Die Corona-Impfstoffe haben neben ihrer Wirksamkeit auch Fragen zu möglichen Impfreaktionen aufgeworfen. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Verträglichkeit einer Impfung von verschiedenen Faktoren abhängt, einschließlich der individuellen Erwartungshaltung. Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen dem Moderna Impfstoff, Migräne und möglichen Nebenwirkungen, wobei sowohl der Placebo- als auch der Nocebo-Effekt berücksichtigt werden.
Die Rolle der Erwartungshaltung: Placebo- und Nocebo-Effekt
Die Erwartungshaltung spielt eine entscheidende Rolle bei der Verträglichkeit von Medikamenten und Impfungen. Der Placebo-Effekt, bei dem eine positive Erwartungshaltung zu einer tatsächlichen Verbesserung führt, ist allgemein bekannt. Weniger bekannt ist der Nocebo-Effekt, bei dem negative Erwartungen unerwünschte Nebenwirkungen hervorrufen oder positive Wirkungen ausbleiben lassen können.
Der Placebo-Effekt
Der Placebo-Effekt beruht auf komplexen psycho-neurobiologischen Vorgängen im Gehirn. Wenn ein Patient erwartet, dass ein Medikament seine Schmerzen lindert, schüttet das Gehirn schmerzlindernde Substanzen aus, sogenannte körpereigene Opioide. Diese können sogar die Weiterleitung des Schmerzreizes im Rückenmark verändern. Die Wirksamkeit eines Mittels wird verstärkt, wenn Betroffene bereits positive Erfahrungen damit gemacht haben. Es handelt sich dabei um ein Zusammenspiel von direkten biochemischen Effekten und psychischen Effekten.
Der Nocebo-Effekt
Der Nocebo-Effekt kann sich auf zwei Arten äußern: Zum einen können Nebenwirkungen auftreten, die biochemisch nicht zu erklären sind, zum anderen kann eine positive Wirkung ausbleiben, obwohl ein wirksames Medikament verabreicht wurde. Negative Erwartungen, beispielsweise durch das Lesen von Packungsbeilagen, können das Auftreten von Nebenwirkungen verstärken. Dies gilt auch für die Corona-Impfstoffe.
Der Moderna Impfstoff und Kopfschmerzen: Eine Frage des Nocebo-Effekts?
Bereits in den Zulassungsstudien für die Corona-Impfstoffe zeigte sich, dass der Nocebo-Effekt eine Rolle spielt. Bei dem Corona-Impfstoff von Moderna gaben beispielsweise zwei Drittel der Probanden, die den Impfstoff tatsächlich erhalten hatten, an, Kopfschmerzen zu haben. Die Ursachen für diesen Negativ-Effekt sind im Gehirn zu beobachten: Wenn Menschen Schmerzen erwarten, aktivieren sich die Schmerzzentren im Gehirn. Studien weisen darauf hin, dass im zentralen Nervensystem durch negative Erwartungen körperliche Veränderungen angestoßen werden können. Angst vor Schmerzen kann zum Beispiel Opioide blockieren und den Botenstoff Dopamin hemmen.
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Kommunikation ist entscheidend
Ob Placebo- oder Nocebo-Effekt: In beiden Fällen ist die Kommunikation zwischen Medizinern und Patienten entscheidend. Der behandelnde Arzt kann positive Erwartungen und die Zuversicht fördern. Er kann Patienten erklären, dass zehn Prozent der Menschen Nebenwirkungen spüren - oder sie darauf hinweisen, dass 90 Prozent der Patienten das Medikament sehr gut vertragen. Es geht nicht darum, Informationen zu unterschlagen oder zu beschönigen, sondern darum, die Fakten anders zu präsentieren.
Migräne und die COVID-19-Impfung
Viele Betroffene mit Migräne machen sich Gedanken, ob sie sich impfen lassen sollen, da sie Angst vor den Kopfschmerzen nach (Booster-)Impfung haben. Die American Migraine Foundation hat die wichtigsten Fragen zur Covid-19-Impfung in Zusammenhang mit Migräne beantwortet.
Bekannte Wechselwirkungen zwischen Corona-Impfstoffen und Medikamenten
Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass migränespezifische Medikamente die Wirksamkeit des Impfstoffs verringern würden. In den klinischen Studien zum Impfstoff durften die Teilnehmer:innen innerhalb von zwei Wochen vor oder nach der Verabreichung des COVID-Impfstoffs keine anderen Impfstoffe erhalten. Wechselwirkungen mit den monoklonalen CGRP-Antikörper-Behandlungen bei chronischer Migräne wurden daher nicht untersucht. Einige Wissenschaftler vermuten, dass ein theoretisches Risiko besteht, dass die Immunantwort auf den Impfstoff die Wirkung des CGRP-Antikörpers abschwächen könnte. Dafür gibt es aber derzeit keine direkten Nachweise. Daher sollten Patient:innen den Zeitpunkt der CGRP-Injektionen vor und nach der Impfung mit ihren Ärzt:innen besprechen.
Kopfschmerzen nach Booster-Impfung: Die häufigsten Fragen
- Kann ich durch den Impfstoff COVID-19 bekommen? Nein, denn COVID-19-Impfstoffe enthalten keine lebenden Viren und können somit die Krankheit nicht hervorrufen.
- Sollte ich mich lieber nicht impfen lassen, da ich bereits häufig unter Kopfschmerzen & Migräne leide? Es ist richtig, dass bei einer Impfung Nebenwirkungen auftreten können. Dabei handelt es sich jedoch größtenteils um ganz normale Impfreaktionen wie Schmerzen an der Injektionsstelle, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Fieber und Schüttelfrost. Diese Symptome spiegeln die anfängliche Immunantwort des Körpers auf den Impfstoff wider.
- Wenn ich von der ersten Dosis Kopfschmerzen bekomme, sollte ich dann die zweite Dosis auslassen oder verschieben? Alle aktuell zugelassenen Impfstoffe erfordern zwei Dosen, um eine optimale Immunität und einen Schutz gegen eine COVID-19-Infektion zu erreichen.
- Wird der Impfstoff die Wirkung meiner Medikamente blockieren oder können diese Medikamente verhindern, dass der Impfstoff mich vor COVID-19 schützt? Einige Wissenschaftler vermuten, dass ein theoretisches Risiko besteht, dass die Immunantwort auf den Impfstoff die Wirkung des CGRP-Antikörpers abschwächen könnte. Dafür gibt es aber derzeit keine direkten Nachweise. Daher sollten Patient:innen den Zeitpunkt der CGRP-Injektionen vor und nach der Impfung mit ihren Ärzt:innen besprechen.
- Darf ich die als Impfreaktion auftretenden Kopfschmerzen mit Medikamenten behandeln? Treten Kopfschmerzen als Teil der Impfreaktion auf, wird davon abgeraten, vor oder innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Impfung rezeptfreie Medikamente wie Paracetamol, Ibuprofen oder Aspirin einzunehmen. Diese Medikamente können die Immunreaktion auf den Impfstoff verringern.
- Darf ich die Migräne mit meinen üblichen Medikamenten behandeln? Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass migränespezifische Medikamente die Wirksamkeit des Impfstoffs verringern würden.
- Kann der Impfstoff auch bei mir lang anhaltende Kopfschmerzen verursachen? Der Impfstoff kann nicht dazu führen, dass du eine COVID-19-Infektion entwickelst, und wenn du dich nicht impfen lässt, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, an COVID-19 zu erkranken. Und somit eben auch die Möglichkeit, anhaltende Kopfschmerzen und andere Komplikationen zu entwickeln.
Empfehlungen der Schmerzklinik Kiel
Die Schmerzklinik Kiel erhält täglich hunderte Anfragen zu einem möglichen Zusammenhang zwischen einer Impfung gegen Covid-19 und dem Vorgehen bei einer parallel bestehenden Migränebehandlung. Die Klinik gibt folgende Empfehlungen:
- Es gibt aktuell keine Datengrundlage, dass die Migränebehandlung die Wirksamkeit oder Sicherheit der COVID-19-Impfstoffe beeinträchtigt.
- Es gibt bisher keine Daten, die zeigen, dass die durch den Impfstoff gebildeten Antikörper gegen das SARS-CoV-2-Spike-Protein das Medikament Onabotulinumtoxin A unwirksam machen würden.
- Zur Vermeidung additiver Effekte bzgl. der Nebenwirkungen (Summation von Nebenwirkungen beider Arzneimittel) wird ein möglichst großer Abstand zwischen der Impfung gegen Covid-19 und der Gabe von monoklonalen Antikörpern zur Migränevorbeugung empfohlen. Da die Gabe der monoklonalen Antikörper zur Migränevorbeugung in der Regel im Abstand von vier Wochen erfolgt, entspricht dies einem möglichen Abstand von 14 Tagen.
- Treten Kopfschmerzen nach der Impfung auf, können diese mit Aspirin, Ibuprofen oder Paracetamol behandelt werden. Treten Migräneattacken nach der Impfung auf, können diese wie sonst auch mit der empfohlenen Akutmedikation behandelt werden.
Prophylaktische Einnahme von Paracetamol
In den klinischen Zulassungsstudien zum AstraZeneca-Impfstoff wurde die Verwendung von Paracetamol vor der Impfung in allen Studien vorbeugend empfohlen. Den Geimpften wurde empfohlen, nach der Impfung 1000 mg Paracetamol einzunehmen und über 24-Stunden im Intervall von sechs Stunden vorbeugend fortzufahren, um durch den Impfstoff verursachte Nebenwirkungen zu verringern. Es ist daher anzunehmen, dass durch die prophylaktische Verabreichung von Paracetamol Nebenwirkungen wie Fieber und Kopfschmerzen gemildert wurden.
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Post-Vac-Syndrom: Wenn Impfreaktionen anhalten
In sehr seltenen Fällen kann die Corona-Impfung andauernde Krankheitssymptome verursachen, das sogenannte Post-Vac-Syndrom. Nach bisherigem Kenntnisstand tritt ein Post-Vac-Syndrom nur nach 0,01 bis 0,02 Prozent aller Impfungen auf. Das Risiko für ein Post-Vac-Syndrom ist also sehr gering - und trifft laut Expertinnen und Experten genau die Menschen, die sehr wahrscheinlich durch die echte Infektion ähnliche oder noch viel schwerere Symptome bekommen hätten.
Symptome und Ursachen
Die beschriebenen Symptome sind auffallend ähnlich: kognitive und neurologische Störungen, Herz-Kreislauf-Probleme, bleierne Müdigkeit, Kopfschmerzen. Es sind völlig unterschiedliche Krankheitssymptome, die scheinbar gar nichts miteinander zu tun haben. Aber dafür gibt es eine Erklärung: Der Erreger Sars-Cov2 ist neu und die Menschen haben dagegen keine Grundimmunität. Warum es, wie bei Post-Covid, nach der Corona-Impfung zu langandauernden Beschwerden kommt, ist noch nicht klar - daran wird nun geforscht.
Es gibt mehrere Theorien dazu, was bei einem Post-Vac-Syndrom im Körper passiert: Die Marburger Forschenden haben ein Molekül im Visier, das eine wichtige Rolle bei der Blutdruckregulierung spielt: ACE2. Dieses Protein ist außerdem ein Rezeptor für Coronaviren - darüber gelangen die Viren in die Zellen. Besonders viel ACE2 haben jüngere, sportliche Frauen - also diejenigen, die am häufigsten ein Post-Vac-Syndrom bekommen. Aber auch das Immunsystem scheint beteiligt zu sein: Es wird durch die Infektion, aber auch durch die Impfung, stark aktiviert. Dabei kann es zu überschießenden Reaktionen kommen. Es entstehen Autoantikörper, die körpereigenes Gewebe angreifen und so Autoimmunkrankheiten auslösen.
Diagnose und Behandlung
Der erste Hinweis darauf, dass die Kopfschmerzen, das Erschöpfungsgefühl oder die Muskelschwäche tatsächlich etwas mit der Impfung zu tun haben könnten, ist der Zeitrahmen: Treten die Symptome wenige Tage bis Wochen nach der verabreichten Spritze auf, könnte ein Zusammenhang bestehen. Ob das tatsächlich so ist, könne allerdings nur in seltenen Fällen sicher nachgewiesen werden, sagt der Neurologe. „Es gibt keinen einzigen in der breiten Wissenschaft akzeptierten Biomarker.“
Laut Medizinerinnen und Medizinern sind die Beschwerden nach der Impfung heilbar - man muss aber Geduld aufbringen. Es gibt ein Therapieverfahren, das krankmachende Bestandteile des Immunsystems aus dem Blut fischen kann: die Immunapherese, eine Art Blutwäsche. Diese Therapie wird mancherorts durchgeführt, obwohl es dafür bislang keinen wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis gibt.
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Entschädigung bei Impfschäden
Laut einem Bericht der »Welt am Sonntag« sind bislang 253 Anträge auf eine Entschädigung wegen schwerer unerwünschter Nebenwirkungen der Coronaimpfung bewilligt worden. Ob jemandem eine Entschädigung zusteht, entscheidet nicht das PEI, sondern das Versorgungsamt des jeweiligen Bundeslands. Geprüft wird dann, ob der gesundheitliche Schaden durch die Impfung verursacht wurde. Je nachdem wie groß der gesundheitliche Schaden ist, stehen den Betroffenen etwa Rentenzahlungen, Heilbehandlungen oder Hinterbliebenenversorgung zu.
Zu den anerkannten Impfschäden gehören Herzmuskelentzündungen, Sinusvenenthrombosen und das Guillain-Barré-Syndrom. Gemessen an der Zahl der verabreichten Dosen sind Anträge für die Anerkennung von Impfschäden selten.
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