Multiple Sklerose und Gehprobleme: Ursachen und Therapieansätze

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die durch ein Zusammenspiel von angeborenen und Umweltfaktoren zustande kommt. Es bilden sich dabei durch eine überschießende Reaktion des Immunsystems Entzündungsherde an bestimmten Stellen, sowohl im Gehirn als auch im Rückenmark. Eines der vielen Symptome, die bei MS auftreten können, sind Gehprobleme. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Gehproblemen bei MS und stellt verschiedene Therapieansätze vor.

Einführung in Multiple Sklerose

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheiden der Nervenfasern angreift und schädigt. Die genaue Ursache der Erkrankung ist noch nicht vollständig geklärt, jedoch spielen genetische Aspekte und Umweltfaktoren eine Rolle. Charakteristisch für MS ist die Zerstörung der Myelinscheide, einer schützenden Hülle um die Nervenfasern.

Weltweit sind etwa 2,9 Millionen Menschen von Multiple Sklerose betroffen. Die Mehrheit der Diagnosen wird im Alter zwischen 20 und 40 Jahren gestellt, mit einem Durchschnittsalter von 33 Jahren. Multiple Sklerose ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen bei jungen Erwachsenen. Dabei tritt die Krankheit bei Frauen im Verhältnis drei zu eins häufiger auf als bei Männern. Obwohl MS hauptsächlich junge Erwachsene betrifft, können auch Kinder und ältere Menschen daran erkranken.

Ursachen von MS

MS entsteht durch eine fehlerhafte Immunreaktion, bei der das Immunsystem die Myelinscheiden der Nervenfasern im zentralen Nervensystem angreift und schädigt. Hier sind die Auslöser und Risiken, die Multiple Sklerose begünstigen im Überblick:

  • Genetische Faktoren: Eine genetische Prädisposition spielt eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Multipler Sklerose. Mehrere Gene, insbesondere solche, die das Immunsystem beeinflussen, sind mit einem erhöhten Risiko für MS verbunden. Familienmitglieder von Betroffenen haben daher ein höheres Risiko, selbst an MS zu erkranken.
  • Umweltfaktoren: Die geografische Lage hat ebenfalls Einfluss auf das Risiko für MS. In Regionen, die weiter vom Äquator entfernt liegen, ist die Prävalenz von MS höher. Dies könnte mit niedrigeren Vitamin-D-Spiegeln durch geringere Sonneneinstrahlung zusammenhängen. Vitamin D spielt eine wichtige Rolle in der Immunregulation: Niedrige Vitamin-D-Spiegel sind mit einem höheren Risiko, an Multipler Sklerose zu erkranken, verbunden.
  • Virale Infektionen: Das Epstein-Barr-Virus (EBV) steht in starkem Zusammenhang mit MS, da fast alle Betroffenen seropositiv (Nachweis von Antikörpern im Blut) für EBV sind. Das Virus könnte für die fehlerhafte Immunreaktion verantwortlich sein und somit einen Auslöser für Multiple Sklerose darstellen. Auch andere virale Infektionen könnten eine Rolle spielen, aber EBV zeigt den stärksten Zusammenhang mit MS.
  • Rauchen: Rauchen ist ein weiterer signifikanter Risikofaktor. Raucherinnen und Raucher haben ein höheres Risiko, an MS zu erkranken. Außerdem kann Rauchen den Verlauf der Krankheit beschleunigen sowie die Progression der Erkrankung fördern.

Symptome von MS

Es gibt eine Vielzahl von Anzeichen, die auf Multiple Sklerose hindeuten können. Welche Symptome bei Multipler Sklerose (MS) auftreten, kann je nach betroffenem Bereich des zentralen Nervensystems variieren. Multiple Sklerose ist bekannt für ihre vielfältigen und oft unvorhersehbaren Symptome, die sich im Laufe der Zeit ändern können und häufig in Schüben auftreten. Die Symptome hängen davon ab, welche Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark betroffen sind. Häufig tritt eine Optikusneuritis auf, bei der es zu einer Entzündung des Sehnervs kommt.

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Die MS Symptome und das ist sehr charakteristisch für die Multiple Sklerose sind nicht immer gleich. Typisch sind Schwankungen die tageszeitlich aber auch wochenweise auftreten können. Auch Beschwerden, die früher schon einmal da waren, können kommen und gehen und müssen nicht zwingend gleich einen neuen Schub bedeuten. Die MS Symptome können auch abhängig von der Temperatur schwanken. Manche Erkrankten haben ein Problem mit Wärme, das heißt wenn es draußen heiß ist, wird die Müdigkeit stärker, fällt das Gehen schwerer und auch das Sehen kann verschwommen sein.

Diagnose von MS

Multiple Sklerose ist oft schwer zu diagnostizieren, da sie eine Vielzahl unterschiedlicher Symptome aufweist, die in Schüben auftreten und sich plötzlich verbessern und verschlechtern können. Trotzdem haben Ärztinnen und Ärzte die Möglichkeit, durch eine Kombination aus klinischer Untersuchung, Magnetresonanztomographie (MRT) und Lumbalpunktion die Diagnose Multiple Sklerose zu stellen.

Bei der Diagnostik von Multipler Sklerose können Ärztinnen und Ärzte in mehreren Schritten vorgehen:

  • Klinische Untersuchung: Zunächst erfolgt eine ausführliche Anamnese und körperliche Untersuchung. Hierbei werden neurologische Funktionen wie Reflexe, Koordination, Gleichgewicht, Sehkraft und Sensibilität getestet, um Anzeichen von Schüben und neurologischen Ausfällen zu erkennen.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Die MRT ist ein zentrales Diagnoseinstrument bei MS. Sie ermöglicht die Darstellung von Entzündungsherden und Schädigungen im Gehirn und Rückenmark, die typisch für MS sind. Durch die Verwendung von Kontrastmitteln können aktive Entzündungen sichtbar gemacht werden.
  • Lumbalpunktion (Liquoruntersuchung): Bei einer Lumbalpunktion wird Nervenwasser (Liquor) aus dem Rückenmark entnommen und auf bestimmte Marker untersucht, die bei MS häufig vorkommen, wie oligoklonale Banden. Diese Marker deuten auf eine entzündliche Krankheitsaktivität im zentralen Nervensystem hin.
  • Visuell evozierte Potenziale (VEP): Dieser Test misst die elektrische Aktivität im Gehirn als Reaktion auf visuelle Reize. Verzögerungen in diesen Reaktionen können auf eine Schädigung der Sehnerven durch MS hinweisen.
  • Blutuntersuchungen: Bluttests werden durchgeführt, um andere Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Symptome wie MS verursachen können.

Verlaufsformen von MS

Multiple Sklerose kann in verschiedenen Verlaufsformen auftreten, die sich in ihrer Krankheitsaktivität unterscheiden:

  • Schubförmig-remittierende MS (RRMS): Dieser Subtyp ist der häufigste und ist gekennzeichnet durch klar definierte Schübe mit neurologischen Symptomen, gefolgt von vollständigen oder teilweisen Remissionen.
  • Sekundär progrediente MS (SPMS): Beginnt oft als RRMS und entwickelt sich später in eine Phase stetiger Verschlechterung der neurologischen Funktion ohne klare Schübe.
  • Primär progrediente MS (PPMS): Etwa 10 bis 15 Prozent der Betroffenen haben diesen Subtyp, der von Anfang an eine kontinuierliche Verschlechterung der neurologischen Funktion zeigt, ohne erkennbare Schübe.
  • Klinisch isoliertes Syndrom (CIS): Ein erstes Ereignis mit neurologischen Symptomen, das mindestens 24 Stunden anhält und auf eine Entzündung oder Demyelinisierung im zentralen Nervensystem hinweist, aber nicht immer zu MS führt.

Gehprobleme bei Multipler Sklerose

Gehprobleme sind ein häufiges und oft einschränkendes Symptom bei Menschen mit Multipler Sklerose. Sie können sich auf verschiedene Arten äußern und unterschiedliche Ursachen haben.

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Ursachen von Gehproblemen

Gestörtes Gehen kann durch Fehlfunktionen von Knochen, Muskeln, Gelenken, Nerven oder Hirnfunktionen kommen. Die Ursachen für Gangstörungen sind entsprechend vielfältig. Auf neurologischem Gebiet sind vor allem Störungen der Nerven zu den Beinen (Polyneuropathie, Spinalkanalstenose), der Sinnessysteme (Augen, Gleichgewichtsorgane im Innenohr, Nerven an Gelenken und Muskeln) sowie verschiedene akute und chronische Hirnerkrankungen (Schlaganfall, Parkinson, Ataxie, Multiple Sklerose) von Bedeutung. Nicht selten verstärkt die Angst vor Stürzen die Unsicherheit zusätzlich.

Mehrere Faktoren können zu Gehproblemen bei MS beitragen:

  • Spastik: Eine erhöhte Muskelspannung (Spastik) in den Beinen kann das Gehen erschweren und zu einem steifen, unkoordinierten Gang führen.
  • Muskelschwäche: MS kann zu Muskelschwäche in den Beinen führen, was das Anheben des Fußes (Fußheberschwäche) oder das Halten des Gleichgewichts erschwert.
  • Gleichgewichtsstörungen: Schädigungen im Gehirn oder Rückenmark können das Gleichgewicht beeinträchtigen und zu Unsicherheit beim Gehen führen.
  • Koordinationsprobleme: MS kann die Koordination der Bewegungen beeinträchtigen, was zu einem unregelmäßigen und ungeschickten Gang führen kann.
  • Fatigue: Die bei MS häufig auftretende Fatigue (Müdigkeit) kann die Gehfähigkeit zusätzlich beeinträchtigen.
  • Sensibilitätsstörungen: Missempfindungen in Armen und Beinen verhindern ein normales Gangbild.
  • Schmerzen: Schmerzen können beispielsweise in Zusammenhang mit einem Schub auftreten, wie Schmerzen hinter dem Auge oder Schmerzen im Rahmen einer Gefühlsstörung.

Arten von Gangstörungen

Gangstörungen können ganz unterschiedlich ausgeprägt sein: von leichter Unsicherheit bis hin zu schweren Beeinträchtigungen, die das Gehen unmöglichmachen. Ganggeschwindigkeit oder Gangmuster weichen dabei erheblich von der Norm ab. Eine Beeinträchtigung von Gehbewegungen kann sich auf vielerlei Arten äußern. Durch die Einschränkungen können sich zusätzlich Schonhaltungen entwickeln, wie das Hochziehen und Anspannen der Schultern, das Verdrehen oder Beugen des Oberkörpers. Sie verursacht durch jahrelange Überlastung von Knochen und Knorpeln eine schmerzhafte Bewegungseinschränkung und bei starker Ausprägung auch eine Deformierung der Gelenke (z. B. , sie kann aber auch durch Infektionen ausgelöst werden.

Einige typische Gangbilder bei MS sind:

  • Steppergang: Bei einer Fußheberschwäche kann der Fuß beim Gehen nicht richtig angehoben werden, schleift auf dem Boden und nur der Vorfuß wird aufgesetzt. Das Gangbild wird als Steppergang bezeichnet und kann zu Stürzen führen, da kleine Unebenheiten des Bodens zu Stolperfallen werden.
  • Spastischer Gang: Ein steifer, ungelenker Gang aufgrund von Spastik in den Beinen.
  • Ataktischer Gang: Ein unkoordinierter, schwankender Gang aufgrund von Gleichgewichtsstörungen.
  • Kleinschrittiger Gang: Typisch ist ein kleinschrittiger Gang (Trippelschritte) mit nach vorne gebeugtem Oberkörper.

Diagnose von Gangstörungen

Unser ärztliches und therapeutisches Personal ist in der Beurteilung von Gangstörungen geschult. Neben Ihrer Krankengeschichte ist für uns vor allem die Analyse Ihrer Steh- und Gehfähigkeit wichtig. Die Analyse beginnt mit dem Betrachten des Gehens unter verschiedenen Bedingungen und kann mit apparativen Verfahren verfeinert werden. In den Schön Kliniken, in denen wir ein Ganglabor haben, können wir die Defizite quantitativ erfassen und einer Diagnose zuordnen. Die modernen Methoden erlauben später die Kontrolle des Behandlungserfolges. Manchmal sind für eine sichere Diagnose noch weitere Untersuchungen nötig.

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Therapieansätze bei Gehproblemen

Die Behandlung von Gehproblemen bei MS zielt darauf ab, die Ursachen zu behandeln, die Symptome zu lindern und die Gehfähigkeit zu verbessern.

Medikamentöse Therapie

  • Krankheitsmodifizierende Therapien (DMTs): Diese Medikamente zielen darauf ab, die Krankheitsaktivität zu reduzieren und das Fortschreiten der MS zu verlangsamen. Eine erfolgreiche DMT kann auch die Gehfähigkeit verbessern.
  • Medikamente gegen Spastik: Baclofen, Tizanidin oder Dantrolen können helfen, die Muskelspannung zu reduzieren und die Gehfähigkeit zu verbessern.
  • Medikamente gegen Fatigue: Amantadin oder Modafinil können helfen, die Müdigkeit zu reduzieren und die Gehfähigkeit zu verbessern.
  • Schmerzmittel: Gegen Schmerzen können Schmerzmittel eingesetzt werden.

Physiotherapie

Physiotherapie ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung von Gehproblemen bei MS. Ziel der Physiotherapie ist es, die Muskelkraft, Koordination, Gleichgewicht und Ausdauer zu verbessern.

  • Übungen zur Stärkung der Muskeln: Gezielte Übungen können helfen, die Muskeln in den Beinen und im Rumpf zu stärken.
  • Gleichgewichtstraining: Übungen zur Verbesserung des Gleichgewichts können helfen, die Unsicherheit beim Gehen zu reduzieren.
  • Koordinationstraining: Übungen zur Verbesserung der Koordination können helfen, den Gang flüssiger und sicherer zu machen.
  • Gangschulung: Eine individuelle Gangschulung kann helfen, das Gangbild zu verbessern und Stürze zu vermeiden.

Ergotherapie

Ergotherapie kann helfen, den Alltag mit Gehproblemen besser zu bewältigen.

  • Anpassung des Wohnraums: Ergotherapeuten können beraten, wie der Wohnraum angepasst werden kann, um das Gehen zu erleichtern (z.B. Entfernen von Stolperfallen, Anbringen von Haltegriffen).
  • Hilfsmittelversorgung: Ergotherapeuten können bei der Auswahl und Anpassung von Hilfsmitteln wie Gehstöcken, Rollatoren oder Rollstühlen beraten.
  • Training von Alltagsaktivitäten: Ergotherapeuten können helfen, Alltagsaktivitäten wie Anziehen, Waschen oder Kochen trotz Gehproblemen selbstständig auszuführen.

Hilfsmittel

Hilfsmittel können eine wichtige Unterstützung bei Gehproblemen sein.

  • Gehstöcke: Gehstöcke können helfen, das Gleichgewicht zu verbessern und die Belastung der Beine zu reduzieren.
  • Rollatoren: Rollatoren bieten mehr Stabilität als Gehstöcke und können eine gute Option sein, wenn das Gleichgewicht stark beeinträchtigt ist.
  • Rollstühle: Rollstühle können eine notwendige Unterstützung sein, wenn das Gehen nicht mehr möglich ist.

Funktionelle Elektrostimulation (FES)

In einer unter dem Knie angebrachte Manschette sind Elektroden eingesetzt, die elektrische Impulse an den nicht mehr angesprochenen Nerv senden. Der Muskelschrittmacher wird individuell auf die Gangparameter der Patient:in eingestellt. Damit schleift die Fußspitze nicht mehr über den Boden und die Sturzgefahr ist minimiert.

Weitere Therapieansätze

  • Psychologische Unterstützung: Psychologische Betreuung und Selbsthilfegruppen können eine wichtige Rolle im Umgang mit MS spielen.
  • Ernährungsberatung: Eine gezielte Ernährungsberatung unterstützt Sie dabei, Darmstörungen zu lindern und Ihre allgemeine Gesundheit zu fördern.
  • Sport: MS und Sport ist möglich. Worauf müssen Menschen mit MS beim Sport achten?

Leben mit Gehproblemen

Gehprobleme können das Leben von Menschen mit MS stark beeinträchtigen. Es ist wichtig, sich aktiv mit der Erkrankung auseinanderzusetzen und die verschiedenen Therapie- und Unterstützungsmöglichkeiten zu nutzen.

Tipps für den Alltag

  • Planen Sie Ihre Aktivitäten: Planen Sie Ihre Aktivitäten im Voraus und legen Sie Pausen ein.
  • Tragen Sie bequeme Schuhe: Tragen Sie bequeme Schuhe mit guter Unterstützung.
  • Vermeiden Sie Stolperfallen: Entfernen Sie Stolperfallen in Ihrem Wohnraum.
  • Nutzen Sie Hilfsmittel: Nutzen Sie Hilfsmittel wie Gehstöcke oder Rollatoren, um Ihre Sicherheit zu erhöhen.
  • Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Therapeuten: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Therapeuten über Ihre Gehprobleme und suchen Sie gemeinsam nach Lösungen.
  • Nehmen Sie an Selbsthilfegruppen teil: Der Austausch mit anderen Betroffenen kann sehr hilfreich sein.

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