Spiegelneuronen-Schaltkreise: Die Grundlage von Empathie und sozialem Verständnis

Unser Gehirn macht uns zu sozialen Wesen. Diese Erkenntnis verdanken wir italienischen Neurowissenschaftlern, die in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts eher durch Zufall auf die Entdeckung der Spiegelneuronen stießen. Diese speziellen Nervenzellen ermöglichen es uns, die Handlungen, Emotionen und sogar Schmerzempfindungen anderer beinahe so zu erleben, als würden wir sie selbst ausführen. Die Erforschung der Spiegelneuronen hat unser Verständnis von Empathie, sozialer Interaktion und sogar der Evolution der Sprache revolutioniert.

Die zufällige Entdeckung der Spiegelneuronen

Die Geschichte der Spiegelneuronen beginnt in den 1990er Jahren in Parma, Italien. Die Forscher um Giacomo Rizzolatti untersuchten im Gehirn von Rhesusaffen Nervenzellen, die körperliche Bewegungen steuern. Dabei entdeckten sie, dass bestimmte Zellen nicht nur aktiv waren, wenn ein Affe nach einem Leckerbissen griff, sondern auch, wenn das Tier lediglich beobachtete, wie einer der Forscher es tat. Diese unerwartete Beobachtung führte zur Identifizierung der sogenannten Spiegelneuronen.

Weitere Tests ergaben, dass auch Menschen Spiegelneuronen besitzen. Diese Nervenzellen bewirken, dass wir die Handlungen anderer beinahe so erleben, als würden wir sie selbst ausführen. Die Aktionen, die wir beobachten, regen dieselben Schaltkreise an, die unsere eigenen Bewegungen begleiten. So kommt es, dass ein Fußballfan unwillkürlich zuckt, wenn er seinem Lieblingsstürmer zusieht, oder dass ein Tanzschüler sich die Schritte von seinem Lehrer abschauen kann, ohne jede einzelne Bewegung genau analysieren zu müssen.

Die Funktionsweise der Spiegelneuronen

Spiegelneuronen generieren eine "Als-ob-Schleife" im Gehirn. Sie ahmen Bewegungen und Muster nach und aktivieren entsprechende Nervenbahnen. Die eingehenden Informationen erhalten im limbischen System, das als "Gefühls-Gehirn" gilt, eine Art emotionale Signatur. Die eben noch neutral wahrgenommenen Bewegungen und Verhaltensabläufe werden mit Gefühl eingefärbt.

Die Spiegelneuronen sind nicht nur auf die Wahrnehmung von Handlungen beschränkt. Sie reagieren auch auf Emotionen, Tasteindrücke oder Schmerzempfindungen. Christian Keysers, der vier Jahre lang im Labor des Spiegelneuronen-Entdeckers Giacomo Rizzolatti in Parma geforscht hat, zeigt anhand zahlreicher Beispiele, dass das "Spiegelsystem" des Gehirns uns nicht nur Handlungen anderer Menschen nahebringt, sondern auch Emotionen, Tasteindrücke oder Schmerzempfindungen. Der Autor erklärt, weshalb wir intuitiv ein echtes von einem aufgesetzten Lächeln unterscheiden können, er skizziert, was Spiegelneuronen zur Evolution der menschlichen Sprache beigetragen haben könnten und zur Ausbildung einer "natürlichen Ethik".

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Spiegelneuronen und Empathie

Die Entdeckung der Spiegelneuronen hat unser Verständnis von Empathie revolutioniert. Empathie besteht im Wortsinne darin, nahezu das Gleiche zu fühlen, zu erleiden und zu erleben, das ein anderer fühlt. Die neuronalen Netzwerke im Gehirn feuern in ähnlichen Erregungsmustern - unabhängig davon, ob man Freud und Leid nur beobachtet oder selbst die entsprechenden Erfahrungen macht.

Seelisches und körperliches Leid liegen auch im Mitleid nah beieinander. Die Psychologen Naomi Eisenberger und Matthew Liebermann konnten zeigen, dass Probanden, die in einem Video ansehen mussten, wie Menschen aus einer Gruppe ausgeschlossen wurden, in ihren Aktivitätsmustern im Gehirn so reagierten, als ob sie den Schmerz der Ausgrenzung körperlich spürten; ihre neuronalen Schaltkreise feuerten ähnlich.

Spiegelneuronen und soziale Interaktion

Spiegelneuronen spielen eine zentrale Rolle bei sozialen Interaktionen und deren Störungen. Sie ermöglichen es uns, die Handlungen anderer vorauszusehen und zu verstehen, in welcher Absicht sie ausgeführt werden. So schließt jeder menschliche Beobachter aus Umfeld und Art des Zugriffs, ob eine Tasse angefasst wird, um zu trinken oder um sie wegzuräumen.

Die Aktivität von Spiegelneuronen wird durch den Wert moduliert, den die beobachtete Handlung für den Beobachter hat. Wenn der Affe eine schmackhafte Belohnung für das Betrachten der Handlung in Aussicht hatte, zeigten viele Spiegelneurone weitaus stärkere beobachtungsbedingte Reaktionen. War dieselbe Handlung hingegen mit einer weniger schmackhaften Belohnung verbunden, so waren die Reaktionen typischerweise deutlich schwächer.

Spiegelneuronen und Lernen

Spiegelneuronen helfen uns, durch Imitation von anderen zu lernen. Menschen, Schimpansen, aber auch Singvögel, die ihre Lieder von älteren Artgenossen abkupfern, bilden hier die berühmte Ausnahme von der Regel. Unser Gehirn nutzt das Spiegelneuronensystem zur Imitation, es könnte aber früher eine andere Funktion gehabt haben.

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Schon der Besuch von Tanzaufführungen trainiert unser Gehirn und unsere Muskeln aufs Tanzen: Obwohl der Zuschauer ruhig auf seinem Stuhl sitzt, spielt sich in ihren Muskeln die gleiche elektrische Aktivität ab wie bei den Tänzern selbst. Die Gehirnregionen, die die tanztypischen Armbewegungen steuern, sind bei regelmäßigen Ballettbesuchern zudem stärker erregbar und aktiver als bei Zuschauer-Neulingen.

Spiegelneuronen und Sprache

Eine weitere These besagt, dass unsere Fähigkeit zur Sprache auf den Spiegelneuronen aufbauen könnte - die Hirnareale, die für Sprache zuständig sind wie etwa das Broca-Areal, liegen nämlich genau in dem Bereich, der bei Makaken dem Areal F5 entspricht. Beide Thesen sind aber bislang bloße Spekulation.

Spiegelneuronen und Autismus

Einige Forscher vermuten, dass bei Autisten die Spiegelneurone nicht gut funktionieren. Typisch für Autisten ist ja, dass sie Blicke und Gesten nicht richtig deuten können und beispielsweise aufgeschmissen sind, wenn nur belanglos Smalltalk geredet wird. Während dieses kognitive Einfühlungsvermögen bei Autisten kaum ausgeprägt ist, sind sie hingegen sehr wohl zu affektiver Empathie in der Lage und fühlen Schmerz und Leid mit.

Kritik an der Spiegelneuronen-Theorie

Die Spiegelneuronen-Theorie ist nicht unumstritten. Kritiker bemängeln, dass die Beweislage für die Existenz von Spiegelneuronen beim Menschen noch unvollständig ist. Denn anders als beim Makaken kann man beim Menschen meist nicht invasiv nach Neuronenaktivitäten fahnden. Die meisten Studien zu Spiegelneuronen greifen darum auf Kernspin- oder EEG-Bilder zurück. Deren Ergebnisse aber sind ungenau und lassen keine eindeutigen Schlüsse zu.

Auch wenn die Versuche mit Makaken zeigen, dass bestimmte Neurone feuern, während die Affen andere bei einer Handlung beobachten, bedeutet das nicht automatisch, dass beide Aktivitäten in Zusammenhang stehen. Bislang konnte niemand experimentell nachweisen, dass die Tiere, die untersucht wurden, tatsächlich die gesehenen Aktionen bewerteten oder verstanden haben.

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Die Bedeutung der Spiegelneuronen für die Psychotherapie

Emotionale Resonanzvorgänge sind ein zentrales Thema in der Psychotherapie, und zwar in zweifacher Hinsicht. Zum einen sind sie Gegenstand der Therapie, zum anderen kommen sie von Therapeutenseite als Arbeitsmethode ins Spiel. Probleme im Umgang mit Gefühlen gehören zu den wichtigsten Motiven, warum Patienten psychotherapeutischen Rat suchen. Mit Blick auf die Spiegelungsfähigkeit kann das Problem eines Patienten in einem "Zu wenig", in einem "Zu viel" oder in einer unausgewogenen Balance der emotionalen Spiegelungsfähigkeit liegen.

Psychotherapeutinnen und -therapeuten können dem Patienten nur dann wirklich hilfreich sein, wenn sie über eine hinreichende intuitive Wahrnehmung verfügen, mit der sie die innere Situation der Patientin beziehungsweise des Patienten "lesen" können. Die vom Patienten im Therapeuten ausgelöste innere Resonanz (die sogenannte "Gegenübertragung") lässt den Therapeuten spüren, was den Patienten bewegt und welche Wünsche, Ängste oder sonstigen Gefühle ihn beseelen.

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