Sprachverlust nach einem Krampfanfall: Ursachen, Formen und Therapie der Aphasie

Ein Krampfanfall kann verschiedene neurologische Folgen haben, darunter auch Sprachverlust. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, verschiedenen Formen und Therapiemöglichkeiten von Sprachverlust nach einem Krampfanfall, der oft als Aphasie bezeichnet wird.

Einführung in die Aphasie

Aphasie ist eine erworbene Sprachstörung, die durch eine Schädigung des Gehirns verursacht wird. Der Begriff "Aphasie" stammt aus dem Griechischen und bedeutet "keine Sprache". Es handelt sich nicht um ein Problem der Mundmuskulatur oder Motorik, wie bei Sprechstörungen wie Stottern oder Gesichtslähmung. Die Aphasie betrifft die Fähigkeit, Sprache zu produzieren und zu verstehen.

Ursachen der Aphasie

Häufigste Ursache für Aphasien ist ein Schlaganfall, der laut Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe in 80 Prozent der Fälle die Ursache darstellt. Betroffene, die ihren ersten Schlaganfall erleiden, entwickeln zu circa 30 Prozent auch eine Aphasie. Weitere mögliche Ursachen sind:

  • Schädel-Hirn-Trauma
  • Hirntumoren
  • Hirnblutungen
  • Entzündungen des Gehirns (z. B. Enzephalitis)
  • Vergiftungen
  • Andere Erkrankungen des zentralen Nervensystems

Formen der Aphasie

Je nach Art und Ort der Hirnschädigung können sich Aphasien unterschiedlich äußern. Es gibt verschiedene Formen, die sich in ihren spezifischen Merkmalen (Symptomen) und ihrem Schweregrad unterscheiden. Hier sind die häufigsten Formen:

Amnestische Aphasie

Diese leichteste Form der Aphasie fällt oft erst spät auf. Betroffene haben Wortfindungsstörungen in der Spontansprache und beim Benennen von Gegenständen. Sie können dies jedoch oft durch Redefloskeln oder Umschreibungen kaschieren.

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Broca-Aphasie

Der Sprachfluss von Menschen mit einer Broca-Aphasie ist oft sehr langsam und angestrengt. Betroffene sprechen meist in kurzen, einfachen Sätzen oder reihen inhaltstragende Wörter einzeln aneinander, was ihre Sprache technisch und telegrammartig erscheinen lässt. Häufig ist die Sprache durch Wortfindungsstörungen erschwert. Die Broca-Aphasie wird auch als motorische Aphasie bezeichnet. Bei der Broca-Aphasie können die Betroffenen nicht flüssig sprechen und keine kompletten Sätze bilden. Typisch ist ein sogenannter „Telegrammstil“ der Sprache. Das Sprachverständnis ist dagegen in der Regel weitgehend ungestört.

Wernicke-Aphasie

Die Wahl der passenden Wörter, Sätze oder Laute fällt Menschen mit Wernicke-Aphasie oft schwer, und auch ihr Sprachverständnis ist meist stark gestört. Wernicke-Aphasiker sprechen in langen Schachtelsätzen, in denen sich Satzteile oder Abschnitte wiederholen. Die Betroffenen verstehen häufig auch einfache Wörter nicht. Das bedeutet, sie können zwar flüssig sprechen, das Gesprochene aber nicht mit Inhalt füllen.

Globale Aphasie

Diese schwerste Form der Aphasie beeinträchtigt Sprachverständnis und die eigene Sprache massiv. Ganze Sätze sind selten. Häufig nutzen Global-Aphasiker einzelne Worte und wiederkehrende Halbsätze und Floskeln. Auch ein Wort für sich zu verstehen (ohne aus der Situation zu schließen) fällt Betroffenen schwer. Die Betroffenen können kaum oder gar nicht sprechen. Die Störung beeinträchtigt ebenso das Sprachverständnis und in der Regel auch die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben.

Weitere Merkmale und Begleiterscheinungen

Zusätzlich zu den genannten Aphasieformen können weitere sprachliche und neurologische Störungen auftreten, darunter:

  • Sprechapraxie: Störung der sprechmotorischen Programme
  • Dysarthrie: Artikulationsstörung
  • Dysphagie: Schluckstörungen
  • Apraxie: Störungen von Bewegungsabfolgen
  • Akalkulie: Einschränkungen bei der Verarbeitung von Zahlen
  • Dyslexie: Störungen des Lesens
  • Dysgraphie: Störungen des Schreibens
  • Hemianopsie: Teilweise Einschränkungen des Gesichtsfelds ("Halbseitenblindheit")
  • Halbseitige Lähmung
  • Sensibilitätsstörungen
  • Krampfanfälle (epileptische Anfälle)
  • Gedächtnisstörungen
  • Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen
  • Orientierungsstörungen
  • Gefühlsschwankungen mit depressiver Verstimmung, Reizbarkeit oder auch Ängsten

Diagnose der Aphasie

Die Diagnose einer Aphasie erfolgt durch Neurologen und Logopäden. Sie basiert auf:

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  • Anamnese: Ausführliches Gespräch mit dem Patienten und ggf. Angehörigen über Beschwerden und Krankengeschichte.
  • Neurologische Untersuchung: Überprüfung der Hirnfunktionen.
  • Sprachanalyse: Mithilfe spezieller Tests (z. B. Aachener Aphasie-Test, AAT) werden verschiedene Aspekte der Sprache analysiert:
    • Spontansprache: Flüssigkeit, Anzahl der Wörter, Ausdruck, Wortfindungspausen, Fehler.
    • Benennung: Fähigkeit, Objekte direkt zu benennen.
    • Wiederholung: Fähigkeit, Sätze nachzusprechen.
    • Verstehen: Fähigkeit, Anweisungen zu folgen und Fragen zu beantworten.
    • Lesen und Schreiben: Leseverständnis, Rechtschreibung, Schreiben nach Diktat.
  • Bildgebende Verfahren: Computertomografie (CT) und Magnetresonanztomografie (MRT) des Gehirns, um die Ursache und das Ausmaß der Schädigung festzustellen.
  • Neuropsychologische Untersuchung: Testung von Hirnfunktionen wie Wahrnehmung, Konzentration, Aufmerksamkeit, Lernen und Gedächtnis.

Therapie der Aphasie

Das Gehirn beginnt sich nach Erkrankung oder Schädigung neu zu organisieren, was Chancen für einen guten Verlauf der Aphasie bietet. Wesentliche Ziele der Aphasie-Therapie sind die Reorganisation und Kompensation der Hirnareale. Bei der Reorganisation erlernen die früheren Nervenzellen ihre alten Aufgaben wieder. Bei der Kompensation lernen andere Nerven die Aufgaben zu übernehmen. Außerdem sollen Betroffene ihre Fähigkeiten aufbauen und zum Sprechen und sozialem Kontakt animiert werden.

Die Therapie einer Aphasie ist Aufgabe von Sprachtrainern, sogenannten Logopäden oder Patholinguisten. Noch in der Stroke-Unit (Spezialstation für Schlaganfall-Betroffene) beginnen sie mit dem Training. Je nach Schaden durch den Schlaganfall kann dabei auch zuerst einmal ein Schlucktraining im Vordergrund stehen. In schweren Fällen von Aphasie (Globale Aphasie) kann auch das Erlernen einer Zeichensprache notwendig sein, damit sich Betroffene überhaupt verständigen können.

Methoden und Ansätze

Die Aphasie-Therapien finden in der Regel in Einzel- und Gruppentherapien statt. Ein wesentliches Ziel ist dabei, Aphasiker*innen wieder in die Lage zu versetzen, trotz eventueller Einschränkungen wieder möglichst selbstständig im Alltag zurechtzukommen. Im hierzu beispielsweise durchgeführten Real Life-Training können die Betroffenen lernen, während der Behandlung eingeübte Kommunikationsmuster in einer realen Alltagssituation anzuwenden (z.B. beim Einkaufen). Wichtig ist immer, ein verständnisvolles Umfeld der Betroffenen zu fördern, um die ansonsten wirksamen natürlichen Sprach- und Sprechängste abbauen zu können. Dabei ist es hilfreich, wenn auch die Angehörigen frühzeitig in die Therapien eingebunden werden und durch Beratungen und Seminare das Verständnis für die Störung gefördert wird.

Die Rehabilitationsbehandlung der Aphasien kann folgende Therapiemodule umfassen:

  • Sprachtherapie (Logopädie und/oder Linguistik) inkl. computerunterstützte Sprachtherapie
  • Neuropsychologische Therapie (zur Verbesserung u. a. von Aufmerksamkeit und Gedächtnis)
  • Physiotherapie (bei Lähmungen und Bewegungseinschränkungen)
  • Ergotherapie (Übungen zum Wiedererlernen von Alltagsfähigkeiten)
  • Physikalische Therapien (Elektrotherapie, Massage, Bäder)

Technische Hilfsmittel

Technische Entwicklungen erleichtern Therapeuten die Behandlung und Betroffenen ihren Alltag. Dazu gehören beispielsweise Sprachapps wie Neolexon, Constant Therapy, Tactus oder Lingraphica und spezielle Computerprogramme wie EvoCare, aphasiaware und Lingware. Studien wie die Big-CACTUS-Studie von 2019 zeigen, dass Patienten mit Sprachapps und Sprachsoftware zur Aphasie-Behandlung größere Fortschritte erzielen als ohne die Übungen. Auch durch Betroffene selbst gesteuertes Sprachtraining per Software konnte bei chronischer Aphasie die Wortfindung effektiv verbessern (auch das konnte die BigCACTUS-Studie zeigen).

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Intensives Sprachtraining

Einige Studien zeigen, dass intensives Sprachtraining als Therapie auch sechs Monate oder länger nach dem auslösenden Schlaganfall zu einer entscheidenden Verbesserung der Sprachstörung und der Lebensqualität der Aphasiker und Aphasikerinnen führen kann. Intensives Sprachtraining bedeutete in der Studie: mindestens zehn Stunden pro Woche bei mindestens drei Wochen Dauer des Intensivtrainings.

Verlauf und Prognose

Die Deutsche Schaganfallhilfe gibt an, dass sich die Beeinträchtigungen von Schlaganfallpatienten mit Aphasie in etwa einem Drittel der Fälle binnen der ersten vier Wochen normalisieren und die Fähigkeiten der Sprache dementsprechend wieder zurückgewonnen werden können. Bei rund 56 Prozent der Aphasiker bleibt auch sechs Monate nach dem Schlaganfall eine Schädigung in Form der Sprachstörung bestehen - die Aphasie wird chronisch.

Das Gehirn beginnt sich nach Erkrankung oder Schädigung neu zu organisieren - und das bietet auch Chancen für einen guten Verlauf der Aphasie. Die Deutsche Schaganfallhilfe gibt an, dass sich die Beeinträchtigungen von Schlaganfallpatienten mit Aphasie in etwa einem Drittel der Fälle binnen der ersten vier Wochen normalisieren und die Fähigkeiten der Sprache dementsprechend wieder zurückgewonnen werden können.

Umgang mit Aphasie

Ein verständnisvolles Umfeld ist für Menschen mit Aphasie sehr wichtig. Hier sind einige Tipps für den Umgang mit Aphasikern:

  • Behandeln Sie den oder die Aphasiker*in als Gesprächspartner auf Augenhöhe.
  • Nehmen Sie der aphasischen Person „nicht das Wort aus dem Mund“.
  • Sprechen Sie nicht über sieihn, sondern mit ihrihm.
  • Sprechen Sie in normaler Sprache und in einfachen Sätzen.
  • Sprechen Sie langsam, klar und deutlich.
  • Formulieren Sie Fragen vorzugsweise so, dass sie mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden können.
  • Korrigieren Sie nicht.
  • Halten Sie Blickkontakt.
  • Setzen Sie alle Mittel der Kommunikation ein: Gesten und Mimik, zeichnen oder schreiben Sie, wenn nötig, zeigen auf Gegenstände oder Abbildungen und motivieren gegebenenfalls auch dendie Betroffenen ebenfalls dazu.
  • Warten Sie geduldig auf eine Antwort.
  • Sorgen Sie im Gespräch für eine ruhige Umgebung und schalten Sie störende Geräuschquellen wie Radio oder TV möglichst aus.
  • Wenn der*die Betroffene in einem Satz nicht weiterkommt, drängen Sie nicht. Gegebenenfalls ist es auch hilfreich, zunächst das Thema zu wechseln. Ein erneuter späterer Versuch ist oft erfolgreich.
  • Versuchen Sie dennoch verständnisvoll und geduldig zu sein.

Selbsthilfe

Vielen Aphasiker*innen und ihren Angehörigen hilft der Austausch mit anderen Betroffenen, wie er beispielsweise in Selbsthilfegruppen möglich ist.

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