Ciprofloxacin und Muskelkrämpfe: Nebenwirkungen und Risiken im Fokus

Die moderne Medizin ist auf Antibiotika angewiesen, um bakterielle Infektionen zu bekämpfen. Doch mit der Zunahme resistenter Bakterienstämme und den Nebenwirkungen einiger Antibiotika gerät das Arsenal an wirksamen Medikamenten zunehmend unter Druck. Ein besonderes Augenmerk gilt den Fluorchinolonen, einer Klasse von Antibiotika, die aufgrund potenziell schwerwiegender Nebenwirkungen in die Kritik geraten ist. Dieser Artikel beleuchtet die Problematik von Muskelkrämpfen und anderen Nebenwirkungen im Zusammenhang mit Ciprofloxacin, einem häufig verschriebenen Vertreter dieser Gruppe.

Die Antibiotika-Krise und Fluorchinolone

„Die Medizin steckt in einer Antibiotika-Krise“, so der Chemiker Stephan Sieber von der Technischen Universität München. Die Entwicklung multiresistenter Bakterien schrumpfe das Arsenal wirksamer Antibiotika dramatisch. Diese Krise verschärfe sich weiter durch Sicherheitsbedenken gegenüber einer wichtigen Klasse von Antibiotika, die teils schwerwiegende Nebenwirkungen haben.

Fluorchinolone sind synthetische Antibiotika, die gegen ein breites Spektrum von Bakterien wirken. In den 1980er, 90er und 2000er Jahren wurden fluorchinolonhaltige Medikamente wie Ciprofloxacin und Levofloxacin in großen Mengen verschrieben. Mit Bekanntwerden von teils schweren, teils langwierigen Nebenwirkungen wie Schädigungen des Nervensystems, der Blutgefäße oder Sehnenrissen schränkten Behörden die Anwendungsgebiete dieser Antibiotika stark ein: Sie sollen als Reserveantibiotika nur noch in Einzelfällen zum Einsatz kommen - dann, wenn es bei schweren Infektionen keine alternativen Behandlungsoptionen gibt. Die Verschreibungen sind in den letzten Jahren zwar zurückgegangen, aber noch immer setzen Mediziner:innen die Medikamente außerhalb des empfohlenen Anwendungsgebiets ein. Damit liefern sie Patient:innen einem unnötigen Risiko aus. Die von Nebenwirkungen Betroffenen kämpfen für eine Anerkennung ihrer Symptome, die häufig mehrere Körpersysteme betreffen. Dazu gehört die Forderung nach einer eigenständigen Diagnose über die so genannte ICD-Kodierung, die eine korrekte Erfassung und medizinische Versorgung ermöglicht.

Was ist Ciprofloxacin?

Ciprofloxacin ist ein synthetisch hergestelltes Fluorchinolon, das in den Laboren des Pharmakonzerns Bayer entwickelt wurde. Das erste Fluorchinolon war jedoch Norfloxacin. Es unterscheidet sich nur geringfügig von Ciprofloxacin: Statt des Cyclopropylrings weist es eine Ethylgruppe auf. Die Bayer-Forscher entdeckten, dass sich die antibakterielle Aktivität durch die geringfügige chemische Modifikation um das Vier- bis Zehnfache steigern ließ.

Ciprofloxacin gehört zu den wichtigsten Antibiotika und steht auf der Liste unentbehrlicher Medikamente der Weltgesundheitsorganisation (WHO), doch wegen der Resistenzgefahr sowie potenzieller Nebenwirkungen sollen Fluorchinolone nicht mehr bei einfachen Infektionen eingesetzt werden. Zu den gesicherten Indikationen zählen untere Atemwegsinfekte, wenn sie durch gramnegative Bakterien ausgelöst sind und andere Antibiotika nicht infrage kommen, eine akute Verschlechterung der chronischen Sinusitis, wenn sie durch gramnegative Bakterien verursacht ist, Infektionen des Gastrointestinaltrakts wie Reisediarrhö (wirksam gegen Shigellen, Cholera-Bakterien und Typhus), Haut- und Weichteilinfektionen durch gramnegative Erreger, Infektionen der Knochen und Gelenke, Gonokokken-Infektion, Postexpositionsprophylaxe und Behandlung nach Inhalation des Milzbrand-Erregers Bacillus anthracis, Tuberkulose (Teil einer Kombinationstherapie) sowie bakterielle Augenentzündungen (topisch). Bei Mittelohrentzündung kann Ciprofloxacin topisch in Form von Ohrentropfen angewendet werden, bei chronischer eitriger Otitis media auch systemisch.

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Wirkungsweise von Ciprofloxacin

Ciprofloxacin hemmt als Fluorchinolon das bakterielle Enzym Gyrase (Topoisomerase II) und damit die DNA-Replikation und Zellteilung vor allem gramnegativer Bakterien. Es gilt als Breitspektrum-Antibiotikum; das Wirkspektrum erstreckt sich neben Enterobakterien unter anderem auf Hämophilus- und Salmonella-Species und Pseudomonaden. Ciprofloxacin ist ein Fluorchinolon-Antibiotikum, das durch Hemmung der bakteriellen DNA-Gyrase und Topoisomerase IV wirkt. Der Wirkstoff Ciprofloxacin wird bei bakteriellen Infektionskrankheiten eingesetzt. Dazu zählen gramnegative Bakterien wie unter anderem P.

Ciprofloxacin ist ein keimtötendes Breitband-Antibiotikum und gehört zur Wirkstoffgruppe der Fluorchinolone. Der Wirkstoff hemmt die Topoisomerase II (Gyrase) und die Topoisomerase IV. Topoisomerasen sind Enzyme, die an der DNA-Replikation - speziell beim Ablesen der Erbinformation - beteiligt sind. Dadurch verhindert Ciprofloxacin die Vermehrung und Ausbreitung der Bakterien. Ciprofloxacin wird rasch und fast vollständig resorbiert. Nach ca. ein bis zwei Stunden ist die maximale Plasmakonzentration erreicht. Die Bioverfügbarkeit liegt bei 70 bis 80%. Vermutlich aufgrund des hohen Verteilungsvolumens ist der Wirkstoff gut gewebegängig und reichert sich intrazellulär teilweise so stark an, dass die Konzentration im Gewebe die im Plasma übersteigen kann. Die Plasmahalbwertszeit beträgt ca.

Dosierung und Anwendung

Die Dosierung hängt von der Applikationsform und der Indikation sowie dem Gewicht und der Nierenfunktion des Patienten ab. Üblich sind bei Erwachsenen zweimal täglich 250 bis 750 mg und bei Kindern zweimal täglich 10 bis 20 mg pro kg Körpergewicht (maximale Einmaldosis 500 bis 750 mg). Orale Darreichungsformen von Ciprofloxacin sollen unzerkaut mit einem Glas Wasser eingenommen werden.

Wichtige Hinweise zur Einnahme

Zweiwertige Kationen hemmen die Resorption von Ciprofloxacin. Einer der wichtigsten Hinweise für die Beratung in der Apotheke ist daher, dass das Antibiotikum nicht mit Milchprodukten, Mineralwasser oder anderen Produkten eingenommen werden soll, die polyvalente Kationen wie Magnesium oder Aluminium enthalten. Der optimale Abstand beträgt zwei Stunden vor oder mindestens vier Stunden nach dem Genuss solcher Produkte. Und Kaffee- und Teetrinker aufgepasst: Ciprofloxacin kann den Abbau von Koffein verzögern. Mit vielen Arzneistoffen können Interaktionen auftreten, daher sind einige Kombinationen sogar kontraindiziert. Zum Beispiel darf Ciprofloxacin nicht zusammen mit Clozapin, Citalopram und Duloxetin eingenommen werden. Ciprofloxacin wirkt QT-Zeit-verlängernd und erhöht in Kombination mit anderen Wirkstoffen, die ebenfalls diese Eigenschaft haben, das Risiko für ventrikuläre Tachykardien (Torsade de pointes).

Nebenwirkungen von Ciprofloxacin

Die häufigsten Nebenwirkungen von Ciprofloxacin sind bei oraler Einnahme Übelkeit und Durchfall sowie bei Kindern Gelenkschmerzen und -entzündungen. Bei Anwendung am Auge kommt es häufig zu Hornhautablagerungen, Augenbeschwerden, okulärer Hyperämie und Geschmacksstörungen. Hinzu kommen bei oraler Einnahme seltene, aber schwerwiegende und potenziell dauerhafte Nebenwirkungen im Bereich von Muskeln, Gelenken und Nerven, etwa Sehnenrupturen, Gelenkschmerzen, Depression, Fatigue sowie Störungen des Seh-, Hör-, Geruchs- und Geschmackssinns. Sie sind der Grund, warum die Sicherheit von Fluorchinolonen wie Ciprofloxacin immer wieder diskutiert wird. Zuletzt legte die Europäische Arzneimittelagentur eine Neubewertung vor und empfahl, von der Anwendung dieser Antibiotika bei leichten Infektionen abzusehen. Im Oktober 2020 kam der vorläufig letzte Rote-Hand-Brief. Darin ging es um eine Schädigung der Herzklappen durch Fluorchinolone.

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Laut Packungsbeilage kann "Cipro - 1 A-Pharma 250mg" bei einem von Tausend Behandelten folgende Beschwerden verursachen:

  • Angstzustände, Depressionen
  • Zittern, Krampfanfälle, Schwindel
  • Sehstörungen
  • Herzjagen (Tachykardie)
  • Leberfunktionsstörung, Leberentzündung
  • Muskelschmerzen, Krämpfe
  • Nierenversagen

Das sind nur ein paar der möglichen Nebenwirkungen, die komplette Liste ist wesentlich länger. In den USA tragen Fluorchinolone deshalb zusätzlich ein sogenanntes Black Box Warning. Das ist ein schwarz umrandeter Kasten, der vor besonders schweren, möglicherweise dauerhaften Nebenwirkungen warnt. Es ist in den USA die stärkste Form des Warnhinweises auf Medikamenten.

Fallbeispiele und Betroffenenberichte

Am 19. Juli 2015, einem Sonntag, spürte Michael Neumann plötzlich ein fieses Brennen in der Harnröhre. Gerade war der 37-Jährige mit seiner Frau und dem kleinen Sohn aus dem Urlaub in der Schweiz zurückgekommen. An diesem Julisonntag verschrieb ihm der Arzt des ambulanten Notdienstes, den er wegen der Schmerzen in der Harnröhre aufgesucht hatte, das Antibiotikum Levofloxacin. Neumann nahm zwei Tabletten. Zwei Tabletten, nicht mehr. Seitdem ist sein Leben aus den Fugen geraten. Nach der ersten Tablette spürte er ein leichtes Kribbeln in den Achillessehnen. Am Montag nahm er deshalb ohne Bedenken die zweite Tablette ein. Das Kribbeln verwandelte sich in Schmerz. Am Dienstag bekam er Herzrasen, Panik, Schwindel, Todesangst. Am Abend konnte er wegen der Schmerzen in den Sehnen nicht mehr laufen. Die Diagnose stellte sein Hausarzt, der schon einmal einen ähnlichen Fall erlebt hatte: Nebenwirkungen. Inzwischen haben andere Ärzte und ein Gutachten diesen Befund bestätigt. Helfen indes konnte Neumann niemand.

Birgitta Anton nahm 2016 wegen einer Blasen- und Nebenhöhlenentzündung das Antibiotikum Ciprofloxacin ein. Heute leidet die 35-Jährige an chronischem Muskelabbau und Panikattacken, geht kaum mehr nach draußen. Ihr fallen Zähne und Haare aus. Am letzten Tag der Einnahme habe sie das Gefühl gehabt, sie hätte "eine Bohrmaschine im Kopf", sagt sie im Interview. "Ich sah wirklich recht schnell von heute auf morgen anders aus, ich habe gemerkt, meine Haut wird ganz trocken und spröde und verändert sich, wird ganz schlaff." Acht Kilo nahm Anton innerhalb kürzester Zeit ab, wie sie berichtet.

Angelika Kühn, eine zierliche 61-Jährige, erfuhr vor ein paar Wochen durch Zufall, dass es möglicherweise Fluorchinolone waren, die sie so krank gemacht haben. Vor zehn Jahren bekam Kühn erstmals Ciprofloxacin verschrieben, insgesamt viermal hintereinander über vier Monate hinweg, wegen einer angeblichen Harnblasenentzündung, die nicht weichen wollte. Später stellte sich heraus: eine Fehldiagnose. Ein paar Monate später bekam sie Levofloxacin, diesmal litt sie tatsächlich an einer Harnwegsinfektion. 2010 ereilte sie erneut eine Blasenentzündung, wieder bekam sie Ciprofloxacin. Vier Jahre später gab eine Ärztin Kühn ein weiteres Mal Ciprofloxacin, diesmal als Infusion. Die Schmerzen wurden schlimmer und schlimmer, breiteten sich auch auf Knie und Ellenbogen aus; sie blieben. Bis heute. Kühn bekam Herzrhythmusstörungen, und es befiel sie eine unendliche Müdigkeit - auch das laut FDA eine mögliche Nebenwirkung.

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Risikogruppen

Ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen besteht insbesondere für ältere Patienten und solche, die gleichzeitig mit Kortikosteroiden behandelt werden. Eine Kohortenstudie hat ergeben, dass das Risiko, an einer Achillessehnenentzündung zu erkranken, nach der Einnahme von Fluorchinolonen im Vergleich zu anderen Antibiotika 3,7-fach erhöht ist; Levofloxacin ist dabei wahrscheinlich besonders riskant. Manche Wissenschaftler halten es sogar für möglich, dass ein Patient von etwa 230, die ein Fluorchinolon verschrieben bekommen, eine Sehnenentzündung erleidet.

Warnhinweise und Einschränkungen

Fluorchinolone sollen als Reserveantibiotika wegen des Risikos schwerer Nebenwirkungen nur noch dann verschrieben werden, wenn es keine anderen wirksamen Medikamente mehr gibt. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) informiert in einem „Rote-Hand-Brief“ über die neuen Anwendungsbeschränkungen fluorchinolonhaltiger Antibiotika. Grund dafür sind mögliche schwere Nebenwirkungen. Damit setzt die Behörde gemeinsam mit den Herstellern entsprechender Präparate eine Empfehlung der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) um. Fluorchinolone sollen ab sofort nur noch bei schweren Infektionen verschrieben werden, für die keine anderen Medikamente zur Verfügung stehen. In Deutschland gilt dies für die Wirkstoffe Ciprofloxacin, Levofloxacin, Moxifloxacin, Norfloxacin und Ofloxacin.

Nicht mehr eingesetzt werden sollen Ciprofloxacin und Co. bei Infekten, die in der Regel von selbst weggehen und nicht schwerwiegend sind, wie z. B. Rachenentzündung, Mandelentzündung oder akute Bronchitis, zum Vorbeugen von Reisedurchfall oder wiederkehrenden Harnwegsinfekten (wie einer Blasenentzündung) oder bei leichten und mittelschweren Infekten (sofern andere Antibiotika nicht unwirksam sind). Wer außerdem bereits einmal schwere Nebenwirkungen durch Fluorchinolone hatte, darf Wirkstoffe aus dieser Antibiotika-Gruppe nicht wieder einnehmen.

Was tun bei Verdacht auf Nebenwirkungen?

Wenn Sie als Patientin oder Patient ein Fluorchinolon anwenden und erste Anzeichen einer der oben beschriebenen Nebenwirkungen vermuten, kontaktieren Sie sofort Ihre Ärztin oder Ihren Arzt. Wenn Sie ein Kortikosteroid einnehmen (wie Hydrocortison und Prednisolon) oder eine Behandlung mit einem Kortikosteroid benötigen, sprechen Sie vor Beginn der Behandlung mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Wenn Sie schon einmal schwere Nebenwirkungen mit einem Fluorchinolon oder Chinolon hatten, sollten Sie kein Fluorchinolon einnehmen und Sie sollten sofort Kontakt zu Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt aufnehmen.

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