Die Mittlere Zone des Rückenmarks: Funktion, Erkrankungen und Diagnostik

Die Amyo­tro­phe Late­ral­skle­ro­se (ALS) ist eine schwe­re Erkran­kung des moto­ri­schen Ner­ven­sys­tems. Bei der ALS kommt es zu einer Dege­ne­ra­ti­on von moto­ri­schen Ner­ven­zel­len (auch Moto­neu­ro­ne genannt), die für die will­kür­li­che Steue­rung der Mus­ku­la­tur ver­ant­wort­lich sind. In der Fol­ge der ALS ent­ste­hen fort­schrei­ten­de Läh­mun­gen (Pare­sen) oder eine unkon­trol­lier­te Mus­kel­an­span­nung (Spas­tik) der Will­kür­mo­to­rik. Für die Betrof­fe­nen stellt sich der Ner­ven­zell­ver­lust als Fort­schrei­ten­de Ein­schrän­kung der Mobi­li­tät der Hän­de, Arme, Bei­ne sowie des Rump­fes und der Zun­ge dar. Im fort­ge­schrit­te­nen Krank­heits­ver­lauf kann es zur voll­stän­digen Läh­mung der Ske­lett­mus­ku­la­tur kom­men. Die ALS zählt daher zu einer der schwers­ten Erkran­kun­gen des Men­schen. Die moto­ri­schen Ner­ven­zel­len (Moto­neu­ro­ne), die bei der ALS Im Ver­lauf weni­ger Jah­re ihre Funk­ti­on ver­lie­ren, befin­den sich im Gehirn und im Rücken­mark. Das ers­te Moto­neu­ron beginnt im Gehirn, sei­ne Ner­ven­fort­sät­ze (Axo­ne) rei­chen bis ins Rücken­mark. Dort haben sie Kon­takt mit den Ner­ven­zel­len des zwei­ten Moto­neu­rons, die durch lan­ge Ner­ven­fort­sät­ze mit der Mus­ku­la­tur ver­bun­den sind.

Anatomie und Aufbau des Rückenmarks

Das Rückenmark (Medulla spinalis) ist ein wesentlicher Bestandteil des zentralen Nervensystems, der sich kaudal an das Gehirn anschließt und im Wirbelkanal der Wirbelsäule liegt. Es ist von den Meningen (Hirnhäuten) umgeben und von einer äußeren Schicht weißer Substanz (Substantia alba) und einem inneren Kern grauer Substanz (Substantia grisea) umgeben. Die graue Substanz enthält die Zellkörper der Neuronen, während die weiße Substanz die myelinisierten Nervenfasern (Axone) enthält, die Informationen zwischen verschiedenen Regionen des Gehirns und des Körpers übertragen.

Die graue Substanz und ihre Zonen

Die graue Substanz des Rückenmarks ist schmetterlingsförmig und besteht aus verschiedenen Zellsäulen bzw. Kerngebieten (Nuclei). Man unterscheidet das Vorderhorn (Cornu anterius), das Hinterhorn (Cornu posterius) und die mittlere Zone (Zona intermedia). Die mittlere Zone verbindet die beiden Hörner und enthält Interneurone, die an der Verarbeitung und Weiterleitung von sensorischen und motorischen Informationen beteiligt sind.

Die graue Substanz enthält ca. 10 Millionen Nervenzellen, die in verschiedenen Laminae (Schichten) angeordnet sind. Diese Laminae werden nach Rexed in zehn Schichten unterteilt, wobei die mittlere Zone typischerweise den Laminae V bis VII entspricht.

Funktionelle Bedeutung der mittleren Zone

Die mittlere Zone des Rückenmarks spielt eine entscheidende Rolle bei der Integration und Modulation von sensorischen und motorischen Signalen. Hier werden Informationen aus verschiedenen Quellen empfangen, verarbeitet und an andere Bereiche des Rückenmarks oder an das Gehirn weitergeleitet.

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  • Interneurone: Die mittlere Zone ist reich an Interneuronen, die Verbindungen zwischen sensorischen und motorischen Neuronen herstellen. Diese Interneurone ermöglichen komplexe Reflexe und koordinierte Bewegungen. Einige Interneurone wirken erregend, andere hemmend, wodurch die Aktivität der motorischen Neuronen fein abgestimmt werden kann.
  • Vegetatives Nervensystem: In der mittleren Zone befinden sich auch Kerngebiete des Sympathicus (Brust- und Lendenmark) und des Parasympathicus sacralis (Sakralmark). Diese Kerngebiete steuern unwillkürliche Funktionen wie Herzfrequenz, Blutdruck, Atmung und Verdauung.
  • Schmerzverarbeitung: Die mittlere Zone ist auch an der Schmerzverarbeitung beteiligt. Hier werden Informationen über Schmerzreize aus dem Körper empfangen und an das Gehirn weitergeleitet. Interneurone in der mittleren Zone können die Schmerzwahrnehmung modulieren, indem sie die Aktivität der Schmerznerven hemmen oder verstärken.

Faserbahnen des Rückenmarks

Das Rückenmark enthält zahlreiche aufsteigende (afferente) und absteigende (efferente) Faserbahnen, die Informationen zwischen dem Gehirn und dem Körper übertragen. Diese Faserbahnen verlaufen in der weißen Substanz des Rückenmarks.

Aufsteigende Bahnen (sensorisch)

  • Hinterstrangbahnen: Diese Bahnen (Fasciculus gracilis und Fasciculus cuneatus) übertragen Informationen über Berührung, Druck, Vibration undPropriozeption (Körperwahrnehmung) vom Körper zum Gehirn. Die Umschaltung auf das zweite Neuron erfolgt im Nucleus gracilis (Goll) bzw. Nucleus cuneatus (Burdach) in der Medulla oblongata.
  • Vorderseitenstrangbahnen: Diese Bahnen (Tractus spinothalamicus anterior und lateralis) übertragen Informationen über Schmerz, Temperatur und grobe Berührung zum Thalamus.
  • Spinozerebelläre Bahnen: Diese Bahnen (Tractus spinocerebellaris anterior und posterior) übertragen Informationen über die Körperhaltung und Bewegung zum Kleinhirn.

Absteigende Bahnen (motorisch)

  • Pyramidenbahn (Tractus corticospinalis): Diese Bahn ist die wichtigste motorische Bahn und steuert die willkürlichen Bewegungen der Skelettmuskulatur. Sie entspringt in der motorischen Hirnrinde und zieht durch den Hirnstamm zum Rückenmark, wo sie sich kreuzt und auf die motorischen Neuronen im Vorderhorn umschaltet.
  • Extrapyramidale Bahnen: Diese Bahnen (z.B. Tractus rubrospinalis, Tractus vestibulospinalis, Tractus reticulospinalis) modulieren die Aktivität der motorischen Neuronen und sind an der Steuerung von Haltung, Gleichgewicht und unwillkürlichen Bewegungen beteiligt.

Erkrankungen des Rückenmarks

Erkrankungen des Rückenmarks können zu einer Vielzahl von neurologischen Symptomen führen, abhängig davon, welcher Bereich des Rückenmarks betroffen ist.

Entzündliche Erkrankungen

Entzündliche Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS) spielen eine zunehmende Rolle in der Neurologie. Entzündliche Erkrankungen können erregerbedingt durch Bakterien, Pilze, Protozoen und Viren sowie nicht erregerbedingt/autoimmun (wie Multiple Sklerose, Vaskulitis) auftreten. Autoimmunologische Prozesse, wenn der Organismus also nicht in der Lage ist, bestimmte Strukturen als körpereigene zu erkennen, können am Nervensystem Entzündungen hervorrufen. Das Immunsystem, das eigentlich krankmachende Einflüsse (wie Bakterien) ausschalten soll, produziert in diesen Fällen Antikörper gegen Gewebestrukturen des eigenen Körpers, zum Beispiel gegen bestimmte Teile des Nervensystems. Häufige Krankheitsbilder durch erregerbedingte Infektionen des Gehirns sind die Neuborreliose und die Gürtelrose. Im Zusammenhang mit immunsuppressiven und immunmodulatorischen Therapien treten Infektionen des ZNS häufig bei immungeschwächten Patienten auf wie die progressive multifokale Leukenzephalopahtie (PML) bei der Multiplen Sklerose. Eine der häufigsten sporadischen Enzephalitiden Westeuropas ist die HerpesSimplex-Virus-Enzephalitis (HSVE). Die Symptome einer HSVE sind Kopfschmerzen, Fieber, quantitative und/oder qualitative Bewusstseinsstörungen. Schon bei dem Verdacht auf eine HSVE muss die antivirale Therapie mit Aciclovir rasch eingeleitet werden. Unbehandelt verläuft sie meist tödlich. Diese Patienten müssen auf einer neurologischen Intensivstation behandelt werden. Auch bei der HSVE gilt „time is brain“. Die häufigsten Fälle einer ambulant erworbenen bakteriellen Meningitis sind Streptokokken (Streptococcus penumoniae), Listerien (Listeria monocytogenes) und Meningokokken (Neisseria meningitidis). Leitsymptome sind Kopfschmerzen, Fieber, Übelkeit und Erbrechen und Meningismus (Nackensteifigkeit). Meningismus kann bei sehr jungen und sehr alten Menschen fehlen. Eine der bekanntesten Autoimmunerkrankungen ist die Multiple Sklerose (MS). Die MS ist eine chronisch entzündliche, demyelinisierende Erkrankung mit axonaler Schädigung des zentralen Nervensystems. Der Erkrankungsbeginn liegt meist im jungen Erwachsenenalter. In Deutschland sind etwa 250.000, in Hessen ca. 8.000 Menschen an MS erkrankt. Die Ursache der MS ist unklar, dennoch legt der therapeutische Erfolg von immunsupprimierenden Therapien, sogenannten verlaufsmodifizierenden Medikamenten, eine autoimmune Pathogenese nahe. Häufige Symptome einer MS sind Sehstörungen, Taubheit, Konzentrationsstörungen, Müdigkeit, Sprechstörungen, Koordinationsschwierigkeiten, Spastik, Blasenstörung, Sexualfunktionsstörung, Sprachstörungen, Schluckstörungen, Doppelbilder. Die MS ist heute aber gut behandelbar und je früher die Diagnose und Therapie begonnen werden, desto besser lässt sich der Verlauf verlangsamen. Ein weiteres Beispiel einer entzündlichen ZNS-Erkrankung ist die Myelitis. Sie ist eine Entzündung des Rückenmarks. Das Rückenmark kann entweder diffus über den gesamten Querschnitt (Querschnittsmyelitis - Myelitis transversa) oder herdförmig betroffen (disseminierte Myelitis) sein. Die Symptome reichen über Muskelschwäche, Lähmungen, spastische Lähmungen, Gefühlsstörungen, Schmerzen, Depressionen und Erschöpfung bis hin zu Fehlfunktionen von Enddarm und Harnblase. Das Guillian-Barré-Syndrom (GBS) gehört zu den eher seltenen ZNS-Erkrankungen. Es ist eine akut oder subakut verlaufende, häufig postinfektiös auftretende Polyradikuloneuritis, die innerhalb von Tagen bis Wochen das Erkrankungsmaximum erreicht. Es kommt zu einer multifokalen Demyelinisierung und/oder axonalen Schädigung der peripheren Nerven und der Rückenmarkwurzeln. Sie ist seit dem Rückgang der Poliomyelitis die häufigste Ursache akuter schlaffer Lähmungen in der westlichen Welt. Die jährliche Inzidenz beläuft sich auf 1-2/100.000. Die Erkrankung kann in jedem Lebensalter auftreten, tritt jedoch häufig nach Infektionen auf, wie Campylobacter jejuni, Mycoplasma pneumoniae, CMV und EBV. Die Gesamtmortalität liegt bei 2-3 Prozent, bei bis zu 20 Prozent bleiben neurologische Defizite zurück. Bei 90 Prozent der Patienten treten initial unspezifische sensible Reizerscheinungen wie Kribbelparästhesien an Füßen und Händen sowie Rückenschmerzen auf, im Anschluss sind schlaffe Lähmungen typisch, die sich innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen von den Beinen zu den Armen ausdehnen, so dass Patienten morgens noch gehen können und abends gelähmt an Beinen und Armen ans Intensivbett gebunden sein können. Aufgrund lebensbedrohlicher Komplikationen einer Dysautonomie und Ateminsuffizienz sollten Patienten immer auf einer neurologischen Intensivstation behandelt werden. Die Bandbreite von Entzündungen des Nervensystems ist sehr breit - die frühe Diagnose und hochdifferenzierte Therapie ist entscheidend für die Prognose der Patienten.

Verletzungen

Verletzungen des Rückenmarks, z.B. durch Unfälle, können zu Querschnittslähmungen führen. Je nachdem, in welcher Höhe das Rückenmark verletzt ist, können unterschiedliche Körperregionen betroffen sein.

Tumore

Tumore im Rückenmark können die Nervenbahnen komprimieren und zu neurologischen Ausfällen führen.

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Degenerative Erkrankungen

  • Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): Die Amyo­tro­phe Late­ral­skle­ro­se (ALS) ist eine schwe­re Erkran­kung des moto­ri­schen Ner­ven­sys­tems. Bei der ALS kommt es zu einer Dege­ne­ra­ti­on von moto­ri­schen Ner­ven­zel­len (auch Moto­neu­ro­ne genannt), die für die will­kür­li­che Steue­rung der Mus­ku­la­tur ver­ant­wort­lich sind. In der Fol­ge der ALS ent­ste­hen fort­schrei­ten­de Läh­mun­gen (Pare­sen) oder eine unkon­trol­lier­te Mus­kel­an­span­nung (Spas­tik) der Will­kür­mo­to­rik. Für die Betrof­fe­nen stellt sich der Ner­ven­zell­ver­lust als Fort­schrei­ten­de Ein­schrän­kung der Mobi­li­tät der Hän­de, Arme, Bei­ne sowie des Rump­fes und der Zun­ge dar. Im fort­ge­schrit­te­nen Krank­heits­ver­lauf kann es zur voll­stän­di­gen Läh­mung der Ske­lett­mus­ku­la­tur kom­men. Die ALS zählt daher zu einer der schwers­ten Erkran­kun­gen des Men­schen. Die moto­ri­schen Ner­ven­zel­len (Moto­neu­ro­ne), die bei der ALS Im Ver­lauf weni­ger Jah­re ihre Funk­ti­on ver­lie­ren, befin­den sich im Gehirn und im Rücken­mark. Das ers­te Moto­neu­ron beginnt im Gehirn, sei­ne Ner­ven­fort­sät­ze (Axo­ne) rei­chen bis ins Rücken­mark. Dort haben sie Kon­takt mit den Ner­ven­zel­len des zwei­ten Moto­neu­rons, die durch lan­ge Ner­ven­fort­sät­ze mit der Mus­ku­la­tur ver­bun­den sind. In Deutsch­land leben 6.000 bis 8.000 Men­schen mit ALS. Die Erkran­kung wird jähr­lich bei etwa 2.000 Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten neu dia­gnos­ti­ziert. Die meis­ten von ihnen sind zwi­schen 50 und 70 Jah­re alt. Das mitt­le­re Alter bei Erkran­kungs­be­ginn liegt bei 60 Lebens­jah­ren. 10 % der Men­schen mit ALS erkran­ken vor dem 40. Lebens­jahr. Die jüngs­ten Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten sind zwi­schen 20 und 30 Jah­re alt. Die Abkür­zung ALS steht für den medi­zi­nischen Begriff „Amyo­tro­phe Late­ral­skle­ro­se“. Die­ser medi­zin­his­to­ri­sche Begriff beschreibt Grund­ele­men­te der Erkran­kung. „Amyo­troph“ lässt sich mit der For­mu­lie­rung „ohne Mus­keln“ über­set­zen. Das Wort „Late­ral­skle­ro­se“ steht für eine „seit­li­che Ver­kal­kung“. Eine freie Über­set­zung des Begrif­fes der Amyo­tro­phen Late­ral­skle­ro­se bedeu­tet „Mus­kel­schwund durch einen Abbau der Sei­ten­strän­ge im Rücken­mark“. Der ALS-Begriff ist damit inhalt­lich nicht „kor­rekt“, aber ein welt­weit ver­bind­li­cher Name der zugrun­de lie­gen­den Erkran­kung. Der wei­te Gebrauch eines his­to­ri­schen Krank­heits­be­grif­fes ist nicht nur für die ALS typisch, son­dern betrifft die gesam­te Medi­zin. Der Begriff „Moto­neu­ron-Erkran­kung“ lässt sich als „Erkran­kung der moto­ri­schen Ner­ven­zel­len“ über­set­zen. „Moto“ steht für das Wort „moto­risch“, wäh­rend das „Neu­ron“ der medi­zi­ni­sche Begriff für „Ner­ven­zel­le“ dar­stellt. Die ALS ist die häu­figs­te Moto­neu­ron-Erkran­kung. Neben der ALS gehö­ren auch ande­re Erkran­kun­gen dazu, die dia­gnos­ti­sche und pro­gnos­ti­sche Unter­schie­de zur ALS-Erkran­kung auf­wei­sen. Die Sym­ptom­ver­tei­lung, der Schwe­re­grad und die Dyna­mik der Sym­pto­m­ent­wick­lung zwi­schen die­sen Erkran­kun­gen sind sehr unter­schied­lich. Für einen Spe­zia­lis­ten oder eine Spe­zia­lis­tin ist die Unter­schei­dung zwi­schen die­sen Dia­gno­sen mög­lich. In bestimm­ten Kli­ni­ken wird der Begriff der „Moto­neu­ron-Erkran­kung“ auch syn­onym für die ALS benutzt, da sie die häu­figs­te Moto­neu­ron-Erkran­kung des Erwach­se­nen­al­ters dar­stellt. Er bezeich­ne­te die Erkran­kung als „Amyo­tro­phe Late­ral­skle­ro­se“. Bereits im Jahr 1850 hat der fran­zö­sische Neu­ro­lo­ge Aran die pro­gres­si­ve Mus­kel­atro­phie (PMA) ent­deckt. Zum dama­li­gen Zeit­punkt ging man davon aus, dass die PMA und ALS unter­schied­li­che Erkran­kun­gen sei­en. Heu­te ist bekannt, dass die PMA eine spe­zi­fi­sche Vari­an­te der ALS dar­stellt. Damit ist die ALS in jedem Fall ohne „Eigen­ver­schul­den“ zu betrach­ten. Bestimm­te Erkran­kun­gen sind mit einem Risi­ko­ver­hal­ten ver­bun­den (z. B. bestimm­te Krebs­er­kran­kun­gen und Herz-Kreis­lauf-Erkran­kun­gen durch Rau­chen, Alko­hol­ge­nuss, kör­per­li­che Inak­ti­vi­tät usw.). Die­se beein­fluss­ba­ren Risi­ko­fak­to­ren lie­gen bei der ALS nicht vor. Die Mehr­heit der Betrof­fe­nen war vor der Dia­gno­se einer ALS gesund und ohne wesent­li­che Vor­er­kran­kun­gen. Die ALS tritt daher ohne Vor­bo­ten auf. Die Mehr­heit der Betrof­fe­nen erkrankt im Alter zwi­schen fünf­zig und sech­zig Lebens­jah­ren. Män­ner und Frau­en sind fast glei­cher­ma­ßen betrof­fen: das männ­li­che Geschlecht über­wiegt gering­gra­dig (1,5:1). Unter­su­chungs­se­ri­en zei­gen, dass Men­schen mit ALS vor Erkran­kungs­be­ginn schlan­ker und sport­li­cher sind als ent­spre­chen­de Ver­gleichs­grup­pen. Wei­te­re Stu­di­en haben nach­ge­wie­sen, dass Men­schen mit ALS - in einer sta­tis­ti­schen Betrach­tung - einen höhe­ren Bil­dungs­sta­tus und ein über­durch­schnitt­li­ches Ein­kom­men auf­wei­sen. Ins­ge­samt lässt sich damit kein „Per­sön­lich­keits­pro­fil“ für Men­schen mit ALS fest­le­gen. Somit kann grund­sätz­lich jeder Mensch im Ver­lauf des Lebens an ALS erkran­ken. Die Fra­ge „War­um hat mich die ALS getrof­fen?“ beschäf­tigt fast alle Men­schen mit ALS. Die Sor­ge oder Ver­mu­tung ist jedoch medi­zi­nisch nicht begrün­det: für die ALS lie­gen auch kei­ne Ursa­chen­fak­to­ren vor, die an einen Lebens­stil oder ande­re bio­gra­phi­sche Ereig­nis­se gebun­den sind. Die Fra­ge „War­um ich?“ lässt sich ver­ein­facht so beant­wor­ten, dass die ALS „zufäl­lig“ ent­steht. In Deutsch­land sind ver­mut­lich 6.000 bis 8.000 Men­schen an ALS erkrankt. Die­se Zahl ist eine Annah­me, die auf Stu­di­en­ergeb­nis­se zur Häu­fig­keit der ALS in regio­na­len oder inter­na­tio­na­len Pati­en­ten­re­gis­tern (z. B. Die exak­te Zahl der Betrof­fe­nen ist in Deutsch­land nicht bekannt, da bis­her kein bun­des­wei­tes ALS-Regis­ter besteht. Die Stu­di­en­la­ge in den bis­he­ri­gen Regis­tern zeig­te eine Häu­fig­keit von 8 bis 10 Betrof­fe­nen pro 100.000 Ein­woh­ner. Die Anzahl der Erkrank­ten pro 100.000 Ein­woh­ner wird als ALS-Prä­va­lenz bezeich­net. Davon zu unter­schei­den ist die ALS-Inzi­denz. Die­se Zahl beschreibt die Anzahl der Neu­erkran­kun­gen pro Jahr pro 100.000 Ein­woh­ner. Bei der ALS ist von etwa 1,5 bis 2 Neu­erkran­kun­gen pro 100.000 Ein­woh­ner aus­zu­ge­hen. Damit tre­ten in Deutsch­land 1.200 bis 1.600 Neu­erkran­kun­gen pro Jahr auf. Die ALS tritt mit einer Häu­fig­keit von 10 pro 100.000 Ein­woh­nern auf, so dass die genann­ten Kri­te­ri­en einer sel­te­nen Erkran­kung erfüllt sind. Die­se for­ma­le Ein­ord­nung hat vor allem für die Ent­wick­lung und Zulas­sung von Medi­ka­men­ten eine Bedeu­tung, die in der EU und den USA durch gesetz­li­che Rege­lun­gen geför­dert wer­den. Die ALS gehört mit 10 Betrof­fe­nen pro 100.000 Ein­woh­ner zu den häu­fi­gen Erkran­kun­gen inner­halb der Grup­pe der „sel­te­nen Erkran­kun­gen“. Die gerin­ge Bekannt­heit der ALS ist mit den Beson­der­hei­ten der Erkran­kung ver­knüpft: Auf­grund der Ein­schrän­kung in Mobi­li­tät und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit ist es für die Betrof­fe­nen eine beson­de­re Her­aus­for­de­rung, Öffent­lich­keits­ar­beit zu betrei­ben. Die Anzahl der ALS-Neu­ro­lo­gin­nen und ‑Neu­ro­lo­gen ist in Deutsch­land eben­falls sehr klein, so dass die von den ALS-Zen­tren aus­ge­hen­de gesell­schaft­li­che Akti­vi­tät für eine brei­te Auf­merk­sam­keit noch zu gering ist. Erst ab dem Jahr 2002 ist durch die Erkran­kung des Künst­lers Jörg Immendorff und des Fuß­ball-Bun­des­li­ga­pro­fis Kry­sz­tof Nowak (VfL Wolfs­burg) die ALS in die media­le Öffent­lich­keit gerückt. Gemein­sam mit der Cha­ri­té hat Jörg Immendorff die Öffent­lich­keit gesucht, um in Cha­ri­ty-Aktio­nen, Talk­shows und künst­le­ri­schen Aktio­nen auf die ALS auf­merk­sam zu machen. In den wei­te­ren Jah­ren sind meh­re­re Fern­seh- und Spiel­fil­me ent­stan­den, bei der die ALS ganz im Vor­der­grund stand: „Ster­ne leuch­ten auch am Tag“ (2004), „Hin und weg“ (2014) und „Her­bert“ (2016). Ein wich­ti­ges Ereig­nis war im Som­mer 2014 die inter­na­tio­na­le „Eis­kü­bel-Akti­on“ (eng­lisch: Ice Bucket Chall­enge). Zuguns­ten der ALS-Ambu­lanz der Cha­ri­té haben mehr als 34.000 Spen­de­rin­nen und Spen­der eine Gesamt­sum­me von 1,6 Mil­lio­nen Euro gestif­tet. Neben den drin­gend erfor­der­li­chen Spen­den wur­de auch eine hohe gesell­schaft­li­che Auf­merk­samkeit in den tra­di­tio­nel­len Medi­en (Fern­se­hen, Print-Medi­en) erreicht.
  • Spinale Muskelatrophie (SMA): Eine genetisch bedingte Erkrankung, die zum Verlust von motorischen Neuronen führt.

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