Der Zusammenhang zwischen Nerven, Motorik, Reflexen und Sensibilität

Das komplexe Zusammenspiel von Nerven, Motorik, Reflexen und Sensibilität ist entscheidend für die Funktionalität des menschlichen Körpers. Das Nervensystem, bestehend aus dem zentralen (Gehirn und Rückenmark) und peripheren Nervensystem (Nerven außerhalb des Gehirns und Rückenmarks), spielt dabei eine zentrale Rolle. Das Adjektiv "neurologisch" beschreibt alles, was mit dem Nervensystem in Verbindung steht. Neurologische Erkrankungen können verschiedene Bereiche des Nervensystems betreffen, wie beispielsweise Epilepsie oder Multiple Sklerose im zentralen Nervensystem oder Neuropathien und Radikulopathien im peripheren Nervensystem.

Um diese Erkrankungen zu diagnostizieren oder auszuschließen, wird eine neurologische Untersuchung durchgeführt, bei der verschiedene Funktionen der Nerven überprüft werden. Dazu gehören Kraft und Motorik, Reflexe, Sensibilität, Koordination sowie Gang- und Gleichgewicht.

Die Neurologische Untersuchung im Detail

Die neurologische Untersuchung dient dazu, komplexe Zusammenhänge oder die Funktion des Gehirns bzw. einzelner Nerven zu überprüfen. Dabei werden verschiedene Aspekte berücksichtigt:

  • Motorik: Hierbei werden Kraft, Reflexe und andere motorische Fähigkeiten getestet.
  • Tonus und Trophik: Beurteilung des Spannungs- oder Ernährungszustands von Haut und Muskeln.
  • Mobilität: Überprüfung der Beweglichkeit.
  • Koordination: Test der Feinabstimmung von Bewegungen.
  • Hirnnervenfunktion: Untersuchung von Hören, Sehen, Gleichgewicht usw.
  • Sensibilität: Prüfung des Gefühls.
  • Hirnorganische Funktionen: Beurteilung von Konzentration, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Auffassungsvermögen.

Es ist wichtig zu beachten, dass auch Funktionen untersucht werden können, die auf den ersten Blick wenig mit den vorgebrachten Beschwerden zu tun haben. Die komplexe Organisation des Gehirns macht dies notwendig. Eine genaue Beschreibung der Beschwerden ist entscheidend, um die Krankheit einzuordnen und unnötige Untersuchungen zu vermeiden. Allergien, Herzschrittmacher oder Hörgeräteversorgung sollten ebenfalls mitgeteilt werden, da sie im Zusammenhang mit weitergehenden Untersuchungen bedeutsam sein können.

Psychiatrische Untersuchung

Die psychiatrische Untersuchung erfolgt in einem Gespräch mit dem Arzt, um ein Bild von Stimmung, Affekt, Psychomotorik, Denken, Schlaf und Krankheitsverarbeitung zu erhalten. Diese Untersuchung ist nicht nur bei psychiatrischen Krankheitsbildern notwendig, sondern auch, da organische Erkrankungen mit psychischen Störungen einhergehen können.

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Technische Untersuchungen zur Ergänzung

Zur weiteren Abklärung können verschiedene technische Untersuchungen durchgeführt werden:

  • EEG (Elektroenzephalogramm): Aufzeichnung der elektrischen Aktivität des Gehirns. Es wird z.B. bei Patienten mit Epilepsie, Kopfschmerzen, Entzündungen des Gehirns oder Ohnmachtsanfällen abgeleitet. Umschriebene Regionen des Gehirns, die eine gestörte Aktivität aufweisen (Arterienverschluss, Tumore etc.) oder allgemein veränderte Aktivität des Gehirns (Entzündungen, Hirndruck etc.), sollen durch das EEG entdeckt werden. Die Untersuchung ist schmerzfrei und kann beliebig oft wiederholt werden.

  • Ultraschalluntersuchung (Doppler-Sonographie) und transcranielle Duplexsonographie: Überprüfung der Halsschlagadern zur Vorbeugung eines Schlaganfalls. Mit dem Ultraschallgerät können Ablagerungen in den Halsschlagadern sichtbar gemacht werden.

  • EP (Evozierte Potentiale): Messung elektrischer Hirnaktivität nach visueller, akustischer oder sensibler Stimulation. Diese Untersuchungen dienen ähnlich dem EEG zur Messung elektrischer Hirnaktivität. Impulse, die nach visueller, akustischer oder sensibler Stimulation im Gehirn ankommen, werden registriert.

    • Visuell evozierte Potentiale (VEP): Messung der Hirnaktivität am Hinterhaupt bei Betrachtung eines Schachbrettmusters. Diese Untersuchung ist vor allem zur Klärung von Schäden im Bereich des Sehnerven oder der Sehbahn notwendig.
    • Akustisch evozierte Potentiale (AEP): Registrierung der Hirnaktivität bei akustischen Reizen über Kopfhörer. Je nach Muster des AEP's können Schädigungen an der Hörbahn, am Hörorgan und im Hirnstamm nachgewiesen werden. Auch bei Untersuchungen des Gleichgewichtsorgans (Schwindel) wird ein AEP durchgeführt.
    • Sensibel evozierte Potentiale (SEP): Messung der Zeit, die ein Impuls von einem stimulierten Nerv im Gehirn benötigt. Mit dieser Methode können Veränderungen im Bereich des Rückenmarks (der dort aufsteigenden Nervenbahnen) herausgefunden werden.
  • EMG (Elektromyogramm): Abklärung von Muskelkrankheiten oder Erkrankungen des versorgenden Nervs. Bei der Elektromyographie wird eine Nadelelektrode in einen bestimmten Muskel gestochen und die elektrische Aktivität sichtbar und hörbar gemacht, die beim Anspannen des Muskels entsteht. Je nach Beschaffenheit der abgeleiteten Potentiale kann man dann eine frische von einer chronischen Nervenschädigung unterscheiden bzw. eine Muskelkrankheit erkennen.

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  • ENG (Elektroneurographie): Messung der Nervenleitgeschwindigkeit zur Beurteilung der Funktion der peripheren Nerven an den Armen oder Beinen. Hier ist zur Einordnung die Bestimmung der Nervenleitgeschwindigkeit notwendig. Besonders zur Diagnostik des Carpaltunnelsyndroms ist diese Untersuchung sehr hilfreich.

  • Magnetstimulation: Über den Kopf des Patienten wird eine Magnetspule gehalten. Diese Spule gibt einen magnetischen Impuls ab, der die darunter liegenden motorischen Nervenzellen kurzzeitig stimuliert. Eine Muskelzuckung wird ausgelöst und an den Armen oder Beinen über aufgeklebte Elektroden registriert. Die Zeit zwischen der Impulsabgabe über dem Kopf bzw. der Wirbelsäule und der aufgetretenen Muskelzuckung wird gemessen.

Das Rückenmark als Schaltzentrale

Das Rückenmark spielt eine zentrale Rolle bei der Verbindung zwischen Gehirn und peripherem Nervensystem. Es leitet nicht nur Informationen weiter, sondern ist auch an der Auslösung von Reflexen beteiligt.

Aufbau und Funktion des Rückenmarks

Das Rückenmark erstreckt sich vom Gehirn bis zum unteren Ende der Wirbelsäule und verjüngt sich dort zum Conus medullaris. Es besteht aus grauer Substanz (Nervenzellkörper) und weißer Substanz (Nervenfasern).

  • Die graue Substanz wird in Vorderhorn (enthält motorische Nervenzellen), Hinterhorn (enthält sensible Nervenzellen) und Seitenhorn (enthält vegetative Nervenzellen) unterteilt.
  • Die weiße Substanz enthält die Nervenfaserbahnen, die Informationen zum und vom Gehirn leiten. Die größte absteigende Bahn ist die Pyramidenbahn, die für willkürliche Bewegungen verantwortlich ist.

Die Spinalnerven, die aus dem Rückenmark entspringen, enthalten sowohl aufsteigende (afferente) als auch absteigende (efferente) Fasern und gehen in Nerven des peripheren Nervensystems über.

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Reflexe: Unwillkürliche Reaktionen

Manche Erregungen werden im Rückenmark umgeschaltet und nicht erst zum Gehirn weitergeleitet. Dies ermöglicht schnelle, unwillkürliche Reaktionen, sogenannte Reflexe. Der Weg der Erregungsübertragung wird als Reflexbogen bezeichnet.

  • Eigenreflexe: Muskeldehnungsreflexe, die durch Dehnung eines Muskels ausgelöst werden. Ein Beispiel ist der Patellarsehnenreflex.
  • Fremdreflexe: Reflexe, bei denen Reizempfänger und Reizbeantworter verschiedenen Organsystemen angehören. Ein Beispiel ist der Babinski-Reflex.

Die Reflexprüfung ist ein wichtiger Bestandteil der neurologischen Untersuchung. Abgeschwächte Reflexe deuten auf eine Schädigung des peripheren Nervensystems hin, während gesteigerte Reflexe auf Störungen des zentralen Nervensystems hinweisen können.

Schädigungen des Rückenmarks

Das Rückenmark kann durch Tumore, Verletzungen oder Entzündungen geschädigt werden. Dies kann zu Lähmungen, Gefühlsstörungen und anderen neurologischen Ausfällen führen. Eine komplette Querschnittslähmung unterbricht die Erregungsleitung von und zu allen Körpersegmenten unterhalb der Schädigung.

Motorische Systeme: Steuerung der Bewegung

Die motorischen Systeme umfassen alle Komponenten, die Bewegungsvorgänge vermitteln. Sie werden in Zielmotorik und Stützmotorik unterteilt.

  • Zielmotorik: Umfasst die distale Muskulatur und ist für Feinbewegungen verantwortlich. Sie wird über das Pyramidenbahnsystem vermittelt.
  • Stützmotorik: Betrifft die proximale Muskulatur und ist für die aufrechte Körperhaltung und Bewegungsabläufe beim Gehen verantwortlich. Sie wird durch motorische Zentren des Kortex, subkortikale Kerne und den Hirnstamm kontrolliert.

Das gemeinsame Ziel aller zentralen Komponenten des motorischen Systems sind die unteren Motoneuronen (uMN), deren Axone das ZNS verlassen und die Arbeitsmuskulatur innervieren.

Muskelregulation durch Reflexe

Die Muskelregulation basiert auf unwillkürlichen Reflexen, die als Muskeldehnungsreflexe (Eigenreflexe) oder Fremdreflexe (z.B. Beugereflexe) unterschieden werden.

Hirnnerven: Die Schnittstelle zum Gehirn

Die Hirnnerven sind Nerven, die direkt aus dem Gehirn entspringen und verschiedene Funktionen im Kopf- und Halsbereich steuern. Die Untersuchung der Hirnnerven ist ein wichtiger Bestandteil der neurologischen Untersuchung.

Überblick über die Hirnnerven und ihre Funktionen

Es gibt zwölf Hirnnervenpaare, die jeweils spezifische Funktionen haben:

  1. N. olfactorius (I): Geruchssinn
  2. N. opticus (II): Sehsinn
  3. N. oculomotorius (III): Augenbewegung, Pupillenreaktion
  4. N. trochlearis (IV): Augenbewegung
  5. N. trigeminus (V): Sensibilität des Gesichts, Kaumuskulatur
  6. N. abducens (VI): Augenbewegung
  7. N. facialis (VII): Mimische Muskulatur, Geschmacksempfinden
  8. N. vestibulocochlearis (VIII): Hören, Gleichgewicht
  9. N. glossopharyngeus (IX): Schlucken, Geschmacksempfinden
  10. N. vagus (X): Innervation der inneren Organe
  11. N. accessorius (XI): Steuerung von Muskeln im Nacken und Schulterbereich
  12. N. hypoglossus (XII): Zungenbewegung

Untersuchung der Hirnnerven

Die Untersuchung der Hirnnerven umfasst verschiedene Tests, die die Funktion der einzelnen Nerven überprüfen. Dazu gehören:

  • N. olfactorius (I): Test des Geruchssinns mit verschiedenen Gerüchen.
  • N. opticus (II): Untersuchung der Sehschärfe, des Gesichtsfelds und der Pupillenreaktion.
  • N. oculomotorius (III), N. trochlearis (IV) und N. abducens (VI): Überprüfung der Augenbewegungen und der Pupillenreaktion.
  • N. trigeminus (V): Test der Sensibilität des Gesichts und der Funktion der Kaumuskulatur.
  • N. facialis (VII): Überprüfung der mimischen Muskulatur durch verschiedene Gesichtsausdrücke.
  • N. vestibulocochlearis (VIII): Test des Hörens und des Gleichgewichts.
  • N. glossopharyngeus (IX) und N. vagus (X): Untersuchung des weichen Gaumens, der Uvula und des Schluckreflexes. Heiserkeit oder ein gestörter Hustenreflex weisen auf eine Schädigung des N. vagus hin.
  • N. accessorius (XI): Überprüfung der Funktion des M. sternocleidomastoideus durch Drehen des Kopfes gegen Widerstand.
  • N. hypoglossus (XII): Untersuchung der Zungenbewegung durch Herausstrecken und Bewegen der Zunge.

Sensibilität: Wahrnehmung der Umwelt

Die Sensibilität ermöglicht uns die Wahrnehmung von Berührung, Schmerz, Temperatur, Vibration und Lage im Raum. Die sensible Wahrnehmung wird über Rezeptoren in der Haut, den Muskeln und Gelenken aufgenommen und über sensible Nervenbahnen zum Gehirn geleitet.

Untersuchung der Sensibilität

Die Untersuchung der Sensibilität umfasst verschiedene Tests, die die Wahrnehmung unterschiedlicher Reize überprüfen:

  • Berührungsempfinden: Überprüfung mit einem Monofilament, insbesondere bei diabetischer Polyneuropathie.
  • Schmerzempfinden: Test mit einem spitzen Gegenstand.
  • Temperaturwahrnehmung: Verwendung von Objekten mit unterschiedlicher Temperatur.
  • Vibrationsempfinden: Überprüfung mit einer 120-Hz-Stimmgabel, insbesondere an den distalen unteren Extremitäten.
  • Tiefensensibilität (Propriozeption): Erkennen von Bewegungen der Finger oder Zehen bei geschlossenen Augen.
  • Stereognosie: Taktile Identifikation eines bekannten Objekts.
  • Graphästhesie: Fähigkeit, auf die Haut gezeichnete Symbole zu erkennen.
  • Taktile Auslöschung: Unfähigkeit, Reize gleichzeitig wahrzunehmen.

Zusammenspiel von Motorik und Sensorik im Gehirn

Das Zusammenspiel von Sensorik und Motorik im Gehirn ist entscheidend für alle Bewegungen und Wahrnehmungen. Diese komplexe Interaktion ermöglicht es, auf Umweltreize zu reagieren und Aktionen auszuführen.

Motorische und sensorische Rindenfelder

Die motorischen und sensorischen Rindenfelder sind spezialisierte Bereiche in der Großhirnrinde, die für die Steuerung von Bewegungen und die Verarbeitung sensorischer Informationen verantwortlich sind. Die motorischen Rindenfelder initiieren und steuern freiwillige Bewegungen, während die sensorischen Rindenfelder eingehende Sinneseindrücke verarbeiten.

Motorik und Sprache im Gehirn

Die Beziehung zwischen Motorik und Sprache im Gehirn zeigt, wie eng verzahnt Bewegungs- und Sprachfähigkeiten sind. Motorische Prozesse spielen eine zentrale Rolle bei der Sprachproduktion und -verarbeitung. Der motorische Kortex koordiniert die Muskelbewegungen, die für das Sprechen notwendig sind, und das Broca-Areal ist das Sprachzentrum im Gehirn, das eng mit motorischen Funktionen verbunden ist.

Bedeutung von Sport und Bewegung

Sport und Bewegung haben einen positiven Einfluss auf die motorischen Fähigkeiten und die Gehirnentwicklung. Sport verbessert die Koordination, das Gleichgewicht und die Reaktionszeit, stärkt die Neuroplastizität und verbessert kognitive Funktionen wie Aufmerksamkeit und Gedächtnis. Koordinationsübungen wie Seilspringen, Balancieren oder Tanzen sind effektiv, um die Gehirn-Motorik-Verbindung zu verbessern.

Häufige Erkrankungen mit Beteiligung von Nerven, Motorik, Reflexen und Sensibilität

Verschiedene Erkrankungen können die Funktionen von Nerven, Motorik, Reflexen und Sensibilität beeinträchtigen:

  • Rückenschmerzen: Sehr verbreitet und können durch Verspannungen, Fehlhaltungen oder Verschleiß entstehen.
  • Nackenschmerzen: Häufig durch Muskelverspannungen, aber auch durch Bandscheibenvorfälle oder rheumatische Erkrankungen verursacht.
  • Radikulopathie: Reizung oder Schädigung einer Nervenwurzel des Rückenmarks, die zu Schmerzen, Missempfindungen oder neurologischen Ausfällen führt.
  • Karpaltunnelsyndrom: Einengung des Mittelarmnerven, die Handschmerzen und Taubheitsgefühl verursacht.
  • Bandscheibenvorfall: Austritt des gallertartigen Kerns der Bandscheibe, der auf einen Rückenmarksnerven drückt und starke Schmerzen verursacht.
  • Iliosakralgelenk-Syndrom (ISG-Syndrom): Schmerzen im Iliosakralgelenk durch Erschütterungen, Fehltritte oder Verschleiß.
  • Spinalkanalstenose: Verengung des Wirbelkanals, die auf Rückenmark und Nervenwurzeln drückt und Schmerzen und neurologische Ausfälle verursacht.
  • Knieschmerzen: Können verschiedene Ursachen haben, wie Verletzungen, Arthrose oder Überlastung.
  • Spondylose: Verschleiß der Wirbelsäule, der zu chronischen Rückenschmerzen und neurologischen Symptomen führen kann.
  • Multiple Sklerose (Enzephalitis disseminata): Chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des ZNS, die verschiedene neurologische Symptome verursacht.
  • Morbus Parkinson: Fortschreitende neurodegenerative Erkrankung mit motorischen und nichtmotorischen Manifestationen.
  • Glaukom: Erkrankung, die durch Schädigung des Sehnervs gekennzeichnet ist und zu einer Optikusneuropathie führt.

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