Multiple Sklerose und Hepatitis: Eine Untersuchung des Zusammenhangs

Die Frage, ob ein Zusammenhang zwischen Hepatitis-B-Impfung und dem Auftreten von Multipler Sklerose (MS) besteht, ist seit der Einführung der Hepatitis-B-Immunisierung wiederholt diskutiert worden. Neue Studiendaten widerlegen jedoch erneut den Verdacht, dass Impfungen das Risiko für Autoimmunerkrankungen wie MS erhöhen.

Studienlage und Ergebnisse

Französische Fall-Kontroll-Studie

Eine französische Fall-Kontroll-Studie analysierte Daten von 143 MS-kranken Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren und verglich sie mit den Daten von 1122 Kontrollpersonen gleichen Alters, Geschlechts und Wohnorts (Arch Pediatr Adolesc Med 161, 2007, 1176). Die Ergebnisse zeigten, dass binnen drei Jahren vor dem ersten MS-Schub 32 Prozent der MS-Kranken gegen Hepatitis B geimpft wurden. Die Impfrate bei den Kontrollpersonen war in diesem Zeitraum nahezu identisch. Auch binnen sechs Monaten vor dem ersten MS-Schub ergab sich keine erhöhte Hepatitis-B-Impfrate im Vergleich zu den Kontrollpersonen. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass ein erhöhtes Risiko für MS durch Impfung unwahrscheinlich ist.

Metaanalyse zum MS-Risiko nach Tetanusimpfung

Das Paul-Ehrlich-Institut zitiert die Ergebnisse einer Metaanalyse zum MS-Risiko nach vorheriger Tetanusimpfung (Neurology 67, 2006, 212).

Studie von Hernán et al.

Im Jahr 2004 sorgte eine Fall-Kontroll-Studie von MA Hernán et al. ("Recombinant Hepatitis B Vaccine and the Risk of Multiple Sclerosis" in Neurology) für Aufmerksamkeit. Die Autoren errechneten eine geringfügig erhöhte Odds Ratio (=> Risiko) von 3,1 (95 % CI 1,5-6,3) für MS nach einer Hepatitis-B-Impfung. Bezüglich Tetanus- und Influenza-Impfung wurde kein Hinweis auf ein erhöhtes Risiko für MS gefunden.

Die retrospektive Auswahl der Patienten für diese Fall-Kontroll-Studie erfolgte bei Hernán et al. mittels einer Datenanalyse aus einer englischen General Practice Research Database (GPRD). Im ersten Schritt wurden alle Einträge im Zeitraum Januar 1993 bis Dezember 2000 mit der Diagnose Multiple Sklerose (nach ICD Code) ausgewählt. Anschließend wurden zu den elektronischen Daten die entsprechenden medizinischen Dokumentationen in Papierform zugeordnet und von zwei unabhängigen Internisten in anonymisierter Form basierend auf den Kriterien von Poser et al. im Hinblick auf die Diagnose einer MS bewertet. Die Patienten wurden in Gruppen mit gesicherter MS, möglicher MS und keinen sicheren Anhalt für MS eingeteilt. Im zweiten Schritt wurden die Patienten nach dem Zeitpunkt der ersten klinischen Symptome für MS während des Beobachtungszeitraumes unterteilt. Bei 282 von den 438 Patienten mit MS wurden die ersten Symptome nach der Aufnahme in die Datenbank registriert. Aus diesen 163 Patienten wurden 11 identifiziert, die innerhalb der drei Jahre vor der Erstdiagnose MS gegen Hepatitis B geimpft wurden. Es ist wichtig anzumerken, dass alle geimpften MS-Patienten in dieser Studie älter als 18 Jahre waren.

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Die Autoren der Studie konnten jedoch keinen pathophysiologischen Zusammenhang erklären, weshalb über die Kausalität keine Aussage gemacht werden kann. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich kritisch zu der Studie geäußert und auf verschiedenste methodische Probleme hingewiesen. Als Kritikpunkte werden die Selektion der 163 MS-Kranken, die Definition der Kontrollgruppe und die Tatsache angeführt, dass wichtige Risikofaktoren bei der Auswahl der Kontrollen möglicherweise nicht berücksichtigt wurden.

Studie von DeStefano et al.

Eine ähnliches Studiendesign mit Patientendaten aus den USA (DeStefano F et al., Pharamacoepidemiology and Drug Safety 2004;13:143-144) ergab kein signifikant erhöhtes Risiko (Odds ration 0,8; 95 % CI: 0,4-1,4).

Weitere Studien

Es gibt wenige Studien zu dieser Frage (s. 1). Sie konnten einen Kausalzusammenhang nicht belegen. Zwei große und wissenschaftlich sehr sorgfältig durchgeführte Studien wurden im N. Engl. J. Med. publiziert (2, 3). Das Ergebnis dieser beiden Studien ist eindeutig und läßt sich in zwei Sätzen zusammenfassen: Er gibt keinerlei Hinweis auf eine Assoziation von Hepatitis-B-Impfung und der Entstehung von MS. Es gibt ferner keinen Hinweis darauf, daß irgendeine Impfung (Hepatitis B, Influenza, Tetanus) das Risiko eines Schubes bei MS-Patienten erhöht.

Eine Studie verglich die Daten von 163 MS-Patienten und mehr als 1600 Patienten ohne diese Erkrankung (Neurology 63, 2004, 838). Elf der MS-Patienten hatten innerhalb von drei Jahren nach der Hepatitis-B-Impfung erste MS-Symptome bekommen. Es ist unklar, ob die elf MS-Patienten repräsentativ für alle MS-Kranke in der Bevölkerung sind, da sie aufgrund enger Einschlußkriterien aus einer Gruppe von über 713 MS-Kranken für die Studie ausgewählt worden waren.

Rechtliche Aspekte

In einem Urteil des Landessozialgerichts Baden-Württemberg (LSG Baden-Württemberg, Urteil vom 13.02.2025 - L 6 VS 735/24) wurde der Antrag eines Soldaten auf Anerkennung einer MS-Erkrankung als Impfschaden nach einer Hepatitis-Schutzimpfung abgelehnt. Das Gericht argumentierte, dass der Hinweis des Impfstoffherstellers auf MS als sehr seltene Nebenwirkung der Impfung allein nicht ausreiche, um einen Zusammenhang wahrscheinlich zu machen. Die Herstellerhinweise seien allein dem Ausschluss der Herstellerhaftung geschuldet und besagten nichts über einen wissenschaftlich belegten Ursachenzusammenhang. Des Weiteren spreche auch die aktuell geltende wissenschaftliche Lehrmeinung gegen einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Impfung und MS, auch die ständige Impfkommission lehne einen Zusammenhang ab.

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Hepatitis B-Reaktivierung bei MS-Behandlung

Die Krebsmittel Rituximab und Ofatumumab sind hoffnungsvolle Wirkstoffe auch bei der Behandlung der Multiplen Sklerose. Vermutlich erhalten sie nur die Zulassung als Eskalationstherapie, da sie teils schwere Nebenwirkungen verursachen können. Eine dieser Nebenwirkungen ist die zum Teil tödlich verlaufende Hepatitis B. Diese kann auch Jahre nach dem Abklingen durch die beiden monoklonalen Antikörper wieder aufflammen. Daher sind ausführliche Screenings der Patienten nötig, bevor ein Arzt sie (bei MS bisher off-label) verschreibt. Neben der Bestimmung des Oberflächen­antigens HBsAg gehört dazu auch der Core-Antikörper anti-HBc. Bei Hepatitis in der Vergangenheit, dürfen die Krebsmedikamente nicht verschrieben werden.

Autoimmune Hepatitis und Multiple Sklerose

Es gibt Hinweise darauf, dass MS-Patienten für die Entwicklung einer Autoimmunhepatitis (AIH) prädispositioniert sein könnten.

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