Ernährung, Bewegung und Stressbewältigung.
Medikamentöse Therapie bei Polyneuropathie
Die Therapie der Polyneuropathie richtet sich nach der festgestellten Ursache und nach dem Beschwerdebild. Gegen die Schmerzsymptomatik werden Pregabalin oder Gabapentin sowie alternativ Duloxetin oder Amitriptylin eingesetzt. Diese Medikamente modifizieren die Schmerzwahrnehmung auf unterschiedlichen Wegen und haben sich als effektiver gegenüber klassischen Schmerztabletten erwiesen. Hierzu bedarf es der Unterstützung eines erfahrenen Neurologen oder Schmerztherapeuten.
Naturheilkundliche Therapieansätze
Neben der konventionellen Therapie gibt es auch naturheilkundliche Therapieansätze, die zur Linderung der Beschwerden beitragen können.
Naturheilkundliche Ansätze:
- Hydro- und Thermotherapie: Trockenbürsten, Igelballmassagen, Wassertreten, kalte Unterschenkelgüsse, ansteigende Teilbäder, Lehmpackungen.
- Ernährung und Vitamine: Ovolaktovegetabile Vollwertkost, Reduktion tierischer Produkte, basische Ernährung, Ausgleich von Vitaminmängeln (B1, B12, Folsäure), Alpha-Liponsäure.
- Ordnungstherapie: Diskussion über Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel, Alkoholkonsum, Stressbewältigung.
Langfristige Perspektiven und Lebensqualität
Polyneuropathien beeinflussen für gewöhnlich die Lebenserwartung nicht direkt, jedoch kann die Lebensqualität durch Symptome wie Schmerzen, verminderte Mobilität und die damit verbundene erhöhte Sturzgefahr eingeschränkt sein.
Strategien für ein aktives Leben trotz Polyneuropathie:
- Regelmäßige Bewegung und Physiotherapie: Um die Symptome zu lindern und die Mobilität zu erhalten.
- Ausgewogene Ernährung: Um den Körper optimal zu versorgen.
- Gegebenenfalls Substitution von Vitaminen: Bei nachgewiesenem Mangel.
- Anpassung des Alltags: Beseitigung von Sturzfallen, Verwendung von Hilfsmitteln.
- Achtsamkeit und Körperwahrnehmung: Um den Körper besser zu verstehen und auf seine Bedürfnisse einzugehen.
- Teilnahme am sozialen Leben: Um die Lebensqualität zu erhalten und Isolation zu vermeiden.
- Grad der Behinderung feststellen lassen: Um finanzielle Unterstützung und Nachteilsausgleiche zu erhalten.
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