Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Sie ist eine neurologische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen kann. Oftmals geht Migräne mit Angstzuständen einher, wodurch ein Teufelskreis aus Schmerz und Furcht entsteht. Dieser Artikel beleuchtet die Zusammenhänge zwischen Migräne, Angst und unterdrückten Gefühlen und zeigt Wege auf, wie man diesen Kreislauf durchbrechen kann.
Die Verbindung zwischen Migräne und Angst
Sowohl Migräne als auch Angstzustände können die Lebensqualität erheblich mindern. Angstzustände können Minuten oder Stunden andauern und körperliche Beschwerden verursachen. Laut der amerikanischen Migräne-Stiftung leiden bis zu 30 Prozent aller Menschen im Laufe ihres Lebens an einer Angststörung. Eine Angststörung wird durch das Ausmaß bestimmt, in dem sich die Sorgen auf die tägliche Funktionsfähigkeit auswirken. Migräne und Angst sind beides Erkrankungen, die zyklisch auftreten können.
Der Teufelskreis aus Angst und Migräne
Angstzustände können einen Migräneanfall auslösen, und Migräneanfälle können zu Angstzuständen führen, die wiederum zu mehr Migräneanfällen führen, was letztendlich wieder zu mehr Angstzuständen führt. Angstgefühle können auch Schlaflosigkeit verursachen, was wiederum einen Migräneanfall auslösen kann.
Stress als Auslöser
Stress wird von Patienten mit Abstand am häufigsten als Auslöser (Triggerfaktor) von Migräne genannt. Vor allem Belastungen im Beruf, aber auch Druck in der Freizeit sind Gründe, weshalb sich Befragte der Studie oft gestresst fühlen. Dabei fällt auf, dass eine Migräneattacke bei vielen Patienten meist nicht während der akut stressigen Situation auftritt, sondern erst in der nachfolgenden Entspannungsphase. Da die Erholung oft mit dem lang ersehnten Wochenende zusammenfällt, bezeichnen Mediziner diese Art von Migräne auch als „Wochenendmigräne“.
Cortisol-Spiegel und Migräne
In emotional belastenden Situationen reagiert der Körper, indem er vermehrt das Hormon Cortisol ausschüttet. Dieses hat eine dämpfende Wirkung auf das Immunsystem und wird in der Medizin deshalb häufig auch zur Hemmung von Entzündungen verwendet. Mediziner vermuten, dass Schwankungen im Cortisol-Spiegel dafür verantwortlich sind, dass beim Nachlassen von Stress eine Migräne eintreten kann. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Menschen am Wochenende einen anderen Schlafrhythmus haben. Für Migräne-Patienten ist das ebenfalls ein möglicher Trigger. Nicht das absolute Stressniveau entscheidet, ob sich eine Migräne durch Stress anbahnt, sondern die Veränderung des Stressniveaus.
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Stress: Ein subjektives Empfinden
Stress meint einen körperlichen Spannungszustand, der durch verschiedene Reize (wie die Angst, etwas nicht zu schaffen) ausgelöst werden kann. Der Körper versetzt sich in Alarmbereitschaft, indem er den Herzschlag beschleunigt, die Muskeln anspannt und die Durchblutung im Gehirn erhöht. Eigentlich sind das nützliche Reaktionen des Körpers, um akut die Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Nimmt der Stress jedoch überhand und/oder bleibt er über einen längeren Zeitraum bestehen, kann er uns krankmachen. Wann diese Belastungsgrenze erreicht ist, ist dabei von Mensch zu Mensch unterschiedlich und hängt von vielen Faktoren ab - unter anderem von der Persönlichkeit oder dem erlernten Umgang mit Stresssituationen. Stress ist folglich ein sehr subjektives Empfinden, was die Untersuchung von seelischen Ursachen bei Migräne nicht unbedingt erleichtert. Gerade weil Stress für jeden etwas anderes bedeutet, ist es also wichtig, dass du deine individuellen Stressfaktoren ausfindig machst.
Die Angst vor der Migräne
Die ständige Angst vor der Migräne begleitet viele Patienten und belastet die Psyche. Denn die heftigen Kopfschmerzen, gepaart mit Übelkeit oder visuellen Störungen, werden oftmals zur Qual. Das kann soweit führen, dass die Betroffenen direkt nach einer überstandenen Migräne-Attacke Ängste entwickeln, dass bald eine neue ins Haus steht. In einer Untersuchung kam heraus, dass die Ängste umso größer sind, je häufiger Migräne-Attacken auftreten. Daher kann Angst durchaus als Triggerfaktor für Migräne fungieren. Durch die Empfindung gerät der Körper in eine Stresssituation, was wiederrum zu den Kopfschmerzen führt. So entwickeln sich Ängste oftmals zur selbsterfüllenden Prophezeiung: Sie lösen einen derartigen Stress aus und belasten die Psyche, sodass eine Migräne-Attacke tatsächlich eintritt. Bei manchen Personen entstehen aus den Ängsten psychische Erkrankungen. Bei diesen Angststörungen nimmt die Furcht übermäßige Ausmaße an, die Betroffenen leiden unter Panikattacken oder Phobien. Weitere Zusammenhänge bestehen zu Depressionen und bipolaren Störungen.
Unterdrückte Gefühle als Ursache
Gedanken und Gefühle können Schmerzen verstärken oder abschwächen. Gedanken wie "das bereitet mir Kopfzerbrechen" und unterdrückte Gefühle à la "mir sitzt die Angst im Nacken" können sogar per se eine psychische Ursache von Schmerzen darstellen. Dabei führen durch Gedanken oder Gefühle ausgelöste Muskelanspannungen zu Kopfschmerzen, die wiederum Verspannungen verstärken - ein regelrechter Teufelskreis.
Die Rolle der Psychosomatik
Grundsätzlich sind Kopfschmerzen keine psychosomatische Erkrankung, aber psychische und soziale Aspekte haben einen Einfluss auf den Kopfschmerz.
Strategien zur Bewältigung von Migräne und Angst
Als jemand, der mit chronischer Migräne lebt, habe ich festgestellt, dass vorbereitet sein mir hilft, meine Ängste abzubauen, aber auch zu akzeptieren, dass ich alles weitere nicht kontrollieren kann. Das Schwierigste an der Migräne ist für mich das Unbekannte. Um mich vorzubereiten, sorge ich dafür, dass meine Medikamente in ausreichender Menge vorhanden sind. Ein weiterer Tipp, der mir hilft, ist, offen und ehrlich mit den Menschen in meinem Umfeld zu sein. Wenn ich die Leute über meine Krankheit in Kenntnis setze, zeigen sie mehr Verständnis. Es ist mir dann auch weniger peinlich, Ruhepausen einzulegen. Auch die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) kann bei Angstzuständen hilfreich sein. KVT befasst sich mit Ihren Denk- und Verhaltensmustern.
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Lebensstiländerungen
Schlafmangel, schlechte Ernährung, Veränderungen in Ihrer Routine und Stress können einen Migräneanfall auslösen und Angstgefühle und -zustände verstärken. Versuchen Sie, die folgenden Gewohnheiten in Ihr tägliches Leben zu integrieren:
- Besserer Schlaf: Halten Sie sich an einen einheitlichen Schlafrhythmus, auch am Wochenende. Versuchen Sie, ähnliche Schlaf- und Aufwachzeiten einzuhalten.
- Gesunde Ernährung: Achten Sie auf eine gesunde Ernährung, damit Ihr Körper psychische und physische Schmerzen erfolgreich bekämpfen kann. Bevorzugen Sie frische, vollwertige Lebensmittel, um versteckte Trigger zu vermeiden.
- Sport und Dehnung: Bewegung kann die Endorphin-Ausschüttung erhöhen und Stresshormone senken, Dehnübungen können verspannte Muskeln lockern. Gemäßigter Ausdauersport kann prophylaktisch wirken und wird auch oft betrieben in schmerzfreien Zeiten. Während einer Attacke ist sportliche Betätigung nicht möglich.
- Meditation und kontrollierte Atmung: Erfordern zwar etwas Übung, können aber wirksam bei der Vorbeugung und Bewältigung von Angstzuständen und Migräne sein.
Mentale Strategien
Für mich war es ein großer mentaler Kampf, mir eine positive Einstellung zu bewahren. Wenn ich jeden Tag mit Dankbarkeit betrachte, reduziere ich die Angst vor dem, was ich nicht kontrollieren kann. Die Wahrnehmung meiner Schmerzen und meines Lebens ist stark abhängig von meinem mentalen Zustand. Die Gedanken daran, wann oder wie meine nächste Migräne auftreten wird, machen mir Angst, also vermeide ich es, darüber nachzudenken. Wenn Sie zulassen, dass sich Ihre Emotionen aufstauen, kann dies Ihre Angst verstärken und zu einer Migräneattacke führen. Wenn ich mich selbst unter Druck setze und meine Symptome ignoriere, kann dies eine emotionale Reaktion auslösen.
Umgang mit Symptomen und Emotionen
Wenn Sie Ihre Symptome erkannt haben, achten Sie auf Ihre Emotionen und versuchen Sie, Folgendes umzusetzen:
- Bleiben Sie ruhig, wenn wegen einer Situation oder eines Ereignisses Angstgefühle aufkommen.
- Seien Sie nicht so streng mit sich selbst: Feiern sie kleine Erfolge und erkennen Sie diese an. Bestrafen Sie sich nicht für Fehler oder mangelnde Fortschritte.
- Seien Sie flexibel, aber versuchen Sie trotzdem, eine gewisse Routine beizubehalten. Passen Sie Ihre Erwartungen in Stressphasen an.
- Planen Sie Übergangsphasen ein (z. B. zusätzliche Zeit am Morgen, wenn es Ihnen schwerfällt, sich fertig zu machen).
Zusätzliche Tipps gegen die Migräne-Angst
- Mehr Gelassenheit: Versuch, dein Leben nicht komplett nach deinen Ängsten zu gestalten. Wenn du Verabredungen absagst oder auf jede kleine Sünde verzichtest, weil du Angst vor Migräne hast, leiden Sozialleben und die Lebensqualität. Das führt wiederum zu Verspannungen und Unzufriedenheit. Stattdessen ist es ratsam zu lernen, mit den Triggern umzugehen und sich ihnen in kleinen Dosen immer mal wieder auszusetzen. So besteht die Chance, dass sich dein Körper daran gewöhnt.
- Entspannungsübungen: Um die Angst vor Migräne zu bewältigen, lassen sich die gleichen Techniken wie zum Stressabbau verwenden. Entspannungsverfahren wie autogenes Training, aber auch Yoga oder Meditationen stehen zur Auswahl. Eine weitere Möglichkeit besteht in der Achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction - MBSR). Studien haben bestätigt, dass das Programm zur Stressbewältigung helfen kann, mit der Krankheit besser umzugehen und Stress, Angst und Depressionen zu reduzieren.
Professionelle Hilfe
Warten Sie nicht damit, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, vor allem, wenn Sie Ihre Symptome nicht allein in den Griff bekommen. Im Rahmen einer Psychotherapie kann Stressmanagement erlernt werden. Das umfasst im Endeffekt auch die Veränderung des Lebensstils, sodass Kopfschmerzen seltener auftreten. So gilt es beispielsweise bei Migränepatienten auf ausreichend Schlaf und einen regelmäßigen Tag-Nacht-Rhythmus zu achten. Zudem müssen Patienten lernen, Grenzen zu setzen, Nein zu sagen, Ärger oder Wut zu kommunizieren sowie Unterstützung einzufordern und anzunehmen. Mit Patienten, die einen problematischen Schmerzmittelkonsum entwickelt haben, können die Reduktion der Medikamenteneinnahme erarbeitet und nicht-medikamentöse Behandlungsoptionen eingeführt werden. Wenn du ständig Angst vor Migräne hast oder gar Panik entwickelst, scheu dich nicht und such unbedingt einen Arzt auf. Es gibt eine Vielzahl an Therapien, die zur Behandlung infrage kommen. Dazu gehören zum Beispiel Psycho- und Verhaltenstherapien oder auch Medikamente. Weiterhin kann es hilfreich sein, sich vertraute Personen zu suchen, um über deine Unsicherheiten zu sprechen. Zusätzlich stehen spezielle Stressbewältigungskurse zur Verfügung, wo die psychosomatischen Ursachen deiner Migräne identifiziert werden und in denen du Verfahren kennenlernst, um stressigen Situationen gelassener zu begegnen.
Was Migränepatienten nicht hören wollen
- Migräne ist eine neurologische Erkrankung und entsteht nicht durch ein stressiges Leben.
- Migräne ist eine eigenständige primäre Erkrankung und nie das Symptom einer anderen Erkrankung! Betroffene sind weder arbeitsunwillig, psychisch krank noch suchen sie nach Aufmerksamkeit.
- Migräne ist eine eigenständige neurologische Erkrankung, die nicht durch Allergien bedingt ist. Auch besteht keine Vergiftung im Körper, nichts muss ausgeleitet, entschlackt oder entsäuert werden. Diäten sind wirkungslos. Wichtig ist vielmehr eine vollwertige Mischkost, die ausreichend Kohlenhydrate enthalten sollte.
- Tipps dieser Art sind zwar gut gemeint, für Betroffene aber eher ein Ärgernis, denn hilfreich. Würde man einem Patienten mit Beinbruch raten, sich ein Hobby zu suchen, um damit die Heilung zu beschleunigen? Wenn es denn so einfach wäre.
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