Mirtazapin bei Multipler Sklerose: Einsatz, Wirkung und mögliche Nebenwirkungen

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-neurologische Erkrankung, die das zentrale Nervensystem betrifft und zu vielfältigen Bewegungsstörungen führen kann. Die Behandlung von MS ist komplex und zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. In diesem Zusammenhang rückt die Rolle von Antidepressiva, insbesondere Mirtazapin, in den Fokus.

Bewegungsstörungen bei Multipler Sklerose

Bei Schädigung oder Dysfunktion des Nervensystems können Bewegungsstörungen auftreten. Die Art der Störung hängt von der Art und Lokalisation der Schädigung oder Fehlfunktion ab. Neurologische Bewegungsstörungen umfassen beispielsweise Multiple Sklerose und die Parkinson-Krankheit. Bewegungsstörungen sind klinische Syndrome mit einem Übermaß oder einem Mangel an willkürlichen und unwillkürlichen Bewegungen, die nicht mit Schwäche oder Spastik zusammenhängen. Dazu gehören extrapyramidale Symptome (Akathisie, Spätdyskinesien, Dystonie und Parkinsonismus), aber auch ein breites Spektrum an Störungen wie Tremor, Tics bis hin zu Bruxismus. Die MS-bedingte Ataxie - auch ataktische Bewegungsstörung genannt - bezeichnet Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen. Das Zusammenspiel verschiedener Muskeln - vor allem der Arme und Beine, seltener des Rumpfes - ist beeinträchtigt. Feinmotorische, zielgerichtete Bewegungen, wie sie in vielen Alltagssituationen gebraucht werden, sind eingeschränkt. Dazu gehören zum Beispiel das sichere Greifen eines Glases, das Zähneputzen, das Ankleiden, Arbeiten im Haushalt und Tätigkeiten am Arbeitsplatz. Betrifft die Ataxie die Beine, wird der Gang unsicher und breitbeinig. Sturz- und Stolpergefahr sind erhöht. Tremor, eine Form ataktischer Bewegungsstörungen, bezeichnet das gleichmäßige Zittern eines Körperteils oder des gesamten Körpers.

Antidepressiva und Bewegungsstörungen

In seltenen Fällen können Bewegungsstörungen durch Antidepressiva ausgelöst werden. Der genaue Mechanismus des Zusammenhangs zwischen extrapyramidalen Symptomen und Antidepressiva ist bisher nicht vollständig bekannt. Das Risiko variiert zwischen verschiedenen Antidepressiva und Antidepressiva-Klassen. In einer Studie wurde ein potenzieller schädlicher Zusammenhang bei der Einnahme von u. a. Mirtazapin, Vortioxetin, Amoxapin, Phenelzin, Tryptophan, Fluvoxamin, Citalopram, Paroxetin, Duloxetin, Bupropion, Clomipramin, Escitalopram, Fluoxetin, Mianserin, Sertralin, Venlafaxin und Vilazodon beschrieben. Es gilt daher, Patientinnen und Patienten auf Warnzeichen hin zu überwachen.

Mirtazapin: Einsatz und Wirkung

Mirtazapin ist ein Antidepressivum, das zur Behandlung von Depressionen eingesetzt wird. Es wirkt, indem es die Konzentration bestimmter Botenstoffe (Noradrenalin und Serotonin) im Gehirn erhöht. Diese Botenstoffe spielen eine wichtige Rolle bei der Stimmungsregulation. Mirtazapin kann auch bei Schlafstörungen und Angstzuständen helfen, was bei MS-Patienten von Vorteil sein kann, da diese Symptome häufig auftreten.

Ein Anwender berichtete, Mirtazapin in Ergänzung zu Cipralex einzunehmen, abends vor dem Einschlafen 15 mg. Dies führte zu einer starken Wirkung. Mirtazapin wurde verschrieben, als sich der Anwender in einer tiefen Depression befand. Während eines vollstationären Aufenthalts wurde eine höhere Dosierung verabreicht, die half, die Depression zu überwinden und Probleme anzugehen und zu lösen.

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Mirtazapin bei Multipler Sklerose: Mögliche Vorteile

  • Stimmungsaufhellung: Depressionen sind bei MS-Patienten häufig. Mirtazapin kann helfen, die Stimmung zu verbessern und depressive Symptome zu lindern.
  • Schlafverbesserung: Schlafstörungen sind ebenfalls ein häufiges Problem bei MS. Mirtazapin kann die Schlafqualität verbessern und zu einem erholsameren Schlaf beitragen.
  • Angstlösung: Angstzustände können bei MS auftreten und die Lebensqualität beeinträchtigen. Mirtazapin kann helfen, Angstgefühle zu reduzieren.
  • Schmerzlinderung: Mirtazapin kann auch eine schmerzlindernde Wirkung haben, was bei MS-Patienten mit chronischen Schmerzen von Vorteil sein kann. Es wurde von einem Anwender über einen Zeitraum von etwa einem Jahr als Kombinationsbehandlung bei Schmerzen und Depressionen eingenommen und als ziemlich problemlos empfunden. Auch das spätere Ausschleichen wurde als unproblematisch in Erinnerung behalten.

Mögliche Nebenwirkungen von Mirtazapin

Wie alle Medikamente kann auch Mirtazapin Nebenwirkungen verursachen. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören:

  • Gewichtszunahme: Dies ist eine häufige Nebenwirkung von Mirtazapin, die für einige Patienten problematisch sein kann. Ein Anwender berichtete, dass die Gewichtszunahme am meisten störte, auch wenn das Umfeld dies begrüßte. Für jemanden, der latent magersüchtig war, war dies jedoch heftig.
  • Müdigkeit: Mirtazapin kann Müdigkeit und Schläfrigkeit verursachen, insbesondere zu Beginn der Behandlung.
  • Mundtrockenheit: Mundtrockenheit ist eine weitere häufige Nebenwirkung, die zu Problemen mit der Zahngesundheit führen kann.
  • Schwindel: Schwindel kann auftreten, insbesondere beim Aufstehen aus dem Sitzen oder Liegen.
  • Verstopfung: Verstopfung ist eine weitere mögliche Nebenwirkung.

Es ist wichtig zu beachten, dass nicht jeder Patient Nebenwirkungen erfährt und dass die Nebenwirkungen von Person zu Person unterschiedlich sein können.

Mirtazapin und das Restless-Legs-Syndrom (RLS)

Einige Medikamente können die Symptomatik des Restless-Legs-Syndroms verstärken. Antidepressiva wie Mirtazapin, Citalopram, Paroxetin, Venlafaxin oder andere selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SSRI) können die Symptomatik potenziell verschlechtern, werden aber auch teilweise gegen begleitende depressive Beschwerden bei Betroffenen eingesetzt. Bei der Therapieeinführung ist auf eine Veränderung der Symptomatik zu achten. Bupropion, Trazodon, Nefazodon und Doxepin gelten als verträglicher bei RLS. Ein übermäßiger Bewegungsdrang kann auch durch ein medikamentös ausgelöstes Serotonin-Überstimulationssyndrom ausgelöst sein. Dies tritt bei Überdosierungen von serotonergen Medikamenten wie SSRI, selektiven Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (SSNRI), Monoaminooxidase-Hemmern, Tramadol oder Linezolid auf.

Dosierung von Mirtazapin

Die übliche Anfangsdosis von Mirtazapin beträgt 15 mg pro Tag. Die Dosis kann je nach Bedarf auf bis zu 45 mg pro Tag erhöht werden. Es ist wichtig, die Anweisungen des Arztes genau zu befolgen und die Dosis nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt zu ändern.

Wichtige Hinweise zur Einnahme von Mirtazapin

  • Mirtazapin sollte nicht plötzlich abgesetzt werden, da dies zu Entzugserscheinungen führen kann. Die Dosis sollte schrittweise reduziert werden, um das Risiko von Entzugserscheinungen zu minimieren. Ein Anwender äußerte den Wunsch, Antidepressiva schnell auszuschleichen, war aber der Meinung, dass man sie für einen begrenzten Zeitraum nehmen kann.
  • Mirtazapin kann die Wirkung von Alkohol verstärken. Es ist daher ratsam, während der Einnahme von Mirtazapin auf Alkohol zu verzichten.
  • Mirtazapin kann das Reaktionsvermögen beeinträchtigen. Patienten sollten daher vorsichtig sein, wenn sie Auto fahren oder Maschinen bedienen.
  • Informieren Sie Ihren Arzt über alle Medikamente, die Sie einnehmen, einschließlich rezeptfreier Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel, da es zu Wechselwirkungen kommen kann.

Clomipramin als Alternative bei Multipler Sklerose

Calgary - Clomipramin, ein älteres trizyklisches Antidepressivum, kann möglicherweise die Behandlung der primär progredienten Verlaufsform der Multiplen Sklerose unter­stützen. Präklinische Studien in Nature Communications (2017; doi: 10.1038/s41467-017-02119-6) zeigen, dass der Wirkstoff die Nervenzellen vor toxischen Schäden durch Eisen schützt und die Immunreaktion, die der Autoimmunerkrankung zugrunde liegt, abschwächt. Während zur Basistherapie der schubförmig verlaufenden Multiplen Sklerose inzwi­schen rund ein Dutzend Medikamente zur Verfügung stehen, gibt es für die progredien­te Form derzeit kaum Therapieansätze. Der CD20-Antikörper Ocrelizumab, der zur Zulassung empfohlen ist, wird das erste Medikament für diese seltene, aber rasch zur Behinderung fortschreitenden Form der Multiplen Sklerose sein. Ein Grund für die schlechtere Prognose ist eine verstärkte Neurotoxizität, zu der neben einer vermehrten Aktivierung der Neuroglia auch die Ablagerung von Eisen beiträgt. Ein Team um V. Wee Yong von der Universität Calgary hat deshalb nach Substanzen gesucht, die Nervenzellen vor dem schädigenden Einfluss von Eisen schützen können. Die Forscher untersuchten zunächst 249 Substanzen auf ihre Fähigkeit, eine eisenindu­zierte Neurotoxizität zu verhindern. Ausgewählt wurden ausschließlich Arzneimittel, die seit Längerem zur Behandlung anderer Erkrankungen zugelassen sind und von denen bekannt war, dass sie eine intakte Blut-Hirn-Schranke überwinden. Diesen ersten Test bestanden 35 Medikamente. Diese wurden dann auf weitere Eigenschaften hin analysiert, die bei der Behandlung der Multiplen Sklerose nützlich sein könnten. Dazu gehört, dass sie Oxidationsschäden an den Mitochondrien verhin­dern und die Aktivität von B-Zellen und T-Zellen vermindern, die für den Angriff auf die Myelinscheiden der Nervenzellen verantwortlich sind, der der Multiplen Sklerose zugrunde liegt. Aus dieser Testserie ging Clomipramin als Sieger hervor. Im nächsten Schritt wurde Clomipramin an Mäusen getestet, bei denen durch Injektion von Allergenen eine experimentelle autoimmune Enzephalomyelitis (EAE) ausgelöst wurde. Clomipramin konnte hier den Verlauf der EAE günstig beeinflussen. Eine Wirkung wurde allerdings nur erzielt, wenn die Forscher die Therapie sofort beim Auftreten der ersten klinischen Anzeichen der Krankheit begannen. Dann kam es anders als bei Tieren, die mit einem Placebo behandelt wurden, zu verminderten Symptomen und Lähmungserscheinungen. Ob Clomipramin auch beim Menschen mit der primär progredienten Form der Multiplen Sklerose wirkt, steht noch nicht fest. Da Clomipramin jedoch seit Längeren zugelassen ist, steht dem Beginn von klinischen Studien nichts im Weg.

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Paroxysmale Symptome bei Multipler Sklerose

Paroxysmale Symptome ist der Sammelbegriff für Beschwerden, die überfallartig, kurz (maximal wenige Minuten), aber wiederkehrend auftreten. Meist handelt es sich um einschießende Schmerzen in einer bestimmten Körperregion, es kann sich aber auch um plötzliche Gefühls-, Sprech- oder Bewegungsstörungen handeln, seltener auch Juckreiz. Das häufigste paroxysmale Symptom ist die MS-bedingte Trigeminusneuralgie, die im Gegensatz zur „normalen Trigeminusneuralgie“ oft beidseitig auftritt. Außerdem werden das Lhermitte-Zeichen und das Uhthoff-Phänomen zu den paroxysmalen Symptomen gerechnet. Paroxysmale Symptome werden durch verschiedene Reize ausgelöst: plötzliche Bewegungs- oder Haltungsänderungen, Sprechen, Lachen, Schlucken, heißes oder kaltes Essen und andere, können aber auch spontan entstehen. Die meisten paroxysmalen Symptome lassen sich gut mit Medikamenten behandeln. Eingesetzt werden Antiepileptika wie Carbamazepin, Gabapentin, Lamotrigin, bei ausgeprägter Wärmeempfindlichkeit (Uhthoff-Phänomen) auch 4-Aminopyridin.

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