Die Münchner Kammerspiele, eine der renommiertesten Bühnen Deutschlands, stehen im Spannungsfeld zwischen künstlerischer Innovation und der Bewahrung theatralischer Traditionen. In den letzten Jahren sorgten die Kammerspiele immer wieder für Gesprächsstoff, sowohl durch gefeierte Inszenierungen als auch durch kontroverse Entscheidungen.
Aktuelle Herausforderungen und Erfolge
Die Münchner Kammerspiele sehen sich derzeit mit einer "ausgewachsenen Auslastungskrise" konfrontiert. Dies ist ein deutliches Zeichen dafür, dass das Theater vor der Herausforderung steht, ein Publikum zu gewinnen, das möglicherweise andere Erwartungen an das zeitgenössische Theater hat.
Trotz dieser Herausforderungen gibt es auch Erfolge zu verzeichnen. Inszenierungen wie Jette Steckels Bearbeitung von Klaus Manns „Mephisto“-Roman wurden gefeiert. Auch Jan Bosse inszenierte an den Münchner Kammerspielen Gabriele Tergits Roman „Effingers“ über das Schicksal einer jüdischen Familie. Stefan Pucher brachte „Das Leben des Vernon Subutex“ auf die Bühne der Kammerspiele. Diese Arbeiten zeigen, dass das Theater weiterhin in der Lage ist, relevante und anspruchsvolle Themen aufzugreifen und künstlerisch hochwertig umzusetzen.
Kontroversen und künstlerische Neuausrichtungen
Die Intendanz von Matthias Lilienthal war von einem Kampf gegen die vermeintliche „Kunstkacke“ geprägt. Lilienthal setzte auf Performer anstelle von klassischen Schauspielern, was zu einer Flucht des Ensembles führte. Seine Nachfolgerin, Barbara Mundel, setzte diesen Kurs fort und etablierte das sogenannte Dramaturgentheater.
Dramaturgentheater zeichnet sich dadurch aus, dass Diskurse und gesellschaftspolitische Anliegen im Vordergrund stehen. Die Inszenierungen ähneln oft Wochenendseminaren der Heinrich-Böll-Stiftung. Kritiker bemängeln, dass dabei Schauspielkunst und die Auseinandersetzung mit menschlichen Schicksalen zu kurz kommen. Stattdessen würden „erstarrte Thesenträger“ präsentiert.
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Ein Beispiel für diese Entwicklung ist die Diskussion um die „Antigone“-Aufführung in leichter Sprache. Während Inklusion ein wichtiges Anliegen ist, stellt sich die Frage, ob die Kammerspiele damit nicht zu einer „symbolpolitischen Ersatzhandlung“ werden und ihr Alleinstellungsmerkmal als eines der führenden Theater des Landes aufgeben.
"Play Auerbach!": Eine Münchner Erinnerungsrevue
Ein besonders bemerkenswertes Beispiel für die Auseinandersetzung der Münchner Kammerspiele mit der deutschen Geschichte ist das Stück „Play Auerbach!“ von Avishai Milstein. Das Stück ist Teil des Programmschwerpunkts „Wohin jetzt?“, der sich mit jüdischem Leben in Deutschland nach 1945 auseinandersetzt.
„Play Auerbach!“ entwirft ein Zukunftsszenario im Jahr 2045, in dem jüdisches Leben in Deutschland kaum noch existiert. Eine Laienspielgruppe probt eine Revue zur 100-Jahr-Feier der Befreiung der Konzentrationslager. Als ein professioneller jüdischer Schauspieler auf die Bühne tritt, gerät das sorgfältig einstudierte Konzept der Erinnerungskultur ins Wanken.
Milstein führt vor, wie schnell die Theorie der Erinnerungskultur in der Praxis scheitert. Die Beteiligten stolpern über Klischees und Vorurteile und entlarven sich selbst. Samuel Finzi, der den Schauspieler Rafael Kuhn verkörpert, lässt die beiden jüdischen Figuren, Kuhn und Auerbach, zu einer intensiven Studie der Hoffnung und der Ernüchterung verschmelzen.
Die Inszenierung von Sandra Strunz wird von Kritikern gelobt. Anne Fritsch von der Abendzeitung betont, dass sich die Laienschauspieler als Experten der Erinnerungskultur wähnen, aber an der Realität scheitern. Michael Streicher vom Münchner Merkur lobt die Tiefe und gleichzeitige Kurzweiligkeit des Stücks. Sven Behrisch in der Zeit hebt hervor, wie die Figur des Auerbach die zwanghafte deutsch-jüdische Harmonie der Erinnerungskultur stört.
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Shakespeare-Essenz: "Was ihr wollt"
Eine weitere bemerkenswerte Inszenierung der Münchner Kammerspiele ist Lies Pauwels' Interpretation von William Shakespeares „Was ihr wollt“. Pauwels gelingt es, die Menschen unter den schrillen Fassaden erlebbar zu machen.
Vinzenz Sommer als Malvolio in gelben Strümpfen und mit Strass-besetztem Umschnall-Penis singt „I started a joke“ von den Bee Gees. Doch anders als in traditionellen Inszenierungen ist dieser Auftritt nicht nur komisch, sondern auch berührend. Der Zuschauer erkennt die Sehnsucht und Verletzlichkeit Malvolios.
Pauwels verortet ihre Inszenierung „somewhere over the rainbow“. Die Schauspieler präsentieren sich auf dem Markt der einsamen Herzen. Es gibt Übergriffe, Zurückweisungen und kurze Momente des Glücks. Die Musikauswahl trägt zur Atmosphäre bei und verbindet scheinbar Unvereinbares.
Kritiker loben die Inszenierung als „Shakespeare-Essenz“. Anne Fritsch betont, dass die Liebe, die echte tiefe Liebe, ein seltenes Gut ist. Ein Narr, wer sie nicht sucht und sich nicht in die Sehnsucht hineinwirft.
"Wallenstein" als siebentündiges Schlachtfest
Jan-Christoph Gockel inszenierte Friedrich Schillers Kriegsdrama „Wallenstein“ an den Münchner Kammerspielen als siebenstündiges „Schlachtfest“ und verwebt es mit der Geschichte der russischen Gruppe Wagner.
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Gockel kam auf das Thema durch die Beschäftigung mit dem russischen Kriegsunternehmer Jewgeni Prigoschin. Er verknüpft die Welt des Wallenstein mit der Gegenwart. Serge, ein Russlandexperte, arbeitet die Parallelen zwischen beiden Erzählsträngen heraus.
Auf der Bühne wird Wallensteins Lager in einer Großküche dargestellt. Später wird Prigoschins erstes Luxusrestaurant in Moskau zum Leben erweckt. Die meisten der Schillerschen Kriegsmänner lässt Gockel von Frauen spielen. Sie treiben den Wahn von Macht und Stärke auf die Spitze. Wallenstein wird von Samuel Koch als leisen, aber gefährlichen Souverän im Hintergrund gespielt.
Gockel nutzt alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel, Medien und Orte, von Puppenspiel über Musik bis hin zum Live-Video. Er hält die Balance zwischen Schwere und Leichtigkeit. Am Ende schält sich Katharina Bach aus ihrem Männerkörper und steht nackt als Frau und Mensch vor dem Publikum.
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