Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die sich durch vielfältige Symptome äußern kann. Diese Symptome können im Tagesverlauf variieren und sich besonders am Abend verstärken. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Symptome der MS, die abends auftreten können, ihre Ursachen und mögliche Behandlungsansätze.
Einführung in die Multiple Sklerose
Multiple Sklerose, oft als "Krankheit der 1000 Gesichter" bezeichnet, manifestiert sich durch eine Vielzahl unterschiedlicher Krankheitsanzeichen. Kein Verlauf gleicht dem anderen, da die Symptome davon abhängen, an welchen Stellen im Gehirn und Rückenmark Entzündungen auftreten und wie ausgeprägt diese sind. Die MS wird in drei verschiedene Verlaufsformen und ein Frühstadium eingeteilt.
Häufige Symptome der MS am Abend
Viele MS-Betroffene erleben eine Zunahme ihrer Beschwerden am Abend. Dies kann verschiedene Ursachen haben, darunter körperliche Anstrengung im Laufe des Tages, Hitzeempfindlichkeit oder auch spezifische Symptome, die sich nachts verstärken. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
Fatigue
Eines der am meisten beeinträchtigenden Symptome bei Multipler Sklerose ist Fatigue. Schätzungen zufolge leiden etwa 50-80 % der Menschen mit MS unter Fatigue als ständigem Begleiter. Die MS-bedingte Fatigue ist eine Kombination aus körperlicher, mentaler und emotionaler Erschöpfung, die sich nicht allein durch Ruhe und Schlaf lindern lässt. Sie geht über normale Müdigkeit hinaus und beschreibt eine extreme Erschöpfung, die selbst nach ausreichend Schlaf bestehen bleiben kann.
Körperliche Fatigue
Die körperliche Fatigue ist eine spezifische Form der Erschöpfung, die sich primär auf den Körper auswirkt und durch ein Gefühl von Schwere, Schwäche und Antriebslosigkeit in den Gliedmaßen beeinträchtigt ist. Betroffene beschreiben oft:
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- Schwere in den Gliedern: Die Arme und Beine fühlen sich an, als ob sie mit Gewichten beschwert wären. Selbst einfache Bewegungen, wie das Anheben eines Arms oder das Treppensteigen, werden als übermäßig anstrengend empfunden.
- Schnelle Muskelermüdung: Die Muskeln ermüden bereits bei kleinsten Belastungen.
- Körperliche Schwäche: Ein allgemeines Schwächegefühl kann sich einstellen, das oft mit einem Verlust der körperlichen Belastbarkeit einhergeht.
Ursachen und Zusammenhänge
Studien legen nahe, dass Schlafstörungen und Fatigue gemeinsame neurobiologische Grundlagen haben. So werden z.B. Neurotransmitter, die den Schlaf regulieren, auch mit Erschöpfungszuständen in Verbindung gebracht.
Schlafstörungen
Schlafstörungen sind bei MS nicht selten und umfassen ein breites Spektrum: Ein- und Durchschlafstörungen, frühes Erwachen und Schlafunterbrechungen. Schlafstörungen und Fatigue verlaufen bei Multipler Sklerose besonders eng und oft in einer wechselseitigen Spirale: Schlafstörungen können Fatigue verstärken, und Fatigue selbst kann den Schlaf negativ beeinflussen. Schlaf ist eine essenzielle Phase für die Regeneration von Körper und Geist. Da bei MS das beeinträchtigt, sind diese regenerativen Prozesse besonders wichtig.
Ursachen von Schlafstörungen bei MS
- Physische Beschwerden: Schmerzen, Muskelkrämpfe oder Spastiken, die sich insbesondere nachts bemerkbar machen, erschweren oft einen durchgehenden, erholsamen Schlaf.
- Hormonelle Veränderungen: MS greift in das Nervensystem ein und kann hormonelle Ungleichgewichte auslösen, was wiederum den Schlaf-Wach-Rhythmus beeinträchtigen kann.
- Psychische Faktoren: Stress, Angstzustände und depressive Verstimmungen sind häufig und haben eine direkte Wirkung auf den Schlaf.
- Medikamentöse Nebenwirkungen: Auch die Kombination verschiedener Medikamente kann eine Ursache darstellen.
Auswirkungen von Schlafstörungen auf MS
- Unzureichende Erholung: Trotz ausreichend langer Schlafdauer kannst du nicht erholt aufwachen. Dies liegt daran, dass Schlafstörungen die Qualität der Tiefschlaf- und REM-Phasen beeinträchtigen.
- Verstärkte Entzündungsprozesse: Schlafmangel erhöht die Aktivität von Entzündungsmarkern im Körper.
- Gestörte Hormonregulation: Schlafmangel wirkt sich direkt auf die Produktion und Regulation von Hormonen wie Cortisol (Stresshormon) und Melatonin (Schlafhormon) aus.
- Beeinträchtigung der Nervenkommunikation: Schlafprobleme können die Effizienz der neuronalen Signalübertragung verschlechtern. Bei MS wird diese Signalübertragung durch die Demyelinisierung gestört.
- Innere Unruhe und Überreizung: Trotz körperlicher Müdigkeit kann eine Überaktivität des Nervensystems auftreten.
- Unregelmäßige Aktivitätsmuster: Die Erschöpfung durch Fatigue kann dazu führen, dass tagsüber unregelmäßig geschlafen oder längere Ruhepausen eingelegt werden.
- Psychische Belastung: Fatigue kann Gefühle von Hilflosigkeit und Stress hervorrufen.
Spastik und Muskelkrämpfe
Viele Menschen mit MS-Spastik berichten, dass sie nachts plötzliche einschießende Spastiken verspüren. Das können Wadenkrämpfe, Zehenkrämpfe, Muskelzucken oder auch steife Beine sein. An einen erholsamen Schlaf ist dann nicht mehr zu denken. Oft hilft nur Aufstehen, Gehen, Dehnen, Entspannen - aber auch das erfordert seine Zeit.
Ursachen und Auswirkungen der Spastik
Spasmen sind typische Symptome bei MS. Betroffene leiden unter steifen Muskeln und können sich nur eingeschränkt bewegen. Bei spontaner Muskelaktivität kann es zu unkontrollierbaren Muskelkrämpfen kommen. In der Regel geht die Spastik mit einer Muskelschwäche bzw. unvollständigen Lähmung (Parese) einher. Spasmen entstehen durch Schäden an den Nerven, die die Muskeln steuern.
Da eine Spastik die Muskelfunktion einschränkt, können weitere Beschwerden auftreten:
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- Schmerzen
- Schlafstörungen durch Muskelkrämpfe
- Gehstörungen und andere Bewegungseinschränkungen
Blasenstörungen
Rund 50 bis 80 Prozent aller Menschen mit MS leiden im Verlauf der Erkrankung unter einer Blasenfunktionsstörung. Diese können sich nachts verstärken und zu häufigem Harndrang führen, was den Schlaf unterbricht.
Formen der Blasenstörung
Es gibt drei unterschiedliche Formen der Blasenstörung:
- Die überaktive Blase (Reizblase): Dabei bekommt das Gehirn den Befehl, die Blase zu leeren, auch wenn sich nur wenig Urin in ihr befindet. Die Ursache: Die Blase ist übermäßig angespannt und zieht sich schon bei geringen Urinmengen zusammen. Als Folge entsteht ein plötzlicher, starker Harndrang. Betroffene müssen daher häufig Wasserlassen, können aber nur geringe Mengen an Urin abgeben. Manchmal können Betroffene den Harnverlust nicht mehr kontrollieren, so dass eine Inkontinenz entsteht.
- Gestörte Blasenentleerung: Bei dieser Erkrankungsform arbeiten bestimmten Muskelgruppen, die das Entleeren und Verschließen der Blase koordinieren, nicht mehr richtig. Die Blase zieht sich daher nicht ausreichend zusammen. Betroffene können die Blase deshalb oft nur unvollständig entleeren. Wird die Blase zu voll, kann es zu unkontrolliertem Harnverlust, also einer Inkontinenz kommen. Bleibt Restharn in der Blase, kann sich eine Blasenentzündung entwickeln. Es entsteht ein hohes Gesundheitsrisiko, wenn MS-Betroffene die Entzündung aufgrund einer Empfindungsstörung nicht bemerken.
- Die inaktive Blase: Bei der inaktiven Blase treten die Anzeichen der überaktiven und der komplexgestörten Blase oft in Kombination auf. Ursache ist ein schwaches Schließmuskelsystem der Blase. Ist es gelähmt, kommt es zur Inkontinenz.
Restless-Legs-Syndrom (RLS)
Das Restless-Legs-Syndrom (RLS) kommt bei MS-Patienten mit zunehmender Krankheitsdauer gehäuft vor und kann ebenfalls ein Grund für Schlafstörungen sein. Betroffene haben nachts einen typischen Bewegungsdrang in den Beinen und verspüren Missempfindungen wie Kribbeln - als ob Ameisen durch die Extremitäten laufen würden. Die Folgen sind Ein- und Durchschlafstörungen. Ärzte diskutieren, ob das RLS auch an der Fatigue mitbeteiligt ist. Schäden am Rückenmark, aber auch die Nebenwirkungen von Medikamenten können für das RLS verantwortlich sein.
Andere Symptome
Neben den genannten Symptomen können auch andere Beschwerden wie Schmerzen, Empfindungsstörungen (Parästhesien), kognitive Störungen und psychische Probleme (Angststörungen, Depressionen) den Schlaf beeinträchtigen.
Umgang mit Hitze
Viele MS-Betroffene erleben den Sommer mit gemischten Gefühlen: An heißen und schwülen Tagen leiden sie unter stärkeren Beschwerden. Das Uhthoff-Phänomen kann leicht mit einem Schub verwechselt werden. Anders als bei einem akuten MS-Schub gehen die Symptome jedoch bei sinkenden Temperaturen relativ schnell wieder zurück.
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Tipps für heiße Tage
- Vermeiden Sie körperliche Anstrengungen in der Hitze und verlegen Sie nötige Arbeiten in die Abendstunden.
- Setzen Sie sich nicht der prallen Sonne aus und halten Sie sich nach Möglichkeit im Schatten oder in klimatisierten Räumen auf.
- Tagsüber Rollladen (Vorhänge) runter und die Fenster geschlossen halten. Frühmorgens und abends dann alle Fenster öffnen und gut durchlüften.
- Kühlwesten können helfen, die Körpertemperatur zu senken. Eine Alternative ist eine Schüssel mit kaltem Wasser, in die Füße und Arme getaucht werden. Bei einer verstärkten Spastik kann man versuchen, durch kühle Umschläge eine Linderung zu erreichen.
- Wichtig ist, möglichst viel zu trinken, um einem Flüssigkeitsverlust vorzubeugen. Am besten geeignet ist Wasser, aber auch Tees und Säfte sind sinnvoll.
- Tragen Sie leichte Kleidung und eine Kopfbedeckung, wenn Sie sich draußen in der Sonne aufhalten.
Strategien zur Verbesserung des Schlafs und zur Linderung von Fatigue
Schlafhygiene
Ein strukturierter Schlaf-Wach-Rhythmus kann helfen, den Schlaf zu stabilisieren.
Entspannungsübungen und Achtsamkeitstechniken
Techniken wie autogenes Training, Meditation und progressive Muskelentspannung können helfen, die innere Unruhe zu reduzieren und den Einschlafprozess zu erleichtern.
Physiotherapie und Bewegung
Regelmäßige, sanfte Bewegung wirkt sich positiv auf das Schlafverhalten und die Fatigue aus. Ein Ausdauersport wie Radfahren, Schwimmen oder Laufen kann Ihnen dabei helfen, Ihr Leistungspensum zu halten oder sogar zu steigern. Ausdauersportneulinge sollten langsam anfangen.
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)
Insbesondere bei chronischen Schlafstörungen kann KVT eine sehr wirksame Therapieoption sein.
Pacing
Pacing ist eine Strategie des Energiemanagements, die darauf abzielt, mit den begrenzten Energiereserven bei chronischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose (MS) oder dem Chronischen Fatigue-Syndrom (CFS) bewusst umzugehen.
Medikamentöse Behandlung
In einigen Fällen kann eine medikamentöse Behandlung notwendig sein, um spezifische Symptome wie Spastik, Schmerzen oder Depressionen zu lindern, die den Schlaf beeinträchtigen.
Behandlung von Blasenstörungen
Für jede Form der Blasenstörung gibt es passende Therapieoptionen:
- Inkontinenz: Legen eines Dauerkatheters, Slip mit Spezialeinlage, Medikamente, bei Männern Urinalkondom
- Restharnbildung: Blasentraining, Medikamente, eventuell Selbstkatheterisierung (der Betroffene leert die Blase eigenständig mit Hilfe eines Katheters)
- Nicht kontrollierbarer Harndrang: Oft hilft hier ein regelmäßiger Toilettengang. Die übermäßige Aktivität der Blase lässt sich medikamentös hemmen.
Die Rolle des Arztes
Es ist wichtig, Schlafstörungen und Fatigue nicht isoliert zu betrachten, sondern ganzheitlich anzugehen. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über Ihre Symptome, um die Ursachen zu ermitteln und einen individuellen Behandlungsplan zu entwickeln. Eine schlafmedizinische Untersuchung kann helfen, den Ursachen der Schlafstörungen auf die Spur zu kommen.