Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der allein in Deutschland über 18 Millionen Menschen betroffen sind. Sie äußert sich in heftigen, meist einseitigen und pulsierenden Kopfschmerzen, die von Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet werden können. Die Suche nach wirksamen Behandlungsmethoden ist für viele Betroffene ein langer und oft frustrierender Weg. Dabei rücken neben medikamentösen Ansätzen auch alternative Behandlungsmethoden und insbesondere die Ernährung zunehmend in den Fokus.
Migräne: Eine Volkskrankheit mit vielfältigen Ursachen
Es existieren über 200 verschiedene Arten von Kopfschmerzen. Migräneattacken sind durch einseitige, pochende Kopfschmerzen gekennzeichnet. Während dieser Phase ist an Bewegung kaum zu denken und das Bedürfnis nach Ruhe und Dunkelheit ist ausgeprägt. Es können Begleitbeschwerden auftreten, welche bei jedem Betroffenen unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Was eine solche Migräneattacke auslöst, kann bei jedem Betroffenen unterschiedlich sein. Schlafmangel, Stress, Menstruation, sowie zu wenig, oder falsches Essen können die sogenannten Triggerpunkte darstellen.
Die genauen Ursachen von Migräne sind noch nicht vollständig erforscht. Klar ist jedoch, dass eine genetische Veranlagung eine Rolle spielt. Bei Migränepatienten scheint die Reizverarbeitung im Gehirn anders zu funktionieren, was zu einer Art "Hochspannung" führt. Bestimmte Triggerfaktoren können dann eine Attacke auslösen.
Selten führt ein Trigger allein zu einer Attacke. „Oft ist bei Migräne die ‚Schwankung‘ das Problem und der Auslöser von Attacken“, sagt Dr. Myriam Schwickert-Nieswandt von der Migräne- und Kopfschmerzpraxis Wiesbaden. Fachleute unterscheiden bis zu 400 Arten von Kopfschmerzen.
Medikamentöse und alternative Behandlungsansätze
Viele Menschen, die unter Kopfschmerzen leiden, greifen schnell zu Medikamenten wie Aspirin, Ibuprofen oder Paracetamol, um die Symptome zu unterdrücken. Wer eine Migränediagnose erhalten hat, bekommt häufig auch Triptane verschrieben. Dabei handelt es sich um spezielle Medikamente gegen Migräne. Viele Betroffene, die bereits Triptane eingenommen haben, berichten von starker, anhaltender Müdigkeit, Schwindel und allgemeiner Schwäche. Aus diesen Gründen sowie der Angst vor möglichen Nebenwirkungen, einer Medikamentenunverträglichkeit oder dem Wunsch nichts unversucht zu lassen, greifen Betroffene zu alternativen, medikamentenfreien Behandlungsmethoden. Ein häufiger Grund dafür ist auch, dass Medikamente erst bei einer bereits eingetretenen Migräneattacke eingenommen werden.
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Im Internet findet sich eine Vielzahl von alternativen Behandlungsmethoden. Beispiele dafür sind Akupressur, Chiropraktik, Diäten, Elektrostimulation, Hypnose, Kältetherapie, Homöopathie, Sauna, Zahnbehandlung, Yoga und viele mehr. Viele Betroffene probieren einiges aus, bevor sie ihren eigenen Therapieweg finden. Akupunktur ist ein spannungslösendes Verfahren, bei dem dünne Nadeln an bestimmten Punkten auf der Haut eingestochen werden. Diese traditionelle, chinesische Heilmethode soll allerdings nicht nur bei Kopfschmerzen helfen, sondern auch andere körperliche Leiden lindern, erklärt Akupunkteurin Anja Staudt. Es treten jedoch auch Stimmen auf, welche sich gegen eine solche Behandlung aussprechen. Gerade bei dem sogenannten „Migräne-Piercing“, welches am Ohr angebracht wird, ist die Wirksamkeit stark umstritten.
Ernährung als Schlüssel zur Migräneprophylaxe?
Was wäre, wenn sich auch Migräne mit der richtigen Ernährung bekämpfen ließe? Bestimmte Nahrungsmittel vom Speiseplan verbannen, andere gezielt essen - Kopfschmerzen einfach wegessen? So leicht ist es leider nicht.
Bestimmte Nahrungsmittel können bei manchen Menschen Kopfschmerzen mit auslösen. Als Beispiele nennt Dr. Hartmut Göbel, ärztlicher Direktor der Schmerzklinik Kiel, den sogenannten Hot-Dog-Kopfschmerz, ausgelöst durch zu hohe Nitratspiegel. Nitrat kommt etwa in Wurst und Fleischwaren vor. Ebenfalls Kopfschmerz auslösen kann ein zu hoher Glutamatspiegel im Blut etwa durch Geschmacksverstärker in Gewürzen: das sogenannte „China-Restaurant-Syndrom“. Solche Stoffe und alkoholische Getränke können auch bei Personen, die nicht zu Migräne neigen, Kopfschmerzen auslösen.
Kopfschmerz-Expertin Dr. Myriam Schwickert-Nieswandt zufolge gehört Rotwein zu den wenigen Lebensmitteln, bei denen ein bewiesener Zusammenhang mit Migräne besteht. „Migräne-Betroffene sollten ihre individuellen Reaktionen auf Lebensmittel beobachten“, findet Schwickert-Nieswandt. Auch wenn es aus medizinischer Sicht keine pauschale Migräne-Diät für alle Betroffenen gibt. Eine ausgewogene Ernährung mit frischen, vollwertigen Produkten und wenig Fertiggerichten, Wasser, ungesüßtem Tee und wenig Zucker, wie es auch Gesunden empfohlen wird, scheint den Fachleuten zufolge für Migränekranke besonders zuträglich. Viele Argumente sprechen laut Schwickert-Nieswandt außerdem für eine Ernährung, die reich an Omega-3-Fettsäuren ist, die beispielsweise in Nüssen, Leinsamen, Chiasamen und Fisch zu finden sind.
Die ketogene Ernährung im Visier
Ernährungskonzepten wie der ketogenen Diät, bei der die Zufuhr an Kohlenhydraten etwa aus Brot, Kartoffeln oder Nudeln stark reduziert wird, zugunsten von ausgewählten Fetten und Proteinen, stehen sowohl Göbel als auch Schwickert-Nieswandt skeptisch gegenüber. Dr. Caroline Jagella, Chefärztin in der Neurologie der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein im Taunus, geht hingegen davon aus, dass eine ketogene Ernährung auch bei Migräne helfen könnte. Die Annahme: Durch die hohen Fett- und Proteinanteile soll der Blutzuckerspiegel konstant bleiben. Jagella verweist auf mehrere aktuelle Studien, die eine positive Wirkung auf den Krankheitsverlauf vermuten lassen. Es gelte herauszufinden, wer auf die ketogene Diät anspricht und welche Form des Ernährungskonzepts im Alltag praktikabel und erfolgreich sein kann, so Jagella. „Ich habe von Patienten bislang gute Rückmeldungen erhalten.
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Die ketogene Diät: Funktionsweise und potenzielle Risiken
Bei ketogener Ernährung handelt es sich um eine kohlenhydratarme Diät. Die ketogene Diät ist aber keine nicht unbedingt reine Low-Carb-Diät, sondern oft eher eine Low-Carb-High-Fat-Diät (wenig Kohlenhydrate, viel Fette), bei der die eingesparten Kohlenhydrate bewusst durch einen vermehrten Konsum von Fetten ausgeglichen werden. Solche fettreichen Diäten kommen vor allem in der Behandlung von Epilepsie zum Einsatz. Achtung! Die ketogene Diät ist nicht mit einer Low-Carb-Diät gleichzusetzen. Die Low-Carb-Diät setzt vor allem auf eine eiweißreiche Ernährung und erlaubt bis zu 120 g Kohlenhydrate pro Tag.
Was passiert aber nun im Körper, wenn der Kohlenhydratanteil der Nahrung so rapide eingeschränkt wird? Der Körper ist, um seine Organe und speziell das Gehirn weiter mit Energie zu versorgen, gezwungen andere Reserven zu nutzen. In der Leber werden dann also die vielen über die Nahrungsaufnahme zugeführten Fette in Ketonkörper umgewandelt, die dann alternativ zu Kohlenhydraten bzw. Glukose von den Organen und dem Gehirn als Energiequelle genutzt werden können.
Die "Keto-Grippe": Eine unangenehme Begleiterscheinung
Die Umstellung auf eine ketogene Ernährung beinhaltet eine drastische Umstellung des Stoffwechsels, was nicht ohne Nebenwirkungen einhergeht. Typische Begleiterscheinungen sind häufig ein veränderter Mundgeruch, Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen, Müdigkeit, teils auch Übelkeit oder Erbrechen. Die Keto-Grippe ist die Reaktion des Körpers auf die Verwendung von Fetten zur Herstellung von Ketonen. Dieser Prozess bringt Ihren Körper durcheinander, weshalb Sie sich krank fühlen können, wenn Sie in einen Zustand der Ketose eintreten. Es ist auch erwähnenswert, dass die Keto-Grippe kein Phänomen ist, über das man in wissenschaftlichen Abhandlungen oder medizinischen Fachzeitschriften lesen kann. Diese Symptome sind jedoch nicht erfunden, sondern treten häufig auf, wenn die Kohlenhydratzufuhr deutlich reduziert wird.
In dieser Phase wechselt Ihr Körper von der Verwendung von Kohlenhydraten als Energiequelle zur Verwendung von Fett, um Ketonkörper zu produzieren. Während dieser Zeit wird auch der Insulinspiegel gesenkt, wodurch Ihre Nieren Überstunden machen müssen. Zu den weiteren Ursachen der Keto-Grippe gehören vorübergehend niedrige Blutzuckerwerte aufgrund der reduzierten Zucker- und Kohlenhydratzufuhr sowie Mineralstoffmängel und Veränderungen im Elektrolythaushalt.
Um diese Symptome zu lindern, sollten Sie darauf achten, dass Sie genügend Ballaststoffe zu sich nehmen. Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist ein Eckpfeiler der ketogenen Ernährung. Dies ist besonders zu Beginn der ketogenen Ernährung wichtig, da Mineralstoffverluste während der Anpassungsphase nicht ungewöhnlich sind.
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Studienlage zur ketogenen Diät bei Migräne
Ketogene Diäten haben sich u. a. bei Epilepsien bewährt. An einem therapeutischen Nutzen bei Epilepsie gibt es kaum Zweifel - allerdings gilt das vorrangig für die Behandlung von Epilepsiepatienten im Kindesalter.
Allerdings gibt es Fallbeispiele, die davon berichten, dass eine ketogene Diät zu völliger Schmerzfreiheit geführt habe. Der amerikanische Arzt Strahlman berichtet in der Fachzeitschrift Headache von seiner Frau, die seit Kindesalter an starker Migräne litt. Weder Medikamente noch Veränderungen in der Ernährung oder dem Lebensstil brachten einer Linderung der Beschwerden. Die entscheidende Veränderung trat nach ihrer zweiten Schwangerschaft ein: Aufgrund von Übergewicht durch die Schwangerschaft begann sie eine kohlenhydratarme, aber proteinreiche Diät unter ärztlicher Aufsicht. Strahlman berichtet, dass seine Frau bereits zu Beginn der Ketose vollkommen schmerzfrei war.
Strahlman wollte mit seinem Beitrag dazu anregen, die Forschung hinsichtlich der Wirkung von einer ketogenen Diät bei Migräne weiter voranzutreiben, da er aufgrund seiner persönlichen Erfahrung überzeugt davon war, dass diese Ernährungsumstellung der Grund für die Beschwerdefreiheit seiner Frau war. Allerdings gibt es keine Studien, die diese Annahme hinreichend unterstützen, auch wenn es im Internet eine Reihe von Ratgebern und persönlichen Erfolgsberichten gibt.
San Francisco - Wer sich extrem kohlenhydratarm ernährt, könnte damit Entzündungsreaktionen im Gehirn vermindern. Wie Forscher der University of California berichten, könnte der zugrunde liegende Mechanismus möglicherweise auch medikamentös simuliert werden. In Nature Communications veröffentlichten die Wissenschaftler um Raymond Swanson entsprechende Ergebnisse. Bei einer ketogenen Diät werden die Kohlenhydratanteile in der Ernährung durch eine höhere Fett und Proteinzufuhr substituiert. Im Körper werden dann vor allem Fette in Form von Ketonkörpern zur Energiegewinnung herangezogen. Aus Tierversuchen wussten die Forscher, dass ketogene Ernährungsweisen Entzündungsparameter senken können.
Die Rolle von Neurotransmittern und Histamin
Immer wieder als Auslöser für Migräne werden jedoch Lebensmittel genannt, die Histamin und Tyramin enthalten. Hierbei handelt es sich um sogenannte Neurotransmitter - Signalüberträger, die Informationen von einem Ort zum anderen schicken. Diese sind in einer Vielzahl von Lebensmitteln enthalten und sollten gemieden werden, wenn diese als Auslöser in Betracht kommen. Hierbei gibt es einige Überschneidungen zu Lebensmitteln, die Tyramin enthalten, wie gereifter Käse, Wurst, Wein und sauer eingelegtes Gemüse (gerade in Essig).
Die Bedeutung von Regelmäßigkeit und einem stabilen Blutzuckerspiegel
Ein gleichmäßiger konstanter Blutzuckerspiegel hält die Nervenfunktion adäquat aufrecht. Diäten, Hungerphasen, das Auslassen von Mahlzeiten sind ungünstig. Regelmäßiges Essen von komplexen Kohlenhydraten ist wichtig und hat sich in der klinischen Praxis bewährt. Insbesondere ist ein kohlenhydratreiches Frühstück notwendig, da über Nacht keine Energie aufgenommen wurde. Häufig treten Migräneattacken in den frühen Morgenstunden aus dem Schlaf heraus auf.
Leichter zu beantworten als was man essen sollte, ist das Wie: nämlich regelmäßig. „Das Migräne-Gehirn liebt Regelmäßigkeit und Routinen“, weiß Dr. Myriam Schwickert-Nieswandt. Sie rät zu einer „Rhythmisierung des Alltags“ mit regelmäßigen Mahlzeiten. „Eine gute Balance zwischen Anspannung und Entspannung wirken vorbeugend“, ergänzt sie. Regelmäßiger Ausdauersport sowie Entspannungstraining in den schmerzfreien Phasen wirkt Studien zufolge ebenfalls vorbeugend.
Personalisierte niedrig-glykämische Ernährung als vielversprechender Ansatz
Mit der niedrig-glykämischen Ernährung versucht man den Blutzucker möglichst niedrig und stabil zu halten. Denn es wurde gezeigt, dass unser Zuckerstoffwechsel und insbesondere starke Blutzuckerschwankungen eine Rolle bei der Entstehung von Migräneattacken spielen. Im Umkehrschluss kann eine Ernährung, die den Blutzucker eher niedrig-stabil hält, Migräneanfällen vorbeugen, indem Energiedefizite vermieden werden.
Die Migräne-App auf Rezept sinCephalea Migräneprophylaxe bietet dir die Gelegenheit mittels eines Glukosesensors die Reaktionen deines Blutzuckers auf gewisse Mahlzeiten und Lebensmittel zu testen. Denn jeder Mensch reagiert individuell auf die gleichen Lebensmittel und so kannst du für dich herausfinden, wie du deine Ernährung mit kleinen, aber effektiven Änderungen anpassen kannst.