Multiple Sklerose: Verlauf und Verschlechterung verstehen und beeinflussen

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die oft als die Krankheit mit den 1.000 Gesichtern bezeichnet wird. Der Verlauf der MS ist sehr individuell und kann sich im Laufe der Zeit verändern. Es gibt verschiedene Verlaufsformen, die sich in ihrem Fortschreiten und ihren Symptomen unterscheiden. Besonders wichtig ist es, den Übergang von der schubförmig remittierenden MS (RRMS) zur sekundär progredienten MS (SPMS) zu erkennen, um frühzeitig geeignete Maßnahmen ergreifen zu können.

Einführung in die Multiple Sklerose

Die Multiple Sklerose (MS) manifestiert sich vielfältig hinsichtlich Symptomen und Therapie. Betroffene haben viele Fragen zum Krankheitsverlauf: Ist MS heilbar? Beeinflusst MS die Lebenserwartung? Der Beginn einer MS kann unterschiedlich sein; MS-Nurses sollten daher mögliche Symptome kennen. Sehstörungen, Erschöpfung oder Blasenprobleme können auftreten. Die Vielfalt der MS-Symptome erschwert die Diagnose, daher gibt es keinen einzelnen MS-Test. Neurologen führen verschiedene Untersuchungen durch, um eine sichere Diagnose zu stellen. Bei Verdacht auf MS ist der Gang zum Spezialisten ratsam.

Verlaufsformen der Multiplen Sklerose

Es gibt typische Verlaufsformen der MS, aber der konkrete Verlauf ist individuell verschieden. Individuelle, variable MS-Verläufe mit unsicherer Prognose sind ein fester Bestandteil des Krankheitsbilds.

Die MS wird in verschiedene Verlaufsformen unterteilt:

  • Schubförmig remittierende MS (RRMS): Dies ist die häufigste Form der MS, insbesondere zu Beginn der Erkrankung. Bei der RRMS treten Schübe auf, bei denen krankheitstypische Symptome auftreten. Nach einem Schub können sich die Symptome wieder vollständig oder teilweise zurückbilden. Die Schübe treten in unregelmäßigen Abständen auf.
  • Sekundär progrediente MS (SPMS): Bei vielen Betroffenen geht die schubförmige MS nach längerem schubförmigem Verlauf in eine sekundär progrediente Verlaufsform über. Bei der SPMS erfolgt die Rückbildung der Symptome nach dem Schub nur noch unvollständig und es kommt zunehmend zu Einschränkungen. Schließlich treten kaum noch Schübe auf und es kommt zu einer progredienten, d. h. fortschreitenden Verschlechterung der Symptome.
  • Primär progrediente MS (PPMS): Bei der primär progredienten Verlaufsform treten keine Schübe auf, auch nicht zu Beginn der Krankheit. Stattdessen schreitet die Erkrankung von Anfang an kontinuierlich voran.
  • Schubförmig progrediente MS: Bei dieser Form steht die langsam fortschreitende Symptomverschlechterung im Vordergrund, zusammen mit zwischenzeitlich auftretenden Schüben, die sich vollständig zurückbilden.

Der Übergang von RRMS zu SPMS

Ein wichtiger Aspekt im Verlauf der MS ist der Übergang von der schubförmig remittierenden Form (RRMS) zur sekundär progredienten Form (SPMS). Dieser Übergang ist oft schleichend und nicht immer leicht zu erkennen. Bei der SPMS nimmt die Anzahl der Schübe häufig ab, während eine langsame, oft unerkannte Verschlechterung verschiedener Symptome auftritt - unabhängig von Schubereignissen.

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Anzeichen für das schleichende Fortschreiten der MS

Um zu erkennen, ob die MS schleichend fortschreitet, sollten Sie auf die Verschlechterung oder das Neuauftreten folgender Symptome achten:

  • Vergesslichkeit
  • Verlangsamte Informationsverarbeitung
  • Längere Gehzeiten oder eingeschränkte Gehstrecke
  • Empfindungsstörungen oder Kribbeln
  • Häufigerer Harndrang

Veränderungen wahrnehmen und ansprechen

Es ist wichtig, den eigenen Körper bewusst wahrzunehmen und Veränderungen ernst zu nehmen. Wenn Sie Veränderungen feststellen, sprechen Sie diese bei Ihrer nächsten Kontrolluntersuchung an. In einem gemeinsamen Gespräch werden alle Themen besprochen und Ihre Fragen beantwortet. Nutzen Sie die Möglichkeit, gemeinsam mit Ihrem Arzt frühzeitig geeignete Untersuchungen einzuleiten und die Therapie an Ihre Bedürfnisse anzupassen.

Die Rolle von Angehörigen

Auch als Angehöriger eines MS-Patienten ist es wichtig zu verstehen, dass sich die schubförmige MS verändern und in eine schleichend fortschreitende Form (SPMS) übergehen kann. So können Sie bestmögliche Unterstützung leisten und dabei helfen, Veränderungen frühzeitig wahrzunehmen. Sprechen Sie über bestehende MS-Symptome und seien Sie ehrlich, wenn Sie physische, emotionale oder kognitive Verschlechterungen beobachten.

Krankheitsaktivität und Progression

Die MS schreitet vor allem schubunabhängig fort. Progression der MS bedeutet, dass die Erkrankung weiter fortschreitet. Dabei nehmen die Schäden an den Nerven und damit die Beeinträchtigungen zu.

Es gibt zwei Arten der Progression:

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  • Schubabhängige Progression: Die Symptome bilden sich nach einem Schub nicht vollständig zurück und verschlechtern sich dauerhaft.
  • Schubunabhängige Progression (PIRA): Die Erkrankung verschlechtert sich unabhängig von Schüben.

Auch wenn keine Symptome oder Schübe auftreten, kann die MS im Stillen fortschreiten und dauerhafte Schäden an den Nerven verursachen. Mit einer hochwirksamen Therapie von Anfang an kann die Progression gebremst und die MS länger aufgehalten werden. Dabei lohnt es sich, den Verlauf der MS immer im Blick zu haben - durch regelmäßige MRT-Kontrollen und Tests zur Progressionsmessung.

Multiple Sklerose im höheren Lebensalter

Die Multiple Sklerose (MS) ist keine exklusive Erkrankung junger Menschen. Die Prävalenz der MS bei älteren Menschen nimmt stetig zu. Das hat wahrscheinlich zwei Gründe:

  • Erstens war die Diagnose einer MS bei Personen jenseits des 50. Lebensjahrs vor einigen Jahrzehnten noch verpönt. Heute wird sie als Late-Onset-MS (LOMS) bezeichnet. Diese macht einen Anteil von bis zu 5 % aller MS-Diagnosen aus.
  • Zweitens steigt die Prävalenz älterer Personen mit MS durch verbesserte medizinische Versorgung und damit steigende Lebenserwartung.

In Deutschland sind nach Angaben der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) circa 280.000 Menschen von MS betroffen. Das mittlere Alter liegt nach GKV-Daten bei 49 Jahren. In der letzten Erhebung des Registers der DMSG sind circa 40 % der Patientinnen und Patienten älter als 50 Jahre.

Immunseneszenz und Inflamm-Aging

Immunseneszenz beschreibt das Altern und die veränderte Aktivität des angeborenen und adaptiven Immunsystems. Trotzdem geht mit Immunseneszenz eine verminderte Regenerationsfähigkeit sowie chronische Entzündung („Inflamm-Aging“) einher. Immunseneszenz und Inflamm-Aging spielen bei den meisten Krankheiten älterer Menschen wie Infektionen, Krebs, Autoimmunerkrankungen und chronische Entzündungskrankheiten eine wesentliche Rolle. Sie bilden auch den biologischen Hintergrund der Patientengruppe von älteren Menschen mit MS.

Diagnostische Aspekte bei älteren Menschen mit MS

Die klinische Präsentation einer LOMS ist häufiger von motorischen Defiziten geprägt. Schübe zeigen bei älteren Menschen mit MS eine deutlich schlechtere Rückbildung als bei jungen. Als Faustformel gilt, dass je 10 Jahre Alterszunahme das Risiko einer anhaltenden Verschlechterung nach einem Schub um das 1,3-Fache steigt.

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Differenzialdiagnostik

Bei der Erstdiagnose einer LOMS sowie bei der Differenzialdiagnostik neuer neurologischer Defizite bei älteren Patientinnen und Patienten mit MS dürfen Befunde und Symptomatik nicht mit Alterskomorbiditäten verwechselt werden. In jedem Fall sind sie sorgfältig abzugrenzen. Relevant sind insbesondere folgende Differenzialdiagnosen:

  • Symptome eines Schlaganfalls
  • Demenz
  • Blasenentleerungsstörung
  • Progredienten spastischen Gangstörung

Besonderheiten der Therapie von älteren Menschen mit MS

Allgemein ist bei älteren Patientinnen und Patienten mit einer Zunahme von Medikamentenunverträglichkeit und aufgrund Polypharmazie von vermehrten Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln auszugehen. Bei älteren Patienten sollte daher ein ganzheitlicher Ansatz der Gesundheit im Blick behalten werden. Progressionstreibende Risikofaktoren wie Diabetes mellitus, arterielle Hypertension oder Hyperlipidämie sollten konsequent behandelt werden.

Therapiebeginn und -ende bei älteren Menschen mit MS

Die Frage, ob man eine Therapie bei älteren Menschen mit MS überhaupt beginnen soll, ist mit der aktuellen Evidenz mit „ja“ zu beantworten. Die zur Verfügung stehenden Therapien verhindern nachweislich auch im höheren Alter Schübe und schubassoziierte Behinderungszunahme.

Die Frage, ob man eine Therapie bei älteren Menschen mit stabiler MS fortsetzen oder diese beenden soll, lässt sich mit dem heutigen Stand der Evidenz nicht abschließend beantworten. Daher kann nur individuell unter Berücksichtigung des Patientenwunsches bei älteren Menschen mit MS und sowohl klinischer als auch paraklinischer Stabilität das Absetzen einer Therapie erwogen werden und ist keine generelle Empfehlung.

Rehabilitation und nichtmedikamentöse Therapieansätze

Bei einem zumindest nicht endgültig bewiesenen Stellenwert der Immuntherapie im Alter nimmt die Rehabilitationstherapie in dieser Patientengruppe einen besonderen Stellenwert ein, um Resilienz zu stärken, schleichender Progression entgegenzuwirken oder der spontan schlechteren Rückbildungstendenz nach Schüben besonders aktiv zu begegnen.

Symptome der Multiplen Sklerose im Alter

Die Symptome der Multiplen Sklerose im Alter können sich von denen bei jüngeren Menschen unterscheiden. Im Alter stehen eher Gangstörungen und Gleichgewichtsstörungen im Vordergrund. Sehstörungen treten im Alter bei neu an Multipler Sklerose Erkrankten seltener auf. Im Mittel tritt eine Multiple-Sklerose Erkrankung bei älteren Menschen im Alter von 53,5 Jahren auf.

Bei den Patienten über 50 Jahren überwiegen motorische Funktionsstörungen sowie zerebelläre Störungen und eine Störung des autonomen Nervensystems. Viele dieser Patienten benötigen eine Gehhilfe, um eine Strecke von 100 m zurücklegen zu können. Viele sind nicht mehr in der Lage, ihre Wohnung zu verlassen. Viele dieser Patienten klagen über Spastiken, Ganzkörperschmerzen, Schlafstörungen und Harninkontinenz oder Harnverhalt. Nicht wenige dieser Patienten geben depressive Symptomatiken an.

Eine Behinderung bei älteren MS-Patienten über 65 Jahren ist erheblich häufiger und ausgeprägter als bei jüngeren MS-Patienten. Damit geht eine massive Einschränkung im Alltag einher. Hinzukommt, dass viele der MS-Erkrankten im Alter alleine leben im Vergleich zu jüngeren MS-Erkrankten.

Wie ist die Lebenserwartung bei Multipler Sklerose?

Die Prognose von Menschen mit Multipler Sklerose hat sich in den letzten Jahrzehnten verbessert: Die Lebenserwartung ist durch die Erkrankung oft nicht wesentlich verkürzt. Viele Betroffene leben jahrzehntelang mit der Erkrankung. Ein maligner (bösartiger), also besonders schwerer Multiple-Sklerose-Verlauf endet allerdings manchmal nach wenigen Monaten tödlich. Das ist aber selten.

Häufiger sterben Menschen mit MS an Komplikationen wie Lungenentzündung oder Uro-Sepsis (von den Harnwegen ausgehende Blutvergiftung). Auch Suizide kommen bei ihnen häufiger vor als in der Normalbevölkerung.

Prinzipiell ist zu bedenken: Es gibt viele Faktoren, die einen Einfluss auf die Gesundheit und die Lebenserwartung haben - bei Menschen mit Multipler Sklerose ebenso wie bei Gesunden. Dazu gehören zum Beispiel starker Tabak- und Alkoholkonsum, geringer Bildungsstand oder soziale und psychische Belastungen sowie Stress, zum Beispiel durch Arbeitslosigkeit oder Scheidung.

Was passiert bei einem MS-Schub?

Ein MS-Schub ist gekennzeichnet durch das Auftreten von neuen Symptomen oder durch eine Reaktivierung von bereits zuvor aufgetretenen neurologischen MS-Symptomen, die:

  • mindestens 24 Stunden anhalten,
  • einen Zeitabstand von mehr als 30 Tagen zum Beginn des letzten Schubes haben und
  • nicht durch eine erhöhte Körpertemperatur (Uhthoff-Phänomen), eine Infektion oder andere körperliche oder organische Ursache ausgelöst werden (andernfalls spricht man von einem Pseudo-Schub).

Auslöser eines MS-Schubs sind ein oder mehrere akute Entzündungsherde im zentralen Nervensystem (ZNS), also im Gehirn und Rückenmark. Im Zuge dieser Entzündung werden Nervenhüllen (Myelinscheiden) zerstört. Diesen Vorgang nennt man Demyelinisierung.

Ein Schub hält unter Umständen Tage bis Monate an. Da der Organismus das zerstörte Myelin teilweise wiederaufbaut (Remyelinisierung), bilden sich die Beschwerden nach einem MS-Schub meist innerhalb einiger Wochen ganz oder teilweise wieder zurück (Remission). Manchmal bleiben sie aber auch bestehen, allerdings ohne sich weiter zu verschlechtern.

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