Multiple Sklerose und Sonneneinstrahlung: Ein komplexer Zusammenhang

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, deren Ursachen und Risikofaktoren vielfältig sind. Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat gezeigt, dass neben genetischen Faktoren auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf von MS spielen. Ein besonders interessanter Aspekt ist dabei der Einfluss der Sonneneinstrahlung.

Die geografische Verteilung von MS und der Einfluss des Sonnenlichts

Bereits in den 1960er Jahren fiel dem US-amerikanischen Epidemiologen Gil Beebe ein Zusammenhang zwischen der geografischen Lage und dem MS-Risiko auf. Er beobachtete, dass die Wahrscheinlichkeit, an MS zu erkranken, mit zunehmender Entfernung vom Äquator steigt, sowohl in Richtung Nord- als auch Südpol. Diese Beobachtung führte zu der Annahme, dass die Sonneneinstrahlung eine Rolle bei der Entstehung von MS spielen könnte.

Neurowissenschaftler der Universität Münster haben zusammen mit Kollegen anderer Standorte mit einer neuen Studie nun mehr Klarheit geschaffen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass UV-Licht und MS schon auf einem relativ kleinen Gebiet wie Deutschland mit seiner Nord-Süd-Achse von knapp 1.000 km zusammenhängen. Die aktiven Entzündungsherde in Gehirn und Rückenmark und auch der Beeinträchtigungsgrad nehmen von Süd- nach Norddeutschland im Mittel zu. Im Gegenzug sinkt der saisonbereinigte Vitamin D-Spiegel - wie auch die Sonneneinstrahlung - gen Norden.

UV-Licht und der Schweregrad von MS

Die Frage, ob die Sonneneinstrahlung nur das Risiko beeinflusst, an MS zu erkranken, oder auch den Schweregrad der Erkrankung, wurde in einer groß angelegten Studie unter der Leitung von Prof. Nicholas Schwab von der münsterschen Uniklinik für Neurologie untersucht. Die Wissenschaftler werteten die Daten von nahezu 2.000 MS-Patienten aus und berücksichtigten dabei zahlreiche Einflussfaktoren wie Wohnort, Geschlecht, Lebensweise und genetische Veranlagung für Sonnenempfindlichkeit.

Die Ergebnisse dieser Studie deuten darauf hin, dass Sonnenlicht den Schweregrad der MS tatsächlich positiv beeinflusst. Nimmt die Sonneneinstrahlung zu, nehmen die MS-Beschwerden im Mittel ab. Dies könnte auf die UV-Strahlen zurückzuführen sein, die die Vitamin-D-Produktion im Körper anregen und entzündungshemmende Wirkungen haben.

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Der Einfluss von Vitamin D

Bereits seit Jahren wird angenommen, dass Vitamin D unter anderem das Immunsystem beeinflusst und entzündungshemmend wirkt. Dies hatten die Neurowissenschaftler aus Münster 2014 schon in einer kleineren Studie untersucht. Aber schon damals ahnten sie: Vitamin D kann nicht alles sein - die Sonne beeinflusst die MS noch auf weiteren Wegen. Die aktuelle Studie gibt ihnen Recht.

Wissenschaftler der University of British Columbia in Kanada fanden nun ein neues Puzzleteil, um diese Theorie zu bestätigen: Kinder und Jugendliche, die in sonnigen Regionen aufwachsen und somit mehr UV-B-Strahlung abbekommen, entwickeln seltener MS. Interessant waren für die Forscher die Zeiträume zwischen fünf und 15 Jahren, 16 und 20 Jahren sowie jeweils die Zehn-Jahres-Zeiträume danach. Die Forscher fanden heraus, dass es zwischen der Sonneneinstrahlung und dem Auftreten einer multiplen Sklerose einen eindeutigen Zusammenhang gab. Wer in einer Region mit mittlerer oder hoher UV-B-Strahlung lebte, hatte ein um 45 Prozent niedrigeres Risiko für die Nervenerkrankung als Menschen, die in Gebieten mit niedriger Sonneneinstrahlung aufwuchsen. Ein ähnliches Bild ergab sich für Personen, die zwischen dem fünften und 15. Lebensjahr in Gebieten mit mittlerer oder hoher UV-B-Strahlung lebten: Das Risiko war um ungefähr 50 Prozent reduziert.

So wiesen Forscher zum Beispiel nach, dass Kinder mit niedrigen Vitamin D-Werten bei der Geburt später doppelt so häufig an multipler Sklerose erkranken wie Kinder mit normalen Werten. Umgekehrt berichten mehrere Studien, dass Menschen mit einem hohen Vitamin-D-Spiegel, vor allem in der frühen Kindheit und Jugend, ein geringeres Risiko haben, später im Leben an multipler Sklerose zu erkranken. So fand eine finnische Studie zum Vitamin-D-Spiegel während der Schwangerschaft folgenden Zusammenhang: Frauen, die später an MS erkrankten, hatten schon Jahre vor der Diagnose niedrigere Werte an Vitamin D als Probandinnen, die im späteren Leben keine MS entwickelten.

Ein vielversprechender Kandidat scheint das Vitamin D auch in der Behandlung der multiplen Sklerose zu sein. Bei höheren Vitamin-D-Spiegeln sank die Anzahl und Schwere der Schübe - die Krankheitsaktivität nahm also ab. In einigen Studien brachte die Behandlung mit Vitamin D die MS sogar zum Stillstand und ließ die Symptome verschwinden.

Sonnenlicht und Interferon-beta: Ein ähnlicher Wirkmechanismus

Ein weiteres interessantes Ergebnis der Studie aus Münster ist, dass UV-Licht im Körper von MS-Patienten ähnliche Prozesse auslöst wie das Medikament Interferon. UV-Licht regt den Interferon-Signalweg an, wie die Wissenschaftler anhand von Gensequenzen feststellten. Dies könnte erklären, warum MS gut auf die Behandlung mit Interferon-beta anspricht.

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Allerdings zeigte sich auch, dass bei Patienten, die bereits mit Interferon-beta behandelt wurden, das Sonnenlicht keine zusätzliche Wirkung mehr hatte. Der Interferon-Signalweg kann nur einmal angeregt werden - entweder von Interferon oder von UV-Licht. Beides zusammen ergibt keinen Zusatznutzen.

Die Bedeutung der Sonnenexposition in der Kindheit und Jugend

Laut Forschungsergebnissen aus den USA können Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die täglich 30 Minuten draußen in der Sonne verbringen, ihr Risiko, an Multipler Sklerose (MS) zu erkranken, halbieren. Nach Berücksichtigung von MS-Risikofaktoren hatten Teilnehmer, die im vorangegangenen Sommer durchschnittlich 30 Minuten bis eine Stunde täglich im Freien verbrachten, ein um 52 Prozent geringeres Risiko, an MS zu erkranken, als diejenigen, die täglich weniger als 30 Minuten im Freien verbrachten. Darüber hinaus hatten diejenigen, die täglich ein bis zwei Stunden im Freien verbrachten, ein um 81 Prozent geringeres MS-Risiko.

„Wir fanden heraus, dass ein täglicher Aufenthalt von ein bis zwei Stunden im Freien den größten Nutzen bringt, aber ein täglicher Aufenthalt von nur 30 Minuten im Freien kann das MS-Risiko etwa halbieren“, sagte Emmanuelle Waubant, MD, PhD, Professorin für Neurologie.

Die Forscher fanden eine Dosisreaktion, bei der 30 Minuten bis eine Stunde eine um 52 Prozent niedrigere Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung von MS aufweisen. Ein bis zwei Stunden im Freien zu verbringen, reduzierte die MS-Chancen um 81 Prozent.

Prof. Waubant schlug zwei mögliche Gründe für diese Assoziationen vor: die Wirkung der Sonneneinstrahlung auf den Vitamin-D-Spiegel und die immunmodulierende Wirkung von ultraviolettem Licht durch die Haut, das eine entzündungshemmende Wirkung hat.

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Vorsicht vor übermäßiger UV-Strahlung

Trotz der positiven Effekte des Sonnenlichts auf MS ist es wichtig, sich vor übermäßiger UV-Strahlung zu schützen. Intensives Sonnenbaden fördert die Entstehung von Hautkrebs, insbesondere bei hellhäutigen und rothaarigen Menschen.

Eine bestimmte Variante des Melanocortin-1-Rezeptors (MC1R), der für die Bildung von hautschützendem Melanin zuständig ist, kann den Zusammenhang zwischen Breitengrad und MRT-Aktivität umkehren. In diesem Fall ist mehr Sonnenlicht nicht nur für die Haut, sondern auch für die MS schädlich.

MS-Patienten ohne besondere Lichtempfindlichkeit sollten sich ruhig länger in der Sonne aufhalten. Denn die UV-Exposition wirkt sich günstig auf den Krankheitsverlauf aus. Eine geringe Sonnenexposition gilt als Risikofaktor für die Entwicklung einer Multiplen Sklerose (MS). Ob der Sonnenmangel auch die Progression oder den Schweregrad der Erkrankung beeinflusst, wird kontrovers diskutiert. Unklar blieb bislang auch der Einfluss der medikamentösen Therapie. Eine neue Studie bringt nun etwas Licht ins Dunkel.

Umgang mit Hitze bei MS

Sommerhitze kann bei MS-Patienten zu einer vorübergehenden Verschlechterung der Symptome führen, dem sogenannten Uhthoff-Phänomen. Die Hitze selbst löst jedoch keinen Schub aus. Um die Symptome zu lindern, sollten MS-Patienten körperliche Anstrengungen in der Hitze vermeiden, sich im Schatten oder in klimatisierten Räumen aufhalten und viel trinken. Kühlwesten oder kalte Umschläge können ebenfalls helfen, die Körpertemperatur zu senken.

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