Morbus Parkinson ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die sich durch eine Vielzahl von motorischen und nicht-motorischen Symptomen auszeichnet. Obwohl die medikamentöse Behandlung und die tiefe Hirnstimulation in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte gemacht haben, kommt es bei vielen Betroffenen im Verlauf der Erkrankung zu Störungen von Funktionen, die für die Lebensqualität wesentlich sind, wie Gleichgewicht, Gehen, Sprechen und Schlucken. Aktivierende Therapien wie Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und psychologische Interventionen spielen daher eine wichtige Rolle in der umfassenden Behandlung von Parkinson.
Die Bedeutung aktivierender Therapien bei Parkinson
Schon unmittelbar nach der Diagnose Parkinson ist es für den Betroffenen wichtig, der zunehmenden Bewegungsverarmung entgegenzuwirken. Auch wenn die vom Arzt verordneten Medikamente gut wirken, sind oft schleichende Veränderungen der Beweglichkeit erkennbar. Beispiele hierfür sind ein vermindertes Mitpendeln der Arme beim Gehen, eine Verkleinerung der Schrift oder ein leiseres Sprechen. Diese Veränderungen spielen zu Krankheitsbeginn häufig noch keine wesentliche Rolle im Alltag des Betroffenen, sind aber erste Anzeichen einer Entwicklung, die dazu führen kann, dass die Bewegungen immer langsamer, sparsamer und schwerfälliger werden. Nur durch regelmäßiges und möglichst intensives körperliches Training kann der Betroffene die Möglichkeiten voll ausnutzen, die sich durch die Wirksamkeit der Medikamentenbehandlung ergeben. Entscheidend für den Krankheitsverlauf ist die Einsicht des Betroffenen, dass er „seinem Parkinson“ aktiv und wirksam entgegentreten kann.
Für das Verständnis von aktivierenden Therapien bei Parkinson ist es wichtig zu wissen, dass nicht nur die Bewegung verändert ist, sondern auch die Wahrnehmung der Bewegung, der „Bewegungssinn“. Viele Betroffene merken nicht, wenn sie zu kleine Schritte machen, zu leise sprechen oder „vergessen“, den Arm beim Gehen mitzuschwingen. Die meisten Betroffenen können durch konzentrierte Ausführung nach entsprechender Aufforderung größere Schritte machen oder lauter sprechen - fallen aber wieder in das alte „Parkinson-Muster“ zurück, sobald sie sich nicht mehr auf das „wie“ der Bewegungsausführung konzentrieren.
Spezifische Therapieansätze in der Physiotherapie
Besonders geeignet zur Stärkung des Bewegungssinns sind Trainingsverfahren, bei denen großamplitudige Bewegungen, Bewegungsrhythmus und Schnelligkeit geübt werden. Spezifisch für Parkinson-Patienten entwickelt und die derzeit am besten untersuchte aktivierende Therapie bei Parkinson ist das Lee Silverman Voice Training (LSVT-LOUD), bei dem in intensiver Einzeltherapie eine Verbesserung der Sprechlautstärke geübt wird. Eine starke und lang anhaltende Wirkung der LSVT-LOUD Therapie wurde in mehreren wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen. Ausgehend vom LSVT-LOUD hat eine amerikanische Forschungsgruppe das neue Behandlungskonzept LSVT-BIG entwickelt, das speziell auf die Verbesserung der Bewegungen bei Parkinson ausgerichtet ist.
LSVT-LOUD und LSVT-BIG beinhalten schwerpunktmäßig das Einüben lauten Sprechens bzw. großräumiger Bewegungen. Durch intensives Wiederholen der Übungen und kontinuierliche Rückmeldung über die erzielten Ergebnisse werden ungenutzte Möglichkeiten des Übenden aktiviert und ausgebaut. Der Therapeut motiviert den Patienten, jede Bewegung mit möglichst großem Einsatz („mindestens 80% der maximalen Energie“) und spürbarer Anstrengung auszuführen. Durch ständige Rückmeldung des Therapeuten lernt der übende Patient, die Wahrnehmung seiner eigenen Sprechlautstärke oder Bewegungen neu zu „kalibrieren“.
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Gleichgewichtstraining
Gleichgewichtsstörungen zählen neben Rigor (Muskelsteifigkeit), Tremor (Zittern) und Bradykinese (Bewegungsverlangsamung) zu den Kardinalsymptomen der Parkinson-Krankheit. Während sich die parkinsontypische Verminderung der Gleichgewichtsreflexe zunächst ohne spürbare klinische Konsequenzen vollzieht, kommt es in fortgeschrittenen Krankheitsstadien häufig zu schweren Gleichgewichtsstörungen mit Stürzen und Frakturen.
Besonders einfach und wirkungsvoll ist das so genannte „Schubs-Training“, das auch in der häuslichen Umgebung durchgeführt werden kann: Bei dieser Therapie werden die Betroffenen wiederholt durch einen Therapeuten mit plötzlichem nach hinten gerichtetem Zug an den Schultern aus dem Gleichgewicht gebracht. Weitere Übungstechniken basieren auf dem Training des Gleichgewichtes auf wechselnden Unterstützungsmodalitäten und -flächen. Hierbei können Plattformen mit walzenförmiger oder runder Auflage eingesetzt werden. Das Gleichgewichtstraining kann durch Krafttraining der Beinmuskulatur ergänzt werden. Ein Aufbau von Muskelmasse durch Kraftübungen führt zusätzlich zur Verbesserung der Balance auch zu einem geringeren Frakturrisiko bei Stürzen.
Am Anfang dieser Maßnahmen steht die Frage nach den individuellen Gleichgewichtsproblemen. Kommt es zu Stürzen, sollten deren Umstände genau analysiert werden, um auslösende Faktoren vermeiden zu können. Da bei Parkinson vermehrt Aufmerksamkeit benötigt wird, um das Gleichgewicht zu kontrollieren, sollten Ablenkungen vermieden werden. Nach Möglichkeit sollte jeder Sturz Anlass für eine Evaluation der Sturzumstände für den Betroffenen sein. Bei sturzgefährdeten Patienten sollte darauf geachtet werden, die Verletzungsmöglichkeiten in der häuslichen Umgebung so gering wie möglich zu halten (Kanten polstern, Engpässe vermeiden, Türschwellen beseitigen, Haltegriffe anbringen). Ausreichende Beleuchtung (auch nachts!) und offene Türen können das Sturzrisiko senken. Gemeinsam mit einem Physiotherapeuten sollte bei starker Sturzgefahr eine Hilfsmittelversorgung, z. B. mit einem Rollator besprochen werden.
Umgang mit Freezing
Unter „Freezing“ versteht man ein plötzliches „Einfrieren“ des Gehens, häufig ausgelöst durch Umgebungsreize (Hindernisse, Türrahmen) oder bestimmte Manöver (Losgehen, Drehbewegungen). Hier ist es Aufgabe des Therapeuten, gemeinsam mit dem Betroffenen Trickmanöver zu entwickeln, durch die sich das Freezing überwinden lässt. Beispiele für Tricks, die sich zur Überwindung von Freezing eignen, sind:
- Visuelle Reize: Auf den Boden gezeichnete Linien oder Gegenstände, über die man steigen kann.
- Auditive Reize: Im Takt nach einem vorgegebenen Rhythmus gehen.
- Kognitive Strategien: Patient gibt sich selbst Kommandos zur Schrittfolge.
Grundsätzlich sollte jeder von Freezing betroffene Patient in der Physiotherapie mit dem ganzen Spektrum der Trickmanöver vertraut gemacht werden. Nicht selten haben Patienten auch eigene sensorische oder motorische Techniken zur Überwindung von Blockaden entwickelt, die in der Therapie eingesetzt und weiterentwickelt werden sollten. Patienten mit Freezing sollten zur Vermeidung von Stürzen angehalten werden, die motorischen Blockaden nicht durch forcierte Vorverlagerung des Körperschwerpunktes zu durchbrechen.
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Behandlung von Körperhaltungsstörungen
Die meist auf Medikation unzureichend ansprechenden Probleme der Körperhaltung machen in der Regel eine intensive, hochfrequente und dauerhafte physiotherapeutische Begleitung erforderlich. Bei Kamptokormie (vorgebeugter Rumpf), Pisa-Syndrom (Seitneigung des Rumpfes) oder Antekollis (Vorneigung des Kopfes) können diese durch Dehnlagerung, gezieltes Krafttraining und Wahrnehmungsschulung vermindert werden. Nachhaltige Besserungen sind wahrscheinlich nur durch langfristiges und hochfrequentes Training zu erreichen. Um die Trainingszeit bzw.
Weitere Therapieansätze
- Tanz- und Musiktherapie: Musik erleichtert Menschen mit Parkinson, das durch die Krankheit gestörte Rhythmusgefühl zu verbessern. Allein das Hören von lauter und rhythmischer Musik führt zu einer messbaren Verbesserung der Beweglichkeit.
- TaiJi: TaiJi oder TaiChi ist eine Kampf- und Bewegungskunst, die ihren Ursprung in China des 17. Jahrhunderts hat. TaiJi zielt auf Entschleunigung, Konzentration und Entspannung bei körperlicher Aktivität ab. Mit dieser Technik können Menschen mit Parkinson Körperwahrnehmung und Bewegungskontrolle trainieren.
Weitere wichtige Aspekte der Physiotherapie bei Parkinson
Physiotherapie kann helfen, wenn Sie Unsicherheit und Angst beim Gehen verspüren. Physiotherapie in Form von Gangschule und Laufbandtherapie fördert fließendes Gehen, Schrittgeschwindigkeit und Schrittlänge werden zum Beispiel über optische, akustische und sensorische Reize positiv beeinflusst. Physiotherapie fördert den Bewegungsstart und die Bewegungsausführung. Sie trainieren mit dem Physiotherapeuten Alltagsbewegungen, Stützaktivitäten und Reaktionen, wie Drehen im Bett, Aufstehen und Hinsetzen.
Übungen für zu Hause
Regelmäßige Bewegung kann Ihnen helfen, mit Parkinson möglichst lange aktiv, selbstständig und beweglich zu bleiben. Die Diagnose Parkinson ist keine Sackgasse: Sie können selbst viel tun, um Ihre Lebensqualität zu erhalten.
- Sitzübungen: Aktivierende Übungen, die bequem im Sitzen ausgeführt werden können - auf einem Stuhl, Hocker oder im Rollstuhl.
- Gleichgewichtsübungen: Übungen im Stehen, mit denen Sie Ihr Gleichgewicht trainieren und Ihre Standfestigkeit verbessern können.
- Kraftübungen: Intensivere Kraftübungen im Stehen und Sitzen, um die Muskulatur gezielt zu stärken - für mehr Kraft, Stabilität und Sicherheit im Alltag.
- Gehübungen: Gezielte Übungen, mit denen Sie Ihr Gehen stabiler und sicherer machen können. Trainieren Sie Bewegungsabläufe, die Ihnen drinnen wie draußen helfen, mobil und aktiv im Alltag zu bleiben.
- Übungen für Beweglichkeit und Geschicklichkeit: Einfache, gezielte Übungen, mit denen Sie Ihre Beweglichkeit, Geschicklichkeit und Sprechmotorik verbessern können - für mehr Selbstständigkeit im Alltag.
Allgemeine Empfehlungen für Bewegung und Sport
- Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt darüber, welche Aktivitäten zu Ihrer körperlichen Belastbarkeit passen und mögliche gesundheitliche Einschränkungen berücksichtigen.
- Planen Sie regelmäßig Zeit für Bewegung ein - am besten zwei- bis dreimal pro Woche für etwa 15 bis 60 Minuten.
- Nutzen Sie auch die Angebote von Parkinson-Sportgruppen oder Selbsthilfegruppen in Ihrer Nähe.
- Bleiben Sie dran und haben Sie Freude an der Bewegung.
- Vermeiden Sie Überforderung. Hören Sie auf Ihren Körper und bleiben Sie zu Beginn lieber etwas unter Ihrer persönlichen Belastungsgrenze.
- Treten während des Trainings Schmerzen, Schwindel oder andere Beschwerden auf, beenden Sie die Übung und sprechen Sie bitte mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt darüber.
- Sehr hilfreich sind auch Übungen im warmen Wasser.
- Wenn Sie sich unsicher auf den Beinen fühlen, führen Sie die Übungen im Sitzen durch oder stützen Sie sich an einer Wand oder einem Stuhl ab.
Zusätzliche Tipps für den Alltag
- Bewegung im Alltag: Sie sollten sich möglichst viel bewegen. Geeignet sind Spazierengehen, aber auch speziell auf die Krankheit abgestimmte Physio- und Ergotherapie.
- Vermeidung von Inaktivität: Da viele Erkrankte ihre Beschwerden im Ruhezustand weniger spüren, neigen sie dazu, körperliche Anstrengung zu vermeiden und sich übermäßig zu schonen. Durch Sport und Bewegung können bei Menschen mit Parkinson allerdings Muskelsteifheit und Störungen des Bewegungsablaufs vermindert werden.
- Geeignete Sportarten: Besonders gut geeignet sind Schwimmen, Wassergymnastik, Wandern oder Nordic Walking, weil dabei Beweglichkeit, Gleichgewichtsvermögen, Kraft, Körperhaltung und Koordination trainiert werden. Eher vermieden werden sollten Sportarten, die mit einem hohen Sturzrisiko verbunden sind, z.B. durch schnelle Drehbewegungen.
- Spezielle Angebote: Neben bekannten Sportarten wie Wandern oder Radfahren gibt es für Menschen mit Parkinson viele spezielle Angebote, z.B. Tischtennis, Bogenschießen oder Karate.
- Mimiktraining: Um der Verringerung der aktiven mimischen Kommunikation entgegenzuwirken, sollte der Mensch mit Parkinson vor dem Spiegel verschiedene Gesichtsausdrücke (Freude, Angst, Erschrecken) üben.
- Entspannung: Entspannung wirkt der krankheitsbedingten Versteifung entgegen. Entspannung ist aber auch hilfreich, um Stress, Angst und Unsicherheit zu reduzieren, die bei vielen Patienten durch Parkinson und die Symptome hervorgerufen werden und diese gleichzeitig verstärken können. Betroffene sollten Entspannungsübungen erlernen und regelmäßig einsetzen. Geeignet sind z.B. Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Biofeedback-Verfahren, Yoga oder Atemübungen. Auch warmes Wasser wirkt sich günstig aus.
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