Narbengewebe nach Hirntumorbehandlung: Entstehung, Auswirkungen und Behandlungsmöglichkeiten

Ein Hirntumor ist eine Raumforderung im Gehirn, die verschiedene Ursachen haben kann. Es gibt gutartige und bösartige Tumore, die aus dem Hirngewebe selbst entstehen oder als Metastasen anderer Krebserkrankungen ins Gehirn gelangen. Die Behandlung von Hirntumoren umfasst in der Regel Operation, Bestrahlung und/oder Chemotherapie. Nach einer solchen Behandlung kann es zur Bildung von Narbengewebe kommen, das verschiedene Auswirkungen haben kann.

Was ist Narbengewebe im Gehirn?

Narbengewebe im Gehirn, auch Gliose genannt, ist eine Art Ersatzgewebe, das im Rahmen der Wundheilung entsteht. Im Gegensatz zu Narben auf der Haut, die aus Bindegewebszellen (Fibroblasten) bestehen, besteht Narbengewebe im Gehirn aus Gliazellen. Gliazellen sind das Stützgewebe des Gehirns, das die Nervenzellen einbettet und bei der Reizweiterleitung unterstützt.

Wenn Hirngewebe geschädigt wird - beispielsweise nach einer Operation, Bestrahlung, Entzündungen, einem Schlaganfall oder durch Erkrankungen wie Morbus Alzheimer oder Multiple Sklerose - wird eine Vermehrung der Gliazellen angeregt. Die Gliazellen füllen die entstandenen Lücken auf, um die Stabilität des Hirngewebes zu erhalten. Neurone, die eigentlichen impulsgebenden Zellen, vermehren sich dagegen nicht und entstehen nicht neu.

Narbengewebe im Gehirn ist von der Konsistenz her derber als normales Hirngewebe und lässt sich in der Magnetresonanztomografie (MRT) in der Regel gut abgrenzen.

Ursachen für Narbengewebe nach Hirntumorbehandlung

Narbengewebe kann sich nach verschiedenen Behandlungen von Hirntumoren bilden:

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  • Operation: Nach der operativen Entfernung eines Hirntumors entsteht Narbengewebe an der Stelle, an der der Tumor entfernt wurde.
  • Bestrahlung: Die Bestrahlung eines Hirntumors kann zu einer Strahlennekrose führen, bei der Zellen im gesunden Gewebe absterben und Narbengewebe entsteht. Die Strahlennekrose tritt durchschnittlich 14 Monate nach einer Bestrahlung auf, in manchen Fällen sogar erst nach Jahren. Bei zerebralen Tumoren geht man von einer Häufigkeit von etwa 5 % aus, wenn die Patienten eine Dosis von 50 Gray und mehr erhalten haben.
  • Chemotherapie: Auch eine Chemotherapie kann in seltenen Fällen zur Bildung von Narbengewebe im Gehirn führen.

Auswirkungen von Narbengewebe im Gehirn

Die Auswirkungen von Narbengewebe im Gehirn hängen von der Lage und Größe des Narbengewebes ab. In vielen Fällen verursacht Narbengewebe keine Beschwerden und wird nur zufällig im Rahmen einer Untersuchung entdeckt. In anderen Fällen kann Narbengewebe jedoch zu verschiedenen Problemen führen:

  • Neurologische Ausfälle: Abhängig vom Ort des geschädigten Hirngewebes kann in einigen Fällen durch den Verlust von Nervenzellen die Funktionalität der betroffenen Hirnregion beeinträchtigt sein. So kann es zum Beispiel bei Schädigung des linken Schläfenlappens zu Sprachstörungen kommen. Oder die Verletzung des rechten Scheitellappens kann zu einer Halbseitenlähmung der linken Körperhälfte führen.
  • Epilepsie: Narbengewebe kann zu einer Störung des elektrischen Gleichgewichts des Hirns führen, was ein Epilepsieleiden zur Folge haben kann.
  • Kopfschmerzen: Narbengewebe kann durch Zug auf die Hirnhäute Kopfschmerzen verursachen.
  • Druck auf das Gehirn: In seltenen Fällen kann Narbengewebe so groß werden, dass es auf das umliegende Gehirn drückt und dadurch neurologische Ausfälle verursacht.
  • Beeinträchtigung der Entwicklung und Alltagsteilhabe: Tumorbedingte Spätfolgen können bei Patienten mit hochgradig malignem Gliom zunächst dadurch entstehen, dass der Tumor Raum innerhalb des Schädels einnimmt, dabei auf benachbarte Gehirn- oder Rückenmarksstrukturen drückt und sie dadurch schädigt. Außerdem können Tumoren im Bereich der hinteren Schädelgrube zu Abfluss-Störungen von Nervenwasser aus den Hirnkammern (Hirnventrikeln) führen. Die oben genannten Spätfolgen können dazu führen, dass die Entwicklung sowie die Alltagsteilhabe und Alltagsaktivität der Betroffenen eingeschränkt sind.

Diagnose von Narbengewebe im Gehirn

Narbengewebe im Gehirn kann in der Regel gut mit bildgebenden Verfahren wie der Magnetresonanztomografie (MRT) oder der Computertomografie (CT) diagnostiziert werden.

Differenzialdiagnose

Die wichtigste Differenzialdiagnose einer strahlenbedingten Schädigung des Gehirns ist ein Rezidiv des zuvor bestrahlten Tumors. In der klinischen Praxis ist die Unterscheidung zwischen Tumorrezidiv und einer Strahlennekrose schwierig, da beide Erkrankungen am selben zu erwartenden Ort, das heißt in dem Bereich des zuvor entfernten Tumors und seiner unmittelbaren Umgebung, auftreten. Manchmal kann es schwierig sein, anhand der vorhandenen Bildgebung aktives Tumorgewebe von Narbengewebe zu unterscheiden. Hier können ergänzende nuklearmedizinische Untersuchungen oder auch die molekulare Bildgebung hilfreich sein.

Behandlung von Narbengewebe im Gehirn

Die Behandlung von Narbengewebe im Gehirn richtet sich nach den verursachten Beschwerden. In vielen Fällen ist keine Behandlung erforderlich. Wenn Narbengewebe jedoch zu neurologischen Ausfällen, Epilepsie oder anderen Problemen führt, können verschiedene Behandlungen in Erwägung gezogen werden:

  • Medikamente: Gegen Epilepsie können Antiepileptika eingesetzt werden. Gegen Kopfschmerzen können Schmerzmittel helfen.
  • Operation: In manchen Fällen kann das Narbengewebe operativ entfernt werden, um die Beschwerden zu lindern. Dadurch lässt sich mit einem gezielten chirurgischen Eingriff der „Epilepsieherd“ beseitigen, und die Patienten werden von dem Krampfanfallleiden befreit.
  • Kortikosteroide: Kortikosteroide können eingesetzt werden, um die Entzündung und Schwellung um das Narbengewebe herum zu reduzieren.
  • Beübung: Damit sich eine funktionelle Einschränkung zurückbilden kann, ist nach der Operation die gezielte und intensive Beübung sinnvoll.
  • Massage der Narbe: Zur Pflege der Narbe gehört eine Massage: Sie macht die Narbe geschmeidiger und verhindert, dass sie mit den Muskeln und dem Gewebe verklebt. Je früher Sie mit der Massage beginnen, desto besser sind die Ergebnisse. Dabei sind einige einfache Regeln zu beachten. So ist es beispielsweise nicht ratsam, die Narbe unmittelbar nach der Operation zu massieren. Durch eine Einwirkung auf die Umgebung kann sie jedoch indirekt mobilisiert werden, bis sie geheilt ist. Fäden und Schorf müssen abgefallen sein, bevor die Narbe dann mit Gelen oder Cremes massiert werden kann, die speziell für die Reparatur der Haut entwickelt wurden. Bei Schmerzen Kälte anwenden. Um auf Nummer sicher zu gehen, konsultieren Sie Ihren Arzt, um den richtigen Zeitpunkt für die Massage zu bestimmen.

Forschung zu Narbengewebe im Gehirn

Die Forschung zu Narbengewebe im Gehirn ist ein aktives Gebiet. Wissenschaftler arbeiten daran, die Mechanismen der Narbenbildung besser zu verstehen und neue Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

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Ein Forschungsteam der Charité - Universitätsmedizin Berlin konnte aufzeigen, wie wichtig bei diesem Vorgang die Umorganisation von Gerüst- und Membranstrukturen in den Gliazellen ist. Die jetzt im Fachmagazin Nature Communications beschriebenen Erkenntnisse werfen Licht auf einen neuen zellulären Schutzmechanismus, durch den das Gehirn aktiv schweren Verläufen von neurologischen Erkrankungen entgegenwirken könnte.

Die Forschenden konnten zeigen, dass das Protein Drebrin bei Hirnverletzungen die Astrogliose steuert. Drebrin wird benötigt, damit Astrozyten als Kollektiv Narben bilden und das umliegende Gewebe schützen können. Der Verlust von Drebrin führt zu einer Unterdrückung der normalen Astrozyten-Aktivierung. Anstatt schützend zu reagieren, verlieren diese Astrozyten im Gegenteil sogar gänzlich ihre Funktion und geben ihre zelluläre Identität auf. Eigentlich harmlose Verletzungen breiten sich somit ohne die schützende Narbenbildung aus und immer mehr Nervenzellen sterben ab. Um diese Narbenbildung zu ermöglichen, kontrolliert Drebrin die Umorganisation des Aktin-Zellskeletts, eines Gerüsts zur mechanischen Stabilisierung, in Astrozyten. Auf diese Weise wird auch die Entstehung langer Membranröhren - sogenannter tubulärer Endosome - beeinflusst, die der Aufnahme, Sortierung und Umverteilung von Oberflächenrezeptoren dienen und für die schützenden Gegenmaßnahmen der Astrozyten notwendig sind.

Die Erkenntnisse zeigen also, wie Drebrin über das dynamisch-veränderliche Zellskelett und Membranstrukturen grundlegende Funktionen von Astrozyten bei der Abwehr schädlicher Einflüsse steuert. Insbesondere die dabei entstehenden Membranröhren wurden in dieser Form bisher weder in kultivierten Astrozyten noch im Gehirn beschrieben. Seine Rolle als Regulator des Zellskeletts deutet darauf hin, dass Drebrin ein möglicher Risikofaktor für schwere Verläufe von neurologischen sowie anderen Erkrankungen sein könnte, weil ein Verlust des Proteins in Astrozyten ganz ähnliche Veränderungen bewirken kann.

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