Die multiple Spike Epilepsie ist ein komplexes neurologisches Krankheitsbild, das durch verschiedene Ursachen, vielfältige Anfallstypen und spezifische EEG-Muster gekennzeichnet ist. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Aspekte dieser Epilepsieform, von den zugrunde liegenden Mechanismen bis hin zu den verfügbaren Diagnose- und Behandlungsoptionen.
Interiktale Spikes und ihre Bedeutung
Die Bedeutung interiktaler Spikes (IS) ist noch nicht vollständig geklärt. Bei Patienten mit fokalen Epilepsien zeigen interiktale EEGs synchrone paroxysmale Membrandepolarisationen, die durch hyperexzitable Neuronengruppen verursacht werden. Die gängige Lehrmeinung besagt, dass diese IS Anfällen vorausgehen, aber diese Annahme stützt sich kaum auf experimentelle Beweise. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass synchrone neuronale Entladungen mit IS multimechanistisch entstehen, wobei sowohl synaptische als auch nicht-synaptische Prozesse eine Rolle spielen. Eine wichtige Beobachtung ist, dass SNEs mit IS eine lang anhaltende inhibitorische Wirkung haben könnten die Grundlage des periodischen Auftretens von IS sein.
Genetische Ursachen und Epilepsie-Syndrome
Multiple Spike Epilepsie kann verschiedene genetische Ursachen haben, die mit unterschiedlichen Epilepsie-Syndromen assoziiert sind. Einige der wichtigsten genetischen Ursachen und die entsprechenden Syndrome werden im Folgenden beschrieben:
SCN1A-assoziierte Epilepsie
Die SCN1A-assoziierte Epilepsie umfasst ein breites Spektrum von Erkrankungen, das von einfachen Fieberkrämpfen und generalisierter Epilepsie mit Fieberkrämpfen plus (GEFS+) bis hin zum Dravet-Syndrom und schwer behandelbaren Epilepsien im Kindesalter mit generalisierten tonisch-klonischen Anfällen (ICE-GTC) reicht. Insbesondere Phänotypen mit schwer einstellbaren Krampfanfällen, einschließlich des Dravet-Syndroms, sind häufig mit kognitiven Beeinträchtigungen verbunden. Weniger häufig beobachtete Phänotypen sind myoklonisch-astatische Epilepsie, Lennox-Gastaut-Syndrom, infantile Spasmen sowie Epilepsie mit fokalen Anfällen.
Ein charakteristisches Merkmal der SCN1A-assoziierten Epilepsie ist die Verschlimmerung der Anfälle durch Medikamente, die die Funktion des Natriumkanals hemmen. Zu den verschiedenen klinischen Epilepsie-Syndromen, die bei Personen mit einer heterozygoten pathogenen SCN1A-Variante auftreten können, gehören:
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- Fieberkrämpfe (FS): Treten in der Kindheit nur in Verbindung mit Fieber auf und beginnen in der Regel nach dem sechsten Lebensmonat und enden vor dem fünften Lebensjahr.
- Fieberkrämpfe plus (FS+): Anfallsbeginn vor dem ersten Lebensjahr, Persistenz über das sechste Lebensjahr hinaus, ungewöhnliche Schwere (einschließlich Status epilepticus) und das Auftreten von unprovozierten Anfällen jeglicher Art.
- Generalisierte Epilepsie mit Fieberkrämpfen plus (GEFS+): Häufig Fieberkrämpfe in der frühen Kindheit, gefolgt von gelegentlichen tonischen, klonischen, myoklonischen oder Absence-Anfällen, die auf Medikamente ansprechen und in der späten Kindheit oder frühen Adoleszenz remittieren.
- Schwer einstellbare Epilepsie im Kindesalter mit generalisierten tonisch-klonischen Anfällen (ICE-GTC): Generalisierte Anfälle, einschließlich Absence-Anfälle, mit generalisierten tonisch-klonischen Anfällen mit Beginn im Säuglings- oder Kindesalter. Fokale Krampfanfälle können jedoch auch bei bis zu 13 % der betroffenen Personen auftreten.
- Dravet-Syndrom: Präsentation zwischen dem ersten Lebensjahr und 18 Monaten nach einer Periode normaler Entwicklung. Die Krampfanfälle sind oft langwierig und umfassen rezidivierende generalisierte tonisch-klonische oder hemikonvulsive Anfälle. Myoklonische Krampfanfälle treten typischerweise im Alter von zwei Jahren auf. Der Status epilepticus ist häufig, und die pharmakologische Behandlung gestaltet sich schwierig.
KCNQ2-assoziierte Epilepsie
Die KCNQ2-assoziierte Epilepsie umfasst überlappende epileptische Phänotypen beim Neugeborenen, die durch Mutationen im KCNQ2-Gen verursacht werden. Die klinischen Merkmale reichen von benigner familiärer neonataler Epilepsie bis hin zur neonatalen epileptischen Enzephalopathie.
- KCNQ2-assoziierte benigne familiäre neonatale Epilepsie: Beginn der Anfälle zwischen dem zweiten und achten Lebenstag, spontanes Verschwinden zwischen dem ersten und dem zwölften Lebensmonat.
- KCNQ2-assoziierte neonatale epileptische Enzephalopathie: Mehrere tägliche Anfälle, die in der ersten Lebenswoche beginnen und meist tonisch sind, mit assoziierten fokalmotorischen und autonomen Merkmalen. Die Anfälle hören im Allgemeinen in einem Alter von neun Monaten bis vier Jahren auf.
GRIN2A-assoziierte Epilepsie
Veränderungen im GRIN2A-Gen spielen eine bedeutende Rolle bei Epilepsien, die mit einer Störung der Sprachentwicklung einhergehen. Zu den Merkmalen der Epilepsie gehören ein Anfallsbeginn in der Regel im Alter zwischen drei und sechs Jahren, eine fokale Epilepsie mit Sprach- und/oder globaler Entwicklungsrückbildung sowie ein Elektroenzephalogramm (EEG), welches kontinuierliche Spike-Wave-Entladungen im Schlaf oder sehr aktive zentrotemporale Entladungen zeigt.
STXBP1-Enzephalopathie mit Epilepsie
Die STXBP1-Enzephalopathie mit Epilepsie ist gekennzeichnet durch eine früh einsetzende Enzephalopathie mit Epilepsie, das heißt eine mittlere bis schwere geistige Entwicklungsstörung, refraktäre Anfälle und anhaltende epileptiforme Aktivität. Zu den Anfallstypen können kindliche Spasmen, generalisierte tonisch-klonische, klonische oder tonische Anfälle sowie myoklonische, fokale, atonische und Absence-Anfälle gehören.
CHD2-assoziierte epileptische Enzephalopathie
Die CHD2-assoziierte epileptische Enzephalopathie der Kindheit ist gekennzeichnet durch eine früh einsetzende epileptische Enzephalopathie mit refraktären Anfällen und kognitive Verlangsamung oder Regression in Verbindung mit häufig anhaltender epileptiformer Aktivität. Der Anfallsbeginn liegt typischerweise im Alter zwischen sechs Monaten und vier Jahren.
SYNGAP1-assoziierte geistige Entwicklungsstörung
Die SYNGAP1-assoziierte geistige Entwicklungsstörung ist gekennzeichnet durch eine Entwicklungsverzögerung oder geistige Entwicklungsstörung, eine generalisierte Epilepsie und eine Autismus-Spektrum-Störung sowie andere Verhaltensanomalien. Die Epilepsie ist generalisiert, wobei auch eine myoklonische astatische Epilepsie (Doose-Syndrom) oder eine Epilepsie mit myoklonischen Absencen auftreten kann.
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DEPDC5-assoziierte Epilepsie
Die DEPDC5-assoziierte Epilepsie umfasst eine Reihe von Epilepsiesyndromen, die fast alle durch fokale Anfälle gekennzeichnet sind. Zu den Anfallssyndromen gehören die familiäre fokale Epilepsie mit variablen Herden, die autosomal-dominante nächtliche Frontallappen-Epilepsie, die familiäre mesiale Temporallappen-Epilepsien, die autosomal-dominante Epilepsie mit Hörstörungen sowie kindliche Spasmen.
SCN8A-assoziierte Epilepsie mit Enzephalopathie
Die SCN8A-assoziierte Epilepsie mit Enzephalopathie ist charakterisiert durch eine Entwicklungsverzögerung, Anfallsbeginn in den ersten 18 Lebensmonaten und eine schwer einstellbare Epilepsie, die durch mehrere Anfallstypen gekennzeichnet ist. Zu den Epilepsiesyndromen können das Lennox-Gastaut-Syndrom, das West-Syndrom und epileptische Enzephalopathien wie das Dravet-Syndrom gehören.
SLC12A5-assoziierte Epilepsie im Säuglingsalter
Die SLC12A5-assoziierte Epilepsie im Säuglingsalter mit wandernden fokalen Anfällen ist eine seltene Erkrankung, die durch den Beginn der Anfälle vor dem Alter von sechs Monaten und entweder durch eine Entwicklungsverzögerung oder eine Entwicklungsregression mit Anfallsbeginn gekennzeichnet ist.
KCNT1-assoziierte Epilepsie
Die KCNT1-assoziierte Epilepsie ist am häufigsten mit zwei Phänotypen assoziiert, der Epilepsie des Säuglingsalters mit wandernden fokalen Anfällen (EIMFS) und der autosomal-dominanten nächtlichen Frontallappenepilepsie (ADNFLE).
Selbstlimitierende fokale Epilepsien im Kindesalter
Die selbstlimitierenden fokalen Epilepsien im Kindesalter sind eine heterogene Gruppe von Epilepsiesyndromen, die durch fokale epileptische Anfälle und charakteristische EEG-Veränderungen definiert sind. Eine strukturelle Ursache kann mit den gängigen bildgebenden Verfahren ausgeschlossen werden. Ihnen gemeinsam ist zudem ein meist erfreulicher Verlauf mit wenigen epileptischen Anfällen, normaler neurologischer Untersuchung und uneingeschränkter allgemeiner kognitiver Leistungsfähigkeit, wobei neurokognitive Schwächen v. a.
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Die ILAE schließt in die Gruppe der selbstlimitierenden fokalen Epilepsien des Kindesalters die selbstlimitierende Epilepsie mit zentrotemporalen Spikes („benign childhood epilepsy with centro-temporal spikes“ [BCECTS]) und die selbstlimitierende okzipitale Epilepsie des Kindesalters mit der Frühform (Typ Panayiotopoulos) und der Spätform (Typ Gastaut) ein.
Panayiotopoulos-Syndrom (PS)
Das Panayiotopoulos-Syndrom (PS) wird gemäß der ILAE-Klassifikation von 2017 zu den selbstlimitierenden okzipitalen Epilepsien gezählt. Es ist eine häufige, im Kindesalter auftretende Prädisposition für fokale, meist autonome epileptische Anfälle und autonomen Status epilepticus. Die Anfälle sind von autonomen, meist emetischen Symptomen geprägt. Der typische Ablauf eines Anfalles bei PS ist ein Kind, das Übelkeit beklagt, kränklich aussieht und erbrechen muss. Es kommt im weiteren Verlauf zu einer sukzessiven Beeinträchtigung des Bewusstseins, zudem zeigt das Kind eine Augendeviation und gelegentlich Hemikonvulsionen oder eine sekundäre Generalisierung des Anfalls.
Diagnostik
Die Diagnose der multiplen Spike Epilepsie umfasst in der Regel eine umfassende Anamnese, eine neurologische Untersuchung und verschiedene diagnostische Tests, darunter:
- Elektroenzephalogramm (EEG): Ein EEG ist ein Test zur Überwachung der elektrischen Aktivität des Gehirns. Es ist ein wichtiges Instrument zur Diagnose von Epilepsie und zur Identifizierung der Art der Anfälle.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Eine MRT ist ein bildgebendes Verfahren, das detaillierte Bilder des Gehirns liefert. Sie kann verwendet werden, um strukturelle Anomalien im Gehirn zu identifizieren, die zu Anfällen führen können.
- Genetische Tests: Genetische Tests können verwendet werden, um Mutationen in Genen zu identifizieren, die mit Epilepsie in Verbindung stehen. Dies kann helfen, die Ursache der Epilepsie zu bestimmen und die Behandlung zu steuern.
Differentialdiagnose
Es ist wichtig, die multiple Spike Epilepsie von anderen Erkrankungen zu unterscheiden, die ähnliche Symptome verursachen können. Zu den wichtigsten Differentialdiagnosen gehören:
- Synkope: Kurzzeitiger Verlust des Bewusstseins und des Muskeltonus mit spontaner Erholung. Synkopen haben zahlreiche Ursachen, sind jedoch normalerweise das Ergebnis einer verminderten Durchblutung des Gehirns.
- Migräne: Migräne können sensorische Auren vorausgehen, welche denen ähnlich sind, die bei Anfällen beobachtet werden.
- Psychogener nichtepileptischer Anfall (PNES): Ähnelt epileptischen Anfällen, hat aber keine organische Ursache.
- Hypoglykämie: Notfallzustand, definiert als Serumglukosespiegel ≤ 70 mg/dl (≤ 3,9 mmol/l) bei Diabetikern.
- Narkolepsie: Chronische neurologische Erkrankung, die mit exzessiver Tagesschläfrigkeit, Kataplexie, hypnagogen Halluzinationen und Schlaflähmung einhergeht.
Behandlung
Die Behandlung der multiplen Spike Epilepsie zielt darauf ab, die Anfälle zu kontrollieren und die Lebensqualität des Patienten zu verbessern. Die Behandlungsmöglichkeiten umfassen:
- Antiepileptika (AEDs): AEDs sind Medikamente, die helfen, Anfälle zu verhindern. Die Wahl des AED richtet sich nach der Art der Anfälle und dem Epilepsiesyndrom.
- Epilepsiechirurgie: Eine Operation kann eine Option für Patienten sein, bei denen AEDs die Anfälle nicht kontrollieren können. Die Operation kann das Entfernen des Anfallsfokus oder die Implantation eines Neurostimulators umfassen.
- Ketogene Diät: Die ketogene Diät ist eine fettreiche, kohlenhydratarme Diät, die helfen kann, Anfälle bei einigen Patienten zu kontrollieren.
- Vagusnervstimulation (VNS): VNS ist eine Therapie, bei der ein Gerät implantiert wird, das den Vagusnerv stimuliert. Dies kann helfen, Anfälle bei einigen Patienten zu reduzieren.