Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems. Neben genetischen Faktoren spielen vermutlich auch Umweltfaktoren wie Nikotinkonsum, niedrige Vitamin-D-Spiegel und die Zusammensetzung der Darmflora eine Rolle bei der Entwicklung von MS. Daher suchen viele Betroffene nach ergänzenden Therapiemöglichkeiten, um den Verlauf der Erkrankung positiv zu beeinflussen. In diesem Zusammenhang rückt Curcumin, der Hauptbestandteil des Gewürzes Kurkuma, zunehmend in den Fokus der Forschung.
Kurkuma: Ein potenter Immunmodulator
Curcumin, der biologisch aktive Inhaltsstoff des Kurkuma, ist ein starker Entzündungskiller und ein potenter Immunmodulator. Es inhibiert entzündungsfördernde Proteine und Zytokine, einschließlich TH17-Zellen, die in Zusammenhang mit bestimmten Autoimmunerkrankungen stehen. Curcumin erreicht seine verschiedenen pharmakologischen Effekte über unterschiedliche biologische Ziele und Signalpfade.
Studienlage zu Curcumin und MS
Eine aktuelle Studie evaluierte randomisierte, kontrollierte Studien zu Curcumin und Curcuma longa-Extrakt bei der Behandlung verschiedener Autoimmun- und immunvermittelten Erkrankungen, darunter auch MS. Die Wissenschaftler ermittelten relevante Studien aus den medizin-wissenschaftlichen Datenbanken Embase, Web of Science, PubMed und Cochrane Library. Studien mit Veröffentlichung bis Februar 2022 wurden für Review und Metaanalyse berücksichtigt.
Ergebnisse der Studien
Zwei randomisiert-kontrollierte Studien untersuchten die Wirksamkeit und Sicherheit von ergänzendem Curcumin oder einem Extrakt von Curcuma longa bei MS. Aufgrund dieser geringen Anzahl von Studien konnte keine Metaanalyse, sondern lediglich ein beschreibender Review durchgeführt werden.
- Nanocurcumin-Studie: Im Vergleich zu Placebo zeigte sich eine Reduktion des Behinderungsgrads EDSS (Expanded Disability Status Scale) mit Curcumin. Blutproben deuteten zudem auf immunmodulatorische Effekte der Nahrungsergänzung mit einer Zunahme der Treg-Zellen (regulatorische T-Zellen), die für die Selbstkontrolle des Immunsystems wichtig sind. Außerdem zeigte sich eine signifikante Erhöhung der mRNA-Expression von FoxP3, TGF-β und IL-10 in peripheren Blutzellen (p < 0,05).
- Kombinations-Studie mit Curcumin und IFN β-1a: Diese Studie litt unter einer zu hohen Abbruchrate, die ein klares Fazit verhinderte. Es gab somit keine signifikanten Unterschiede im Behinderungsgrad (EDSS) zwischen der Curcumin + IFN β-1a-Gruppe und der Placebo + IFN β-1a-Gruppe. Jedoch erhöhte sich in der Gruppe mit Curcumin die Wirksamkeit von IFN β-1a auf inflammatorische, radiologische Symptome der MS signifikant (p < 0,05).
Zusammenfassende Bewertung der Studien
Beide Studien kamen zu dem Ergebnis, dass Curcumin inflammatorische Faktoren bei MS reduzieren konnte. Effekte auf den Behinderungsgrad EDSS waren jedoch nur in einer der Studien eindeutig positiv. Da die Daten nicht in einer formellen Metaanalyse verglichen werden konnten, sind die Ergebnisse noch mit Vorsicht zu betrachten.
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Weitere Studienergebnisse zu Curcumin und Autoimmunerkrankungen
Die Metaanalyse über klinische Studien zur Behandlung mit Curcumin und Curcuma longa-Extrakt bei mehreren Autoimmun- und immunvermittelten Erkrankungen zeigt gute klinische Effekte bei der Behandlung von Psoriasis, Colitis ulcerosa und rheumatoider Arthritis. Zu MS, Spondylitis ankylosans und Morbus Crohn lagen hingegen bislang keine ausreichenden klinischen Daten vor, um eine Metaanalyse durchführen zu können.
Sicherheit und Verträglichkeit von Curcumin
Die Anwendung von Curcumin scheint sicher und gut verträglich zu sein, bei Dosierungen von meist zwischen 80 mg und 6.000 mg Curcumin. Unerwünschte Ereignisse wurden in Studien berichtet, mit niedriger Heterogenität zwischen den Untersuchungen. Im Placebo-Vergleich zeigte sich hier keine erhöhte Zahl von unerwünschten Ereignissen mit ergänzendem Curcumin (Risikorate RR: 0,31; 95 % KI: 0,06 - 1,64; p = 0,17).
Mögliche unerwünschte Wirkungen und Gegenanzeigen
Curcumin kann bei übermäßigem Verzehr oder Überempfindlichkeiten zu Blähungen, Durchfall, Sodbrennen, Schmerzen im Verdauungstrakt, Kopfschmerzen und Hautausschlägen führen. Schwangere und Stillende sollten Kurkuma bzw. Curcumin nicht einnehmen, weil keine ausreichenden Studien über eine toxische Wirkung vorliegen. Auch Personen mit Gallensteinen sollten Curcumin meiden, da es die Gallenproduktion anregt und zu einer Kontraktion der Gallenblase führen kann. Außerdem kann Curcumin mit Medikamenten wie Antidepressiva, Herz-Kreislauf-Medikamenten, Antikoagulanzien, Antibiotika, Chemotherapeutika und Antihistaminika in Wechselwirkung treten.
Verbesserung der Bioverfügbarkeit von Curcumin
Der wirksame Inhaltsstoff Curcumin hat eine beschränkte Bioverfügbarkeit im Menschen. Im Dünndarm wird Curcumin nur begrenzt absorbiert. Zudem wird es in der Leber so verändert, dass es über die Gallenblase ausgeschieden wird oder seine biologische Aktivität beeinflusst wird. Um die Bioverfügbarkeit und somit die Wirkung von Curcumin zu verbessern, kann Curcumin zusammen mit Peperin (Wirkstoff aus dem schwarzen Pfeffer) oder Lecithin (Bestandteil von tierischen und pflanzlichen Zellmembranen) aufgenommen werden. In der Küche kann Kurkuma daher mit lecithinreichen Lebensmittel wir Eiern oder Pflanzlichen Ölen aufgenommen werden.
Die Wirksamkeit einer Curcumin-Supplementierung wird durch die Bereitstellung von Curcumin in Form von festen Lipid-Curcumin-Partikeln (SLCP - Solid Lipid Curcumin Particles) erheblich verbessert. Diese (Lipid-)Form des ungebundenen Curcumins hat eine bis zu 65 Mal höhere Bioverfügbarkeit als normales Curcumin. SLCP gelangt nach der oralen Aufnahme über die Lymphe (in Chylomikronen) und nicht wie üblich über das Pfortaderblut in den Körper und ist vor der Inaktivierung in Darm und Leber geschützt, so dass mehr Curcumin in Blut und Gewebe aufgenommen wird.
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Empfehlungen zur Einnahme von Curcumin
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) empfiehlt, dass die tägliche maximale Aufnahmemenge von Curcumin auf 3 mg/kg Körpergewicht begrenzt sein sollte. Diese Empfehlung gilt für Curcumin aus Nahrungsergänzungsmitteln, Lebensmittelzusatzstoffen oder Gewürzen. Studien zeigen jedoch, dass eine orale Einnahme von bis zu 6 g Curcumin pro Tag über einen Zeitraum von 4 bis 7 Wochen keine toxischen Wirkungen auf den Körper hat. Generell liegen therapeutische Dosierungen zwischen 500 mg und 8000 mg/Tag. Eine therapeutische Behandlung mit Kurkuma oder Curcurmin sollte dennoch mit dem Arzt abgesprochen werden. Bei Personen, die auf Kurkuma empfindlich reagieren, können gastrointestinale Beschwerden wie Blähungen auftreten. Um diese zu minimieren bzw. herauszufinden, kann Kurkuma bzw. Curcurmin "eingeschlichen" werden. Dabei beginnt man mit einer geringen Dosis und steigert diese langsam im Laufe der Zeit.
Weitere Möglichkeiten zur Beeinflussung des MS-Verlaufs
Neben Curcumin gibt es weitere Faktoren, die den Verlauf einer MS positiv beeinflussen können:
- Vitamin D: Ein Mangel an Vitamin D ist mit einem erhöhten Risiko für das Entstehen einer MS, einem negativeren Verlauf und einer schlechteren Wirksamkeit immunmodulatorischer Medikation verbunden. Eine Anhebung des Vitamin-D-Spiegels kann das Risiko, an MS zu erkranken, reduzieren.
- Vitamin B12: Da die MS häufig auch mit anderen Autoimmunerkrankungen assoziiert ist, sollte speziell bei Fatigue, brennenden Dysästhesien oder Gangunsicherheit auch immer auf einen Mangel an Vitamin B12 geachtet werden.
- Darmflora: Eine Stärkung der regulatorischen Komponenten der Darmflora, z. B. mittels Propionat, einer kurzkettigen Fettsäure, die natürlicherweise im Darm vorkommt, könnte als Nahrungszusatz einen synergistischen Effekt erzeugen.
- Nikotinkonsum: Rauchen ist ein deutlicher Risikofaktor bei MS und hat einen negativen Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung.
- Boswellia: Bioaktive Komponenten von Boswellia könnten die kognitive Leistung steigern und vor Neurodegeneration schützen.
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