Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn sind komplexe Erkrankungen, die nicht nur den Verdauungstrakt betreffen, sondern auch Auswirkungen auf andere Bereiche des Körpers haben können. Die vorliegende Übersichtsarbeit beleuchtet den möglichen Zusammenhang zwischen Morbus Crohn und Spastik, wobei die vielfältigen neurologischen Komplikationen entzündlicher Darmerkrankungen und die potenziellen Ursachen für Muskelverkrampfungen im Kontext von Morbus Crohn betrachtet werden.
Einführung
Morbus Crohn ist eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung (CED), die durch Entzündungen im Verdauungstrakt gekennzeichnet ist. Die Erkrankung kann den gesamten Verdauungstrakt vom Mund bis zum After betreffen, wobei besonders häufig der Übergang vom Dünn- in den Dickdarm betroffen ist. Typische Symptome sind Bauchschmerzen, Durchfall, Gewichtsverlust und Müdigkeit. Die genaue Ursache von Morbus Crohn ist bis heute nicht abschließend geklärt, es scheinen jedoch eine genetische Veranlagung, Umwelteinflüsse und eine Fehlsteuerung des Immunsystems eine Rolle zu spielen.
Spastik hingegen ist eine vorübergehende oder anhaltende überhöhte Muskelspannung (Kontraktion), die nicht kontrolliert werden kann und zu Verkrampfungen führt. Sie kann durch verschiedene neurologische Erkrankungen oder Schädigungen des Gehirns oder Rückenmarks verursacht werden.
Neurologische Komplikationen bei entzündlichen Darmerkrankungen
Entzündliche Darmerkrankungen können mit verschiedensten neurologischen Symptomen assoziiert sein, die den gastrointestinalen Beschwerden sogar vorausgehen können. Als ursächlich hierfür werden unterschiedliche Vorgänge angesehen: Einerseits kann die Darmerkrankung durch eine Malresorption zu Vitaminmangelsyndromen führen. Andererseits werden gemeinsame (auto-)immunologische Pathomechanismen postuliert. Letztlich können aber auch medikamentöse Therapiestrategien der oben genannten Krankheiten neurologische Komplikationen bedingen. Folglich sollten entzündliche Darmerkrankungen in der neurologischen Differenzialdiagnostik unbedingt berücksichtigt werden.
Einige Beispiele für neurologische Komplikationen bei CED sind:
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- Zöliakie: Eine gegen Gluten gerichtete autoantikörpervermittelte Multiorganerkrankung, die sich durch eine zerebelläre Symptomatik manifestieren kann.
- Morbus Whipple: Eine infektiös bedingte Erkrankung, die variable neurologische Komplikationen präsentieren kann.
- Colitis ulcerosa: Eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung, die ebenfalls mit neurologischen Komplikationen einhergehen kann.
Mögliche Ursachen für Spastik im Zusammenhang mit Morbus Crohn
Obwohl Spastik nicht als typisches Symptom von Morbus Crohn gilt, gibt es verschiedene mögliche Ursachen für das Auftreten von Muskelverkrampfungen im Zusammenhang mit der Erkrankung:
- Vitaminmangel: Durch die gestörte Nährstoffaufnahme im Darm kann es zu einem Mangel an wichtigen Vitaminen und Mineralstoffen kommen, die für die Funktion der Nerven und Muskeln benötigt werden. Ein Mangel an Vitamin B12, Magnesium oder Kalzium kann beispielsweise zu Muskelkrämpfen und Spastik führen.
- Medikamentennebenwirkungen: Einige Medikamente, die zur Behandlung von Morbus Crohn eingesetzt werden, können als Nebenwirkung Muskelkrämpfe oder Spastik verursachen. Dazu gehören beispielsweise Kortikosteroide oder Immunsuppressiva.
- Autoimmunprozesse: In seltenen Fällen können Autoimmunprozesse, die bei Morbus Crohn eine Rolle spielen, auch das Nervensystem angreifen und zu neurologischen Symptomen wie Spastik führen.
- Schmerzen und Entzündungen: Chronische Schmerzen und Entzündungen im Bauchraum können zu einer erhöhten Muskelspannung und Verkrampfungen führen, die sich auch in anderen Körperbereichen bemerkbar machen können.
- Bauchschmerzen/Luft: Anhaltende Probleme mit Bauchschmerzen/Luft, aber nur beim und nach dem Stillen, können in Rückenlage zu Krämpfen führen, bei denen die Beine überkreuzt werden.
Fallbeispiele und Beobachtungen
Ein Fallbeispiel, das im Zusammenhang mit Morbus Crohn und spastischen Symptomen diskutiert wurde, betrifft einen 10 Monate alten Jungen mit immer wiederkehrenden Durchfällen, teils mit Blut. Unverträglichkeiten waren ausgeschlossen, aber eine Stuhlprobe ergab einen erhöhten Calprotektin-Wert. Es wurde ein Infekt vermutet, aber auch Morbus Crohn in Betracht gezogen. Der Junge hatte anhaltende Probleme mit Bauchschmerzen und Luft, besonders beim und nach dem Stillen. In Rückenlage kam es zu Krämpfen, bei denen die Beine überkreuzt wurden. Dies führte zu der Frage, ob es sich um ein abdominelles Problem handelt oder ob die Symptome durch das Zahnen verursacht werden. Es wurde auch die Möglichkeit von Episoden wie bei Spastik/Epilepsie in Betracht gezogen.
Es ist wichtig zu beachten, dass in diesem Fall der Junge aktiv, gut entwickelt und glücklich war. Spezielle Untersuchungen in Richtung Darm wären nur dann angezeigt, wenn weiterhin Blut im Stuhl wäre oder der Junge nicht gedeihen würde.
Diagnose und Differenzialdiagnose
Bei Verdacht auf eine neurogene Fußfehlstellung oder Spastik im Zusammenhang mit Morbus Crohn ist eine sorgfältige Diagnose erforderlich. Diese umfasst in der Regel:
- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, einschließlich der Symptome, Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahme und familiären Belastung.
- Körperliche Untersuchung: Beurteilung der Muskelkraft, Reflexe, Sensibilität und Koordination.
- Neurologische Untersuchung: Überprüfung der Nervenfunktion und Ausschluss anderer neurologischer Erkrankungen.
- Laboruntersuchungen: Blutuntersuchungen zur Bestimmung von Vitamin- und Mineralstoffspiegeln, Entzündungswerten und Autoantikörpern.
- Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomographie (MRT) zur Darstellung von Muskeln, Sehnen und Nerven, Computertomographie (CT) bei komplexen Fehlstellungen oder präoperativer Planung.
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Elektromyographie (EMG) und Elektroneurographie (ENG) zur Messung der Muskel- und Nervenaktivität.
- Stuhluntersuchungen: Stuhlprobe zur Bestimmung des Calprotektin-Wertes.
Die Kombination dieser Untersuchungen ermöglicht eine genaue Klassifizierung der Fehlstellung und bildet die Basis für eine individuelle Therapie.
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Therapieansätze
Die Therapie von Spastik im Zusammenhang mit Morbus Crohn zielt darauf ab, die Muskelspannung zu reduzieren, Schmerzen zu lindern und die Beweglichkeit zu verbessern. Die Behandlung kann je nach Ursache und Schweregrad der Spastik unterschiedlich aussehen und umfasst in der Regel:
- Behandlung der Grunderkrankung: Eine effektive Behandlung von Morbus Crohn ist entscheidend, um Entzündungen zu reduzieren und die Nährstoffaufnahme zu verbessern. Dies kann mit Medikamenten wie Aminosalicylaten, Kortikosteroiden, Immunsuppressiva oder Biologika erfolgen.
- Physiotherapie: Gezielte Übungen und Dehnungen können helfen, die Muskelspannung zu reduzieren, die Beweglichkeit zu verbessern und Fehlhaltungen zu korrigieren.
- Ergotherapie: Ergotherapeutische Maßnahmen können dazu beitragen, den Alltag besser zu bewältigen und die Selbstständigkeit zu erhalten.
- Medikamentöse Therapie: Muskelrelaxantien wie Baclofen oder Tizanidin können helfen, die Muskelspannung zu reduzieren. Injektionen mit Botulinumtoxin (Botox) können gezielt in bestimmte Muskeln erfolgen, um diese zu entspannen.
- Nahrungsergänzungsmittel: Bei einem nachgewiesenen Vitamin- oder Mineralstoffmangel können entsprechende Nahrungsergänzungsmittel eingenommen werden.
- Schmerztherapie: Schmerzmittel wie Paracetamol oder Ibuprofen können bei Bedarf zur Schmerzlinderung eingesetzt werden. In einigen Fällen kann auch eine multimodale Schmerztherapie erforderlich sein.
- Psychologische Unterstützung: Chronische Erkrankungen wie Morbus Crohn können psychische Belastungen verursachen. Eine psychologische Betreuung kann helfen, mit der Erkrankung umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern.
Weitere Aspekte im Zusammenhang mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen können in jedem Lebensalter auftreten und sowohl durch den chronischen Verlauf als auch durch die oft notwendigen Medikamente mit ihren Nebenwirkungen Störungen der körperlichen und psychischen Entwicklung hervorrufen. Sowohl die Colitis ulcerosa als auch der Morbus Crohn sind chronische Erkrankungen, die schubweise mit Phasen der Krankheitsaktivität und Phasen der Remission verlaufen und die Betroffenen über lange Zeit begleiten. Dieses kann zu Einschränkungen der beruflichen und psychosozialen Entwicklung führen. Innerhalb der multifaktoriellen Krankheitsgenese, aber auch bei der Beeinflussung des Verlaufs der chronischen Erkrankung spielen psychische Faktoren eine entscheidende Rolle. Belastungssituationen bei Krankheitsschüben und diagnostischen Maßnahmen, Misserfolgserlebnisse beim Scheitern von Therapieversuchen, Probleme bei der Alltagsbewältigung, Einschränkungen im Sport- und Freizeitbereich, Auswirkungen auf die körperliche Attraktivität und soziale Isolation führen bei den erkrankten Kindern und Jugendlichen zu schweren psychischen Belastungen. Oft ist auch die gesamte Familie durch die chronische Erkrankung betroffen.
Autoimmunerkrankungen und neue Therapieansätze
Morbus Crohn gehört zu den Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem körpereigene Strukturen angreift. In den letzten Jahren wurden erhebliche Fortschritte bei der Entwicklung neuer Therapieansätze für Autoimmunerkrankungen erzielt. Dazu gehören beispielsweise:
- Biologika: Biologika sind gentechnisch hergestellte Medikamente, die gezielt in das Immunsystem eingreifen und Entzündungen reduzieren können. Beispiele für Biologika, die bei Morbus Crohn eingesetzt werden, sind TNF-Inhibitoren, Interleukin-Inhibitoren und Integrin-Antagonisten.
- JAK-Inhibitoren: JAK-Inhibitoren sind kleine Moleküle, die in das Innere von Zellen eindringen und dort bestimmte Signalwege blockieren können, die an Entzündungsprozessen beteiligt sind.
- CAR-T-Zell-Therapie: Die CAR-T-Zell-Therapie ist eine innovative Therapieform, bei der patienteneigene Immunzellen gentechnisch verändert werden, um Krebszellen oder Autoimmunzellen gezielt zu erkennen und zu zerstören.
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