Der Mozart-Effekt: Mythos und Realität der Wirkung von Musik auf das Gehirn

Die Vorstellung, dass das Hören von klassischer Musik, insbesondere von Mozart, die Gehirnleistung steigern und intelligenter machen kann, ist weit verbreitet. Dieser sogenannte "Mozart-Effekt" hat in den letzten Jahrzehnten sowohl in der Wissenschaft als auch in der Öffentlichkeit für großes Aufsehen gesorgt. Doch was steckt wirklich dahinter? Macht Mozart wirklich schlau, oder handelt es sich um einen Mythos? Dieser Artikel beleuchtet die Ursprünge, die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die kontroversen Diskussionen rund um den Mozart-Effekt, um ein umfassendes Bild der komplexen Beziehung zwischen Musik und Gehirn zu zeichnen.

Ursprünge und Entstehung des Mozart-Effekts

Der Begriff "Mozart-Effekt" entstand im Jahr 1993, als die US-Psychologin Frances H. Rauscher von der University of California in Irvine in der renommierten Fachzeitschrift "Nature" eine Studie veröffentlichte. Sie berichtete, dass Studenten, die zehn Minuten lang einer Klaviersonate von Mozart (KV 448) gelauscht hatten, bei räumlichen Aufgaben und Tests besser abschnitten als Studenten, die keine Musik gehört hatten. Diejenigen, die Mozart gehört hatten, zeigten demnach ein besseres Erinnerungsvermögen und waren den anderen um einige IQ-Punkte voraus.

Diese Ergebnisse lösten eine Welle der Begeisterung aus. Die Vorstellung, dass man durch einfaches Musikhören die eigene Intelligenz steigern könne, faszinierte viele Menschen. In der Folge schenkten Politiker in zwei US-Bundesstaaten Eltern zur Geburt eines Babys eine Mozart-CD, und in Florida sollen Kinder im Kindergarten täglich eine Stunde Mozart gehört haben. Auch ungeborene Babys sollten von der klüger machenden Musik profitieren.

Der "Mozart-Effekt" wurde erstmals in dem Buch „Pourquoi Mozart?“ vom französischen Forscher Alfred A. Tomatis behandelt. Später griffen Forscher der University of California diesen Effekt auf und führten ihn weiter. Der Autor Don Campbell patentierte den Begriff im Nachhinein.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung und Kritik

Trotz der anfänglichen Begeisterung wurde der Mozart-Effekt bald kritisch hinterfragt. Andere Forschergruppen konnten die Ergebnisse von Rauscher nicht replizieren. Es stellte sich heraus, dass der Effekt nur kurzfristig anhielt - etwa eine Viertelstunde - und dass er nicht spezifisch auf Mozart zurückzuführen war.

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Kritiker bemängelten zudem methodische Fehler in der ursprünglichen Studie. So wurde argumentiert, dass die verbesserte Leistung der Studenten nicht auf einer tatsächlichen Steigerung der Intelligenz beruhte, sondern auf einer erhöhten Aufmerksamkeit und Konzentration aufgrund der angenehmen Musik.

Christopher F. Chabris von der Harvard University in Boston argumentierte, dass Musik nur ein Stimulus unter vielen sei, der Stimmung und Erregung beeinflusse und so zu erfreulichen Begleiteffekten führe. Tatsächlich ließen sich mit kurzen vorgelesenen Texten ähnliche Ergebnisse erzielen.

Neuere Studien und Erkenntnisse

Obwohl der ursprüngliche Mozart-Effekt widerlegt wurde, gibt es weiterhin Studien, die sich mit den Auswirkungen von Musik auf das Gehirn beschäftigen. Eine Studie aus Finnland aus dem Jahr 2015 untersuchte die Wirkung von klassischer Musik auf die Genaktivität. Die Forscher der Universität Helsinki fanden heraus, dass das Hören eines Mozart-Violinkonzerts die Genaktivität erhöhte und dadurch Fähigkeiten wie Lern- und Erinnerungsvermögen verbessert werden könnten. Dieser Effekt zeigte sich jedoch nur bei musikalisch geschulten Versuchspersonen.

Eine Studie der University of British Columbia in Vancouver aus dem Jahr 2019 wertete die Daten von über 112.000 kanadischen Schülern aus und fand heraus, dass Schüler, die in der Schule musikalisch aktiv waren, in Fächern wie Englisch, Mathe und Naturwissenschaften besser abschnitten. Je häufiger und intensiver die Jugendlichen musizierten, desto besser waren ihre Schulnoten.

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass aktives Musizieren positive Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten und die schulischen Leistungen haben kann. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass es sich hierbei um komplexe Zusammenhänge handelt, die von vielen Faktoren beeinflusst werden.

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Die Rolle von Musikgeschmack und Präferenz

Eine Studie der Glasgow Caledonian University untersuchte, welche Musik am besten hilft, sich zu konzentrieren und anspruchsvolle kognitive Aufgaben zu erfüllen. Die Forscher fanden heraus, dass die P3-Welle, die anzeigt, wie sehr sich ein Mensch für eine Aufgabe anstrengen muss, immer dann niedriger war, wenn ein Proband seine Lieblingsmusik hörte - unabhängig davon, ob es sich um Klassik oder Rock handelte.

Dies deutet darauf hin, dass Musikgeschmack und -wahrnehmung entscheidender für den Mozart-Effekt sind als klassische Musik an sich. Musik, die uns gefällt, erzeugt eine positive Grundstimmung und regt die Gehirnaktivität an, was uns leistungsfähiger macht.

Musik als umfassende Stimulation für das Gehirn

Auch wenn Musik nicht direkt die Intelligenz steigert, so hat sie doch eine Vielzahl positiver Auswirkungen auf das Gehirn. Musik aktiviert fast alle Hirnregionen, weil wir uns innerlich die Instrumente vorstellen und uns im Takt mitbewegen. Musik erzeugt starke Emotionen und stimuliert grundlegende Funktionen wie Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Sensomotorik sowie emotionale und soziale Funktionen.

Eckart Altenmüller, Professor für Musikphysiologie und Musikermedizin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, erklärt, dass intelligente Menschen oft ein besseres Hörvermögen, ein besseres Gedächtnis und ein besseres Reaktionsvermögen haben. Er betont, dass das zentrale Nervensystem im Gehirn sich den Umständen anpasst und sich ein Leben lang weiterentwickeln kann (Neuroplastizität). Durch bewusstes Training bestimmter Gehirnareale, beispielsweise beim Spielen eines Instruments, kann die Signalübertragung an den Synapsen verbessert werden.

Aktives Musizieren vs. passives Musikhören

Es gibt einen erheblichen Unterschied zwischen musizierenden Menschen und denjenigen, die nur Musik hören. Aktives Musizieren hat viele Vorteile, darunter die Förderung von Koordination, vorausschauendem Denken, Vorstellungsvermögen, Konzentrationsfähigkeit, Sensomotorik, emotionalen und sozialen Funktionen. Insbesondere gemeinschaftliches Musizieren fördert das gegenseitige Zuhören und Reagieren, die Selbstkontrolle und die Disziplin.

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Allerdings können diese Eigenschaften auch durch andere Aktivitäten gefördert werden, wie zum Beispiel durch Sportarten, die hohe Präzision und andauernde Konzentration erfordern.

Musik und Epilepsie: Neue Forschungsergebnisse

Eine neue Forschungsarbeit, an der unter anderem die Klinik für Neurologie in Hannover beteiligt war, führte Versuche mit Epilepsie-Patienten durch, bei denen bisher kein Medikament angeschlagen hat. Den Probanden wurden verschiedene Musikstücke vorgespielt, und ihre Hirnaktivitäten wurden beobachtet. Es zeigte sich, dass sich ab einer Hördauer von 30 Sekunden eine beruhigende Wirkung einstellte. Die Anzahl der Ausschläge in der Hirnstromableitung reduzierte sich um 66,5%.

Die Auswirkungen waren am stärksten im rechten und linken präfrontalen Kortex, den Regionen im Gehirn, die für die emotionalen Reaktionen verantwortlich sind. Die Untersuchung zeigte, dass der Effekt vor allem mit dem Vermitteln von positiven Gefühlen zu tun hat. Diese Gefühle scheinen beim Zuhörer eher bei besonders melodischen Stücken, wie Mozarts Sonate KV 448, ausgelöst zu werden.

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Musik eine beruhigende Wirkung auf das Gehirn haben und möglicherweise Symptome von Epilepsie lindern kann. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass weitere Forschung erforderlich ist, um diese Ergebnisse zu bestätigen und die zugrunde liegenden Mechanismen besser zu verstehen.

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