Multiple Sklerose und Vitamin-B-Therapie: Ein Überblick

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, die weltweit etwa 2,8 Millionen Menschen betrifft. Die Krankheit manifestiert sich meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr, wobei Frauen etwa doppelt so häufig betroffen sind wie Männer. MS ist die häufigste Ursache für bleibende Behinderungen im jüngeren Erwachsenenalter. Die Verteilung der MS ist regional unterschiedlich, wobei die Prävalenz in den gemäßigten Breiten der Nord- und Südhalbkugel höher ist als in Äquatornähe und in Höhenlagen.

Verlauf und Symptome der Multiplen Sklerose

Der Krankheitsverlauf der MS ist sehr vielgestaltig, was die Art und Schwere der Symptome betrifft. Bei etwa 80 Prozent der MS-Patienten beginnt die Krankheit schubförmig, wobei sich die neurologischen Symptome innerhalb weniger Tage entwickeln und sich nach einiger Zeit mehr oder weniger vollständig zurückbilden. Bei 10 bis 15 Prozent der Patienten besteht eine kontinuierlich fortschreitende Beeinträchtigung, eine sogenannte primär progrediente Multiple Sklerose.

Typische Symptome der MS sind:

  • Optikusneuritis (Sehstörungen)
  • Störungen der Okulomotorik (Augenbewegungsstörungen)
  • Affektion anderer Hirnnerven (z.B. Fazialisparese, Trigeminusneuralgie)
  • Motorische Störungen (Lähmungen, Spastik)
  • Ataxie (Koordinationsstörungen)
  • Sensibilitätsstörungen (Parästhesien, Hypästhesien)
  • Zerebelläre Symptome (Tremor, Nystagmus, Sprachstörungen)
  • Vegetative Symptome (Miktionsstörungen, Störungen der Sexualfunktion)
  • Kognitive Veränderungen (Konzentrations- und Gedächtnisstörungen)
  • Affektive Veränderungen (Depressionen, inadäquate Euphorie)
  • Uhthoff-Phänomen (wärmeinduzierte Zunahme der Beschwerden)
  • Schmerzen
  • Fatigue (Erschöpfung)

Ursachen und Pathogenese der Multiplen Sklerose

Die genaue Ursache der MS ist trotz intensiver Forschung noch nicht vollständig geklärt. Es wird von einer multifaktoriellen Pathogenese ausgegangen, bei der genetische Faktoren (30 Prozent) und Umwelteinflüsse (70 Prozent) sowie wechselseitige Multiplikationseffekte eine Rolle spielen.

Zu den diskutierten Umwelteinflüssen gehören:

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  • Sonnenlichtexposition und Vitamin-D-Haushalt
  • Virale und bakterielle Infektionen in der Kindheit
  • Ernährungsgewohnheiten
  • Übergewicht
  • Rauchen
  • Darm-Mikrobiom

Bei der MS kommt es zu fokalen, chronisch-inflammatorischen Entmarkungsläsionen von ZNS-Nervenfasern. Diese werden im weiteren Krankheitsverlauf von axonalen Schädigungen, persistierenden Gewebenarben (Gliose) und einer Hirnatrophie begleitet. Sehr wahrscheinlich wird die Demyelinisierung durch unterschiedliche zelluläre und humorale Faktoren des angeborenen und erworbenen Immunsystems initiiert.

Vitamin-B-Therapie bei Multipler Sklerose

In den letzten Jahren hat die Forschung zunehmend die Bedeutung von Vitaminen, insbesondere des Vitamin-B-Komplexes, für den Verlauf und die Behandlung der MS untersucht. Mikronährstoffe können auf verschiedene Art und Weise die pathologischen Mechanismen bei der Multiplen Sklerose beeinflussen, z. B. durch eine Verbesserung der antioxidativen Kapazität, eine Verminderung der Entzündungsaktivität, eine Verbesserung der Mitochondrienfunktion und des Energiestoffwechsels der Nervenzellen, eine Förderung der Myelinsynthese und vieles mehr.

Vitamin B1 (Thiamin)

Ein Vitamin-B1-Mangel kann zu einer Verminderung der Aktivität Vitamin-B1-abhängiger Enzyme führen, was oxidative Stress, Lactatazidose, Dysfunktion der Astrozyten, glutamatvermittelte Exzitotoxizität, verminderte Glucoseverwertung und Entzündungen zur Folge haben kann. Italienische Wissenschaftler konnten durch eine Hochdosis-Vitamin-B1-Therapie Müdigkeitssymptome bei Multipler Sklerose eindrucksvoll bessern, obwohl die Vitamin-B1-Konzentration im Blut unauffällig war.

Vitamin B2 (Riboflavin)

Ein Vitamin-B2-Mangel kann als Risikofaktor für die Entstehung einer Multiplen Sklerose gelten. Vitamin B2 spielt eine bedeutende Rolle für die Myelinbildung. Ein Vitamin-B2-Mangel wiederum führt zu verschiedenen Veränderungen der Zusammensetzung der Membrankomponenten. Riboflavin ist ein Cofaktor der Xanthinoxidase, einem Stoffwechselenzym, das für die Harnsäurebildung zuständig ist. Vitamin B2 ist auch Cofaktor der Glutathionreduktase und deshalb von zentraler Bedeutung für die Glutathionverfügbarkeit. Vitamin B2 verbessert auch die Spiegel von BDNF, das für den Erhalt der Nervenzellen benötigt wird.

Vitamin B3 (Niacin)

Vitamin B3 kann möglicherweise bei der Behandlung der Multiplen Sklerose von Nutzen sein durch Verbesserung der Remyelinisierung. Es gibt Hinweise, dass Niacin die Zahl der Vorläuferzellen von Oligodendrozyten vermehren kann. Amerikanische Wissenschaftler zeigten in einer Studie an Mäusen, dass Niacin die für die Krankheit typische Zerstörung der Nervenzellen im Gehirn verlangsamte und damit auch das Einsetzen der charakteristischen Lähmungen.

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Vitamin B6 (Pyridoxin)

Vitamin B6 ist für die Bildung von Sphingomyelinen erforderlich, wichtigen Bausteinen der Myelinscheiden.

Vitamin B12 (Cobalamin)

Vitamin B12 ist erforderlich für die Myelinsynthese. Bei einem Vitamin-B12-Mangel ist die Myelinsynthese beeinträchtigt, was sich z. B. in einer Verminderung der weißen Hirnsubstanz zeigt. Italienische Wissenschaftler haben 2020 veröffentlicht, dass eine Hochdosis-Supplementierung der Vitamine B1, B6 und B12 eine effektive Therapie war zur Verbesserung der Sehleistung bei MS-assoziierten Sehstörungen.

Biotin

Ein möglicher neuer Therapieansatz bei Patienten mit progressiver Multipler Sklerose ist Biotin. Eine Hochdosistherapie mit Biotin (3 x 100 mg) verminderte in einer Doppelblindstudie bei einigen Patienten mit progressiver Multipler Sklerose die bestehenden Behinderungen. Der therapeutische Effekt von Biotin könnte auf zwei Mechanismen beruhen, nämlich einer Förderung der Myelinsynthese und einer Verbesserung der Energieproduktion in den Nervenzellen. Möglicherweise hat Biotin auch noch einen neuroprotektiven Effekt durch Stimulierung der Bildung von cGMP.

Weitere wichtige Vitamine und Nährstoffe bei Multipler Sklerose

Neben den B-Vitaminen spielen auch andere Vitamine und Nährstoffe eine wichtige Rolle bei der MS.

Vitamin C

Vitamin C ist ein wichtiges wasserlösliches Antioxidans. Chinesische Wissenschaftler haben im Juli 2018 publiziert, dass Vitamin C die Bildung von Oligodendrozyten aus Vorläuferzellen stimulieren kann. Vitamin C konnte auch im Zellkulturversuch die Bildung von Myelinscheiden verbessern.

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Vitamin D

Vitamin D spielt eine wichtige Rolle für die Regulierung der Immunantwort. Es hemmt die Bildung von TNF-alpha und reduziert klassische Entzündungsparameter wie CRP und NF-Kappa-B. Bezüglich der Multiplen Sklerose ist vor allem von Bedeutung, dass Vitamin D Autoimmunreaktionen vermindert. Das Risiko, an Multipler Sklerose zu erkranken, steigt bei niedrigen Konzentrationen von 25(OH)D. Zur Vorbeugung und Behandlung der Multiplen Sklerose sollte also in jedem Fall die 25(OH)D-Konzentration im Serum auf einen optimalen Wert angehoben werden.

Vitamin A

Niedrige Vitamin-A-Spiegel waren mit dem Risiko für Multiple Sklerose assoziiert. Vitamin A spielt eine wichtige Rolle für die Entwicklung und Aufrechterhaltung der Blut-Hirn-Schranke und ist an der Regulierung neuroinflammatorischer Prozesse und der der Oligodendrozyten-Differenzierung beteiligt.

Vitamin E

Auch Vitamin E könnte bei der Behandlung der Multiplen Sklerose eine Rolle spielen, da Vitamin E z. B. die Bildung von NF-Kappa-B verhindern kann.

Zink

Die vorhandenen Daten zeigten, dass die Zinkkonzentrationen bei MS-Patienten im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen niedriger waren.

Selen

Bei Patienten mit Multipler Sklerose wurden auch verminderte Konzentrationen von Selen und Glutathionperoxidasen gemessen.

Ernährungsempfehlungen bei Multipler Sklerose

Eine vollwertige Ernährung bei MS unterstützt den Körper bei seinem Kampf gegen Viren, Bakterien und freie Radikale. Für die entzündungshemmende Ernährung bei Multipler Sklerose sind die Antioxidantien Vitamin A, Vitamin C, Vitamin E und β-Karotin ebenso wie die Spurenelemente Kupfer, Selen und Zink von besonderer Bedeutung.

Es wird empfohlen, sich abwechslungsreich und bewusst zu ernähren, pflanzliche Lebensmittel, Obst und Gemüse den tierischen Produkten gegenüber zu bevorzugen und bei Getreideprodukten die Vollkornvariante zu wählen. Zudem sollte man über den Tag immer ausreichend trinken und sich Zeit zum Essen nehmen.

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