Die Nebennieren sind lebenswichtige Organe, die eine entscheidende Rolle bei der Steuerung verschiedener Körperfunktionen spielen, insbesondere im Zusammenhang mit dem autonomen Nervensystem und der Stressreaktion. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Funktionen der Nebennieren, ihre anatomische Struktur, die von ihnen produzierten Hormone und die Auswirkungen von Nebennierenerkrankungen auf den Körper.
Anatomie und Funktion der Nebennieren
Jeder Mensch besitzt zwei Nebennieren, dreieckig geformte Drüsen, die sich jeweils oberhalb der Nieren befinden. Anatomisch bestehen sie aus zwei funktionell unterschiedlichen Anteilen: der äußeren Nebennierenrinde (Cortex) und dem inneren Nebennierenmark (Medulla).
Nebennierenrinde (Cortex)
Die Nebennierenrinde produziert lebenswichtige Steroidhormone, die für verschiedene Körperfunktionen unerlässlich sind. Zu diesen Hormonen gehören:
- Glukokortikoide (v. a. Cortisol): Cortisol reguliert den Zuckerstoffwechsel, die Immunabwehr und trägt zur Aufrechterhaltung eines normalen Blutdrucks bei. Bei Stress steigt die Cortisolproduktion deutlich an.
- Mineralokortikoide (vor allem Aldosteron): Aldosteron steuert die Konzentration von Blutsalzen wie Natrium und Kalium sowie den Wasserhaushalt und wirkt damit direkt auf den Blutdruck.
- Androgene Vorstufen (z. B. DHEA): In der innersten Schicht (Zona reticularis) werden androgene Vorstufen gebildet.
Die Hormonproduktion in der Nebennierenrinde wird über mehrere Systeme gesteuert, darunter die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) und das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System (RAAS).
Nebennierenmark (Medulla)
Das Nebennierenmark bildet die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin, die bei körperlicher oder psychischer Belastung die Herzleistung steigern, den Blutdruck erhöhen und den Blutzuckerspiegel regulieren. Diese Hormone sind zentral für die „Fight-or-Flight“-Reaktion des Körpers. Die Freisetzung von Adrenalin und Noradrenalin aus dem Mark wird vom sympathischen Nervensystem gesteuert.
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Zusammenspiel mit dem autonomen Nervensystem
Das Nebennierenmark ist ein Teil des Nervensystems. Die dort gebildeten Hormone Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin zirkulieren im Blut als Hormone und wirken gleichzeitig als Botenstoffe (Neurotransmitter) im Nervensystem.
Die Nebennieren sind in komplexe Regelkreise eingebunden, um alle diese Prozesse im Gleichgewicht zu halten. So gibt es eine Rückkopplung mit Hormonen von Hypothalamus und Hirnanhangsdrüse (Hypophyse). Gerät das fein abgestimmte System der Nebennieren-Hormone aus verschiedenen Gründen aus dem Takt, können weitreichende Stoffwechsel-Störungen die Folge sein.
Neuro-endokriner Reflex und Infektionen
Wissenschaftler der Charité - Universitätsmedizin Berlin konnten zeigen, dass die erhöhte Infektionsrate nach Rückenmarksverletzungen durch eine direkte Fehlsteuerung des geschädigten Nervensystems verursacht wird. Über einen neu entdeckten Reflexbogen kommt es zu einer gestörten Hormonfreisetzung in der Nebenniere, die die Abwehrkräfte des Organismus gegenüber Bakterien schwächt.
Erkrankungen der Nebennieren
Erkrankungen der Nebennieren können vielfältige Auswirkungen auf den Körper haben und sind nicht immer leicht zu diagnostizieren. Deshalb sollten mögliche Funktionsstörungen der Nebennieren immer durch Spezialist:innen untersucht und behandelt werden.
Nebennierenkarzinom
Nebennierentumoren können in der Nebennierenrinde oder dem Nebennierenmark entstehen. Sie machen sich in der Regel durch Symptome bemerkbar, die auf eine übermäßige Ausschüttung von Hormonen des Tumors zurückzuführen sind.
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Das klinische Bild eines Nebennierenkarzinoms hängt stark von Tumorstadium, Tumorgröße und dem Ausmaß der Hormonproduktion ab. Die Diagnose erfolgt nach den Empfehlungen des Europäischen Nebennierentumornetzwerks (ENSAT) nach einem standardisierten Vorgehen. Die Behandlung richtet sich nach dem Tumorstadium und erfolgt in spezialisierten endokrinen Tumorzentren.
Nebennieren-Adenome
Nebennieren-Adenome sind gutartige Raumforderungen, die in den meisten Fällen keinerlei Beschwerden verursachen. Oft werden sie zufällig bei bildgebenden Untersuchungen entdeckt, die aus ganz anderen Gründen veranlasst wurden. Trotzdem sollte eine endokrinologische Abklärung erfolgen, denn manche Adenome bilden unkontrolliert Hormone und können dadurch mitunter langfristig schwerwiegende Erkrankungen auslösen.
Primärer Hyperaldosteronismus (Morbus Conn)
In der Nebennierenrinde wird das Hormon Aldosteron gebildet, das maßgeblich an der Regulation des Wasser- und Elektrolyt-Haushalts beteiligt ist. Manchmal werden die aldosteronbildenden Zellen in den Nebennieren aber autonom und reagieren nicht mehr auf die Hormone Renin und Angiotensin. Sie bilden dann dauerhaft zu viel Aldosteron. Das wichtigste Symptom bei Morbus Conn ist ein stark erhöhter Blutdruck, der auf die üblichen Therapiemaßnahmen nicht anspricht.
Phäochromozytom
Ein Phäochromozytom ist ein meist gutartiger Tumor des Nebennierenmarks, der unkontrolliert die Hormone Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin produziert. In der Regel leiden Betroffene unter Bluthochdruck, häufig auch unter Kopfschmerzen, Schweißausbrüchen und Herzrasen.
Cushing-Syndrom
Wenn ein Adenom in der Nebennierenrinde unkontrolliert das Hormon Cortisol freisetzt, dann entsteht ein sogenanntes Cushing-Syndrom. Bei einem lang andauernden Cortisol-Überschuss kommt es zu einer Reihe an Veränderungen, die auch äußerlich erkennbar sind: Betroffene lagern vor allem am Körperstamm vermehrt Fett ein und das Gesicht wird rund. Viele leiden unter Bluthochdruck und erhöhten Insulin-Werten, unter Umständen auch unter Diabetes mellitus.
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Nebennieren-Insuffizienz
Unter einer Nebennieren-Insuffizienz versteht man eine Unterfunktion der Nebennieren, die einen Hormonmangel zur Folge hat. Je nachdem, welche Hormone betroffen sind, führt das zu unterschiedlichen Krankheitsbildern und Beschwerden. Am häufigsten geschieht dies nach einer längerfristigen regelmäßigen Einnahme von Medikamenten mit dem Wirkstoff Cortisol.
Morbus Addison
Bei Morbus Addison handelt es sich um eine Insuffizienz (Schwäche) der Nebennierenrinde. Ursächlich steckt in den meisten Fällen eine Autoimmunerkrankung dahinter. Das heißt, das Immunsystem greift irrtümlich die Zellen in der Nebennierenrinde an und zerstört diese nach und nach. Dadurch stellt sich ein Mangel der in der Nebennierenrinde gebildeten Hormone Cortisol und Aldosteron ein.
Adrenogenitales Syndrom
Adrenogenitales Syndrom ist ein Überbegriff für verschiedene erbliche Stoffwechsel-Erkrankungen. Sie alle haben gemeinsam, dass die Bildung der Hormone Cortisol und Aldosteron in der Nebennierenrinde gestört ist, weil ein dafür benötigtes Enzym nicht richtig funktioniert. Durch den Enzym-Defekt kann der Körper diese Hormone nur bis zu einer bestimmten Vorstufe herstellen.
Die HPA-Achse und ihre Bedeutung
Die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) ist ein komplexes neuroendokrines System, das eine zentrale Rolle bei der Stressreaktion und der Aufrechterhaltung der Homöostase spielt. Sie reguliert die Produktion von Cortisol und Androgenen. Die Aktivität der HPA-Achse wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst, darunter psychischer und physischer Stress, Zytokine, Neurotransmitter und Hormone.
Einfluss von Stressoren auf die HPA-Achse
Psychischer Stress, wie emotionale oder kognitive Belastungen, kann die HPA-Achse aktivieren. Körperliche Belastungen wie Verletzungen, Entzündungen oder Infektionen können die HPA-Achse stimulieren. Zytokine, die bei Entzündungsprozessen freigesetzt werden, können die Aktivität der HPA-Achse erhöhen.
Regulation der HPA-Achse
Die Aktivität der HPA-Achse wird durch das zuletzt ausgeschüttete Stresshormon Cortisol gehemmt (negatives Feedback). Verschiedene Neurotransmitter können die HPA-Achse beeinflussen. Dopamin, Serotonin, Noradrenalin und Acetylcholin stimulieren die Aktivität der HPA-Achse, während GABA, Glycin, Somatostatin und Endocannabinoide eine hemmende Wirkung haben. Hormone wie CRH, ACTH und Cortisol spielen eine zentrale Rolle bei der Aktivierung und Regulation der HPA-Achse.
Auswirkungen von Veränderungen der HPA-Achse
Die Aktivität der HPA-Achse kann sich mit dem Alter und dem Geschlecht verändern. Bei älteren Menschen und bei Frauen ist die Aktivität der HPA-Achse häufig erhöht. Hypercortisolismus, ein zu hoher Spiegel an Stresshormonen, steht mit verschiedenen psychischen und körperlichen Erkrankungen in Verbindung.
Diagnostik von Nebennierenerkrankungen
Um die Funktion der Nebennieren zu untersuchen, werden im ersten Schritt meist Laboruntersuchungen von Blut und / oder Harn gemacht. Viele Nebennieren-Hormone werden aber situationsbedingt stark schwankend ausgeschüttet, wodurch einzelne Messwerte nicht aussagekräftig genug sind. Deshalb braucht es meist zusätzliche endokrinologische Funktionstests, um Nebennieren-Erkrankungen auf die Spur zu kommen. Bestätigt sich der Verdacht auf eine Fehlfunktion der Nebennieren, werden im nächsten Schritt bildgebende Untersuchungen veranlasst. Durch eine Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) lassen sich Raumforderungen der Nebennieren sichtbar machen. Manchmal sind zusätzlich spezielle Untersuchungen erforderlich, um den Ursprungsort einer vermehrten Hormonproduktion genau zu lokalisieren.
Behandlung von Nebennierenerkrankungen
Die Behandlung von Nebennierenerkrankungen hängt von der spezifischen Erkrankung ab und kann Medikamente, Operationen oder eine Kombination aus beidem umfassen.
Operation
Nebennieren-Adenome sollten dann operiert werden, wenn sie hormonaktiv sind - also unkontrolliert Hormone freisetzen - und dadurch Krankheitsbilder wie einen Morbus Conn oder ein Cushing-Syndrom auslösen. Bei suspekten oder bösartigen Tumoren der Nebennieren ist eine Operation erforderlich, diese sind jedoch äußerst selten.
Medikamentöse Therapie
Eine Nebennierenrindeninsuffizienz wird mit Kortisol behandelt. Die Aldosteron-Überproduktion wird entweder mit Medikamenten behandelt oder die auslösende Ursache, z. B. der Tumor, operiert.
Stressbewältigung und die Nebennieren
Die Nebennieren spielen eine Schlüsselrolle bei der Stressreaktion des Körpers. Chronischer Stress kann zu einer Überlastung der Nebennieren führen und verschiedene gesundheitliche Probleme verursachen. Daher ist es wichtig, effektive Strategien zur Stressbewältigung zu entwickeln.
Möglichkeiten der Stressreduktion
- Soziale Interaktion: Enge soziale Interaktionen können die Stressresistenz erhöhen, indem sie den Oxytocinspiegel im paraventrikulären Kern des Hypothalamus erhöhen, was die Cortisolausschüttung auf akuten Stress verringert.
- Singen im Chor: Singen im Chor erhöht den Oxytocinspiegel und senkt den Cortisolspiegel, was zu einem erhöhten Wohlbefinden führt.
- Melatonin: Hochdosiertes Melatonin kann die Stresswirkung auf die HPA-Achse, das autonome Nervensystem sowie die stressbedingten Veränderungen des Dopamin- und Noradrenalinspiegels egalisieren.
- Oxytocin als Nasenspray: Probanden, die vor dem TSST Oxytocin als Nasenspray erhielten, wiesen geringere Stress- und Angstwerte auf.
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