Multiple Sklerose und verschwommenes Sehen: Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Nervensystems, die vielfältige Symptome hervorrufen kann. Sehstörungen, insbesondere verschwommenes Sehen, sind oft ein frühes Anzeichen der Erkrankung. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen für verschwommenes Sehen bei MS und diskutiert mögliche Behandlungsansätze.

Einführung in Multiple Sklerose und ihre Symptome

Die Multiple Sklerose ist eine komplexe Erkrankung, die sich bei jedem Patienten anders äußern kann. Die ersten Symptome treten meist im Alter zwischen 20 und 40 Jahren auf und können Gefühlsstörungen in den Extremitäten oder eben Sehstörungen sein. Es ist wichtig, bei wiederholtem Auftreten dieser Beschwerden einen Neurologen aufzusuchen, um die Ursache abzuklären und gegebenenfalls eine frühzeitige Therapie einzuleiten.

Frühsymptome der MS: Vielfältige Erscheinungsformen

Die ersten Anzeichen einer MS können sehr unterschiedlich sein, je nachdem, welche Bereiche des Nervensystems von der Entzündung betroffen sind. Typische Frühsymptome sind:

  • Parästhesien: Missempfindungen wie Kribbeln, Prickeln, "Ameisenlaufen", Kälte- oder Wärmegefühle sowie Taubheit oder Schwäche, die häufig zuerst in Beinen oder Armen auftreten.
  • Sehstörungen: Verschwommenes Sehen, unscharfe Sicht, Doppelbilder oder ein Sehausfall im Zentrum des Blickfeldes eines Auges.
  • Allgemeine Mattigkeit: Rasche Ermüdbarkeit, Konzentrationsstörungen sowie Blasen- und Darmentleerungsstörungen.
  • Gleichgewichtsstörungen: Schwindel in Verbindung mit Übelkeit und Brechreiz.

Ursachen für verschwommenes Sehen bei MS

Verschwommenes Sehen bei MS kann verschiedene Ursachen haben, wobei die Entzündung des Sehnervs (Optikusneuritis) eine der häufigsten ist.

Optikusneuritis: Entzündung des Sehnervs

Die Optikusneuritis ist eine Entzündung des Sehnervs, die vor allem junge Erwachsene betrifft. Bis zu 70% der MS-Patienten erleiden im Krankheitsverlauf mindestens eine Sehnervenentzündung; in etwa einem Drittel der Fälle tritt diese als Erstmanifestation auf. Typische Anzeichen sind ein akut auftretender Visusverlust und Augenschmerzen. Die Umwelt erscheint dann wie durch einen dichten Nebel, ganz unscharf und manchmal auch in Doppelbildern. Ebenso ist ein Sehausfall im Zentrum des Blickfeldes eines Auges möglich.

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Die Entzündung beeinträchtigt die Übertragung von Signalen zwischen Auge und Gehirn, was zu verschwommenem Sehen, Farbsehstörungen und sogar vorübergehendem Sehverlust führen kann. Die Symptome treten oft einseitig auf und können mit Schmerzen bei Augenbewegungen verbunden sein.

Pathogenese der Optikusneuritis

Bei der typischen Optikusneuritis (idiopathisch oder im Rahmen einer MS) kommt es zu einer T-Zell-vermittelten Immunreaktion gegen Myelinproteine, die den Sehnerv umgeben (speziell das Myelin-Grundprotein [MBP]) und das Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein [MOG]). Die aktivierten T-Zellen produzieren proinflammatorische Zytokine (zum Beispiel Interferon-gamma, TNF-alpha), die eine lokale Entzündungsreaktion verursachen und die Myelinscheide und Axone des Sehnervs schädigen. Aktivierte Mikrogliazellen unterhalten das Entzündungsgeschehen weiter. Zusätzlich werden B-Zell-vermittelte Autoantikörper gegen Myelinproteine produziert, die ihrerseits die Myelinscheide und Axone zerstören. Das Zusammenspiel dieser Faktoren resultiert in einer Sehstörung.

Atypische Optikusneuritis

Atypische Optikusneuritiden treten auf als Manifestation einer Autoimmunerkrankung, zum Beispiel bei Neuromyelitis-optica-Spektrum-Störungen (NMOSD), Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein-Antikörper-assoziierter Erkrankung (MOGAD), Chronisch rezidivierender Immunoptikusneuropathie (Chronic relapsing inflammatory optic neuropathy [CRION]), Sarkoidose oder Systemischem Lupus erythematodes (SLE). Weitere Ursachen sind infektiös/parainfektiös, unter anderem bei Lyme-Borreliose, Syphilis, Neuroretinitis, Akuter disseminierter Enzephalomyelitis (ADEM), Meningitis, Tuberkulose oder Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) oder lokaler Ausbreitung einer Sinusitis, Retinitis und Uveitispostinfektiös bzw. postvakzinal.

Symptome der Optikusneuritis

Eine typische Optikusneuritis ist mit einer subakuten unilateralen Sehstörung und schmerzenden Augenbewegungen assoziiert. Der Patient sieht die Umgebung dunkler, unscharf und kontrastarm. Die Sicht wird oft als verschwommen oder „Sehen wie durch einen Schleier“ beschrieben. Das Gesichtsfeld ist in der Hälfte der Fälle diffus beeinträchtigt, charakteristisch sind zentrale oder parazentrale Schatten.

Doppelbilder (Diplopie)

MS kann auch die Muskeln beeinträchtigen, die die Augenbewegungen steuern. Wenn die Augen nicht richtig ausgerichtet sind, kann dies zu Doppelbildern führen.

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Nystagmus (Augenzittern)

Nystagmus ist eine unkontrollierte Bewegung der Augen, die das Sehen beeinträchtigen kann. Die Augen sind dabei nicht mehr bewusst steuerbar. Nystagmus kann sowohl horizontal als auch vertikal auftreten und ebenfalls ein frühes MS-Symptom darstellen.

Uhthoff-Phänomen

Nicht immer steckt eine Entzündung hinter den Sehstörungen. Auch das Uhthoff-Phänomen kann als Ursache infrage kommen: Hierbei führt eine Wärmeeinwirkung (z. B. durch Sport, ein heißes Bad oder Fieber) zu einer vorübergehenden Verschlechterung der Sehfunktion.

Diagnose von Sehstörungen bei MS

Um die Ursache der Sehstörungen zu klären, können verschiedene Untersuchungen durchgeführt werden. Dazu gehören:

  • Neurologische Untersuchung: Beurteilung der neurologischen Funktionen, einschließlich der Augenbewegungen und des Sehvermögens.
  • Augenärztliche Untersuchung: Untersuchung des Auges und des Sehnervs, einschließlich der Messung der Sehschärfe, des Gesichtsfelds und der Farbwahrnehmung.
  • Visuell evozierte Potentiale (VEP): Messung der Nervenleitgeschwindigkeit des Sehnervs, die bei einer Entzündung verlangsamt sein kann.
  • Optische Kohärenztomographie (OCT): Bildgebung der Netzhaut, um Veränderungen in der Nervenfaserschicht zu erkennen.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Bildgebung des Gehirns und des Sehnervs, um Entzündungen oder Schäden zu erkennen und andere Ursachen auszuschließen.

Behandlung von Sehstörungen bei MS

Die Behandlung von Sehstörungen bei MS zielt darauf ab, die Entzündung zu reduzieren, die Symptome zu lindern und den Krankheitsverlauf zu verlangsamen.

Akute Schubbehandlung

Eine akute Entzündung des Sehnervs (Optikusneuritis) kann beispielsweise durch Kortikosteroide therapiert werden, die als Infusion verabreicht werden. Diese Medikamente wirken entzündungshemmend und können die Sehfunktion verbessern. Es ist wichtig, die möglichen Nebenwirkungen der Kortikosteroid-Therapie zu berücksichtigen.

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Langzeittherapie

Um weitere Schübe und damit auch MS-bedingte Sehstörungen zu verhindern und den Krankheitsverlauf zu verlangsamen, ist eine verlaufsmodifizierende MS-Therapie (DMT) entscheidend. Es gibt verschiedene Medikamente und Behandlungsformen, die das Immunsystem beeinflussen und die Entzündungsaktivität reduzieren können.

Symptomatische Behandlung

Neben der akuten Schubbehandlung und der Langzeittherapie gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Symptome direkt zu behandeln und die Lebensqualität zu verbessern:

  • Physiotherapie: Kann dazu beitragen, die Augenmuskulatur zu stärken und die Koordination zu verbessern.
  • Hilfsmittel: Spezielle Brillen oder prismatische Linsen können helfen, Doppelbilder zu korrigieren.
  • Weitere Maßnahmen: Nutzung von Hilfsmitteln im Alltag.

Die Rolle der interdisziplinären Betreuung

Wird die Diagnose „Optikusneuritis“ gestellt, werden Neurologen, Hausärzte und gegebenenfalls weitere Fachärzte mit einbezogen, um eine eventuell zugrunde liegende und weitere Körperregionen betreffende Grunderkrankung abzuklären, insbesondere eine Multiple Sklerose.

Langfristige Aussichten für die Patienten

Die Aussichten für Patienten mit einer typischen Optikusneuritis sind in Hinblick auf das Sehvermögen gut: Fünf Wochen nach dem Auftreten der ersten Symptome ist der Wiederanstieg der Sehschärfe weitgehend abgeschlossen. Weitere leichte Verbesserungen sind aber auch innerhalb der nächsten zwölf Monate möglich. Zehn Jahre nach der Erkrankung haben 74 Prozent der Patienten einen Visus von 1,0 oder besser, bei 18 Prozent von ihnen liegt der Visus zwischen 0,5 und 0,8. Eine gewisse Schwäche beim Farb- und Kontrastempfinden bleibt jedoch dauerhaft bestehen und bei der Untersuchung der Sehnervenschicht der Netzhaut zeigt sich, dass ein gewisser Verlust an Nervenfasern aufgetreten ist, der nicht wieder rückgängig gemacht werden kann. Ein gutes Drittel der Patienten erleidet innerhalb von zehn Jahren am selben oder am Partnerauge eine weitere Entzündung des Sehnerven. Bei der selteneren atypischen Optikusneuritis sind die Aussichten für die Patienten schlechter, die Chancen, das Sehvermögen zu erhalten sind geringer.

Leben mit Sehstörungen bei MS

Sehstörungen können den Alltag von MS-Patienten erheblich beeinträchtigen. Es ist wichtig, sich nicht von der Erkrankung entmutigen zu lassen und aktiv nach Möglichkeiten zu suchen, die Lebensqualität zu verbessern.

Tipps zum Umgang mit Sehstörungen

  • Regelmäßige Kontrolluntersuchungen: Um Veränderungen des Sehvermögens frühzeitig zu erkennen und die Behandlung anzupassen.
  • Anpassung des Lebensstils: Vermeidung von Überanstrengung und Stress, ausreichend Schlaf und eine gesunde Ernährung.
  • Nutzung von Hilfsmitteln: Vergrößerungsgläser, spezielle Beleuchtung oder Apps zur Unterstützung des Sehvermögens.
  • Unterstützung suchen: Austausch mit anderen Betroffenen, Teilnahme an Selbsthilfegruppen oder Inanspruchnahme psychologischer Beratung.

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