Multiple Sklerose und Wärmeempfindlichkeit: Strategien zur Bewältigung des Uhthoff-Phänomens

Einführung

Viele Menschen mit Multipler Sklerose (MS) erleben eine Verschlechterung ihrer Symptome bei erhöhter Wärme. Dieses Phänomen, bekannt als Uhthoff-Phänomen, kann durch Sommerhitze, körperliche Anstrengung oder Fieber ausgelöst werden. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen der Wärmeempfindlichkeit bei MS, die Symptome des Uhthoff-Phänomens und die verschiedenen Strategien zur Linderung und Vorbeugung von hitzebedingten Beschwerden.

Was ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die Gehirn und Rückenmark betrifft. Bei MS werden die Markscheiden, die die Nervenfasern umhüllen und für die schnelle Weiterleitung von Nervenimpulsen verantwortlich sind, angegriffen und zerstört. Dies führt zu einer verlangsamten oder blockierten Nervenleitung, was eine Vielzahl von neurologischen Symptomen zur Folge hat. Weltweit sind über eine Million Menschen von MS betroffen, in Deutschland schätzungsweise 120.000 bis 150.000. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Die Rolle der Mikroglia-Zellen

Bei Multipler Sklerose schädigen Mikroglia-Zellen die Myelinummantelung der neuronalen Axone.

Wärmeempfindlichkeit bei MS: Das Uhthoff-Phänomen

Ein Großteil der MS-Patienten leidet an einer kurzfristigen Symptomverstärkung aufgrund erhöhter Wärmeempfindlichkeit. Erhöhte Körpertemperatur, sei es durch Fieber, hohe Umgebungstemperaturen oder körperliche Anstrengung, kann zu einer Zunahme bereits bestehender neurologischer Symptome führen.

Symptome des Uhthoff-Phänomens

Die durch Temperaturerhöhung ausgelösten Symptomverschlechterungen treten oft unvermittelt auf. Betroffene könnten einen neuen MS-Schub vermuten. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

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  • Visusminderung
  • Doppelbilder
  • Muskelschwäche (Lähmungen)
  • Gleichgewichtsstörungen
  • Sensibilitätsstörungen
  • Einschränkungen der Blasen- und/oder Darmfunktionen
  • Verschlechterung des Fatigue-Syndroms

Im Gegensatz zu einem MS-Schub bilden sich diese Verschlechterungen nach Abkühlung des Körpers rasch wieder zurück.

Ursachen des Uhthoff-Phänomens

Der deutsche Augenarzt Wilhelm Uhthoff beschrieb das Phänomen erstmals. Beim Uhthoff-Phänomen arbeiten die Nervenleitbahnen im zentralen Nervensystem deutlich langsamer und schlechter, wenn der Körper erhitzt ist. Dabei ist es unerheblich, ob die erhöhte Körpertemperatur durch Sommerhitze, Sauna, Sport oder Fieber ausgelöst wird. Nicht alle Menschen mit Multipler Sklerose leiden unter dem Uhthoff-Phänomen.

Die Ursache für die Beschwerden liegt in den Folgen der entzündlichen Nervenerkrankung im Gehirn und Rückenmark. Nach Abheilen der Entzündungsherde bilden sich Narben im Bereich der Nervenfasern. Diese Narben können bei Erhöhung der Körpertemperatur die Informationen schlechter weiterleiten, was zum Wiederauftreten von Beschwerden führen kann.

Strategien zur Bewältigung des Uhthoff-Phänomens

Da es keine spezifische medikamentöse Therapie für das Uhthoff-Phänomen gibt, zielt die Behandlung vor allem auf die Senkung der Körpertemperatur und die Vermeidung von Hitze ab.

Kühlung als Therapieoption

Studien bestätigen die therapeutischen Effekte von Kühlkleidung bei MS-Patienten mit Wärmeempfindlichkeit. Der Ärztliche Beirat der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) spricht sich daher für den Einsatz körperkühlender Produkte aus. Kühlkleidung kann Gangstörungen, Muskelkraft, Fatigue und Lebensqualität verbessern.

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Arten von Kühlkleidung

Es gibt verschiedene Arten von Kühlkleidung, die zur Linderung der Symptome des Uhthoff-Phänomens eingesetzt werden können:

  • Kühlwesten
  • Stirnbänder
  • Nackentücher
  • Kühlhauben
  • Kühlstrümpfe

Der Ärztliche Beirat der DMSG schlussfolgert, dass diese Kleidungsstücke eine Therapieoption bei MS-bedingter erhöhter Wärmeempfindlichkeit darstellen. Sie könnten die Symptome der betroffenen MS-Patienten verbessern und auch prophylaktisch zum Einsatz kommen.

Studienergebnisse zur Kühlung

  • Ein systematischer Review von 2019 kam zu dem Schluss, dass eine rechtzeitige Kühlung („pre-cooling”) ohne Nebenwirkungen einer Symptomverschlechterung vorbeugen kann.
  • In einer verblindeten Cross-over-Studie konnten MS-Patienten mit einer realen Kühlweste signifikant länger und weiter gehen als mit einer „Sham“-Weste.
  • In einem vergleichbaren Studiendesign konnte Kühlkleidung Gehgeschwindigkeit, Beinkraft und feinmotorische Fähigkeiten verbessern.
  • Eine kontrollierte Studie mit 150 Patienten mit MS-bedingter Fatigue zeigte, dass eine Kühlweste zu einer geringeren Fatigue sowie einer stärkeren Unabhängigkeit bei den Aktivitäten des täglichen Lebens verhalf.
  • Bereits 2003 stellte die NASA/MS Cooling Study Group fest, dass Kühlkleidung sowohl bei stärkerer als auch geringerer Kühlung die Gangparameter verbesserte, die Sehfähigkeit erhöhte sowie zu einer subjektiv besseren Befindlichkeit führte.

Weitere Tipps zur Kühlung und Vorbeugung

  • Meiden Sie die pralle Sonne: Halten Sie sich insbesondere in der Mittagshitze im Schatten oder in klimatisierten Räumen auf.
  • Trinken Sie ausreichend: Achten Sie darauf, genügend Flüssigkeit zu sich zu nehmen, um einem Flüssigkeitsverlust vorzubeugen.
  • Kühle Getränke und Speisen: Kühle Getränke, Wassereis oder ein Fußbad mit Eiswasser können helfen, die Körpertemperatur zu senken.
  • Kühlende Accessoires: Nutzen Sie Kühlhandtücher, Kühlkappen oder Kühlmatten, um den Körper zu kühlen.
  • Vermeiden Sie anstrengende Tätigkeiten: Verlegen Sie anstrengende Aktivitäten in die kühleren Morgen- und Abendstunden.
  • Langsame Erwärmung: Vermeiden Sie heiße Wärmflaschen oder Heizdecken, da diese die Muskulatur reizen können. Setzen Sie stattdessen auf sanfte Wärmequellen wie Kirschkernkissen oder eine Wärmelampe.
  • Vitamin-D-Spiegel: Achten Sie auf einen stabilen Vitamin-D-Spiegel, insbesondere in den Wintermonaten.

Was tun bei akuten Symptomen?

  • Kalter-Dusche-Test: Stellen Sie sich unter eine eiskalte Dusche, um festzustellen, ob es sich um einen Pseudoschub handelt.
  • Lokale Kühlung: Bewegungsstörungen einzelner Gliedmaßen können durch lokale Kühlung mit Eiswasser kurzfristig gelindert werden.

Umgang mit Kälteempfindlichkeit

Nicht nur Hitze, sondern auch Kälte kann bei MS-Betroffenen Symptome verstärken. Kälte kann vor allem MS-bedingte Spastiken verstärken. Auch Kribbeln und Taubheitsgefühle können vermehrt auftreten.

Strategien gegen Kälteempfindlichkeit

  • Warme Kleidung: Achten Sie darauf, sich warm anzuziehen, aber vermeiden Sie zu dicke, schwere Kleidung, die die Bewegungsfreiheit einschränkt.
  • Gezielte Wärme: Nutzen Sie selbstwärmende Einlagen für die Schuhe, Wärmekissen für die Hände und Nase oder Wärmepflaster.
  • Bewegung: Regelmäßige Bewegung, sanfte Dehnübungen und leichtes Yoga können helfen, die Steifheit und Schmerzen zu lindern.
  • Vitamin D: Achten Sie auf einen stabilen Vitamin-D-Spiegel.

Mythos Sauna

Entgegen der landläufigen Meinung ist der Saunabesuch für Menschen mit Multipler Sklerose nicht grundsätzlich tabu. Wichtig ist, einen Anstieg der Körpertemperatur zu vermeiden und bei steigenden Temperaturen direkt Maßnahmen zur Abkühlung zu ergreifen.

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