Bewegungstherapie bei Multipler Sklerose: Übungen für mehr Lebensqualität

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die Symptome wie Muskelschwäche, Koordinationsprobleme und Fatigue verursacht. Bewegungstherapie spielt eine zentrale Rolle bei der Behandlung von MS, um die Beweglichkeit zu verbessern, Schmerzen zu reduzieren und die Lebensqualität zu steigern.

Einführung

Früher wurde Menschen mit MS von körperlicher Aktivität abgeraten. Heute ist bekannt, dass Sport keine negativen Auswirkungen auf die Schubrate hat. Regelmäßiges Training kann sogar entzündungshemmende Botenstoffe produzieren, die die Krankheitsaktivität mildern können. Bereits nach vier Wochen Training können Betroffene messbare Erfolge erzielen: Ihre Beweglichkeit verbessert sich und Müdigkeitssymptome gehen zurück.

Grundlagen der Bewegungstherapie bei MS

Ziele der Bewegungstherapie

Die Bewegungstherapie bei MS verfolgt spezifische Ziele:

  • Verbesserung des Gangbildes und der Lauffähigkeit
  • Förderung von Koordination und Balance
  • Stärkung von Kraft und Ausdauer
  • Anregung des Herz-Kreislauf-Systems und des Stoffwechsels
  • Reduktion von Darmproblemen
  • Förderung der Feinmotorik und Stabilität
  • Unterstützung des Immunsystems
  • Entgegenwirken von Spastiken und Muskelschwäche
  • Linderung von Fatigue und Depressionen
  • Kontrolle des Körpergewichts

Individuelle Anpassung

Jeder MS-Verlauf ist individuell. Daher sollte das Training stets an die persönliche Situation und die Signale des Körpers angepasst werden. Ein Sporttagebuch kann helfen, Zusammenhänge zwischen Training und Leistungsschwankungen zu erkennen.

Empfehlungen für den Trainingsbeginn

  • Beginne mit einfachen Bewegungs- und Trainingsformen, die gut in den Alltag integriert werden können.
  • Achte auf den Zusatz „ZN 2“ auf dem Rezept, der auf die Notwendigkeit einer besonderen Berücksichtigung der individuellen Leistungsfähigkeit hinweist.
  • Nach einer guten Einweisung durch einen Physiotherapeuten ist eine wöchentliche Therapie nicht immer notwendig.

Spezifische Übungen und Trainingsformen

Gleichgewichtstraining

Gleichgewichtsstörungen sind eine häufige Ursache für Stürze bei MS-Betroffenen. Eine einfache Übung ist die Balance-Haltung: In Schrittstellung hinstellen und diese Position so lange wie möglich halten. Je breiter die Beine stehen, desto stabiler ist die Haltung. Balancetraining kann die Sturzhäufigkeit signifikant verringern. Pilates, Yoga, Tai Chi und Hippotherapie zeigen ähnliche Wirkungen wie klassisches Balancetraining und können zur Variation genutzt werden.

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Rumpfstabilität

Zur Stärkung der Rumpfstabilität eignen sich stehende Liegestütze: Vor eine Arbeitsplatte stellen, deren Rand greifen, Arme beugen und den Oberkörper in Richtung Hände führen, während die Fersen am Boden bleiben.

Muskelkraft

Neurologische Störungen reduzieren die Muskelkraft, wobei bei MS-Erkrankten vor allem die untere Körperhälfte betroffen ist. Gezieltes Krafttraining kann die Muskelkraft steigern, ohne negative Folgen.

  • Zehenstand: Langsam mit den Fersen vom Boden abdrücken, bis man auf den Zehen steht.
  • Wechselseitige Armschere: Im hüftbreiten Stand vor einer Küchenzeile eine Hand auf der Arbeitsplatte, die andere am Schrank.

Ausdauertraining

Die kardiorespiratorische Leistungsfähigkeit kann bei MS-Erkrankten geringer sein als bei Gesunden, was zu vorzeitiger Erschöpfung bei Belastung führt. Entsprechendes Training, zum Beispiel auf dem Laufband oder Fahrradergometer, kann die Ausdauerleistung langfristig verbessern. Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass Fatigue durch Ausdauertraining beeinflussbar ist. Vor allem angepasstes Aerobictraining, Walking und Ergometertraining sind hilfreich.

Gangtraining

Vorrangiges Therapiemittel zur Verbesserung der Mobilität von MS Patienten ist ein therapeutisch angeleitetes Gangtraining. Dieses kann auf dem Laufband oder konventionell auf dem Boden durchgeführt werden. In jedem Fall muss es derart gestaltet sein, dass die Patienten durch das Training auch im Ausdauer- und Kraftbereich gefordert werden. Im Vorfeld bietet es sich an, eine gezielte Testung von Fußbeuger, Hüftbeuger, Wadenmuskulatur und Quadriceps vorzunehmen, da diese Muskeln bei MS Patienten häufig ein Kraftdefizit aufweisen. Je nach Befund sollten dort befindliche Schwächen durch eine gesonderte Kräftigung der Muskulatur trainiert werden.

Beweglichkeit und Spastik

Spastik führt oft zu einer eingeschränkten Beweglichkeit. Sanfte Dehnung der Muskulatur kann helfen. Die gut koordinierte Aktivierung der Muskeln ist der Schlüssel zu einer besseren Leistungsfähigkeit. Bei Spastik empfehlen medizinische Leitlinien ausdrücklich aktives Training, beispielsweise auf dem Laufband.

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Weitere Trainingsformen

  • Wassergymnastik: Stabilisiert die Mobilität und unterstützt das Herz-Kreislauf-System. Besonders gut geeignet bei spastischen MS-Symptomen, weil der Körper aktiv und passiv bewegt wird.
  • Outdoor-Sportarten wie Nordic Walking: Verbessern Bewegungsabläufe, Koordination sowie Lungenfunktion und können Fatigue-Beschwerden lindern.
  • Tai Chi und Qi Gong: Rhythmische und langsame Bewegungen helfen besonders bei Ataxie, also bei Störungen in der Bewegungskoordination.
  • Kanufahren oder Stand-up-Paddling: Trainieren den ganzen Körper, fördern den Gleichgewichtssinn sowie Bewegungsabläufe. Je nach Schwere der Erkrankung kann Stand-up-Paddling aber auch zum Sit-up-Paddling werden.

Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches Training

Trainingsumgebung

Der Raum sollte kühl sein, da Hitze MS-Symptome vorübergehend verschlimmern kann (Uhthoff-Phänomen).

Verhältnis von Aktivität und Erholung

Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Aktivität und Erholung ist wichtig. Plane genügend Pausen ein, um die Kräfte zu regenerieren.

Hilfsmittel

Hilfsmittel können Hindernisse beseitigen und das Leben erleichtern. Für die Mobilität eignen sich Gehstöcke, Gehhilfen wie Rollatoren oder bei Bedarf ein Rollstuhl. Vor der Anschaffung sollte man sich von einer Fachperson beraten lassen.

Motivation und langfristige Erfolge

Für den langfristigen Erfolg ist es entscheidend, dranzubleiben und Übungen regelmäßig durchzuführen. Kleine Tricks und Kniffe können die Motivation erheblich steigern:

  • Belohnungen: Nach jedem vierten Training ein Sushi-Menü zum Mitnehmen gönnen.
  • E-Bike: Ein E-Bike kann eine fantastische Motivation sein, da die elektrische Unterstützung die Barriere abbaut, einfach loszuradeln.
  • Sportveranstaltungen: Der Besuch von Sportveranstaltungen kann motivierend wirken.

Sporttagebuch

Ein Sporttagebuch hilft, die individuellen Belastungsgrenzen zu erkennen und einzuschätzen. Trage täglich die Aktivitäten mit Dauer und resultierendem Befinden ein.

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Moderne Technologien

Moderne Technologien bieten hervorragende Möglichkeiten für ein individuelles Training. Für digitale Therapieansätze wurde in Studien eine sehr hohe Compliance von über 90% festgestellt. Telerehabilitation, beispielsweise in Form von Virtual Reality oder Telekommunikation (Videoanleitung), kann die Aktivität der Patienten im Alltag deutlich erhöhen.

Weitere Aspekte der Bewegungstherapie

Depressionen

Durch aerobes Training konnte bei MS-Patienten eine antidepressive Wirkung bei leichten und mittelschweren Depressionen und eine verbesserte Stimmung nachgewiesen werden.

Vegetative Störungen

Beckenbodentraining und Ausdauertraining können Verbesserungen der Blasen- und Darmentleerung erzielen.

Multimodale Rehabilitation

Eine multimodale Rehabilitation sollte jährlich wiederholt werden. Die positiven Effekte einer regelmäßigen Rehabilitation halten bei MS etwa 6 bis 9 Monate an.

Bewegungsempfehlungen der WHO

Grundsätzliches Ziel der Behandlung von MS Patienten ist die Steigerung der eigenen Aktivität. Diese soll sich auch bei Erkrankten nach den Bewegungsempfehlungen der WHO richten (150 Minuten moderate Intensität pro Woche bzw. 75 Minuten hohe Intensität pro Woche). Selbstverständlich müssen dabei die individuellen körperlichen Voraussetzungen der Patienten berücksichtigt werden.

Keine Empfehlung

Keine Empfehlung kann für Bewegungsvorstellung und Vibrationstraining gegeben werden. Diese zeigten in der Studie keinerlei Auswirkung auf die Mobilität der Patienten.

Fazit

Regelmäßige Bewegungstherapie kann die Lebensqualität von Menschen mit MS deutlich verbessern. Es ist wichtig, das Training an die individuelle Situation anzupassen und auf die Signale des Körpers zu achten. Mit gezielten Übungen, der richtigen Umgebung und einer positiven Einstellung können Betroffene ihre Mobilität erhalten oder verbessern und aktiv gegen die Krankheit angehen.

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