Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die sich durch anfallsartige, oft einseitige und pulsierende Kopfschmerzen äußert und das Leben der Betroffenen erheblich einschränken kann. Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) bietet einen ganzheitlichen Ansatz zur Behandlung von Migräne, der darauf abzielt, die zugrunde liegenden Ursachen zu beheben und das innere Gleichgewicht wiederherzustellen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der TCM-Therapie bei Migräne, einschließlich Akupunktur, Ernährung, Lebensstil und anderer naturheilkundlicher Maßnahmen.
Einführung in die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)
Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ist eine über 2000 Jahre alte ganzheitliche Heilmethode aus China. Sie basiert auf dem Konzept des Qi, der Lebensenergie, die durch Meridiane oder Energiebahnen im Körper fließt. Ein Ungleichgewicht oder Stau dieser Energie kann zu Krankheiten und Beschwerden führen. In der TCM wird Migräne als Syndrom diagnostiziert und behandelt, das auf einen Energiestau (Yang) im Körper zurückzuführen ist. Diese Blockaden entstehen oft durch Stress, konstitutionelle Schwächen oder emotionale Belastungen. Die TCM umfasst verschiedene Verfahren wie Akupunktur, chinesische Ernährung, Bewegung (z. B. Qigong, Tai Chi) und Kräutertherapie, um das Gleichgewicht von Yin und Yang wiederherzustellen und den Fluss des Qi zu harmonisieren. Im Rahmen der TCM wird oft auch Hilfe zur Selbsthilfe vermittelt, z. B. Stressbewältigung.
Yin und Yang in der TCM
In der TCM gehen wir von zwei wesentlichen Polen aus: Yin und Yang. Dieser Rhythmus kann einen Tag dauern oder wie in den Jahreszeiten ein Jahr (Yang steht für Sommer und Yin für den Winter). Auch wir Menschen tragen diese zwei Pole in uns. Yin steht für alles Substantielle in uns, z. B. Knochen, Haare, Körpersäfte usw. - alles was wir an uns sehen und anfassen können. Yang steht für Energie, Kraft und Wärme, die wir fühlen können, wenn wir sie haben oder nicht. Anfassen oder sehen können wir den Yang-Aspekt nicht, lediglich die Auswirkungen.
Akupunktur als zentrale Therapieform bei Migräne
Die Akupunktur ist ein circa 4.000 Jahre altes Verfahren aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), welches bei verschiedenen Beschwerden eingesetzt wird. Das Grundprinzip beruht auf der Vorstellung, dass sich durch das Einstechen der winzigen Nadeln der gestörte Energiefluss im Körper normalisiert. Bei der klassischen chinesischen Akupunktur zur Vorbeugung von Migräne werden Nadeln aus Stahl, Silber oder Gold auf bestimmte Linien (Jing luo) gesetzt, durch welche die Lebensenergie fließt. Der Akupunkteur sticht die Nadeln senkrecht oder schräg ein - anschließend kann er diese drehen, senken oder anderweitig stimulieren.
Viele Personen mit Migräne nehmen während der Kopfschmerz-Attacken wiederholt Medikamente ein. Die Hoffnung besteht bei der Akupunktur darin, dass Migräne oder andere Kopfschmerzen weniger häufig auftreten und die Schmerzintensität sinkt. Dadurch müssen im Idealfall auch weniger Arzneien eingenommen werden. Laut Experten ist genau das möglich.
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Varianten der Akupunktur
Der Akupunkteur kann die Methode auch etwas abwandeln:
- Wärme: Mithilfe eines chinesischen Heilkrauts, das zu einer Zigarre gepresst wurde, wird die Akupunkturnadel erwärmt.
- Strom: Der Therapeut verbindet die eingestochene Akupunkturnadel mit einem Stimulationsgerät und reizt mit geringer Stromstärke.
- Druck: Als Ergänzung oder Unterstützung bieten viele Akupunkteure auch eine Massage der Akupunkturpunkte an, um die Energie zum Fließen zu bringen.
Neben der traditionell chinesischen Akupunktur gibt es bei Migräne und anderen Kopfschmerzen auch die sogenannte Sham-Akupunktur (Scheinakupunktur). Bei dieser Methode werden die Nadeln nicht direkt auf die klassischen Akupunkturpunkte gesetzt und auch nicht so tief in die Haut gestochen. Stattdessen platziert der Therapeut die Nadeln an anderen Stellen.
Was gilt es im Vorfeld einer Akupunkturbehandlung zu beachten?
Bevor du einen Akupunkteur aufsuchst, solltest du folgende Dinge klären:
- Diagnose: Du hast die Bestätigung, dass du an Migräne oder Spannungskopfschmerzen leidest, von einem Arzt erhalten. Das ist wichtig, denn wenn du beispielsweise Cluster-Kopfschmerzen hast, kann eine Akupunktur sogar auslösend wirken.
- Innere Haltung: Am besten ist es, du glaubst an die Effekte einer Akupunktur. Wenn du hingegen der Meinung bist, dass es sowieso nichts bringt, wird sich eventuell kein Erfolg einstellen.
- Experten finden: Bei der Akupunktur kann viel falsch gemacht werden. Such dir daher einen Fachmann, der sich mit TCM nachweislich auskennt, also eine Weiterbildung oder ein Diplom vorweisen kann. Für dich als Laie ist es schwer nachvollziehbar, ob du wirklich richtig akupunktiert wirst.
Wirksamkeit der Akupunktur bei Migräne
Viele Betroffene schwören zur Vorbeugung von Migräne-Attacken auf die Heilkraft der Akupunktur. Tatsächlich nimmt die Migräne-Häufigkeit auch nach wissenschaftlichen Erkenntnissen oft in der ersten Zeit nach einer Akupunkturbehandlung ab. Allerdings ist eine Scheinakupunktur (manche Mediziner sprechen auch von einer Placebo-Behandlung) genauso wirksam. Im Klartext: Es gilt als wissenschaftlich gesichert, dass Akupunktur einen Nutzen in der Prophylaxe der episodischen Migräne bringt. Dieser Erfolg stellt sich auch dann ein, wenn Migräne-Patienten gar nicht mit der traditionellen chinesischen Akupunktur behandelt werden, sondern mit einer Scheinakupunktur. Ob die Akupunktur auch bei chronischer Migräne hilft, ist wissenschaftlich noch nicht ausreichend untersucht. Auch gibt es Hinweise darauf, dass die Akupunktur nur Menschen hilft, die ihr grundsätzlich positiv gegenüberstehen.
Akupunkturpunkte bei Migräne
Welche Akupunkturpunkte bei Migräne gewählt werden, ist unterschiedlich. Der Therapeut macht sich im Idealfall erst einmal ein genaues Bild der Erkrankung. Er prüft dabei, an welchen Energiebahnen seines Patienten er Blockaden erkennen kann und setzt dementsprechend die Nadeln an verschiedene Punkte. Häufig sind beispielsweise die Gallen- oder Leberleitbahnen betroffen. In der TCM gibt es sogenannte Funktionskreise, die verschiedenen Organen zugeordnet sind und den Körper teilweise oder ganz durchziehen. Die Stimulation durch die Nadeln soll den Körper in einen harmonischen Zustand versetzen - chinesische Gelehrte sprechen vom inneren Gleichgewicht Ying und Yang. Gestaute Energie wird wieder ins Fließen gebracht, was Überschüsse und Mängel ausgleicht. Wichtig: Die Nadeln sollten während der Anwendung nicht stören, sodass der Patient voll entspannen kann. Probier einfach aus, ob die Akupunktur dir gut tut.
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Vor- und Nachteile der Akupunktur im Vergleich zu Medikamenten
Akupunktur kann eine wirksame Möglichkeit sein, Migräne vorzubeugen. Vorteil ist, dass du nicht mit Nebenwirkungen zu rechnen brauchst. Wenn die Behandlung nicht anschlägt, kannst du einfach etwas anderes probieren. Der Nachteil der Akupunktur besteht darin, dass sie nicht bei jedem Patienten anschlägt. Zudem bezweifeln einige Experten, dass sie wirklich einen Effekt hat. Beispielsweise unterstellen sie den Studien, dass die Teilnehmer schon im Vorfeld von der Methode überzeugt waren und daher eine vorurteilsfreie Bewertung kaum möglich war. Ein weiteres Manko der Akupunktur: Im Akutfall, also während einer Migräne-Attacke, kann sie nicht helfen. Eine medikamentöse Prophylaxe birgt hingegen immer das Risiko für unerwünschte Nebenwirkungen, da Patienten über einen längeren Zeitraum Arzneimittel einnehmen müssen. Auch kann sie bei manchen wirkungslos bleiben.
Kosten und Dauer der Akupunktur bei Migräne
Akupunktur gegen Migräne oder spannungsbedingte Kopfschmerzen wird derzeit nicht von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Dies liegt unter anderem daran, dass die Wirksamkeit der Akupunktur gegenüber einer Nichtbehandlung zwar nachgewiesen, gegenüber einer Scheinakupunktur jedoch nicht bestätigt ist. Personen mit Migräne müssen die Kosten je Sitzung von 30 bis 70 Euro also in der Regel selbst bezahlen. Bei der Akupunktur der Migräne wird üblicherweise zwei Mal pro Woche für 20 bis 30 Minuten therapiert. Im Durchschnitt stellen sich die ersten Erfolge nach circa sieben bis acht Sitzungen ein.
Was ist nach der Akupunkturbehandlung zu beachten?
Sollten nach einem Behandlungszyklus kaum Verbesserungen eingetreten sein, kann ein weiterer Zyklus folgen. Bei erfolgreicher Akupunktur empfehlen Therapeuten, nach einigen Monaten mit wenigen Sitzungen aufzufrischen.
Die Rolle der Ernährung in der TCM-Migränebehandlung
Die Ernährung spielt eine entscheidende Rolle bei der Behandlung von Migräne in der TCM. Die TCM betrachtet den Körper als ein System, in dem die Organe und ihre Funktionen eng miteinander verbunden sind. Eine unausgewogene Ernährung kann zu Störungen in diesem System führen und Migräneanfälle auslösen oder verstärken.
Ernährungsempfehlungen nach TCM-Diagnose
In der TCM haben wir den Vorteil, Kopfschmerzen sehr fein differenzieren zu können. Die Ernährungsempfehlung richtet sich nach diesen Kriterien. Natürlich wäre es wunderbar ein Lebensmittel zu haben, das wie ein Aspirin wirkt. Der Stangensellerie ist kühl, süß, etwas bitter, beeinflusst die Funktionskreise Leber und Magen. Er wirkt Hitze kühlend und die Aktivität des Funktionskreises Leber besänftigend, das Qi absenkend, den Magen kräftigend, diuretisch und Blutungen stillend. Bei Kopfschmerzen aufgrund von blockiertem Qi ist die Kumquat geeignet. Sie ist warm vom Temperaturverhalten, beeinflusst die Funktionskreise von Lunge, Magen und Leber. Sie reguliert das Qi, kann Stasen auflösen und Schleim umwandeln. Kumquats haben von November bis maximal April Saison. Wer zu Le-Qi-Stagnation mit Kopfschmerz neigt, hat in dieser Zeit ein schnelles Hausmittel, sich der lästigen Kopfschmerzen zu entledigen. Je nach Lokalisation, nach Schmerzcharakter und nach Anlass wird die Ernährungsempfehlung ganz unterschiedlich ausfallen.
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Spezifische Ernährungsempfehlungen bei verschiedenen Migräne-Formen
- Stirnkopfschmerz: Weist eine Beziehung zur Funktion des Magens und der Milz auf. Wenn der Schmerz dumpf ist, handelt es sich um einen Mi-Qi/Yang-Mangel, eventuell bereits mit einer Feuchtigkeitsretention. Der Mi-Qi/Yang-Mangel zeigt sich in einer begleitenden Müdigkeit und Antriebslosigkeit. Hinzu kommt Verdauungsschwäche wie Aufstoßen, unverdaute Nahrungsreste im Stuhl, evtl. eine Neigung zur Inappetenz. Da die Nahrung über die Milz transformiert wird, ist hier eine Ernährungsempfehlung das Mittel der Wahl, um eine langfristige Besserung zu erreichen. Die Milz braucht Wärme und wird durch gekochte Speisen gestärkt. Das Qi der Milz wird durch die natürliche Süße des vollen Getreides gestärkt. Viele Getreidesorten wirken neutral oder kühlend auf den Körper. Sie erhalten ihre leichte Wärme durch den Kochvorgang.
- Kopfschmerz vom Nacken aufsteigend: Ist meist von steifen Schultern und angestrengter Abgespanntheit begleitet und kann nach der TCM verschiedene Ursachen haben. Ist Du 14 schmerzhaft und findet eine Besserung durch das Hinlegen statt, liegt ein Mangel vor. Müdigkeit und Kopfschmerz am Morgen sind ein Hinweis auf Ni-Qi-Mangel, bei Blut- und Yin-Mangel wird der Kopfschmerz am Nachmittag stärker (oft auch Scheitelregion). Bei einer Schwäche des Nieren-Yang ist der Schmerz oft dumpf und auch mittig am Kopf vorhanden.
- Seitlicher Kopfschmerz: Hat seine Beziehung zur Gallenblase, der Schläfenkopfschmerz des Weiteren zum San Jiao und der „Deckel abhebende“ Kopfschmerz den Bezug zum aufsteigenden Leber-Yang, da der innere Verlauf der Leber-Leitbahn zum Vertex aufsteigt und sich mit Du 20 Bai Hui trifft. Zu diesem Kopfschmerz kann noch Schwindel hinzukommen. Der Schmerz kann wandernd, fixiert und stechend, einseitig oder beidseitig auftreten, was jeweils eine Variante in der Lebensmittel-Empfehlung mit sich bringt.
Lebensmittel, die bei Migräne gemieden werden sollten
Sowohl in der westlichen als auch in der östlichen Medizin sind sich die Experten einig, dass Veränderungen im Lebensrhythmus Migräneanfälle auslösen und dass regelmäßige Mahlzeiten helfen, Migräneanfällen vorzubeugen. Nach den Regeln der chinesischen Diätetik sind für Migränepatienten sehr scharf gewürzte Speisen (viel Knoblauch, Chili, Pfeffer) oder Alkohol (insbesondere Rotwein, Sekt) nicht so günstig, da sie das Leber-Yang nach oben steigen lassen. Aber auch andere Nahrungsmittel können bei bestimmten Patienten Trigger für Migräne sein. Dazu gehören Hartkäse, Schokolade und Speisen, die Glutamat, Nitrat/Nitrit oder eine hohe Menge an Histamin enthalten. Und wieder andere Nahrungsmittel wirken nicht direkt wie Migräneauslöser, sondern erhöhen insgesamt die Anfälligkeit für Migräne, deshalb profitieren manche Patienten von einer glutenfreien oder zuckerreduzierten Ernährung.
Weitere TCM-Therapien und Lebensstil-Anpassungen
Neben Akupunktur und Ernährung gibt es weitere TCM-Therapien und Lebensstil-Anpassungen, die bei der Behandlung von Migräne hilfreich sein können.
Chinesische Kräutertherapie
Chinesische Arzneikräuter sind sehr effektiv in der Lage, entweder Defizite zu stützen, Hitze zu kühlen oder Stagnationen zu lösen und das sogenannte tan (Schleim/Pituita) aus dem Körper zu entfernen.
Bewegung und Entspannungstechniken
Fast alle Menschen, die ich mit Migräne sehe, sind sehr sensitiv und es tut ihnen gut, über Meditation, Qigong/Taiji oder andere Entspannungstechniken ihr Nervensystem besser regulieren zu können. So können bei Migräne Akupressur, verschiedene Entspannungstechniken wie Progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training helfen, Spannungszustände im Körper zu lindern, die Migräne und andere Kopfschmerzen begünstigen können. Eine regelmäßige sportliche Betätigung fördert Durchblutung und Stressabbau. Nicht zuletzt sorgt ausreichender und vor allem regelmäßiger Schlaf für die nötige Regeneration.
Identifizierung und Vermeidung von Triggerfaktoren
Wichtig ist es auch, die Triggerfaktoren zu kennen, die Migräne oder Spannungskopfschmerzen auslösen. Häufig sind es Schlafmangel, Stress, Verspannungen.
Mikronährstoffe
Auch eine ausreichende Versorgung mit lebensnotwendigen Mikronährstoffen kann vorbeugend wirken. Bei Migränepatienten hat sich herausgestellt, dass sie oft niedrige Werte von Vitamin B2, (Riboflavin), Coenzym Q10 und Magnesium haben, die sehr wichtig für den Energiestoffwechsel im Gehirn sind. Kapseln, die ausreichend hoch dosiert sind, haben sich in der Prophylaxe der Migräne als hilfreich erwiesen, sollten aber über längere Zeit eingenommen werden.
Schulmedizinische Aspekte und Selbsthilfe
Insbesondere als Akuttherapie hat eine ärztlich begleitete Schmerzmedikation schon vielen Patienten Erleichterung verschafft. Verschiedene Wirkstoffgruppen stehen rezeptfrei zur Verfügung, wie z.B. Ibuprofen, Diclofenac, Acetylsalicylsäure und Paracetamol. Diese sind teilweise auch mit einander kombiniert, manche Präparate enthalten ergänzend Coffein. Bei Migräne ist zusätzlich die Einnahme von Triptanen eine Möglichkeit, wobei manche Wirkstoffe in geringer Menge auch ohne Rezept in der Apotheke erhältlich sind.