Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS). Dabei greift das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheide an, eine Schutzschicht, die die Nervenfasern umgibt. Dieser Angriff führt zu Schäden an Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark, was vielfältige neurologische Symptome zur Folge hat. Die Forschung hat große Fortschritte gemacht, aber die genauen Ursachen für die Multiple Sklerose sind bis heute nicht vollständig bekannt.
Ursachen und Risikofaktoren der Multiplen Sklerose
Die Ursachen von MS sind komplex und multifaktoriell. Es wird angenommen, dass verschiedene Faktoren zusammenwirken, um die Krankheit auszulösen. Zu den wichtigsten Faktoren gehören:
- Genetische Faktoren: Beobachtungen deuten auf eine genetische Komponente bei der Entstehung von MS hin. Multiple Sklerose kommt in manchen Familien gehäuft vor. Für Verwandte ersten Grades von MS-Betroffenen besteht ein erhöhtes Risiko, ebenfalls die chronische Nervenerkrankung zu entwickeln. Bestimmte genetische Konstellationen, insbesondere die Humanen-Leukozyten-Antigene (HLA), scheinen mit dem Auftreten von MS in Verbindung zu stehen. Zu einem gewissen Teil ist Multiple Sklerose also vererbbar - allerdings wird nicht die Erkrankung selbst vererbt, sondern nur die Neigung, an MS zu erkranken. Erst im Zusammenspiel mit anderen Faktoren (vor allem Umweltfaktoren wie Infektionen) kommt es bei einigen Menschen zum Ausbruch der Krankheit.
- Infektionen: Möglicherweise sind auch Infektionen mit Viren und Bakterien am Ausbruch von Multipler Sklerose beteiligt. Entsprechende Hinweise gibt es besonders zum Epstein-Barr-Virus (EBV), einem Vertreter der Herpes-Viren, der das Pfeiffersche Drüsenfieber verursacht. Wie genau eine Infektion mit EBV (oder anderen Erregern) zur Entstehung von MS beiträgt, ist bislang nicht bekannt. Möglicherweise lösen die normalen Reaktionen des Immunsystems auf eine Infektion bei entsprechend veranlagten Menschen die Entstehung von MS aus. Gegen Multiple Sklerose gibt es keinen Impfstoff. Ein Impfstoff gegen das Eppstein-Barr-Virus befindet sich aber derzeit in der Entwicklung. Da Infektionen mit dem Virus als Risikofaktor für MS gelten, könnte die Impfung möglicherweise in Zukunft dazu beitragen, Menschen auch vor MS zu schützen.
- Lebensstil und Umwelt: Umwelt- beziehungsweise bestimmte Lebensstil-Faktoren wirken möglicherweise ebenfalls bei der Entstehung von Multipler Sklerose mit. Ein ungesunder Lebensstil ist für sich genommen aber nicht ausreichend, um MS auszulösen. Ein kritischer Faktor bei der MS-Krankheit ist offenbar Rauchen. So haben Raucher im Vergleich zu Nichtrauchern ein höheres Risiko, an Multipler Sklerose zu erkranken. Zudem scheint Nikotin den Krankheitsverlauf zu verschlechtern. Einen Mangel an Vitamin D - dem „Sonnenvitamin“ - diskutieren Wissenschaftler ebenfalls als möglichen Risikofaktor für Multiple Sklerose. Dieser Verdacht basiert auf der Beobachtung, dass es einen Zusammenhang zwischen MS und der geografischen Breite gibt: Je weiter man sich vom Äquator entfernt (in Richtung Nord- beziehungsweise Südpol), desto häufiger tritt Multiple Sklerose in der Bevölkerung auf. Das liegt eventuell an der abnehmenden Sonnen-Exposition: Je weiter entfernt vom Äquator die Menschen leben, desto weniger intensiv ist die Sonnen-Einstrahlung. Und je weniger Sonne auf die Haut fällt, desto weniger Vitamin D wird in der Haut produziert.
- Weitere Faktoren: Das Geschlecht wirkt ebenfalls mit bei der Entstehung von MS. Frauen erkranken häufiger an Multipler Sklerose als Männer. Warum das so ist, weiß man bislang nicht. Untersuchungen zufolge erhöhen eine fettreiche „westliche“ Ernährung und ein damit verbundenes Übergewicht das Risiko für MS. Als weitere mögliche beeinflussende Faktoren werden eine erhöhte Kochsalz-Zufuhr und die Darmflora diskutiert. Die ethnische Zugehörigkeit scheint ebenfalls einen Einfluss zu haben: Beispielsweise ist Multiple Sklerose bei weißen Menschen deutlich häufiger anzutreffen als bei anderen Ethnien. So erkranken männliche Schwarze, die in den USA leben, seltener an MS als männliche weiße US-Amerikaner - allerdings häufiger als männliche Schwarze in Afrika. Hier scheint wieder der Einfluss anderer Faktoren zum Tragen zu kommen.
Epidemiologie: Unterschiede zwischen Ethnien und Regionen
Weltweit sind etwa 2,5 Millionen Menschen an Multipler Sklerose erkrankt. Die Häufigkeit der MS variiert jedoch erheblich zwischen verschiedenen Regionen und ethnischen Gruppen. MS kommt häufiger in Mittel- und Nordeuropa vor, seltener dagegen in Südeuropa und Afrika. Die Häufigkeit ist je nach Region unterschiedlich und tendenziell höher in den wirtschaftlich entwickelten Ländern. Zudem sind Frauen etwa doppelt so häufig von MS betroffen wie Männer. Der Grund dafür ist trotz intensiver Forschung aber bisher nicht bekannt.
In Afrika beispielsweise liegt die Inzidenzrate bei 0,5 Fällen pro 100.000 Menschen, während sie in Europa bei 80 Fällen pro 100.000 Menschen liegt. In Nordafrika und im Nahen Osten mit einer überwiegend arabischen Bevölkerung sei eine ähnliche Entwicklung wie in den westlichen Industrieländern zu beobachten, dagegen seien etwa schwarze Südafrikaner weitgehend vor der Erkrankung geschützt. Ähnliche Zahlen kennt auch Dr. Helmut Butzkueven vom Royal Melbourne Hospital.
Ein internationales Forschungsteam hat herausgefunden, dass die Risikogene für MS durch ein Reitervolk, die Jamnaja, vor 5.000 Jahren über die pontische Steppe nach Nordwesteuropa gelangten. Dies könnte das Nord-Süd-Gefälle bei der Multiplen Sklerose erklären: Die Autoimmunerkrankung tritt in Nordeuropa etwa doppelt so häufig auf wie in Südeuropa. Dies hänge damit zusammen, dass die Jamnaja die Vorfahren der heutigen Bewohner eines Großteils Nordwesteuropas genetisch wesentlich stärker geprägt haben als die heutige Bevölkerung Südeuropas.
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Multiple Sklerose bei Menschen afrikanischer Abstammung
Die ethnische Zugehörigkeit scheint einen Einfluss auf das MS-Risiko zu haben. So ist Multiple Sklerose bei weißen Menschen deutlich häufiger anzutreffen als bei anderen Ethnien. Männliche Schwarze, die in den USA leben, erkranken seltener an MS als männliche weiße US-Amerikaner - allerdings häufiger als männliche Schwarze in Afrika. Dies deutet darauf hin, dass sowohl genetische als auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen.
Professor Riadh Guider von der Razi-Klinik in Tunis verwies auf eine weiterhin sehr niedrige MS-Prävalenz in Teilen Afrikas. Dies könnte auf genetische Unterschiede, Umweltfaktoren oder eine Kombination aus beidem zurückzuführen sein. Es ist wichtig zu beachten, dass die Forschung zu MS bei Menschen afrikanischer Abstammung begrenzt ist und weitere Studien erforderlich sind, um die spezifischen Risikofaktoren und den Krankheitsverlauf in dieser Bevölkerungsgruppe besser zu verstehen.
Die Rolle der genetischen Vielfalt und Migration in Europa
Ein internationales Forschungsteam hat durch DNA-Analysen uralter Proben und Abgleiche mit dem Erbgut heutiger Menschen entdeckt, wie die Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose auf den Kontinent kam und sich verbreitete - und welchen Vorteil die dafür verantwortlichen Erbanlagen vielleicht boten. Die heutige genetische Vielfalt der Europäer wurde vor allem durch drei großen Migrationswellen geprägt:
- Die Ankunft der ersten modernen Menschen, die vor rund 45.000 Jahren von Afrika aus über Vorderasien den Kontinent erreichten und als Jäger und Sammler lebten.
- Ab vor etwa 11.000 Jahren kamen die ersten Bauern aus dem Nahen Osten.
- Vor etwa 5000 Jahren folgten schließlich Viehhirten aus der Pontischen Steppe.
Die Ergebnisse der Studien legen nahe, dass diese Wanderungsbewegungen bestimmte genetische Merkmale nach Europa brachten - darunter auch Risiken für bestimmte Krankheiten. Konkret untersuchte das Team unter der Leitung von Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen, welche Spuren die verschiedenen Migrationswellen im Genom der heutigen Europäer hinterlassen haben und welchen Einfluss dieses Erbe auf die Gesundheit nimmt.
Mit dem Abgleich konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine Reihe von Merkmalen im heutigen Europa erklären, etwa dass Menschen in Nordwesteuropa in der Regel größer sind als in Südeuropa. Die genetische Veranlagung dafür stamme vermutlich von den Jamnaja-Hirten. Ebenso sei das Risiko für bestimmte Krankheiten eine Folge des genetischen Erbes, heißt es. Menschen in Südeuropa hätten typischerweise viele DNA-Spuren jungsteinzeitlicher Bauern und seien genetisch stärker veranlagt für die Entwicklung bestimmter psychischer Erkrankungen. Menschen in Nordosteuropa dagegen, deren Erbgut die größten Ähnlichkeiten mit dem der steinzeitlichen Jäger und Sammler habe, hätten ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Typ-2-Diabetes und der Alzheimer-Krankheit.
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Von den Jamnaja komme indes nicht nur die Veranlagung für eine große Statur und eine hellere Haut, sondern auch ein erhöhtes Risiko für Multiple Sklerose (MS), einer chronisch-entzündlichen Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, schreibt das Team. In einer eigenen Studie zeigen die Autorinnen und Autoren, wie die genetischen Varianten, die mit einem MS-Risiko verbunden sind, mit den Viehhirten aus der Pontischen Steppe nach Nordwesteuropa gelangten.
Diagnose und Behandlung von Multipler Sklerose
Die Diagnose von MS kann eine Herausforderung sein, da die Symptome vielfältig sind und sich von Person zu Person unterscheiden können. Bei mir hat sich der “Prozess” von der Verdachtsdiagnose bis zur Diagnose über 20 Jahre hingezogen. Das ist nicht O.K. Ich habe immer noch im Kopf, das die sichere MS Diagnose eine “Ausschlussdiagnose” ist und selbst dann… da habe ich immer noch die Worte meines “Diagnosestellers” im Kopf (Chefarzt und ärztlicher Direktor). Die Diagnose hat solange Bestand, bis sich ggf. Wenn ich hier im Forum lese habe ich immer wieder den Eindruck, das die Diagnose bei ersten Anzeichen quasi “proaktiv” hin zu MS gestellt wird und die langwierige, teure und komplizierte “Differenzialdiagnose” nicht konsequent genug betrieben wird. Neurologische Zeichen und Symptome wie Sehstörungen, Verlust der Empfindlichkeit, Taubheitsgefühl, Muskelschwäche, Muskelkrämpfe, Bewegungsschwierigkeiten, Koordinations- und Gleichgewichtsprobleme, Darmprobleme und Schwierigkeiten beim Sprechen oder Schlucken können auf MS hindeuten. Die Diagnose basiert in der Regel auf einer Kombination aus klinischer Untersuchung, neurologischer Tests, Magnetresonanztomographie (MRT) und Liquoruntersuchung.
Es gibt keine medizinische Behandlung, die Multiple Sklerose heilen kann. Die Behandlung kann nur helfen, die Krankheit zu kontrollieren, indem sie die Symptome lindert und neue Ausbrüche verhindert. Steroide werden regelmäßig eingesetzt, um die Genesung bei Rezidiven zu beschleunigen, und krankheitsmodifizierende Therapien werden eingesetzt, um das Fortschreiten von RRMS zu verlangsamen oder zu reduzieren. Es werden auch Behandlungen empfohlen, die auf die spezifischen Symptome der Multiplen Sklerose abzielen.
Aktuelle Entwicklungen und Forschung
Die Forschung im Bereich der Multiplen Sklerose hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Der Schwerpunkt der aktuellen Forschung liegt im Bereich der Neuroimmunologie. In diesem Forschungsgebiet werden die Zusammenhänge zwischen dem Immunsystem und dem Nervensystem untersucht. Es werden neue Therapien entwickelt, die gezielt in das Immunsystem eingreifen, um die Entzündungsprozesse im Gehirn und Rückenmark zu reduzieren. Ein Impfstoff gegen das Eppstein-Barr-Virus befindet sich derzeit in der Entwicklung. Da Infektionen mit dem Virus als Risikofaktor für MS gelten, könnte die Impfung möglicherweise in Zukunft dazu beitragen, Menschen auch vor MS zu schützen.
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