Multiple Sklerose und Zeckenimpfung: Risiken und Empfehlungen

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Gehirn, das Rückenmark und die Nervenfasern betrifft. Weltweit leben rund 2,8 Millionen Menschen mit dieser Autoimmunerkrankung, bei der das eigene Immunsystem die Ummantelung (Myelinscheiden) der Nervenbahnen (Axone) angreift und beschädigt. Die Symptome und Anzeichen können vielfältig und für Außenstehende oft schwer zu erkennen sein. Da immunsupprimierende Medikamente die Immunabwehr bei Betroffenen beeinträchtigen können, steigt das Risiko für schwere Infektionen. Daher sind Impfungen für MS-Patienten besonders wichtig. Doch wie sicher sind Impfungen bei MS, insbesondere im Hinblick auf das Risiko von Schüben? Und welche Empfehlungen gelten für Zeckenimpfungen in Risikogebieten?

Impfungen und das Risiko von MS-Schüben

Ein wichtiger Aspekt bei der Frage nach der Sicherheit von Impfungen bei MS ist das Risiko, einen Schub auszulösen. Infekte können durch Aktivierung des Immunsystems zu einer Symptomzunahme bzw. zum Auslösen eines Krankheitsschubes einer chronisch-entzündlichen Erkrankung führen. Auch Impfungen aktivieren das Immunsystem mit dem Ziel, langfristig eine Immunabwehr gegen die Erkrankung aufzubauen. Das Risiko für eine schubartige Verschlechterung oder ein langsames Fortschreiten der Erkrankung nach Impfung ist gering.

Die Ergebnisse von 15 Studien deuten darauf hin, dass gängige Impfstoffe, wie gegen Grippe, Hepatitis B oder Tetanus, eine MS-Erkrankung nicht verschlimmern. In einer dieser Studien hatten Wissenschaftler das Risiko für eine Verschlechterung von MS nach jeglicher Impfung untersucht, die anderen 14 Studien gingen auf Hepatitis B-, Tetanus-, Influenza-, BCG- (Tuberkulose), Varizella-, FSME-, Tollwut- und Gelbfieberimpfungen ein.

Einer 2001 veröffentlichten Studie zufolge lag das relative Risiko für einen Schub zwei Monate nach jeglicher Impfung bei 0,71: Das Schubrisiko war damit 29 Prozent geringer als im Kontrollzeitraum (keine Impfung). Die Experten sind nach aktuellem Stand der Wissenschaft überzeugt, dass

  • Impfungen bei MS-Patienten nicht das Schubrisiko erhöhen,
  • Impfungen die Behinderung nicht fortschreiten lassen,
  • bei MS-Patienten der Nutzen einer Impfung deren Risiken überwiegt,
  • und inaktivierte Impfstoffe bei MS-Patienten, die DMTs erhalten, sicher sind.

Im Rahmen der Impfung gegen SARS-CoV-2 (Corona-Impfung) hatten weniger Patient:innen einen Schub nach einer Impfung als nach der Infektion. Auch im Rahmen anderer bakterieller und viraler Infekte ist eine erhöhte Schubrate beschrieben. Erfreulicherweise sind kaum persistierende Schübe nach einer Impfung und nur selten akute Krankheitsschübe dokumentiert worden. Ein klarer kausaler Zusammenhang zwischen Impfung und Exazerbation der rheumatologischen Erkrankung konnte bisher nicht bestätigt werden. Aktuelle Studien nach einer COVID-19 Impfung zeigten keine relevanten Unterschiede in Bezug auf unerwünschten Nebenwirkungen infolge der Impfung zwischen Patient:innen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen und gesunden Personen.

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Zeckenimpfung (FSME) bei MS: Empfehlungen

Die Frage, ob eine Zeckenimpfung (FSME) bei MS empfehlenswert ist, lässt sich differenziert beantworten. Zunächst ist festzuhalten, dass man sich nicht gegen Zecken selbst impfen kann, sondern nur gegen die von Zecken übertragenen FSME-Erreger. Diese Impfung ist in Gebieten mit erhöhtem Risiko für Zecken sinnvoll, da eine FSME-Erkrankung unangenehm verlaufen kann.

Bislang war nicht klar, ob eine Impfung Schübe bei MS auslösen kann. Eine Rostocker Arbeitsgruppe hat allerdings herausfinden können, dass die Impfung nicht nur sicher ist, sondern sogar die Schubrate bei geimpften geringer war.

Impfungen erhöhen das Risiko an einer MS zu erkranken NICHT

Dies bedeutet, dass auch Kinder von MS Patient:innen die empfohlenen Impfungen erhalten können. Auch wenn die Datenlage eingeschränkt ist, wurde in den meisten großen Studien kein erhöhtes Auslösen einer Multiplen Sklerose beschrieben, noch waren erhöhte Schubraten nach Impfung nachzuweisen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zur Sicherheit einer Impfung gegen COVID-19 aus Israel konnte dies untermauern (Achiron et al., Mult Scler, 2021). Abgesehen von leichten kurzzeitigen Verschlechterungen der Symptome bei Auftreten von Fieber nach der Impfung waren keine vermehrten Schübe im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung gesehen worden.

Forscher der Technischen Universität München (TUM) konnten jetzt anhand riesiger Datenmengen zeigen, dass zwischen Impfungen und erhöhtem MS-Risiko scheinbar kein Zusammenhang besteht - eher im Gegenteil.

Dazu hat das Wissenschaftlerteam um Professor Bernhard Hemmer mit dem Datensatz der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) einen großen bevölkerungsrepräsentativen Datensatz ausgewertet. Er umfasst Daten von über 200.000 Personen, darunter über 12.000 MS-Erkrankte.

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Die Forscher betrachteten den 5-Jahres-Zeitraum vor der definitiven MS-Diagnose. Es zeigte sich, dass MS-Patienten in diesem Zeitraum sogar weniger oft geimpft wurden als Gesunde, und das, obwohl MS-Patienten mit einer Verdachtsdiagnose in diesem Zeitraum ausgeschlossen wurden.

Dies galt vor allem für Impfungen gegen Hepatitis A und B, FSME und Grippe, aber auch für Pneumokokken, Meningokokken, Mumps, Masern, Röteln und Windpocken und das Humane Papilloma Virus (HPV).

Um sicher zu gehen, dass das Ergebnis MS-spezifisch ist, verglichen die Forscher die Daten der MS-Patienten, welche die Kriterien erfüllten mit Patienten anderer chronischer Erkrankungen wie Schuppenflechte. Hier zeigte sich keine Auffälligkeit, was das Impfen angeht.

Weitere Aspekte bei Impfungen und MS

Neben dem Risiko von Schüben gibt es weitere Aspekte, die bei Impfungen von MS-Patienten berücksichtigt werden sollten:

  • Art des Impfstoffs: Es ist wichtig, zwischen Totimpfstoffen und Lebendimpfstoffen zu unterscheiden. Ein Totimpfstoff enthält tote Krankheitserreger bzw. deren Bestandteile. Lebendimpfstoffe hingegen enthalten abgeschwächte, aber noch lebende Erreger. Sie können daher bei immungeschwächten Personen Erkrankungen auslösen, deren klinische Symptome der Erkrankung, gegen die geimpft wurde, gleichen. Bei Totimpfstoffen ist der Nutzen der Impfung höher als das Risiko, die Multiple Sklerose zu triggern. Dahingegen sollten Lebendimpfstoffe bei MS aber nur in strenger Nutzen-Risiko-Abwägung verabreicht werden, da sie möglicherweise Infektionen hervorrufen oder die Aktivität der MS begünstigen könnten.
  • Immunsuppressive Therapie: Viele MS-Patienten erhalten eine immunsuppressive Therapie (DMT), die die Immunantwort beeinflussen kann. Bestimmte MS-Arzneimittel können die Impfantwort reduzieren. Bei manchen Wirkstoffen ist sodann auch der Impfschutz verringert. Bei MS-Patienten ohne DMTs und mit Interferon oder Glatirameracetat schützt eine Impfung vergleichbar gut wie bei gesunden Menschen. Dimethylfumarat, Teriflunomid und Natalizumab können die Antikörperantwort nach einer Impfung verringern, doch der Impfschutz bleibt erhalten. CD20-Antikörper wie Ocrelizumab und Ofatumumab sowie Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptor-Modulatoren wie Fingolimod, Ozanimod, Ponesimod und Siponimod reduzieren die Antikörperantwort auf eine Schutzimpfung - auch der Impfschutz ist geringer. Darüber sollten die Patienten informiert werden, um andere Infektionsschutzstrategien anzuwenden.
  • Impfzeitpunkt: Prinzipiell dürfen MS-Patienten inaktivierte Impfstoffe jederzeit - auch unter DMT - erhalten. Optimalerweise liegen für eine bestmögliche Impfantwort jedoch zwischen der letzten Impfung und dem Behandlungsbeginn zwei Wochen. Bei Lebendimpfstoffen sollte nach Impfung vier Wochen bis zum Start einer DMT gewartet werden - bei Ocrelizumab und Alemtuzumab sogar sechs Wochen. Bei Therapieende hängt der Zeitpunkt der nächstmöglichen Lebendimpfung vom abgesetzten MS-Arzneimittel ab. Nach Hochdosis-Kortisongabe sollte ein Monat bis zur nächsten Lebendimpfung gewartet werden. Bei einem aktuellen Schub sollte mit einer Impfung gewartet werden, bis der Patient wieder klinisch stabil ist.
  • Allgemeine Impfempfehlungen: Generell gelten die allgemeinen Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO). MS-Patienten sollten sich jährlich vor Grippe schützen und ihren Pneumokokken-Impfschutz aktuell halten. Unabhängig vom Alter ist bei einer geplanten Behandlung mit Alemtuzumab, Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptor-Modulatoren, Cladribin oder CD20-Antikörpern eine HPV-Impfung (humanes Papillomavirus) ratsam. Für ab 18-Jährige ist eine Gürtelroseimpfung (Shingrix®) empfehlenswert, wenn sie stark immunsupprimierende Arzneimittel erhalten, die eine Herpesinfektion begünstigen.

Impfempfehlungen für verschiedene Personengruppen mit MS

Die Impfempfehlungen können je nach Alter und Lebensumständen variieren:

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  • Kinder mit MS: Auch für Kinder mit Multipler Sklerose gelten die allgemeinen Impfempfehlungen der STIKO für die gesunde Alterskohorte. Vor Start einer MS-Behandlung sollten Ärzte - wie auch bei erwachsenen Patienten - den Impfstatus des Kindes prüfen und bestehende Impflücken möglichst schließen.
  • Schwangere mit MS: Für schwangere Frauen mit MS gelten dieselben Impfempfehlungen wie für Schwangere ohne MS. Ziel ist es, Mutter und Kind vor möglichen Infektionen zu schützen. Aus diesem Grund sollten sich Schwangere gegen Grippe (zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft und zu Beginn der Grippesaison), Keuchhusten, Tetanus und Diphtherie (zwischen der 20. und 36. Schwangerschaftswoche) impfen lassen.
  • Ältere Menschen mit MS: Für ältere Menschen mit Multipler Sklerose gelten die allgemeinen Impfempfehlungen für die ältere Bevölkerung - damit liegt das Augenmerk auf der jährlichen Grippeschutzimpfung. Die STIKO rät bei Menschen ab 60 Jahren zu einem Hochdosisgrippeimpfstoff. Außerdem sollten ältere Menschen ihren Pneumokokken- und Gürtelroseimpfschutz (Shingrix®) aktuell halten.
  • Reisende mit MS: Für MS-Patienten mit oder ohne DMT gelten die Reiseimpfempfehlungen wie für gesunde Menschen. Sie können sicher gegen Hepatitis A und B, Tollwut, Japanische Enzephalitis, Meningokokken (tetravalent), Cholera, FSME, Polio (IPV) und Typhus (inaktiviert) geimpft werden. Der Impfschutz richtet sich jeweils nach Reiseziel und Expositionsrisiko. Unter immunsupprimierender Behandlung dürfen die Lebendimpfstoffe gegen Gelbfieber, Dengue-Fieber, Windpocken, Masern, Mumps, Röteln und Typhus (oral) allerdings nicht verabreicht werden. Impfungen sollten in der Reiseplanung berücksichtigt werden und möglichst vor Reiseantritt (zwei bis drei Monate zuvor) abgeschlossen sein.

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