Muskelkrämpfe nach Beckenbodengymnastik: Ursachen, Symptome und Lösungen

Verspannungen im Nacken oder Rücken sind weit verbreitet, aber auch der Beckenboden kann unter Spannung stehen. Ein verspannter Beckenboden ist keine Seltenheit und kann unangenehme Symptome verursachen. Die Auswirkungen reichen von Rückenschmerzen über Probleme beim Wasserlassen bis hin zu sexuellen Beschwerden.

Was ist der Beckenboden?

Der Beckenboden besteht aus einer Gruppe von Muskeln und Bindegewebe, die sich wie eine Hängematte im unteren Beckenbereich spannen. Er besteht im Wesentlichen aus drei Schichten:

  • Äußere Muskelschicht: Verantwortlich für das Öffnen und Schließen der Harnröhre und des Analkanals.
  • Mittlere Schicht (Diaphragma urogenitale): Unterstützt die Funktion der äußeren Schicht und sorgt für Stabilität im Becken.
  • Innere Schicht (Diaphragma pelvis): Bildet die tiefste Ebene und ist für die Aufrechterhaltung des Drucks im Bauchraum verantwortlich.

Männer haben in der Regel einen Beckenboden mit mehr Muskeln, während bei Frauen der Beckenboden stärker mit Bindegewebe durchzogen ist, was die Flexibilität erhöht, besonders wichtig während der Geburt. Der Beckenboden der Frau deckt drei Körperöffnungen ab (After, Scheide, Harnröhre), der des Mannes nur zwei (After, Harnröhre). Der Beckenboden der Frau muss einen größeren Bereich abdecken, da sich der untere Beckeneingang bei der Geburt vergrößert.

Symptome eines verspannten Beckenbodens

Eine verspannte Beckenbodenmuskulatur kann verschiedene Symptome verursachen, die oft nicht sofort als Verspannungen erkannt werden:

  • Probleme beim Wasserlassen: Schwierigkeiten, die Blase vollständig zu entleeren (Blasenentleerungsstörungen), häufiger Harndrang oder ein ständiges Gefühl, auf die Toilette zu müssen.
  • Schmerzen im Becken- und Rückenbereich
  • Inkontinenz
  • Probleme beim Sex
  • Schmerzen beim Sitzen

Ursachen für Muskelkrämpfe und Verspannungen im Beckenboden

Verschiedene Faktoren können zu Verspannungen im Beckenboden führen:

Lesen Sie auch: Bizepskrampf: Hilft TENS?

  • Häufiges Sitzen: Viel Sitzen im Alltag oder auf der Arbeit kann zu einem verspannten Beckenboden beitragen.
  • Stress und Anspannung: Chronischer Stress kann dazu führen, dass sich Muskeln im gesamten Körper verspannen, einschließlich des Beckenbodens.
  • Fehlhaltungen: Eine schlechte Körperhaltung kann ebenfalls zu Verspannungen im Beckenboden führen.
  • Überlastung: Zu viel Beckenbodentraining, z.B. mit Liebeskugeln, kann kontraproduktiv sein und eine Verkrampfung der Muskeln verursachen.
  • Psychisches Wohlbefinden: Ein ständig durchgetakteter Alltag, endlose To-do-Listen und zu geringe Erholungszeit können sich auch durch einen nicht entspannten Beckenboden äußern.
  • Schwierigkeiten beim Entspannen beim Sex: Manche Frauen haben große Schwierigkeiten, den Beckenboden beim Sex zu entspannen, was mit Verkrampfungen und Schmerzen einhergehen kann.
  • Operationen im Beckenbereich (Gebärmutterentfernung, Netzimplantation, Enddarmoperation) oder Bestrahlungen
  • Harnwegsinfektionen (oft chronisch und nicht immer im Urin nachweisbar)
  • Nervenstörung (z.B. Bandscheibenvorfall, Nervenengpasssyndrom (N.Pudendus), Wirbelgleiten, Multiple Sklerose)
  • Endometriose (versprengte Gebärmutterschleimhaut)
  • Östrogenmangel der Scheidenschleimhaut
  • Harnsteine
  • Vorangegangene Eingriffe (wie Blasenspiegelungen) oder Operationen (von Prostata, Leiste oder Unterbauch)
  • Infektionen wie eine akute Entzündung der Prostata (Prostatitis) oder wiederholte Harnwegsinfekte

Was tun bei einem verspannten Beckenboden?

Ein verspannter Beckenboden lässt sich in den meisten Fällen durch gezielte Maßnahmen lösen. Ein erster Schritt ist, die Ursachen für die Verspannung zu identifizieren. Oft spielen Stress, Fehlhaltungen oder Überbelastung eine Rolle.

Beckenbodentraining und Entspannungsübungen

Beckenbodentraining ist ein wichtiger Bestandteil, um die Muskulatur in diesem Bereich zu stärken bzw. zu entspannen. Sie helfen nicht nur, Verspannungen zu lösen, sondern auch, Problemen wie Inkontinenz vorzubeugen.

  • Kegel-Übungen: Den Beckenboden anspannen, als würde man den Urinfluss stoppen, die Spannung für einige Sekunden halten und dann langsam wieder loslassen.
  • Pilates und Yoga: Pilates oder Yoga beinhalten oft Übungen, die gezielt die Beckenbodenmuskulatur trainieren. Besonders hilfreich sind dabei Übungen, die den Atemfluss mit der Aktivierung des Beckenbodens kombinieren.
  • Beckenboden-Dehnung: Die Dehnung des Beckenbodens kann ebenfalls Anspannung in diesen Bereichen lösen. Ein Beispiel ist die „Tiefe Hocke“.
  • Entspannungsübungen: Tiefes, langsames Atmen in den Bauchraum kann helfen, Anspannung abzubauen.
  • Progressive Muskelentspannung: Verschiedene Muskelgruppen, einschließlich des Beckenbodens, nacheinander anspannen und dann bewusst entspannen.
  • Regelmäßige Bewegung: Spazierengehen oder leichtes Yoga wirken entspannend auf den Körper und unterstützen die Entspannung der Muskulatur.
  • Umkehrhaltungen im Yoga: Kerze oder sanfte Schulterbrücke können helfen, den Beckenboden zu entspannen.
  • Vierfüsslerstand mit Beckenkreisen: Fördert die Durchblutung und nimmt den Druck vom Becken, entspannt und entlastet den Beckenboden.

Weitere Maßnahmen

  • Wärmeanwendung: Ein Kirschkernkissen am mittleren und unteren Rücken kann helfen, die Nervenbahnen zu entspannen, die für die Regulation des sympathischen Nervensystems zuständig sind.
  • Massage mit Tennisball oder Igelball: Auf einer Yogamatte legen und den Ball unter dem Steißbein positionieren. Beckenboden und äußere Hüftmuskulatur langsam mit dem Ball ausrollen.
  • Stressmanagement: Bewusste Pausen und Ruhephasen im Alltag einbauen.
  • Manuelle Therapie: Muskulatur und Faszien von Unterbauch, Hüftmuskeln und Beckenboden untersuchen lassen, um den Grundtonus zu bewerten und myofasziale Störungen zu behandeln.
  • Osteopathie, Akkupunktur, Physiotherapie: Können bei chronischen Becken(-boden)schmerzen helfen.
  • Basische, histaminarme Diät: Kann bei leichteren Verlaufsformen des Blasenschmerzsyndroms helfen.
  • Spezielle Geräte: Elvie oder Beckenbodenmapping können helfen, den Beckenboden besser kennenzulernen und einen positiven Trainingseffekt zu erzielen.
  • TMX® Beckenbodentrigger: Ein Tool, das Verspannungen im Beckenboden gezielt durch leichten Druck auf spezifische Triggerpunkte löst.

Medikamentöse Behandlung

  • Krampflösende Mittel: Bei Proctalgia fugax können krampflösende Mittel wie Nitroglyzerin helfen.
  • Hochdosierte Magnesium- und Kalziumpräparate: Können bei einigen Patienten die Schließmuskelkrämpfe lindern.
  • Procain-Basen-Infusionen: Wirken schmerzlindernd, entspannend, durchblutungsfördernd und vegetativ beruhigend.
  • Hochdosiertes Magnesium: Magnesium-Infusionen führen direkt zu Muskelentspannung und verringern Anspannung und Stress.
  • Pentosan-Polysulfat (Kapseln) oder Heparin (Spritze unter die Haut): Kleidet die Schleimhaut der Harnblase aus und beruhigt so das gereizte Urothel.
  • Schmerzmedikamente: Alle üblichen Schmerzmittel helfen bei CPPS nicht!

Weitere Therapieansätze

  • Fokussierte Stoßwellentherapie: Löst Triggerpunkte/Verspannungen in Muskeln und verbessert Stoffwechsel und Durchblutung.
  • Spezielle rektale TENS-Therapie: Schmerzlindernde Stromtherapie über eine Vaginalsonde (bei Frauen) oder eine Rektalsonde (bei Männern).
  • Installationstherapien: Über einen Katheter werden Glykosaminoglykane in die Harnblase verbracht.
  • E.M.D.A.-Verfahren: Verbessert die Wirksamkeit installierter Medikamente (Cortison, Lokalanästhetikum, gefäßerweiterndes Medikament, Glykosaminoglykane).
  • Blasenspiegelung in Narkose: Kann Aufschluss über die Schwere der Erkrankung geben und gleichzeitig einen therapeutischen Effekt haben (Hydrodistension, Fulguration von entzündlichen Arealen).
  • Injektion von Onabotulinumtoxin A in Narkose: Eine weitere Möglichkeit zur Behandlung des Blasenschmerzsyndroms.
  • Sakrale Neuromodulation (Blasenschrittmacher): Reizt die Nerven, die zur Blase und ihren Muskeln ziehen, um die Symptome zu lindern.
  • Operation: In schwersten Verlaufsformen (Schrumpfblase) kann eine Operation notwendig sein, bei der der Großteil der Harnblase entfernt und durch Darmanteile ersetzt wird.

Spezielle Erkrankungen

  • Proctalgia fugax: Heftige krampfartige Schmerzen im Bereich des Enddarms, die anfallsweise auftreten und unter Umständen bis ins Becken und den Unterbauch ausstrahlen. Krampflösende Mittel, Wärmeapplikation oder Druck mit der Faust auf den After können den Anfall abschwächen.
  • Vaginismus: Unwillkürliche Verkrampfungen der Beckenbodenmuskulatur, die Schmerzen beim Einführen, beim Sex oder während der Untersuchung verursachen.
  • Beckenvenensyndrom: Kann durch geschwächte oder überlastete Venen im Beckenbereich entstehen. Beckenbodentraining, viele Pausen mit hochgelegten Beinen, Umkehrhaltungen aus dem Yoga und der Vierfüsslerstand mit Beckenkreisen können helfen.
  • Chronisches Beckenschmerzsyndrom (CPPS): Ziehende und drückende Schmerzen, die sich vom Damm und Prostatabereich bis in Penis und Hoden, die Leisten und bis in den Aftermuskel erstrecken.

Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?

Es ist ratsam, einen Arzt aufzusuchen, wenn die Beschwerden anhalten oder sich verschlimmern, um andere Ursachen auszuschließen und eine geeignete Behandlung zu erhalten. Ein Proktologe kann Enddarmerkrankungen ausschließen. Bei Verdacht auf ein Beckenvenensyndrom sollte man Spezialisten aus der Kardiologie, Phlebologie und Radiologie aufsuchen.

Lesen Sie auch: Muskelkrämpfe im Fuß vorbeugen

Lesen Sie auch: Homöopathische Behandlung von Muskelkrämpfen

tags: #muskelkrampf #nach #beckenbodengymnastik