Ein vorzeitiger Samenerguss, auch Ejaculatio praecox genannt, ist für viele Männer ein belastendes Thema, über das nur ungern gesprochen wird. Dabei handelt es sich um eine der häufigsten sexuellen Funktionsstörungen, von der bis zu 20 Prozent der Männer betroffen sind. Wenn die Ejakulation regelmäßig zu früh kommt und das Intimleben beeinträchtigt, entsteht oft ein Teufelskreis aus Frustration und Versagensängsten. Doch es gibt Hoffnung: Vorzeitige Ejakulation ist in den meisten Fällen gut behandelbar.
Was ist ein vorzeitiger Samenerguss?
Bei einem vorzeitigen Samenerguss (Ejaculatio praecox) verfügt der Mann nicht über die nötige Kontrolle, die Ejakulation ausreichend hinauszuzögern, sodass der Geschlechtsverkehr für das Paar als befriedigend empfunden wird. Medizinisch wird der vorzeitige Samenerguss definiert durch:
- Ejakulation vor oder kurz nach dem Eindringen: Die Ejakulation erfolgt regelmäßig vor oder innerhalb von etwa einer Minute nach der Penetration.
- Fehlende Kontrolle: Betroffene Männer haben das Gefühl, wenig bis keine Kontrolle über den Zeitpunkt der Ejakulation zu haben.
- Emotionale Belastung: Der vorzeitige Samenerguss führt zu erheblichem Leidensdruck, Frustration oder Beeinträchtigungen der sexuellen Zufriedenheit.
Abhängig von situativen und kulturellen Faktoren bezeichnen Wissenschaftler einen Samenerguss in der Regel als vorzeitig, wenn er bereits vor der Penetration oder weniger als 1-2 Minuten nach deren Beginn auftritt. Ob der Mann allerdings zu früh kommt, definiert sich hauptsächlich über seine persönliche Wahrnehmung und die seiner Partnerin oder seines Partners: Auch ein Samenerguss nach 3 oder mehr Minuten kann als frühzeitig empfunden werden.
Wichtig: Nur weil der Mann zu schnell kommt, muss der vorzeitige Samenerguss keine psychischen oder körperlichen Ursachen haben. Oftmals sind Nervosität, längere Enthaltsamkeit oder ein neuer Sexualpartner der Auslöser für den vorzeitigen Samenerguss und das Problem verschwindet von selbst wieder.
Liegt eine sexuelle Funktionsstörung vor?
Um einschätzen zu können, ob Sie unter einer Orgasmusstörung leiden, können Sie sich an folgenden Kriterien orientieren:
Lesen Sie auch: Eingeklemmter Nerv: Ein umfassender Leitfaden
- Der Samenerguss tritt bei mindestens 75 % aller Versuche frühzeitig auf. Das heißt: vor bzw. 1-2 Minuten nach Beginn der vaginalen Penetration - oder der Samenerguss tritt aus Sicht des Mannes verfrüht auf und er leidet darunter.
- Das Symptom des vorzeitigen Samenergusses besteht seit mindestens 6 Monaten.
- Der Mann fühlt sich durch die verfrühte Ejakulation beeinträchtigt und leidet darunter, nicht länger zu können.
- Die Beschwerden sind nicht durch eine andere psychische oder körperliche Erkrankung, starken Stress oder den Konsum von Drogen erklärbar.
Formen des vorzeitigen Samenergusses
Für die Therapie des vorzeitigen Samenergusses ist eine gründliche Ursachensuche nötig, da die Therapieoptionen in Abhängigkeit der Ursache gewählt werden. Dabei ist es wichtig, die 2 Formen der Funktionsstörung zu verstehen:
Der vorzeitige Samenerguss kann in eine lebenslange (primäre) und eine erworbene (sekundäre) Form unterteilt werden. Besteht die verfrühte Ejakulation bereits seit Aufnahme der sexuellen Aktivität in der Pubertät, handelt es sich um die primäre Form. Bei dieser tritt der vorzeitige Samenerguss sowohl beim Geschlechtsverkehr als auch bei der Masturbation auf. Die erworbene Ejaculatio praecox setzt voraus, dass es eine Zeit sexueller Aktivität gab, in der der Betroffene keine Probleme im Sinne einer frühzeitigen Ejakulation schildert.
Ursachen des vorzeitigen Samenergusses
Lange glaubten Mediziner, die frühzeitige Ejakulation sei ein rein psychologisches Problem. Mittlerweile ist der Forschungsstand ein anderer: Der vorzeitige Samenerguss ist in seltenen Fällen auch auf einen körperlichen Auslöser zurückzuführen. Die Gründe für eine vorzeitige Ejakulation sind vielfältig und häufig wirken mehrere Faktoren zusammen. Ein Verständnis der zugrundeliegenden Ursachen für vorzeitigen Samenerguss ist oft der erste Schritt zu einer erfolgreichen Behandlung.
Psychische Faktoren
Psychische Faktoren für einen vorzeitigen Samenerguss können zum Beispiel sein:
- Starke Aufregung
- Ängste bezüglich der eigenen „Leistung“ und des Auftretens beim Sex
- Beziehungsprobleme oder anderweitige große Sorgen
- Stress und Depressionen
- Sexuelle Kindheitstraumata
Manche Männer trainieren sich in ihrer Jugend an, schnell zum Samenerguss zu kommen, weil sie zum Beispiel Angst haben, bei der Masturbation „erwischt“ zu werden. Beim Geschlechtsverkehr in entspannter Atmosphäre tritt der Samenerguss dann möglicherweise auch sehr schnell auf.
Lesen Sie auch: Symptome und Behandlungsmethoden bei eingeklemmtem Nerv
Biologische Faktoren
Laut neueren Forschungsergebnissen scheint bei manchen Betroffenen mit einer primären Form der vorzeitigen Ejakulation eine genetische Veränderung im serotonergen System (Gesamtheit der Serotonin-Botenstoffe) für die Störung verantwortlich sein. Der Neurotransmitter Serotonin steuert als Gewebshormon nicht nur den Schlaf-Wach-Rhythmus und ist an der Bildung von Emotionen beteiligt. Er spielt auch bei der Ejakulation eine wichtige Rolle.
Ist also der Hormonhaushalt genetisch verändert, kann sich dies auf den Samenerguss auswirken. Betroffene bemerken dies bereits, wenn sie erste sexuelle Erfahrungen machen. Eine Besserung stellt sich ohne Behandlung nicht automatisch von selbst ein. Dennoch bleiben nach der Diagnose vorzeitiger Samenerguss die Ursachen der primären Form in den meisten Fällen weitestgehend ungeklärt.
In der erworbenen Form ist die vorzeitige Ejakulation meist ein Begleitsymptom einer anderen Erkrankung. Mögliche körperliche Ursachen des vorzeitigen Samenergusses können sein:
- Erektile Dysfunktion (Impotenz)
- Übermäßige Empfindlichkeit (Hypersensibilität) der Penishaut oder der Eichel
- Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus)
- Schilddrüsenerkrankungen
- Prostataentzündungen
- Erkrankungen des Nervensystems wie z.B. Multiple Sklerose
Beruht die Funktionsstörung auf einer körperlichen Ursache, ist der vorzeitige Samenerguss ein Fall für einen Facharzt. Auch wenn die frühzeitige Ejakulation häufig durch die Therapie der ursächlichen Erkrankung verschwindet, sollte die Ausgangserkrankung immer im Blick behalten werden.
Interessant: Der vorzeitige Höhepunkt beziehungsweise Samenerguss wird häufig nicht nur durch einen Auslöser hervorgerufen, sondern vielmehr durch eine Kombination mehrerer Ursachen (multifaktorielle Genese). Ein Mann mit Erektionsproblemen kann beispielsweise sehr starke Ängste bezüglich des Geschlechtsverkehrs entwickeln, ob seine Erektion lange genug anhält.
Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei eingeklemmtem Nerv
Einfluss von Beziehungsproblemen
Häufig hat ein frühzeitiger Samenerguss auch Auswirkungen auf die Paarbeziehung. Die Schwierigkeit: Beziehungsprobleme können zu einem Teufelskreis führen, wenn der Sexualpartner oder die -partnerin den Mann nicht unterstützt, sondern stattdessen seine Befürchtungen und Versagensängste verstärkt.
Sofern Beziehungsprobleme die Ejaculatio praecox verursachen, liegen häufig Unterschiede in den sexuellen Bedürfnissen des Paares vor: Ängste und hohe Erwartungen bezüglich sexueller Befriedigung sowie ein Mangel an Kommunikation führen oft auch zu einer vorzeitigen Ejakulation.
Manche Männer fühlen sich darüber hinaus überfordert - besonders wenn die Partnerin oder der Partner aus ihrer Sicht sexuell anspruchsvoll ist und sie sich deshalb nicht ausreichend auf den Geschlechtsverkehr vorbereitet fühlen. Für ein unbeschwertes Sexualleben ist es daher wichtig, dass beide Partner über ihre Wünsche und Ängste bezüglich Intimität und Sex offen miteinander sprechen.
Diagnose des vorzeitigen Samenergusses
Für eine Untersuchung kann man sich an eine urologische oder hausärztliche Praxis wenden. Die Ärztin oder der Arzt fragt dann nach der durchschnittlichen Zeit bis zum Samenerguss und danach, wie oft er zu früh eintritt, wie belastend das Problem ist und ob sich der Samenerguss hinauszögern lässt.
Bei der Untersuchung werden auch andere Möglichkeiten abgeklärt, die die Zeit bis zum Samenerguss beeinflussen könnten. So gilt eine Prostataentzündung als möglicher Risikofaktor. Wenn die Prostata entzündet ist, sollte daher zunächst die Entzündung behandelt werden. Anzeichen können häufiges Wasserlassen und Schmerzen beim Urinieren sein.
Vorzeitige Samenergüsse können manchmal auch Folge einer Erektionsstörung sein - zum Beispiel, wenn ein Mann sich beeilt, weil er Angst hat, dass er die Erektion nicht länger aufrechterhalten kann.
Behandlungsmöglichkeiten des vorzeitigen Samenergusses
Die Behandlung der Ejaculatio praecox richtet sich nach der jeweiligen Ursache. Im Allgemeinen wird eine Kombination verschiedener Techniken und Sexualtherapien gegen den vorzeitigen Samenerguss eingesetzt, um die Ejakulation zu verzögern. Dazu zählen zum Beispiel die Start-Stopp-Technik oder die Squeeze-Methode.
Nicht-medikamentöse Behandlungen
- Techniken zur Ejakulationskontrolle: Techniken, die die Fähigkeit länger zu können unterstützen sollen, sind die Squeeze-Pause-Methode nach Masters und Johnson und die sogenannte Start-Stopp-Technik. Bei dieser stimuliert der Mann seinen Penis selbst oder seine Partnerin beziehungsweise sein Partner unterstützt ihn dabei. Kurz bevor die Ejakulation eintritt, legen Sie eine Pause ein. Sobald die Erregung abnimmt, wird erneut bis kurz vor Erreichen der Ejakulation stimuliert. Auf diese Weise soll der Mann allmählich lernen, seine sexuelle Erregung zu kontrollieren und die Ejakulation hinauszuzögern.
- Beckenbodentraining: Der Beckenboden ist eine Muskelplatte, die den Bauchraum und die Beckenorgane von unten abschließt. Mit speziellen Übungen kann man die Beckenbodenmuskulatur gezielt stärken und lernen, sie bewusst zu bewegen. Manchen Männern hilft diese Methode, den vorzeitigen Samenerguss zu verhindern.
- Sexualtherapie: Sexualtherapeutische Behandlungen haben das Ziel, Männern oder Paaren mehr Selbstbewusstsein zu vermitteln und die Angst vor sexueller „Unzulänglichkeit“ zu nehmen. Ein weiteres Ziel ist, sich weniger auf den Samenerguss zu konzentrieren und die Sexualität vielfältiger zu leben. Auch Beziehungsprobleme können thematisiert werden, wenn sie eine Rolle spielen.
Medikamentöse Behandlungen
- Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI): Zur medikamentösen Behandlung werden meist selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) eingesetzt. Das in Europa bislang einzige zugelassene Mittel aus dieser Gruppe (Dapoxetin) verlängert die Zeit bis zum Samenerguss im Schnitt allerdings nur um 1 bis 1,5 Minuten. Andere SSRI sind deutlich kostengünstiger und auch wirksamer. Sie können von der Ärztin oder dem Arzt als „Off-Label“-Behandlung verschrieben werden. Priligy® (mit dem Wirkstoff Dapoxetin) ist ein Antidepressivum, das zugelassen ist, um den frühzeitigen Samenerguss zu behandeln. Der Serotonin-Rückaufnahme-Inhibitor (SSRI) Dapoxetin hemmt selektiv die Wiederaufnahme des Botenstoffes Serotonin. Dieser spielt auch bei der Ejakulation eine Rolle. Der positive Effekt in der Therapie des vorzeitigen Samenergusses wurde erstmals als Nebenwirkung bei der Behandlung depressiver Männer beobachtet.
- Betäubende Cremes: Eine andere Therapieoption ist eine betäubende Creme, die auf den Penis aufgetragen wird und die Sensibilität in der Penishaut sowie der Eichel reduziert. Ebenso kann das Verwenden eines Kondoms bereits helfen, den Samenerguss hinauszuzögern.
- Lokalanästhetika: Es gibt betäubende Mittel zum Auftragen auf die Penisspitze (Eichel).
Die Kosten von Medikamenten zur Behandlung vorzeitiger Samenergüsse werden von den gesetzlichen Krankenkassen nicht erstattet, unabhängig davon, ob sie zugelassen sind oder nicht.
Was Sie selbst tun können
Ob und wie man vorzeitige Samenergüsse behandeln möchte, ist eine sehr persönliche Frage.
Hilfreich ist, sich nicht allein auf den Geschlechtsverkehr zu konzentrieren. Sich zu küssen, zu streicheln und auf andere Weise zu erregen, kann ähnlich befriedigend sein und helfen, den Zeitpunkt des Samenergusses weniger wichtig zu nehmen.
Manche Männer verdrängen das Thema, anstatt offen darüber zu sprechen. Dies kann Konflikte eher verstärken.
Wenn es dich weiterhin belastet oder ein Problem in der Beziehung darstellt, solltest du mit dem Thema zu einer Urologin oder einem Urologen gehen. Der vorzeitige Samenerguss ist in den meisten Fällen gut behandelbar.
Tipps für den Alltag
- Offenes Gespräch: Als erster Schritt empfiehlt es sich, mit der Partnerin oder dem Partner über das Problem offen zu sprechen. Nur durch ein offenes Gespräch kannst du herausfinden, ob es tatsächlich ein Problem für euer Sexleben darstellt - und gemeinsam daran arbeiten. Denk daran, dass auch bei einem frühen Samenerguss der Sex für beide erfüllend sein kann.
- Kondome benutzen: Ein Kondom kann die Sensibilität des Penis verringern, sodass der Samenerguss beim Sex verzögert wird. Es gibt auch spezielle Kondome, die leicht betäubende Gels enthalten und so die Erregung ein wenig dämpfen können.
- Zweiter Versuch: Einige Betroffene profitieren von einem zweiten Geschlechtsverkehr nach dem ersten frühzeitigen Samenerguss. Nach der ersten Ejakulation erhöht sich die Reizschwelle, sodass der Sex beim zweiten Mal länger dauern kann. Eine Stunde vor dem Geschlechtsverkehr zu Masturbieren kann auch hilfreich sein.
tags: #nerv #lost #ejakulation #aus