Wenn Hände und Füße kribbeln, schmerzen oder taub werden, kann dies ein Zeichen für eine Neuropathie sein. Geschädigte Nerven sind die Ursache für diese unangenehmen Symptome. Die Forschung sucht nach Wegen, die Nervenregeneration zu fördern und die Symptome zu lindern. Dabei rücken zunehmend natürliche Heilmittel in den Fokus.
Was ist Neuropathie?
Neuropathie ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems. Dazu gehören alle Nerven im Körper, außer denen in Rückenmark und Gehirn. Diabetes, Alkohol und Krebstherapien können die Nerven schädigen und Gliederschmerzen auslösen. Betroffene leiden unter brennenden, schmerzenden Gliedern oder tauben Händen und Füßen. Häufig entstehen Neuropathien als Folge anderer Erkrankungen, z.B. des Diabetes mellitus oder durch neurotoxische Substanzen wie Alkohol. Sie äußern sich in z.T. schweren Empfindungsstörungen, Störungen der Motorik oder chronischen Schmerzen. In der Therapie lässt sich oft lediglich ein Stillstand der Erkrankung erreichen. Der Schlüsselvorgang bei dieser Problematik ist die sehr langsame Regeneration von Nervenfasern nach einer Schädigung.
Um eine Neuropathie zu behandeln, werden meist die Auslöser bekämpft: Diabetes-Patienten bekommen Insulintherapien, Alkoholiker Hilfe beim Kampf gegen die Sucht. Außerdem können Schmerzmittel die Beschwerden lindern. Klassische Schmerzmittel wirken kaum gegen die Schmerzen. Häufig wird die Polyneuropathie daher mit Antidepressiva, nichtsteroidalen Antiphlogistika oder Opioid-Analgetika behandelt.
Mutterkraut: Ein Hoffnungsträger bei Nervenschäden
Forscher der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Düsseldorf untersuchten die heilende Wirkung von Mutterkraut. Mutterkraut (Tanacetum parthenium) wird zur Behandlung von Migräne bereits erfolgreich angewendet. Neuropathie-Patienten soll es helfen, indem es die normalerweise sehr langsame Regeneration geschädigter Nervenfasern beschleunigt.
Die Wissenschaftler behandelten Mäuse mit geschädigten Ischiasnerven mit dem Wirkstoff Parthenolide, der in Mutterkraut steckt. Nach weniger als einer Woche konnten die Tiere ihre durch die Krankheit gelähmten Zehen wieder bewegen - im Gegensatz zu Tieren, die den Wirkstoff nicht bekamen. Schon nach einer Woche konnten die Tiere ihre zuvor gelähmten Zehen wieder bewegen und nahmen auch sensorische Reize wieder wahr, wie die Forscher berichten.
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Der Wirkstoff Parthenolide
Die Neurowissenschaftler um Prof. Dr. Dietmar Fischer stellten fest, dass sich Mäuse mit einem genetisch veränderten Enzym deutlich schneller und besser nach Nervenverletzungen erholten als normale Tiere. Die Forscher entschlüsselten den zugrundliegenden Mechanismus dieses Effektes und suchten nach Substanzen, um diesen Effekt zu imitieren. So fanden sie den Wirkstoff Parthenolide, der aus der Heilpflanze „Mutterkraut“ stammt. Zellkulturexperimente zeigten, dass Parthenolide das Nachwachsen von Nervenfasern (Axonen) erheblich beschleunigt. Bemerkenswert ist, dass auch die systemische Verabreichung von Parthenolide wirksam war. Dies ist für eine mögliche klinische Anwendung am Menschen mit krankheits- oder verletzungsbedingten Nervenleiden sehr vielversprechend, denn bis heute gibt es in der Klinik noch keine Medikamente, die Ähnliches bewirken können.
Vielversprechend auch: Um seine heilsame Wirkung auf den Nerv zu entfalten, musste das Parthenolid nicht direkt an den Nerv gespritzt werden, wie dies bei einigen anderen Wirkstoff-Kandidaten der Fall ist. Dies sei für eine mögliche klinische Anwendung am Menschen mit krankheits- oder verletzungsbedingten Nervenleiden sehr vielversprechend, sagen die Wissenschaftler.
Weitere Forschung notwendig
Ob Mediziner den Wirkstoff auch für eine Therapie beim Menschen einsetzen können, muss sich erst noch zeigen. Studienleiter Dietmar Fischer erklärte im April 2016: „Dieser therapeutische Ansatz ist völlig neu. Bis zur Entwicklung zu einem einsatzfähigen Medikament sind allerdings noch weitere Untersuchungen notwendig." Dass der Wirkstoff des Mutterkraut Nervenschäden heilen könnte, bedeute allerdings nicht, dass das reine Pflanzenextrakt wirksam sei, betont Fischer.
Sollte sich die heilsame Wirkung von Parthenolid aber bestätigen, hätte das große Bedeutung für die Therapie von Nervenschäden. Fischer und seine Kollegen erforschen zurzeit aber auch, ob Parthenolid auch die Regeneration des verletzten Rückenmarks oder Sehnervs positiv beeinflussen kann. Diese Nerven können sich im Gegensatz zum Ischiasnerv der Mäuse normalerweise gar nicht regenerieren.
Kombination mit Hyper-Interleukin-6
Ein Forschungsteam der Uniklinik Köln arbeitet an einer medizinischen Revolution. Bereits in früheren Untersuchungen war es dem Team gelungen, mithilfe eines sogenannten Designer-Zytokins namens Hyper-Interleukin-6 (hIL-6) eine beeindruckende Nervenregeneration zu erreichen: Selbst bei komplett durchtrenntem Rückenmark konnten Nervenfasern wieder wachsen. Doch die Forschung ging weiter: In ihrer neuen Studie fanden die Kölner Wissenschaftler heraus, dass hIL-6 zwar das Wachstum von Nerven anregt, aber gleichzeitig ungewollt eine Art Bremse einbaut. Es reduziert nämlich die Aktivität an den Spitzen der wachsenden Fasern - dort, wo das Wachstum eigentlich gesteuert wird. Genau hier setzt ein zweiter Wirkstoff an: Parthenolid, ein natürlicher Inhaltsstoff aus dem Mutterkraut. In Kombination mit hIL-6 entfaltet er seine volle Wirkung - er steigert die Dynamik an den Faserspitzen und beschleunigt so das Nachwachsen der Nerven. Und das mit erstaunlichem Erfolg: Die Kombination beider Stoffe führte zu einer deutlich besseren Regeneration.
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Die Ergebnisse machen Hoffnung: Keine messbaren Nebenwirkungen, deutliche Verbesserungen bei schwersten Nervenschäden - und das bei einem natürlichen Wirkstoff, der bislang kaum in diesem Zusammenhang erforscht wurde.
Weitere pflanzliche Mittel gegen Polyneuropathie
Neben Mutterkraut gibt es noch weitere pflanzliche Mittel, die bei Polyneuropathie zur Schmerzlinderung eingesetzt werden können:
- Capsaicin: Capsaicin aus der Chilischote wird in der Phytotherapie verwendet, um die Schmerzlinderung anzuregen. Der Wirkstoff verursacht zunächst ein Brennen auf der Haut, das jedoch allmählich verschwindet. Capsaicin regt die Durchblutung an. Zur Behandlung der Polyneuropathie können Sie Pflaster oder Salben mit Capsaicin verwenden.
- Aconitum: Die giftige Pflanze Eisenhut enthält den Wirkstoff Aconitum, der sich in der homöopathischen Behandlung von Polyneuropathie bewährt hat. Dieser Wirkstoff ist stark verdünnt in Nervenöl enthalten, das zum Einreiben der schmerzenden und kribbelnden Bereiche verwendet werden kann. Auch Tabletten mit Aconitum sind geeignet. Sie sollten dreimal täglich eingenommen werden und sind mit unterschiedlicher Dosierung des Wirkstoffs verfügbar. Aconitum ist ein potentielles Nervengift, doch kann dieser Wirkstoff als homöopathisches Mittel, stark verdünnt, Schmerzen wirksam lindern.
- Antioxidantien: Linderung der Symptome von Polyneuropathie bringen Antioxidantien, die in der Acai-Beere, in Früchten und Blättern des Noni-Baums und in Aronia (Apfelbeere) reichlich enthalten sind. Im Stoffwechsel sorgen die Antioxidantien für ein schützendes Klima. Extrakte dieser Pflanzen und Früchte werden in Kapselform und als Säfte angeboten.
- Weitere Extrakte: In der Phytotherapie werden zur Behandlung von Polyneuropathie auch Extrakte aus Zitterpappel, Weide oder Esche sowie aus der Echten Goldrute und aus Teufelskralle angewendet. Die Extrakte aus diesen Pflanzen können innerlich und äußerlich angewendet werden. Weidenrinde enthält Salicylsäure, die der Grundbestandteil des Schmerzmittels Aspirin ist und eine entzündungshemmende Wirkung hat. Zur inneren Anwendung kann getrocknete Weidenrinde als Tee aufgebrüht werden. Teufelskrallenwurzel enthält den Wirkstoff Harpagosid, der die Ausschüttung von Entzündungs- und Schmerzbotenstoffen hemmt. Medikamente mit Extrakten der Teufelskrallenwurzel sollten täglich eingenommen werden, da sie erst nach ein bis zwei Wochen ihre Wirkung entfalten.
Hausmittel gegen Nervenschmerzen
Neben den genannten pflanzlichen Mitteln gibt es auch einige Hausmittel, die bei Nervenschmerzen Linderung verschaffen können:
- Kräuter und Tee: Einige Kräuter können in Form von Kapseln, die das wirksame Trocken-Extrakt enthalten, eingenommen werden. Dazu gehört zum Beispiel die Teufelskrallenwurzel. Ein eigenes Massageöl aus Kräutern kann durch die Mischung aus Brennnessel-Geist und Apfelessig geschaffen werden. Auch ein Kräuterwickel mit Kümmel-Samen kann helfen. Geeignete Tees sind Brennnessel-Tee oder Ingwer-Tee mit jeweils entzündungshemmender und schmerzstillender Wirkung. Weiterhin kann Grüner Tee das Allgemeinbefinden durch einen positiven Einfluss auf den Blutdruck, das Herz und den Zuckerstoffwechsel stärken. Ebenfalls hat sich Weidenrinde-Tee bewährt.
- Wärme und Kälte: Wechselbäder oder der Wechsel zwischen Eisbeutel und Wärmeauflage können wirksam sein. Zur Kältebehandlung eignen sich auch in kaltem Wasser getränkte Wickel. Wärme hingegen sorgt für eine Entspannung des Körpers und somit auch der Nerven, die für die Schmerzen verantwortlich sind.
- Chili: Der in Chili- und Cayenne-Pfeffer enthaltene Wirkstoff Capsaicin wirkt beispielsweise in Salbenform oder als Schmerzpflaster wärmend, schmerzlindernd, durchblutungsfördernd und anregend für die betroffenen Nerven.
- Johanniskraut: Vor allem, wenn Sie an Nervenschmerzen im Rückenbereich leiden, vermag Ihnen ein Öl aus Johanniskraut Linderung verschaffen. Auch für die innere Anwendung eignet sich Johanniskraut, etwa als Tee oder in Tablettenform. Es wirkt entzündungshemmend und ist daher als Hausmittel gegen eine Nervenentzündung beliebt. Auch aufgrund seiner beruhigenden Eigenschaften kann es in der Schmerztherapie und bei durch die Schmerzen bedingten Depressionen helfen.
- Pfefferminzöl: Herrlich kühlend wirkt Pfefferminzöl, das als Bestandteil von Massageölen Verwendung findet.
- Olivenöl: Oleocanthal in Olivenöl wirkt entzündungshemmend und blutverdünnend, was sich positiv bei einer Nervenentzündung und damit verbundenen Nervenschmerzen auswirken kann.
- Bewegung: Bewegung kann helfen, um die Symptome zu lindern. Beispielsweise können Sie eine Übung bei Nervenschmerzen im Rückenbereich ausprobieren, bei der Sie im Liegen ein Knie zur Brust ziehen.
Wichtiger Hinweis
Beachten Sie, dass Johanniskraut die Wirkung gewisser Medikamente (zum Beispiel der Antibabypille) abschwächen oder sogar gänzlich aufheben kann. Außerdem müssen Sie darauf achten, dass Johanniskraut die Empfindlichkeit der Haut gegenüber dem Sonnenlicht verstärken kann.
Es ist wichtig zu betonen, dass bei Nervenschmerzen frühzeitig ein Arzt aufgesucht werden sollte. Dieser kann einen individuellen Behandlungsplan erstellen und/oder für den Anfang eine wirksame Medikation verschreiben. Die genannten Hausmittel und pflanzlichen Mittel können eine sinnvolle Ergänzung zur konventionellen Behandlung darstellen, ersetzen diese aber nicht.
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