Muskeldystrophie ist eine Gruppe von Erbkrankheiten, die durch fortschreitenden Muskelschwund und Schwäche gekennzeichnet sind. Diese Erkrankungen beeinträchtigen das Zusammenspiel zwischen dem Nervensystem und den Muskeln, was zu erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität der Betroffenen führt. Obwohl es derzeit keine Heilung gibt, werden kontinuierlich Fortschritte in der Forschung und Behandlung erzielt, die Hoffnung auf verbesserte Therapieansätze und eine höhere Lebensqualität geben.
Was ist Muskeldystrophie?
Muskeldystrophie ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von genetisch bedingten Muskelerkrankungen, die durch den Abbau von Muskelgewebe gekennzeichnet sind. Oft wird vereinfachend von Muskelkrankheiten oder Muskelschwund gesprochen. Muskelkrankheiten sind jedoch streng genommen nur die Erkrankungen des Muskels selbst. Zu den neuromuskulären Erkrankungen sind darüber hinaus aber auch die Erkrankungen der den Muskel innervierenden Nervenfasern zu rechnen. Neuromuskuläre Erkrankungen beeinträchtigen somit das Zusammenspiel zwischen dem Nervensystem und den Muskeln. Verschiedene Bereiche des neuromuskulären Systems können betroffen sein, einschließlich der Nerven, die Muskeln steuern, Muskelfasern selbst oder neuromuskuläre Verbindungen zwischen Nerven und Muskeln.
Ursachen und Formen
Die Ursachen für neuromuskuläre Erkrankungen sind vielfältig. Häufig spielen genetische Veränderungen oder Mutationen eine Rolle, die die Funktion von Nerven und Muskeln dauerhaft beeinträchtigen. Andere Formen sind autoimmun bedingt, das heißt, das Immunsystem richtet sich fälschlicherweise gegen körpereigene Strukturen. Auch Infektionen oder entzündliche Prozesse können Auslöser einer neuromuskulären Erkrankung sein. Darüber hinaus kommen Umwelteinflüsse oder Schädigungen des Nervensystems infrage.
Es gibt verschiedene Formen von Muskeldystrophie, darunter:
Duchenne-Muskeldystrophie (DMD): Die häufigste Form im Kindesalter, die fast ausschließlich Jungen betrifft. Sie manifestiert sich typischerweise im Alter von 2 bis 5 Jahren mit proximaler Muskelschwäche.
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Becker-Muskeldystrophie (BMD): Eine mildere Form der Muskeldystrophie, die später beginnt und langsamer verläuft als DMD.
Gliedergürtel-Muskeldystrophie: Eine Gruppe von Muskeldystrophien, die die Muskeln der Schultern und Hüften betreffen.
Faszio-skapulo-humerale Muskeldystrophie: Betrifft die Muskeln des Gesichts, der Oberarme und der Beine.
Symptome
Je nach Erkrankungsform treten verschiedene Symptome auf, die von Muskelschwäche, Muskelschwund und Schmerzen bis hin zu Beeinträchtigungen von Herz und Atmung reichen können. Die ersten Symptome einer Muskeldystrophie sind in der Regel eine Muskelschwäche, eine Atrophie der Muskeln und die zunehmende Einschränkung Bewegungen im betroffenen Bereich durchzuführen. Im weiteren Verlauf kommt es dann auch zu einem Muskelabbau, weshalb die Einschränkungen in der Bewegung und auch in der Haltung sich deutlich vermehren. So kann auch die Atemmuskulatur betroffen sein, weshalb die Atmung immer mehr beeinträchtigt wird. Durch die Minderbelüftung kommt es zu immer wiederkehrenden Infekten der Bronchien und der Lunge.
Aktuelle Forschungsansätze und Behandlungen
Obwohl Muskeldystrophien derzeit nicht heilbar sind, gibt es verschiedene Behandlungsansätze, die darauf abzielen, die Symptome zu lindern, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
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Gentherapie und Gen-Editierung
Wissenschaftler:innen des Experimental and Clinical Research Center (ECRC), einer gemeinsamen Einrichtung der Charité und des Max Delbrück Center, haben einen vielversprechenden Ansatz zur gezielten Veränderung von Genen bei Menschen mit Muskelschwund entwickelt. Sie wollen die Funktion eines Proteins wiederherstellen, das unerlässlich ist, um die Muskeln der Patient:innen zu reparieren und wachsen zu lassen. Das Protein namens Dysferlin ist vor allem für die Reparatur von Zellmembranen verantwortlich. Menschen mit bestimmten Mutationen in dem Dysferlin-Gen erkranken an Muskeldystrophie - eine Gruppe von Muskelschwundkrankheiten, die weltweit Tausende betrifft.
Prof. Simone Spuler und ihre Arbeitsgruppe „Myologie“ am ECRC haben nun unter der Leitung von Dr. Helena Escobar Fernandez Muskelstammzellen von zwei Patient:innen mit Gliedergürtel-Muskeldystrophie entnommen, den genetischen Fehler korrigiert und funktionierende Dysferlin-Proteine in einer Zellkultur produziert. Bei Mäusen wandten sie das gleiche Verfahren an, um Zellen zu entnehmen, zu bearbeiten und die korrigierten Zellen wieder in Mäuse zu transplantieren.
Um die Dysferlin-Mutation zu reparieren, verwendet Helena Escobar CRISPR-Cas9. Für diese als „Gen-Schere“ bekannte Methode erhielten Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna 2020 den Nobelpreis. Die molekulare Schere wird zu einer präzise definierten Stelle entlang des DNA-Moleküls geführt und schneidet dort. Dadurch ist die Zelle gezwungen, ihre DNA zu reparieren. Das Ziel ist, dass die krankmachende Mutation während dieses Reparaturprozesses korrigiert wird, sodass das Gen wieder korrekt funktioniert.
Die DNA-Korrektur führte allerdings nicht ganz genau zu der gewünschten Gensequenz - es gab vier Abweichungen im erzeugten Dysferlin-Protein. Diese Veränderungen hat das Team in Zusammenarbeit mit Prof. Oliver Daumke, dem Leiter der Arbeitsgruppe „Strukturbiologie Membran-assoziierter Prozesse“ am Max Delbrück Center, gründlich analysiert. „Selbst mit diesen vier Änderungen ist das erzeugte Protein in seiner Funktion dem Wildtyp sehr ähnlich, also der Version, die wir bei gesunden Individuen sehen.
Die präklinischen Ergebnisse ermutigen die Forschenden, mit Studien am Menschen zu beginnen. Dabei würden sie den Betroffenen Muskelzellen entnehmen, diese im Labor genetisch verändern und wieder in die Zielmuskeln transplantieren. Das Team weist darauf hin, dass die angestrebte Therapie keine vollständige Heilung verspricht - sie wäre zunächst auf ein oder zwei Muskeln beschränkt. „Unser Körper hat über 600 Muskeln, und es ist nicht einfach, sie alle gezielt anzusteuern“, sagt Simone Spuler. „Wir fangen ganz bescheiden mit ein oder zwei Muskeln an, die wir ansteuern.
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In Zusammenarbeit mit Dr. Ralf Kühn, Leiter der Arbeitsgruppe „Genom-Editierung und Krankheitsmodelle“ am Max Delbrück Center, haben die Forschenden ein neues Mausmodell für die Erkrankung entwickelt. Es ahmt die spezifische Dysferlin-Mutation und die daraus resultierende Krankheit genau nach und ermöglicht es, die Funktionsweise der Therapie zu bewerten. „Wir konnten keine Immunreaktion gegen die transplantierten Zellen oder die erzeugten Proteine feststellen. Das ist vielversprechend, wenn wir diese Therapie nun in einer klinischen Studie erproben“, sagt Simone Spuler. Für diesen nächsten Schritt wirbt das Team noch Mittel ein.
Medikamentöse Therapien
Kortikosteroide (Prednisolon, Prednison oder Deflazacort) sind ein therapeutischer Goldstandard bei der Behandlung von DMD und BMD. Sie können den Verlauf der Muskelkrankheit verzögern, haben aber auch Nebenwirkungen.
Symptomatische Behandlungen
- Physiotherapie: Eine tragende Rolle spielt die Physiotherapie, um die Beweglichkeit und Kraft zu erhalten.
- Ergotherapie: Funktionen und Fähigkeiten, insbesondere der oberen Extremitäten, können mithilfe von Ergotherapie verbessert oder erhalten werden. Auch die Hilfsmittelversorgung erfolgt in der Regel in unserer Klinik.
- Logopädie: Die Logopädie ist in das Behandlungskonzept integriert, um die Sprache, das Sprechen und die Stimme zu verbessern. Das Gleiche gilt für Atmung und Abhusten. Eine weitere Domäne der Logopädie ist das Schlucken.
- Psychotherapie: Diese kann in Einzel- oder Gruppentherapien zu einem konstruktiveren Umgang mit der Erkrankung beitragen.
- Sporttherapie: Leichtes bis moderates Kraft- und Ausdauertraining wirkt sich bei neuromuskulären Erkrankungen in der Regel positiv aus und wird meist gut vertragen.
- Hilfsmittel: Rollstühle oder Krücken zur Unterstützung der Mobilität.
- Chirurgische Eingriffe: Vor allem, wenn es durch die Muskelverkürzungen und eingeschränkter Muskelentwicklung zu einer Fehlhaltung der Wirbelsäule kommt, kann diese auch operativ begradigt werden.
Unterstützung und Beratung
Eine umfassende Betreuung beinhaltet Beratung zu Behördenfragen, Schulbesuch, Hilfsmittelversorgungen, sowie Physiotherapie und medikamentöse Behandlungsansätze. Auch eine palliative Versorgung kann notwendig werden, um Leiden des Patienten zu reduzieren. Die eingeschränkte Beatmung führt dazu, dass es zu häufigen Infekten kommt, die nicht selten auch stationär und antibiotisch behandelt werden müssen.
Spezialisierte Zentren und Anlaufstellen
In Deutschland gibt es ein flächendeckendes Netz von Neuromuskulären Zentren (NMZ), die eine qualifizierte und wohnortnahe Diagnostik und Therapie sicherstellen. Diese Zentren bieten eine fachgerechte Diagnose und Behandlung neuromuskulärer Erkrankungen. Die von der DGM beschlossenen Qualitätskriterien für Neuromuskuläre Zentren (NMZ) stellen die Basis für die Vergabe des Gütesiegels dar. Ziel ist, bundesweit einheitliche Standards für die Diagnose, Behandlung und Versorgung von Patientinnen und Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen auf einem qualitativ anerkannten Niveau zu präzisieren und damit sicher zu stellen.
Anlaufstellen
- Neuromuskuläre Ambulanzen: Viele Universitätskliniken bieten spezialisierte neuromuskuläre Ambulanzen an, die eine umfassende Diagnostik und Therapieplanung für Patient:innen mit neuromuskulären Erkrankungen anbieten.
- Kliniken für Muskelkrankheiten: Einige Kliniken haben sich auf die Behandlung von neuromuskulären Erkrankungen spezialisiert und bieten gezielte Therapien an.
- Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen kann eine wertvolle Unterstützung bieten.
Die Rolle der modernen Diagnostik
Durch die Fortschritte der Genetik in den letzten Jahrzehnten wurde eine zunehmend differenzierte Diagnosestellung möglich. Unter anderem bei neuromuskulären Erkrankungen ist dies von großer Bedeutung, um den weiteren Verlauf der Erkrankung besser einschätzen und Patienten beispielsweise zur Berufswahl, Familienplanung oder ggfs. Pränataldiagnostik möglichst genau beraten zu können. Auch für die zunehmenden kausalen Therapien ist eine möglichst genaue Diagnosestellung erforderlich. Sie bildet zudem die Grundlage für zielgerichtete Untersuchungen bei spezifischen Komplikationen, die beispielsweise Herz oder Atmung betreffen. Darüber hinaus hilft eine präzise Diagnosestellung, unnötige Untersuchungen zu vermeiden und frühzeitig die passende Therapie einzuleiten.
Leben mit Muskeldystrophie
Das Leben mit Muskeldystrophie kann eine Herausforderung sein, aber mit der richtigen Unterstützung und Behandlung können Betroffene ein erfülltes Leben führen. Wichtig sind:
- Frühzeitige Diagnose und Behandlung: Je früher die Diagnose gestellt wird, desto besser können die Symptome behandelt und der Krankheitsverlauf verlangsamt werden.
- Regelmäßige Physiotherapie: Hilft, die Muskelkraft und Beweglichkeit zu erhalten.
- Unterstützung durch Familie und Freunde: Eine starke soziale Unterstützung kann helfen, mit den emotionalen und physischen Herausforderungen der Erkrankung umzugehen.
- Anpassung des Lebensstils: Anpassungen im Alltag, wie z.B. die Verwendung von Hilfsmitteln, können die Selbstständigkeit erhalten.
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