Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Leben der Betroffenen und ihrer Partner vor große Herausforderungen stellen kann. Die Diagnose MS markiert eine Wegmarke, die der Beziehung eine neue Richtung gibt. Es gilt auszuloten, wie man als Paar damit zurechtkommt, gemeinsame Pläne und Zukunftsvorstellungen zu überdenken und an die neue Situation anzupassen. Die Erkrankung kann sich auf verschiedene Lebensbereiche auswirken, darunter Sexualität, Partnerschaft und Familienleben. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass MS nicht zwangsläufig das Ende einer erfüllten Beziehung bedeuten muss. Mit Offenheit, Kommunikation und gegenseitigem Verständnis lassen sich die Herausforderungen meistern und die Partnerschaft stärken.
Sexualität und MS: Ein oft tabuisiertes Thema
Sexualität ist für die meisten Menschen ein wichtiger Bestandteil einer Beziehung. Bei Menschen mit MS können jedoch Symptome auftreten, die das Liebesleben erschweren. Dazu gehören beispielsweise Empfindungsstörungen, Erschöpfung oder Muskelkrämpfe.
Viele Menschen - egal, ob gesund oder krank - finden es schwierig, mit jemand anderem über ihre sexuellen Probleme zu sprechen. Studien beziffern die Zahl von Sexualfunktionsstörungen bei MS-Patienten mit bis zu 90%. Laut der Deutschen MS Gesellschaft (DMSG) waren 8% der MS-Patienten im Jahr 2018 davon betroffen, eine wesentlich höhere Dunkelziffer wird vermutet. Die Problematik wird im Praxisalltag oft nicht thematisiert und viele Patienten sprechen gerade neurogene Blasentleerungsstörungen und Sexualfunktionsstörungen nicht von sich aus an.
Die sexuellen Störungen bleiben bei über drei Viertel der befragten MS-Erkrankten (78,2 Prozent) unbehandelt. Innerhalb der 21,8 Prozent Patienten, die behandelt werden, erhalten 62,1 Prozent eine medikamentöse Therapie, 32,5 Prozent erhalten eine nicht-medikamentöse Behandlung und weitere 5,4 Prozent eine Kombination aus medikamentöser und nicht-medikamentöser Therapie. Die am häufigsten angewendete nicht-medikamentöse Behandlung der sexuellen Störungen ist mit 47,0 Prozent die Physiotherapie, gefolgt von der Psychotherapie mit 39,4 Prozent.
Es gibt verschiedene Ursachen für sexualitätsbezogene Probleme bei MS. Einerseits kann die emotionale und psychische Belastung eines MS-Betroffenen so groß sein, dass er schlicht den Spaß an seiner Sexualität verliert und auch gar kein Verlangen mehr nach Zärtlichkeit und körperlicher Liebe hat. Andererseits kann es aber auch sein, dass die Erkrankung selbst oder die daraus resultierende körperliche Beeinträchtigung sexuelle Aktivitäten problematisch macht.
Lesen Sie auch: MS-Medikamente im Detail erklärt
Experten unterscheiden drei Formen von sexueller Dysfunktion bei MS:
- Primäre Form: MS-Symptome wirken sich direkt auf die Sexualfunktion aus, beispielsweise durch ein beeinträchtigtes sexuelles Empfinden oder eine beeinträchtigte sexuelle Funktion.
- Sekundäre Form: Die Sexualfunktion ist indirekt durch MS-Symptome beeinträchtigt, etwa durch Fatigue.
- Tertiäre Formen: Diese betreffen psychosoziale Aspekte, beispielsweise wenn ein vermindertes Selbstwertgefühl der Betroffenen die Lust mindert.
Eine Studie der Universitätsklinik für Neurologie an der Medizinischen Universität Innsbruck evaluierte Risikofaktoren für eine sexuelle Dysfunktion bei MS-Patienten und prüfte, ob die Prävalenz mit Patienten-berichteten Parametern korrelierte. An der Studie nahmen 152 MS-Patienten teil. Die Prävalenz einer sexuellen Dysfunktion lag in der Studienpopulation bei 47%. Unabhängige Risikofaktoren für die Entwicklung einer Sexualfunktionsstörung bei MS-Patienten waren:
- Raucherstatus, aktuell und in der Vergangenheit: etwa dreifach höheres Risiko
- Behinderungsgrad (Expanded Disability Status Scale, EDSS): zweifach höheres Risiko
- Depressionen: etwa vierfach höheres Risiko
- Blasen- und Darmdysfunktion: fast neunfach höheres Risiko
Patienten mit sexueller Dysfunktion hatten eine schlechtere Lebensqualität als MS-Patienten, die nicht davon betroffen waren. Die Behandlung mit krankheitsmodifzierenden Medikamenten reduzierte das Risiko einer sexuellen Dysfunktion bei MS-Patienten.
Im Hormonstatus zeigten sich signifikante Unterschiede zwischen MS-Patienten mit und ohne sexuelle Dysfunktion. Bei Frauen mit MS und sexueller Dysfunktion waren die Spiegel von luteinisierendem Hormon (LH) und Follikel-stimulierendem Hormon (FSH) erhöht, während die Level von 17-Beta-Östradiol, Androstenedion, Dehydroepiandrosteron-Sulfat, Oestron und Anti-Müller-Hormon erniedrigt waren. Bei Männern mit MS und sexueller Dysfunktion lagen reduzierte Inhibin-B-Spiegel vor.
Es ist wichtig, dass MS-Patienten aktiv auf eine mögliche sexuelle Dysfunktion angesprochen werden. Wenn bei Ihnen durch die Multiple Sklerose Sexualität und Partnerschaft beeinträchtigt werden, können Sie gemeinsam mit Ihrem Neurologen, Urologen oder Frauenarzt über Behandlungsmöglichkeiten sprechen. Schaffung einer geeigneten Atmosphäre ohne Erfolgsdruck, zärtliche gegenseitige Stimulation, ggf.
Lesen Sie auch: Wie man MS vorbeugen kann
Herausforderungen in der Partnerschaft
Die Diagnose MS kann für eine Partnerschaft eine Herausforderung darstellen. Es gilt, das gemeinsame Leben an die Erfordernisse der Erkrankung anzupassen. MS verändert Beziehungen, in Partnerschaften und in der Familie. Es geht um den Umgang zwischen MS-Patient:innen und ihren Liebsten im engeren Umfeld. Um ihre Bedürfnisse und die Art, wie diese formuliert werden.
Oft sind es weniger die körperlichen Beschwerden, die sich auf die Libido auswirken. Vielmehr stehen die Psyche, der Alltagsstress oder die Angst im Wege und erschweren das Leben mit MS. Die Ungewissheit wie ihre MS verlaufen wird, ist eine unglaubliche Belastung, zudem ist ihr Gehirn betroffen.
Eine chronische Erkrankung kann nicht als Entschuldigung dafür dienen, sein Umfeld (nicht nur Partner) regelmässig mit Stimmungsschwankungen zu „behelligen“. Und nicht betroffene Partner sind durchaus berechtigt, für sich auch rote Linien zu definieren. Man muss nicht alles aushalten, nur weil der Partner/Kollege/Freund erkrankt ist. Jeder hat sein Recht auf sein Leben. Das sollten Erkrankte auch ggü.
Manchmal hat man sogar das Gefühl sich selbst auf den Geist zu gehen, weil da oben im Hirn eben nicht alles ganz rund läuft.
Was du beschreibst, kenne ich eins zu eins von der anderen Seite. Es ist natürlich so, dass ich, gerade wenn ich Symptome habe, tatsächlich nicht in besonders fröhlicher Stimmung bin. Natürlich versuche ich, das nicht an meiner Familie auszulassen, aber ich springe auch nicht singend und lachend durch die Gegend. Auch ich habe immer wieder an konkreten Dingen/Verhaltensweisen etc. " etwas auszusetzen". Zum einen habe ich festgestellt, dass ich durch die Krankheit - ob aus hirnorganischen Gründen oder wegen der seelische Dauerbelastung - schon dünnhäutiger geworden bin. Ich nehme Sachen, die mich stören, persönlicher, und kann Situationen vielleicht auch kognitiv nicht mehr so rational analytisch betrachten wie früher. Ich reagiere emotionaler und weine schnell, Konfliktgespräche sind mental total anstrengend geworden. In solchen Überforderungssituationen bin ich bestimmt nicht sonderlich freundlich. Zweitens geht es bei uns inhaltlich häufig um Sachen, die gefühlt schon tausendmal Thema waren, die aber trotzdem immer wieder anders laufen - was mich dann tatsächlich verärgert. Zum Beispiel, wenn ich schon zigmal darum gebeten habe, keine Schuhe, Taschen etc. im engen Durchgang abzustellen, keine Klamotten etc. auf dem Boden herumliegen zu lassen usw, weil es für mich mit meinem aktaktischen Gang sehr anstrengend ist, ständig Angst haben zu müssen, irgendwo hängenzubleiben oder drüberzustolpern. Wenn es dann aber trotzdem so aussieht, wenn ich als erstes nach Hause komme, und ich erst mal aufräumen darf, bevor ich mich in meinem eigenen Zuhause wohlfühlen kann, bin ich auch nicht besonders freundlich. Insgesamt habe ich also durchaus “etwas auszusetzen” an der Situation und nörgle und schimpfe. Selbst wenn mein Mann gar nichts damit zu tun hat, weil z.B. die Klamotten auf dem Boden von unseren fast erwachsenen Kindern stammen, bezieht er mein Genörgel aber komplett auf sich, fühlt sich persönlich angegriffen und reagiert entsprechend.
Lesen Sie auch: MS und Rückenschmerzen: Ein Überblick
Strategien für eine starke Partnerschaft trotz MS
Trotz der Herausforderungen gibt es viele Möglichkeiten, die Partnerschaft zu stärken und ein erfülltes Leben zu führen:
- Offene Kommunikation: Reden Sie miteinander und versuchen Sie gemeinsam Lösungen zu finden. Über die eigenen Wünsche und Erwartungen zu sprechen ist erleichternd und kann dazu beitragen, Konflikte zu verhindern. Der wichtigste Punkt für beide Seiten: Reden Sie darüber!
- Gemeinsame Bewältigung: Ihr Partner kann Ihnen eine wichtige Stütze beim Verarbeiten der Krankheit sein. Wenn Sie offen über Ihre Hoffnungen und Ängste sprechen, schafft Ihr eine wichtige Grundlage, um die Situation zu bewältigen. Teilt Eure Sorgen und Nöte - so könnt Ihr Euch gegenseitig unterstützen und neue Lösungen für den Umgang mit der MS in Eurer Partnerschaft entwickeln.
- Zeit zu zweit: Daneben solltet Ihr als Paar Zeit verbringen, in der die Erkrankung keine Rolle spielt. Jetzt gilt es, Raum für anregende Gespräche, Entspannung oder Unternehmungen zu schaffen. Nähe und eine erfüllte Partnerschaft sind trotz MS möglich.
- Professionelle Hilfe: Eine Paartherapie kann helfen, die Kommunikation zu verbessern und Konflikte zu lösen.
- Selbstfürsorge: Nehmen Sie sich Zeit für sich selbst und tun Sie Dinge, die Ihnen guttun.
- Humor: Man muss das Leben mit Humor nehmen. Schließlich geht es darum, auch in den kleinen Dingen das Glück zu finden.
MS als Chance für persönliches Wachstum
MS kann eine Partnerschaft auf eine harte Probe stellen, aber auch eine Chance sein, enger zusammenzuwachsen. Durch die Auseinandersetzung mit der Erkrankung können beide Partner lernen, sich besser zu verstehen, ihre Bedürfnisse zu kommunizieren und gemeinsam neue Perspektiven zu entwickeln.
Partnersuche mit MS
Auch wenn Sie MS haben, können Sie eine eigene Familie gründen. Liebe unter Kolleg:innen ist nicht mehr so einfach, Parties, Sportvereine, Kneipen, Clubs - manches ist wegen MS weggefallen. Wo also soll man die neue große Liebe finden? Oder einen Flirt, eine Affäre? Hand aufs Herz: Hat nicht jeder Single heutzutage schon mal mit einer Dating- App geliebäugelt?