Morbus Parkinson und Suchtverhalten: Eine komplexe Wechselwirkung

Morbus Parkinson ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen, von der in Deutschland etwa 220.000 Menschen betroffen sind. Die Krankheit ist durch den fortschreitenden Verlust dopaminproduzierender Nervenzellen im Gehirn gekennzeichnet, was zu Bewegungsstörungen wie Zittern, Muskelsteifheit und Gangunsicherheit führt. Die Behandlung von Morbus Parkinson zielt darauf ab, den Dopaminmangel im Gehirn auszugleichen, was in der Regel durch Medikamente wie Levodopa oder Dopaminagonisten erreicht wird.

Allerdings kann die medikamentöse Therapie von Morbus Parkinson unerwünschte Nebenwirkungen haben, insbesondere im Hinblick auf die Impulskontrolle. Studien haben gezeigt, dass ein erheblicher Prozentsatz der Parkinson-Patienten unter der Einnahme dopaminerger Medikamente Zwangsstörungen wie Spielsucht, Kaufsucht, Essattacken oder Hypersexualität entwickelt. Diese Verhaltensauffälligkeiten können für die Betroffenen und ihre Angehörigen sehr belastend sein und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.

Dopamin und das Belohnungssystem

Dopamin ist ein Neurotransmitter, der nicht nur für die Steuerung von Bewegungen wichtig ist, sondern auch eine zentrale Rolle im Belohnungssystem des Gehirns spielt. Dieses System ist für die Vermittlung von Freude und Motivation zuständig und beeinflusst unser Verhalten, indem es uns dazu anregt, bestimmte Handlungen zu wiederholen, die mit positiven Erfahrungen verbunden sind.

Dopaminagonisten, die zur Behandlung von Morbus Parkinson eingesetzt werden, wirken, indem sie an Dopaminrezeptoren im Gehirn binden und diese aktivieren. Dadurch ahmen sie die Wirkung von Dopamin nach und gleichen den Dopaminmangel aus. Allerdings können sie auch das Belohnungssystem überstimulieren, was zu einem verstärkten Verlangen nach belohnenden Aktivitäten und einem Kontrollverlust über das eigene Verhalten führen kann.

Impulskontrollstörungen bei Morbus Parkinson

Impulskontrollstörungen (IKS) sind Verhaltensstörungen, die durch eine mangelnde Fähigkeit gekennzeichnet sind, Impulsen oder Trieben zu widerstehen, die für die Person selbst oder für andere schädlich sein können. Bei Parkinson-Patienten können sich IKS in verschiedenen Formen äußern, darunter:

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  • Spielsucht: Ein zwanghaftes Verlangen, Glücksspiele zu spielen, trotz negativer Konsequenzen wie finanzieller Verluste oder Beziehungsprobleme.
  • Kaufsucht: Ein übermäßiges und unkontrolliertes Bedürfnis, Dinge zu kaufen, die man nicht braucht oder sich nicht leisten kann.
  • Esssucht: Wiederholte Episoden von übermäßigem Essen, begleitet von einem Gefühl des Kontrollverlusts.
  • Hypersexualität: Ein gesteigertes sexuelles Verlangen und zwanghaftes sexuelles Verhalten, das über die gesellschaftlich und persönlich akzeptierten Normen hinausgeht.
  • Punding: Stereotypes zielloses Verhalten, wie z. B. exzessives Betreiben eines Hobbys oder Sammelsucht.
  • Dopaminerges Dysregulationssyndrom: Unkontrollierter Gebrauch von rasch anflutender dopaminerger Medikation (zumeist Levodopa).

Die Prävalenz von IKS bei Parkinson-Patienten variiert je nach Studie, liegt aber schätzungsweise zwischen 14 % und 30 %. Jüngere Patienten scheinen häufiger betroffen zu sein. Es ist wichtig zu beachten, dass IKS nicht immer sofort nach Beginn der medikamentösen Therapie auftreten, sondern sich auch erst mit Verzögerung entwickeln können.

Risikofaktoren für Impulskontrollstörungen

Es gibt verschiedene Faktoren, die das Risiko für die Entwicklung von IKS bei Parkinson-Patienten erhöhen können:

  • Dopaminagonisten: Die Einnahme von Dopaminagonisten ist ein wesentlicher Risikofaktor für IKS. Insbesondere Dopaminagonisten mit hoher Affinität zu D3-Rezeptoren, wie Pramipexol und Ropinirol, scheinen das Risiko zu erhöhen.
  • Jüngeres Alter: Jüngere Parkinson-Patienten scheinen anfälliger für IKS zu sein.
  • Männliches Geschlecht: Männer sind häufiger von IKS betroffen als Frauen, insbesondere von Hypersexualität.
  • Alleinstehend: Alleinstehende Personen haben möglicherweise ein höheres Risiko für IKS.
  • Vorherige Suchterkrankungen: Eine frühere Sucht, wie Glücksspiel-, Tabak- oder Alkoholsucht, kann das Risiko für IKS erhöhen.
  • Persönlichkeitsmerkmale: Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale wie Impulsivität oder eine Vorliebe für Neues und die Suche nach Nervenkitzel können das Risiko für IKS erhöhen.
  • Genetische Veranlagung: Es gibt Hinweise darauf, dass eine genetische Veranlagung eine Rolle bei der Entwicklung von IKS spielen könnte. Insbesondere wird eine Veränderung des Dopaminrezeptors D4 als mögliche Ursache diskutiert.

Diagnose und Behandlung von Impulskontrollstörungen

Die Diagnose von IKS bei Parkinson-Patienten kann schwierig sein, da die Betroffenen oder ihre Angehörigen sich oft schämen oder die Verhaltensauffälligkeiten nicht als Problem erkennen. Es ist daher wichtig, dass Ärzte ihre Patienten regelmäßig auf mögliche Anzeichen von IKS untersuchen und auch die Angehörigen in die Beurteilung einbeziehen.

Die Behandlung von IKS bei Parkinson-Patienten umfasst in der Regel folgende Maßnahmen:

  • Dosisreduktion oder Absetzen von Dopaminagonisten: Die Reduktion oder das Absetzen von Dopaminagonisten ist oft die erste Maßnahme zur Behandlung von IKS. Allerdings ist dabei Vorsicht geboten, da ein plötzliches Absetzen der Medikamente zu einem Entzugssyndrom führen kann.
  • Umstellung auf andere Medikamente: In manchen Fällen kann es sinnvoll sein, auf andere Medikamente umzusteigen, die ein geringeres Risiko für IKS haben, wie z. B. Levodopa.
  • Psychotherapie: Eine Psychotherapie, insbesondere eine kognitive Verhaltenstherapie, kann den Betroffenen helfen, ihre Impulse besser zu kontrollieren und alternative Verhaltensweisen zu entwickeln.
  • Tiefenhirnstimulation: In schweren Fällen von IKS, die auf andere Behandlungen nicht ansprechen, kann eine Tiefenhirnstimulation in Erwägung gezogen werden. Dabei werden Elektroden tief im Gehirn platziert, um bestimmte Hirnareale zu stimulieren und die Impulskontrolle zu verbessern.
  • Medikamentöse Behandlung: In einigen Fällen können Medikamente wie Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) oder Valproat zur Behandlung von IKS eingesetzt werden. Allerdings ist der Nutzen dieser Medikamente für diese Indikation nicht eindeutig belegt.
  • Chemische Kastration: In seltenen Fällen von Hypersexualität, die mit kriminellen Handlungen einhergeht, kann eine chemische Kastration durch eine antiandrogene Hormontherapie in Betracht gezogen werden.

Crystal Meth und erhöhtes Parkinson-Risiko

Neben den durch Medikamente induzierten Suchtverhalten gibt es auch Hinweise darauf, dass der Konsum von Crystal Meth oder anderen Amphetaminen das Risiko für die Entwicklung von Morbus Parkinson im späteren Leben erhöhen kann. Studien haben gezeigt, dass Konsumenten von Crystal Meth oder anderen Amphetaminen ein signifikant höheres Risiko haben, an Parkinson zu erkranken, selbst viele Jahre nach dem Drogenkonsum.

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Der genaue Mechanismus, wie Crystal Meth oder andere Amphetamine das Parkinson-Risiko erhöhen, ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass die Drogen dopaminerge Nervenzellen im Gehirn schädigen und so den Dopaminmangel verursachen, der für Morbus Parkinson charakteristisch ist.

Tiefenhirnstimulation: Eine vielversprechende Behandlungsoption

Die Tiefenhirnstimulation (THS) ist ein neurochirurgisches Verfahren, bei dem Elektroden tief im Gehirn platziert werden, um bestimmte Hirnareale mit elektrischen Impulsen zu stimulieren. Die THS wird bereits seit Längerem zur Behandlung von Bewegungsstörungen bei Parkinson-Patienten eingesetzt, insbesondere wenn Medikamente nicht mehr ausreichend wirken.

Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die THS nicht nur die Bewegungsabläufe verbessern, sondern auch die Impulskontrolle wiederherstellen kann. Studien haben gezeigt, dass Parkinson-Patienten, die eine THS erhalten, eine deutliche Besserung ihrer Verhaltensauffälligkeiten zeigen, während sich die Symptome in der rein medikamentös behandelten Gruppe oft verschlimmern.

Darüber hinaus kann die THS dazu beitragen, die Medikamentendosis zu reduzieren und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.

Sexualität und Morbus Parkinson

Sexuelle Störungen sind bei Parkinson-Patienten sehr häufig und äußern sich vor allem in einer verminderten sexuellen Aktivität (Hyposexualität). Ein Dopaminmangel führt zu einer Verringerung der Libido und zu sexuellen Funktionsstörungen.

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Hypersexualität ist weniger häufig, kann aber das Leben der Patienten und ihrer Familien erheblich beeinträchtigen. Bei jüngeren Patienten wird dieser gesteigerte Sexualtrieb mit der Entwicklung von Impulskontrollstörungen in Verbindung gebracht, die durch Dopaminagonisten verursacht werden und auch zu Essstörungen und zwanghaftem Einkaufen führen können.

Es ist wichtig, dass Ärzte ihre Patienten über das Risiko von sexuellen Störungen im Zusammenhang mit Morbus Parkinson aufklären und gegebenenfalls eine entsprechende Behandlung anbieten.

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