Morbus Alzheimer Demenz: Ergotherapie als Behandlungsansatz

Die nicht-medikamentöse Behandlung von Demenz umfasst eine Vielzahl von Therapien, die das Wohlbefinden der Erkrankten stärken und ihre Selbstständigkeit so lange wie möglich erhalten sollen. Im Mittelpunkt steht, den Erkrankten die Teilhabe am Alltag und am sozialen Leben zu ermöglichen. Gleichzeitig können diese Ansätze dazu beitragen, herausfordernde Verhaltensweisen zu mildern und für mehr Ausgeglichenheit zu sorgen. Die Therapien lassen sich einzeln oder kombiniert anwenden. Bei allen Formen der Demenz sind nicht-medikamentöse Therapien sehr wichtig.

Demenz: Ein Überblick

„Demenz“ beschreibt den Zustand „vom eigenen Geist bzw. Verstand entfernt zu sein". Zu den kognitiven Fähigkeiten eines Menschen zählen u. a. das Gedächtnis, die Aufmerksamkeit, die Sprache, die Orientierung, das Urteilsvermögen und die Problemlösefähigkeit. Auch Emotionen haben einen wesentlichen kognitiven Anteil. Kognitive Fähigkeiten werden von verschiedenen Wissenschaften untersucht, z. B. der Psychologie, der Medizin und den Neurowissenschaften.

Primäre und sekundäre Demenzen

Bei „primären Demenzen“ ist die Ursache ein Vorgang im Gehirn selbst. Sekundäre Demenzen haben ihre Ursache in äußeren Faktoren, wie Giftstoffen oder Verletzungen des Gehirns. Die Therapie sekundärer Demenzen ist sehr vom Einzelfall abhängig und wird hier nicht eingehend behandelt. Positive Effekte sind vor allem bei Alzheimer-Demenz zu beobachten.

Eine degenerative Demenz zeichnet sich durch den Abbau (Degeneration) der Nervenzellen im Gehirn aus. Bekannte Formen sind u. a. die Alzheimer-Krankheit (ca. 60 % der Fälle) und die frontotemporale Demenz. Ablagerung pathologischer Eiweiße sog. Amyloide. Mit zunehmendem Alter treten häufig Mischformen der vaskulären und degenerativen Demenzen auf. Vaskuläre Demenzen entwickeln sich aufgrund von Durchblutungsstörungen im Gehirn. Sekundäre Demenzen sind eine seltenere Demenzform. Sie kann beispielsweise durch eine Medikamentenvergiftung, durch Gifte wie Alkohol oder Drogen, aber auch durch Depressionen ausgelöst werden.

Ursachen und Risikofaktoren

Anteil der Demenzerkrankungen ca. Erkrankungen, die zu einer sekundären Demenz führen können, sind z. B.:

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  • Kardiovaskuläre Erkrankungen z. B. chron. Herzinsuffizienz, Herzrhythmusstörungen, Vorhofflimmern
  • Chron. Lungenerkrankungen z. B. COPD
  • Intoxikationen z. B. Alkoholmissbrauch
  • Mangelernährung, Vitaminmangel

Ergotherapie bei Demenz: Ein zentraler Baustein der Behandlung

Ergotherapie hat positive Effekte bei mittlerer und schwerer Demenz. Sie verbessert die Lebensqualität und den Gemütszustand von Demenzkranken. Das berichten Wissenschaftler im Health Technology Assessment-Bericht (HTA-Bericht) des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI). Wichtig sei, dass die Therapiemaßnahmen an die jeweiligen Bedürfnisse des Patienten angepasst sind. Neben der Entlastung der Patienten und ihrer Angehörigen im alltäglichen Leben, kann die Ergotherapie dazu beitragen, dass Demenzkranke bis zu eineinhalb Jahre später ins Heim kommen. Zudem können dem HTA-Bericht zufolge gegebenenfalls Kosten eingespart werden, da die ergotherapeutischen Maßnahmen den medizinisch-pflegerischen Aufwand reduzieren.

Erkrankt ein Mensch demenziell, kann Ergotherapie helfen, die Handlungsfähigkeit im Alltag des Erkrankten möglichst lange zu erhalten. Einen besonderen Fokus legen wir bei der Therapie auf die Steigerung des Wohlbefindens des Erkrankten. Unumgänglich ist dabei ein tiefes Verständnis für die Erkrankung durch den demenziell Erkrankten sowie die Angehörigen. Gerne beraten wir daher auch die Angehörigen in Einzelsitzungen.

Ziele der Ergotherapie

In einem ausführlichen Vorgespräch - oftmals auch mit den Angehörigen oder Pflegepersonen - sprechen wir mit Ihnen über die individuellen Symptome sowie die Belastung/die Einschränkungen im Alltag, die sich daraus ergeben. Die Ergotherapie bei Demenz verfolgt verschiedene Ziele:

  • Erhaltung der kognitiven Fähigkeiten, wie z. B. Gedächtnis und Aufmerksamkeit
  • Anleiten des dementen Menschen zu früheren Tätigkeiten des täglichen Lebens. Dabei ist darauf zu achten, dass die an Demenz erkrankten Menschen nicht überfordert werden und es zu keinem Negativerleben kommt!
  • Erhaltung/Förderung der Körperwahrnehmung z. B. durch basale Stimulation
  • Der Demenzkranke soll sich möglichst lange noch selbst spüren z. B. durch gezielte Berührungen.
  • Steigerung / Erhalt der Körperwahrnehmung - dem Zusammenspiel der Aufnahme von Sinnesreizen und der Verarbeitung im Gehirn (z. B. Emotionale Unterstützung (z. B. Validation)

Methoden und Techniken in der Ergotherapie

In der Ergotherapie werden durch funktionelle, spielerische, handwerkliche und gestalterische Aktivitäten die Alltagskompetenzen gestärkt und möglichst lange erhalten. Dadurch wird die Stimmung der Betroffenen verbessert. Außerdem:

  • Das Perfetti-Konzept orientiert sich an der physiologischen Funktionsweise des Gehirns und seinen Möglichkeiten zur Reorganisation. Wichtig sind die gezielte Aufmerksamkeit des Patienten sowie ein zielgerichteter, sinnvoller Bewegungsauftrag. Ohne diese Kombination ist das Erlernen bzw. Wiedererlernen einer Bewegung nicht möglich.
  • Basale Stimulation: Durch gezielte Reize werden Wahrnehmung und Bewegung gefördert.

Ergotherapie und andere Therapieformen

In Kombination mit anderen Verfahren kann das Funktions- und Fertigkeitstraining Lebensqualität, Stimmung und Gesundheitszustand verbessern.

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Psychosoziale Interventionen stehen bei der Behandlung von Demenzen auf gleicher Höhe mit medikamentösen Therapien. Klare Empfehlungen haben die Konsensusgremien pro kognitiver Stimulation bei Patienten mit leichter bis moderater Demenz ausgesprochen. Reminiszenzverfahren, Ergo- und Aromatherapie sowie Snoezelen und körperliche Aktivierung sind Mittel der Wahl. Auch Angehörigentraining sollte angeboten werden.

Weitere nicht-medikamentöse Behandlungsansätze

Neben der Ergotherapie gibt es eine Vielzahl weiterer nicht-medikamentöser Behandlungsansätze, die bei Demenz eingesetzt werden können:

  • Kognitive Stimulation: Durch kognitive Stimulation können bei Erkrankten im frühen bis mittleren Stadium die Wahrnehmung, das Lernen und das Gedächtnis verbessert werden. Dies können zum Beispiel einfache Wort-, Zahlen- oder Ratespiele sein. Aber auch die gezielte Aktivierung des Langzeitgedächtnisses durch Gespräche über Themen von früher oder über persönliche Gegenstände fördert die Kognition. Gedächtnistrainings, bei denen Gelerntes nur wiederholt wird, sind nicht hilfreich. Kognitive Stimulation verzögert bei leichter bis mittlerer Demenz den geistigen Abbau und vermindert Verhaltensauffälligkeiten.
  • Bewegungstherapie: Bewegungsangebote zuhause oder in der Physiotherapie: Spaziergänge, Gehübungen, Gymnastik, Kräftigungs- und Konditionstraining. Die Bewegungstherapie wirkt körperlichen Beschwerden entgegen, zudem werden Verhalten und Körperwahrnehmung positiv beeinflusst. Körperliche Aktivierung kann dazu beitragen, Alltagsfunktionen, Beweglichkeit und Balance zu erhalten.
  • Biographiearbeit: Durch die Biographiearbeit werden bei den Betroffenen gezielt Erinnerungen und Erfahrungen geweckt, beispielsweise durch Fotos, Geschichten, Musik oder Gerüche. Wissen aus der Biographie der erkrankten Person hilft auch Angehörigen im Alltag auf das Verhalten der Person besser zu reagieren. Ziel ist die geistige Anregung und die Verbesserung der Stimmung der oder des Erkrankten.
  • Musiktherapie: Musiktherapie kann in allen Krankheitsstadien eine förderliche Wirkung haben. Musik zu machen oder zu hören weckt positive Erinnerungen und Gefühle. Das gilt besonders für das Musizieren oder Musik hören in der Gruppe. Auch die Tanztherapie kann in allen Krankheitsstadien eine förderliche Wirkung haben. Tanzen ist Bewegung und wirkt befreiend. Dadurch werden positive Gefühle geweckt.
  • Kunsttherapie: Die Mal- und Kunsttherapie kann auch Verbesserungen des Wohlbefindens liefern. Menschen mit Demenz profitieren vor allem im frühen Stadium von der Kunsttherapie. Bei der Kunsttherapie können sich Menschen mit Demenz neu oder wiederentdecken. Der kreative Schaffensprozess steht im Mittelpunkt. Dies aktiviert indirekt kognitive Fähigkeiten. Verloren geglaubte Fähigkeiten und vorhandene Ressourcen treten zutage; dies kann motivieren und positiv auf das Selbstwertgefühl wirken. Bei unruhigen Menschen kann die Konzentration gefördert werden. Die Kunsttherapie arbeitet auf der nonverbalen Ebene. Sie kann einen Kommunikationsweg zwischen Menschen mit Demenz und anderen Personen darstellen. Insbesondere bei Beeinträchtigung der verbalen Kommunikation ermöglichen das Malen und Gestalten sich auszudrücken und mit der Umwelt zu kommunizieren und interagieren.
  • Snoezelen: Beim Snoezelen (aus dem Niederländischen, sprich: „snuselen“) werden die Sinne der Erkrankten angesprochen. Bekannte Klänge, Düfte und Geschmäcke wirken anregend, wodurch auch das Wohlbefinden verbessert werden kann. In allen drei Stadien der Demenz hilft die sensorische Stimulation für das Sozialverhalten und tägliche Aktivitäten.
  • Realitätsorientierung: Bei dieser Therapieform werden den Erkrankten aktiv Informationen zu Zeit und Ort angeboten, beispielsweise durch große Uhren und Kalender oder eine einfache Raumbeschilderung. Die sogenannte Realitätsorientierung hilft in allen Stadien der Demenz, sich räumlich und zeitlich zurechtzufinden und Personen und Situationen wieder besser einzuordnen.
  • Tiergestützte Therapie: Studien zeigen, dass die Anwesenheit von Tieren eine beruhigende Wirkung auf Menschen mit Demenz haben kann. Die non-verbale Kommunikation kann hilfreich sein, vorallem dann, wenn eine verbale Kommunikation nicht mehr möglich ist.

Weitere Aktivitäten zur Förderung der Lebensqualität

Neben begleitenden, regelmäßigen therapeutischen Maßnahmen gibt es weitere Aktivitäten, die Menschen mit Demenz länger körperlich und geistig fit halten können. Diese lassen sich oft gut in den Alltag integrieren:

  • Sport: Sport hat nachgewiesene positive Effekte auf die Leistungsfähigkeit, Fitness und Stimmung von Erkrankten. Bewegung baut Ängste ab, mildert Aggressionen und fördert das Ein- und Durchschlafen. Am besten eignet sich tägliche moderate Bewegung (Walking, Tanzen, Gymnastik etc.), bei der Atmung und Herzfrequenz erhöht sind, aber noch ein Gespräch möglich ist.
  • Geistige Aktivität: Aktivitäten, die das Gehirn anregen wirken sich ebenfalls positiv auf den Verlauf von Demenzerkrankungen aus. Gut für die geistige Fitness sind zum Beispiel Brettspiele, Puzzles, Handarbeiten oder Basteln. Finden Sie heraus, was der oder dem Erkrankten Spaß macht und achten Sie darauf, sie oder ihn nicht zu überfordern.
  • Soziale Kontakte: Ein gutes Miteinander und soziale Kontakte machen nicht nur zufriedener, sondern halten auch den Kopf fit. Treffen Sie sich mit Freunden, Familie oder Nachbarn und verbringen Sie eine gute Zeit.

Medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten

Die Ausprägung der Symptome lässt sich durch Medikamenteneinnahme häufig hinauszögern. Je früher die Therapie beginnt, desto besser. Dabei kommen gegebenenfalls Medikamente wie Antidementiva, Antidepressiva und Antipsychotika zum Einsatz.

Antidementiva

Mit Medikamenten lassen sich insbesondere im frühen und mittleren Alzheimer-Stadium die Symptome lindern und der Verlauf hinauszögern. Häufig verschreiben Ärztinnen und Ärzte Medikamente gegen Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen sowie gegen Depressionen. Betroffene, die sich rechtzeitig behandeln lassen, gewinnen dadurch Zeit und mehr Lebensqualität.

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Im Verlauf einer Alzheimer-Demenz lässt das Erinnerungs- und Denkvermögen immer mehr nach. Sich in bekannter Umgebung zu orientieren, fällt zunehmend schwer. Schuld daran ist das schleichende Absterben der Nervenzellen. Es lässt sich zwar nicht aufhalten, aber die damit einhergehenden Beschwerden lassen sich mildern. Auch Depressionen und Verhaltensstörungen lassen sich medikamentös behandeln. Wichtig ist, dass die behandelnde Ärztin oder der Arzt über andere Erkrankungen und Medikamente informiert wurde, bevor er oder sie ein Medikament verschreibt. Das vermeidet gefährliche Neben- und Wechselwirkungen.

Acetylcholinesterasehemmer wie Donepezil, Galantamin oder Rivastigmin hemmen das Enzym Acetylcholinesterase, das für den Abbau von Acetylcholin verantwortlich ist. Kranke mit Alzheimer, Lewy-Körperchen-Demenz oder einer Mischform der Demenz können dadurch Alltagstätigkeiten länger allein meistern. Auch Fähigkeiten wie Denken, Lernen, Erinnern und Wahrnehmen bleiben länger erhalten. Allerdings können unter einigen Medikamenten Nebenwirkungen wie Erbrechen, Übelkeit und Durchfall auftreten.

Antidepressiva und Antipsychotika

Wenn die Diagnose einer Demenzform feststeht, stellt sich bei vielen Betroffenen eine reaktive Depression ein. Aber auch der Verlust der Nervenzellen selbst kann Ursache für depressive Stimmungen sein. Weil es ihrem Gehirn an den Botenstoffen Serotonin und Noradrenalin mangelt, fühlen sich die Betroffenen oft mut- und antriebslos. Antidepressiva wirken dem entgegen. Welches Medikament infrage kommt, muss die Ärztin oder der Arzt gemeinsam mit der Betroffenen oder dem Betroffenen und gegebenenfalls den Angehörigen entscheiden.

Manche Menschen mit Demenz legen auch ein aggressives Verhalten an den Tag, haben Sinnestäuschungen oder Verfolgungswahn. Antipsychotika unterdrücken diese Symptome, indem sie das verantwortliche Dopamin hemmen, einen weiteren Botenstoff im Gehirn. Häufig verordnete Antipsychotika sind Risperidon, Melperon und Pipamperon. Allerdings können Antipsychotika bei Menschen mit Demenz auch verschiedenste Nebenwirkungen hervorrufen. Deshalb sollte ihr Einsatz behutsam und mit Augenmaß erfolgen.

Finanzierung der Ergotherapie

Es handelt sich bei der Ergotherapie bei Demenz in der Regel um eine Leistung der Krankenkassen - wobei wir Ihnen auf Wunsch auf umfassendere Behandlungen und Beratungen als Privatleistung (80 € / Std.) anbieten können. Die Kosten für Ergotherapie und Physiotherapie als Demenz-Behandlung können von der Krankenkasse erstattet werden, wenn ein Arzt diese Maßnahmen anordnet.

Bedeutung der Angehörigen

Demenz ist eine Erkrankung, die immer auch das soziale Umfeld des Erkrankten betrifft. Oft müssen die Angehörigen über viele Jahre hinweg immer wieder lernen, mit neuen Symptomen umzugehen. Und zu sehen, wie Nahestehende nach und nach ihre kognitiven und motorischen Fähigkeiten verlieren, ist alles andere als leicht. Deshalb ist es so wichtig, dass Angehörige und enge Freunde so früh wie möglich ins Boot geholt werden. Sie müssen zumindest in Grundzügen lernen, was Demenz bedeutet, welche Symptome auftreten können und wie sie am besten damit umgehen.

Die angemessene Kommunikation mit Demenzerkrankten setzt voraus, dass Sie ein Gespür für die veränderte Wahrnehmung des Betroffenen entwickeln. In jedem Fall sollten Sie einen wertschätzenden Umgang pflegen und die demenzerkrankte Person nicht ständig bevormunden, herabwürdigen oder vom Alltag ausschließen. Die erkrankte Person ist ein Individuum mit einer persönlichen Lebensleistung.

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