Multifokale Motorische Neuropathie (MMN): Ursachen, Diagnose und Therapie

Die multifokale motorische Neuropathie (MMN) ist eine seltene, erworbene neurologische Erkrankung, die das periphere Nervensystem betrifft. Sie ist durch eine langsam fortschreitende, asymmetrische Muskelschwäche in den Extremitäten gekennzeichnet, insbesondere in den Armen und Händen. Im Gegensatz zu anderen Neuropathien sind bei der MMN hauptsächlich die motorischen Nerven betroffen, während die sensorischen Nerven in der Regel intakt bleiben.

Was ist MMN?

Die MMN ist eine seltene Erkrankung, die durch eine langsam fortschreitende, asymmetrische Muskelschwäche in den Extremitäten gekennzeichnet ist. Die Schwäche betrifft typischerweise die distalen Muskeln der Arme und Hände, was zu Schwierigkeiten bei alltäglichen Aufgaben wie Greifen, Schreiben oder Knöpfen führen kann. Die MMN ist eine erworbene Neuropathie, was bedeutet, dass sie nicht genetisch bedingt ist, sondern sich im Laufe des Lebens entwickelt.

Abgrenzung zu anderen Neuropathien

Es ist wichtig, die MMN von anderen Neuropathien zu unterscheiden, da die Behandlung unterschiedlich ist. Die Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung (CMT) ist eine hereditäre Neuropathie, während die MMN erworben ist. Die chronisch-inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP) ist eine weitere erworbene Neuropathie, die jedoch im Gegensatz zur MMN typischerweise symmetrisch verläuft und sowohl motorische als auch sensorische Nerven betrifft.

Ursachen der MMN

Die genauen Ursachen der MMN sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass es sich um eine Autoimmunerkrankung handelt, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die eigenen Nerven angreift. Bei vielen Patienten mit MMN lassen sich im Serum Autoantikörper gegen Ganglioside nachweisen, insbesondere gegen GM1. Ganglioside sind komplexe Lipide, die in den Nervenzellen vorkommen und eine wichtige Rolle bei der Signalübertragung spielen. Die Antikörper können die Funktion der Nervenzellen beeinträchtigen und zu den Symptomen der MMN führen. Allerdings haben nicht alle Patienten mit MMN Gangliosid-Antikörper, und es ist noch unklar, ob die Antikörper tatsächlich die Ursache der Erkrankung sind oder lediglich eine Begleiterscheinung.

Rolle von Autoantikörpern

Autoantikörper gegen Ganglioside, insbesondere GM1, werden häufig bei Patienten mit MMN gefunden. Diese Antikörper können die Funktion der Nervenzellen beeinträchtigen und zu den Symptomen der MMN führen. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass nicht alle Patienten mit MMN Gangliosid-Antikörper haben, und es ist noch unklar, ob die Antikörper tatsächlich die Ursache der Erkrankung sind oder lediglich eine Begleiterscheinung.

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Mögliche Auslöser

In einigen Fällen wird vermutet, dass Infektionen mit bestimmten Bakterien oder Viren die Entstehung einer MMN auslösen können. Diese Infektionen könnten eine Autoimmunreaktion auslösen, die sich gegen die Nerven richtet. Zu den möglichen Auslösern gehören Campylobacter jejuni, Cytomegalie-Virus, Mycoplasma pneumoniae oder Epstein-Barr-Virus.

Symptome der MMN

Die MMN äußert sich typischerweise durch eine langsam fortschreitende Muskelschwäche, die asymmetrisch beginnt, d.h. eine Körperseite ist stärker betroffen als die andere. Die Schwäche betrifft vor allem die distalen Muskeln der Arme und Hände, was zu Schwierigkeiten bei alltäglichen Aufgaben wie Greifen, Schreiben oder Knöpfen führen kann. Im Laufe der Zeit kann sich die Schwäche auf andere Muskelgruppen ausbreiten, einschließlich der Beine.

Typische Symptome

  • Asymmetrische Muskelschwäche: Die Schwäche betrifft typischerweise eine Körperseite stärker als die andere.
  • Distale Betonung: Die Schwäche betrifft vor allem die Muskeln der Hände und Unterarme bzw. Füße und Unterschenkel.
  • Armbetonung: Die Arme sind häufiger und stärker betroffen als die Beine.
  • Muskelkrämpfe: Viele Patienten leiden unter Muskelkrämpfen, insbesondere in den betroffenen Extremitäten.
  • Faszikulationen: Unwillkürliche Muskelzuckungen (Faszikulationen) können auftreten.
  • Keine Sensibilitätsstörungen: Im Gegensatz zu vielen anderen Neuropathien sind die sensorischen Nerven bei der MMN in der Regel nicht betroffen, sodass keine Sensibilitätsstörungen wie Taubheit oder Kribbeln auftreten.

Verlauf der Erkrankung

Die MMN verläuft in der Regel langsam fortschreitend. Die Symptome können sich über Monate oder Jahre entwickeln und allmählich verschlimmern. In einigen Fällen kann es zu Phasen der Stabilität oder sogar zu leichten Verbesserungen kommen, aber in der Regel schreitet die Erkrankung fort.

Diagnose der MMN

Die Diagnose der MMN kann schwierig sein, da die Symptome unspezifisch sind und auch bei anderen neurologischen Erkrankungen auftreten können. Eine sorgfältige neurologische Untersuchung, elektrophysiologische Tests und Laboruntersuchungen sind erforderlich, um die Diagnose zu bestätigen.

Neurologische Untersuchung

Bei der neurologischen Untersuchung wird der Arzt die Muskelkraft, Reflexe und Sensibilität des Patienten überprüfen. Bei der MMN zeigt sich typischerweise eine asymmetrische Muskelschwäche, vor allem in den distalen Muskeln der Arme und Hände. Die Reflexe können abgeschwächt oder fehlend sein, während die Sensibilität in der Regel normal ist.

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Elektrophysiologische Untersuchungen

Elektrophysiologische Untersuchungen, wie die Elektroneurographie (ENG) und die Elektromyographie (EMG), sind wichtig, um die Diagnose der MMN zu bestätigen und andere Erkrankungen auszuschließen.

  • Elektroneurographie (ENG): Bei der ENG werden die Nervenleitgeschwindigkeiten gemessen. Bei der MMN zeigen sich typischerweise Leitungsblöcke in den motorischen Nerven, d.h. die Nervenimpulse werden an bestimmten Stellen nicht oder nur verzögert weitergeleitet.
  • Elektromyographie (EMG): Bei der EMG wird die elektrische Aktivität der Muskeln gemessen. Bei der MMN können Zeichen einer Denervierung auftreten, d.h. Muskelzellen, die nicht mehr von Nervenimpulsen erreicht werden, zeigen eine veränderte elektrische Aktivität.

Laboruntersuchungen

Laboruntersuchungen können helfen, andere Ursachen für die Muskelschwäche auszuschließen und Hinweise auf eine Autoimmunreaktion zu finden.

  • Blutuntersuchungen: Im Blut können Autoantikörper gegen Ganglioside, insbesondere GM1, nachgewiesen werden. Allerdings haben nicht alle Patienten mit MMN diese Antikörper.
  • Liquoruntersuchung: Bei der Liquoruntersuchung wird Nervenwasser entnommen und untersucht. Bei der MMN ist der Eiweißgehalt im Liquor in der Regel normal.

Differentialdiagnose

Es ist wichtig, die MMN von anderen Erkrankungen abzugrenzen, die ähnliche Symptome verursachen können. Dazu gehören:

  • Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): Die ALS ist eine degenerative Erkrankung des Nervensystems, die sowohl motorische als auch sensorische Nerven betrifft. Im Gegensatz zur MMN verläuft die ALS in der Regel schneller und führt zu einer generalisierten Muskelschwäche und -atrophie.
  • Chronisch-inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP): Die CIDP ist eine Autoimmunerkrankung, die die peripheren Nerven betrifft. Im Gegensatz zur MMN verläuft die CIDP typischerweise symmetrisch und betrifft sowohl motorische als auch sensorische Nerven.
  • Hereditäre Neuropathien (z.B. Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung): Hereditäre Neuropathien sind genetisch bedingte Erkrankungen, die die peripheren Nerven betreffen. Im Gegensatz zur MMN beginnen die Symptome in der Regel in der Kindheit oder Jugend.
  • Andere Ursachen für Muskelschwäche: Es gibt viele andere Erkrankungen, die Muskelschwäche verursachen können, wie z.B. Muskelentzündungen (Myositis), Stoffwechselstörungen oder Vergiftungen.

Therapie der MMN

Die MMN ist eine behandelbare Erkrankung. Die Behandlung zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, die Progression der Erkrankung zu verlangsamen und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.

Immuntherapie

Die Immuntherapie ist die wichtigste Behandlungsoption bei der MMN. Sie zielt darauf ab, die Autoimmunreaktion zu unterdrücken, die vermutlich die Ursache der Erkrankung ist.

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  • Intravenöse Immunglobuline (IVIg): IVIg sind gereinigte Antikörper, die aus dem Blut gesunder Spender gewonnen werden. Sie werden intravenös verabreicht und können die Funktion des Immunsystems modulieren. IVIg sind in der Regel sehr wirksam bei der Behandlung der MMN und können die Muskelkraft verbessern und die Progression der Erkrankung verlangsamen.
  • Cyclophosphamid: Cyclophosphamid ist ein Immunsuppressivum, das das Immunsystem unterdrückt. Es kann in schweren Fällen von MMN eingesetzt werden, wenn IVIg nicht ausreichend wirksam sind.
  • Andere Immunsuppressiva: In einigen Fällen können auch andere Immunsuppressiva wie Azathioprin oder Mycophenolatmofetil eingesetzt werden.

Supportive Therapie

Neben der Immuntherapie ist eine supportive Therapie wichtig, um die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.

  • Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskelkraft und Beweglichkeit zu erhalten oder zu verbessern.
  • Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, alltägliche Aufgaben trotz der Muskelschwäche zu bewältigen.
  • Hilfsmittel: Hilfsmittel wie Orthesen oder Gehhilfen können die Mobilität und Selbstständigkeit der Patienten unterstützen.
  • Schmerztherapie: Bei Muskelkrämpfen oder Schmerzen können Schmerzmittel oder Muskelrelaxantien eingesetzt werden.

Behandlung von Komorbiditäten

Es ist wichtig, Begleiterkrankungen (Komorbiditäten) zu behandeln, die die Symptome der MMN verschlimmern können. Dazu gehören z.B. Diabetes mellitus, Schilddrüsenerkrankungen oder Vitaminmangel.

Aktuelle Forschung

Die Forschung zur MMN ist aktiv und zielt darauf ab, die Ursachen der Erkrankung besser zu verstehen, neue Therapieansätze zu entwickeln und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.

Leben mit MMN

Die MMN kann das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Es ist wichtig, sich mit der Erkrankung auseinanderzusetzen, sich Unterstützung zu suchen und Strategien zu entwickeln, um mit den Symptomen umzugehen.

Selbsthilfegruppen

Selbsthilfegruppen bieten eine Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, Erfahrungen zu teilen und Unterstützung zu finden.

Psychologische Unterstützung

Eine psychologische Unterstützung kann helfen, mit den emotionalen Belastungen der Erkrankung umzugehen.

Anpassung des Lebensstils

Eine Anpassung des Lebensstils kann helfen, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Dazu gehören z.B. regelmäßige Bewegung, eine gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf.

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