Morbus Parkinson ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die durch den Verlust von Dopamin produzierenden Nervenzellen im Gehirn gekennzeichnet ist. Dies führt zu einer Reihe von motorischen und nicht-motorischen Symptomen, die die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen können. Obwohl es keine Heilung für Parkinson gibt, können verschiedene Behandlungen helfen, die Symptome zu lindern und den Krankheitsverlauf zu verlangsamen. Neben medikamentösen Therapien spielt die Sporttherapie eine entscheidende Rolle bei der Behandlung von Morbus Parkinson.
Grundlagen von Morbus Parkinson
Morbus Parkinson gehört zu den häufigsten Erkrankungen des zentralen Nervensystems. In Deutschland leiden mehr als 250.000 Menschen an dieser Krankheit. Das Beschwerdebild beruht auf einem vorzeitigen, allmählichen Untergang bestimmter Nervenzellen im Gehirn, was zu einem Mangel an wichtigen Botenstoffen, vor allem Dopamin, führt. Diese degenerativen Prozesse finden vorwiegend in Gehirnarealen statt, die die Bewegungskontrolle, aber auch Stimmung, Schlaf und Denken beeinflussen.
Die Erkrankung wird symptomatisch durch die Gabe von Medikamenten behandelt, die auf das dopaminerge System wirken. Im Zentrum für Parkinsontherapie der Klinik für Neurologie am Alexianer St. Joseph-Krankenhaus in Neuss wird die medikamentöse Therapie durch Sport- und Bewegungstherapie ergänzt.
Bedeutung der Sporttherapie bei Parkinson
Zahlreiche Studien belegen, dass Sport sehr wirkungsvoll gegen Parkinson ist. Mit ihm ist der Verlauf der Erkrankung oft günstiger zu beeinflussen als mit Medikamenten allein. Bereits im Anfangsstadium lassen sich die Symptome der Parkinson-Erkrankung durch intensives Training verbessern. Im weiteren Verlauf der Krankheit können Betroffene durch gezieltes Training sogar bereits verloren gegangene Fähigkeiten wiedererlangen.
Die Sport- und Bewegungstherapie hat eine positive Wirkung auf Schmerzen, Kraft, Gleichgewicht, Gangmuster und -geschwindigkeit. Sie trägt also dazu bei, Funktionen zu erhalten und verhindert die Anpassung der Betroffenen an die Erkrankung. Zudem kann die Bewältigung von Aktivitäten des täglichen Lebens durch dieses therapeutische Angebot erleichtert werden.
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Positive Auswirkungen von Sport und Aktivität
Priv.-Doz. Dr. med. Franz Marxreiter, Leitender Oberarzt im Passauer Wolf Bad Gögging, bestätigt die positiven Auswirkungen von Sport und Aktivität auf Parkinson-Patient:innen: „Bei Morbus Parkinson hilft viel Bewegung. Sei es zu Fuß, auf dem Rad oder am Trainingsgerät. Je aktiver man in jungen Jahren ist, desto größer ist das Fitnesspolster, von dem man später in schlechten Zeiten zehren kann. Sport löst außerdem Glücks- und Erfolgsgefühle aus.“
Ziele der Sporttherapie
Im Vordergrund des körperlichen Trainings steht zum einen die Erhaltung von Funktionen. Zum anderen soll verhindert werden, dass sich Betroffene an die Erkrankung anpassen. Die Sporttherapie zielt darauf ab:
- Den Krankheitsverlauf zu verlangsamen.
- Die Muskulatur zu kräftigen.
- Die Ausdauer zu stärken.
- Der Muskelsteifigkeit und der Bewegungsverarmung entgegenzuwirken.
- Die körperliche Leistungsfähigkeit zu stärken.
- Die Sturzgefahr zu minimieren.
- Die Lebensqualität zu verbessern.
- Die soziale Aktivierung zu fördern.
Geeignete Sportarten und Übungen
Für Parkinson-Erkrankte sind Sportarten mit fließenden Bewegungen wie Schwimmen, Radfahren und Joggen besonders geeignet, bewährt hat sich auch Tischtennis. Wichtig ist, dass Parkinson-Erkrankte jede Gelegenheit zur Bewegung nutzen, denn das Gehirn verlernt die neu erworbenen Fähigkeiten schnell wieder.
Ein ideales Trainingsprogramm enthält Ausdauer-, Kraft-, Gleichgewichts- und Dehnungsübungen und sollte über die Woche verteilt mindestens drei Stunden umfassen.
Beispiele für geeignete Sportarten und Übungen
- Aerobe Aktivitäten: Wandern, Radfahren, Schwimmen, Tanzen, Nordic Walking.
- Krafttraining: Übungen mit Gewichten oder Widerstandsbändern zur Stärkung der Muskulatur.
- Gleichgewichtsübungen: Tai Chi, Yoga, spezielle Gleichgewichtstrainingsprogramme.
- Dehnübungen: Stretching zur Verbesserung der Flexibilität und Reduzierung von Muskelsteifigkeit.
- Bogenschießen: Trainiert die Arm-, Hand-, Nacken- und Schultermuskulatur und baut die Rumpfstabilität weiter auf.
- Tanzen: Insbesondere Tango, Walzer oder Foxtrott können die Bewegungsfähigkeit, das Gleichgewicht und die Gehstrecke verbessern.
- Yoga: Fördert Entspannung, Stressabbau, Gleichgewicht und Koordination.
- Sportklettern: Kann die Körperhaltung, Rumpfstabilität, Balance und den Bewegungsumfang verbessern.
Spezielle Therapieansätze
- LSVT BIG: Bewegungstherapie, die große, fließende Bewegungen nutzt, um ungenutzte Bereiche des Gehirns zu stimulieren.
- Keep Moving: Eine spezielle Tai Chi-Methodik, die an die Gegebenheiten und Bedürfnisse von Parkinson-Patienten angepasst ist.
Individuelle Anpassung des Trainingsprogramms
Art und Intensität des persönlichen Trainingsprogramms sollten an die vorliegenden Symptome und Fähigkeiten angepasst werden. Es ist wichtig, Aktivitäten auszuwählen, die man auch tatsächlich schaffen kann. Es macht keinen Sinn, ein ausgefeiltes, auf jedes einzelne Symptom ausgerichtetes Sportprogramm zu planen, das sich dann als zu anspruchsvoll oder eintönig herausstellt. Es kann daher Sinn ergeben, die Übungen regelmäßig zu wechseln oder zu verändern.
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Berücksichtigung von Wirkschwankungen
Leiden Sie unter Wirkschwankungen - also einer ungleichmäßigen Wirkung der Parkinson-Medikamente? Dann sollten Sie das Training in den „ON-Phasen“ planen, wenn die Wirkung der Medikamente am besten ist. Manchmal kann es auch sinnvoll sein, vor einer größeren Aktivität eine Bedarfsmedikation einzunehmen.
Motivation und Durchhaltevermögen
Wählen Sie den Sport aus, der Ihnen Spaß macht - so bleiben Sie auch langfristig aktiv. Denken Sie daran, dass Musik in vielerlei Hinsicht hilfreich bei der Umsetzung des Trainingsprogrammes sein kann. Die Lieblingsmusik steigert die Motivation, und der vorgegebene Rhythmus erleichtert es, die Bewegungen gut zu koordinieren. Einige Aktivitäten lassen sich besser in einer Gruppe umsetzen und machen so auch mehr Spaß. Achten Sie auch immer auf ein sicheres Training. Durch die Anwesenheit von Trainer:innen ist eine korrekte Ausführung der Übungen gewährleistet.
Fallbeispiel: Markus Pirzer
Markus Pirzer führt ein Leben mit Morbus Parkinson. Mit viel Aktivität und einem offenen Umgang schafft er es, die unheilbare Krankheit auszubremsen. Trotz seiner Krankheit nimmt Markus Pirzer jährlich am 24-Stunden-Radrennen in Kelheim teil. Das eigene Trikot mit Hinweis auf die Erkrankung zieht regelmäßig interessierte Blicke an. Markus Pirzers tägliche Routinen sind von Aktivität geprägt. Ob beim Tennis mit seinen Mannschaftskollegen, bei der sonntäglichen Nordic Walking-Runde mit Freunden oder beim abendlichen Abstecher ins Fitnessstudio - Markus Pirzer hat im Sport sein Lebenselixier gefunden, sein persönliches Mittel gegen die Krankheit. „Ich weiß, dass Parkinson sich noch nicht heilen lässt“, erklärt er. „Aber ich werde alles dafür tun, diese Krankheit so lange wie möglich hinauszuzögern. Der Sport ist für mich nicht nur Bewegung, sondern eine Art Therapie.“
Aktuelle Forschungsergebnisse
Sportklettern zur Verbesserung der Körperhaltung
Ein Team von Wissenschaftlern hat untersucht, ob Sportklettern die Körperhaltung von Parkinson-Erkrankten verbessern kann. Die Studie zeigte, dass Sportklettern die Flexibilität, Rumpfstabilität, Balance, Haltung und den Bewegungsumfang verbessert. Neue Bewegungsmuster werden erlernt, die kognitive Fähigkeit damit gefördert, das Selbstvertrauen gefestigt. Es lässt sich zusammenfassen, dass Sportklettern eine wirkungsintensive, innovative Trainingsintervention bei Parkinson darstellen kann.
Tanzen zur Überwindung von Muskelstarre
Tanzen hat einen positiven Einfluss auf Balance und Gang. Es hilft, das sogenannte Freezing-Phänomen, eine Muskelstarre, die zu den häufig auftretenden Symptomen der Parkinson-Erkrankung gehört, zu überwinden. „Rhythmusbrüche in der Musik lassen Patientinnen und Patienten ihre Bewegungen immer neu ansetzen. Tanz kann so Betroffene lehren, die Muskelstarre zu überwinden", berichtet Birgit Adamczewski, Tanztherapeutin am Alexianer St. Joseph-Krankenhaus.
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Wichtige Hinweise und Vorsichtsmaßnahmen
- Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt darüber, welche Aktivitäten zu Ihrer körperlichen Belastbarkeit passen und mögliche gesundheitliche Einschränkungen berücksichtigen.
- Planen Sie regelmäßig Zeit für Bewegung ein - am besten zwei- bis dreimal pro Woche für etwa 15 bis 60 Minuten.
- Nutzen Sie auch die Angebote von Parkinson-Sportgruppen oder Selbsthilfegruppen in Ihrer Nähe.
- Vermeiden Sie Überforderung. Hören Sie auf Ihren Körper und bleiben Sie zu Beginn lieber etwas unter Ihrer persönlichen Belastungsgrenze.
- Treten während des Trainings Schmerzen, Schwindel oder andere Beschwerden auf, beenden Sie die Übung und sprechen Sie bitte mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt darüber.
- Atmen Sie ruhig und gleichmäßig - halten Sie die Luft nicht an.
- Tragen Sie feste, rutschfeste Schuhe oder üben Sie barfuß auf einer rutschfesten Unterlage.
- Bei allen Übungen im Stehen oder Gehen können Sie sich an einer Wand oder Stuhllehne abstützen.