Die komplexen Wechselwirkungen zwischen Nervensystem und Hormonsystem sind für zahlreiche Körperfunktionen unerlässlich. Was passiert jedoch, wenn diese Verbindungen unterbrochen werden? Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Auswirkungen von Nervendurchtrennungen auf den Hormonhaushalt und die daraus resultierenden Konsequenzen für den Körper.
Die Entdeckung der Hormone: Ein Blick zurück
Anfang des 20. Jahrhunderts stellten zwei englische Wissenschaftler eine entscheidende Frage: Wie weiß die Bauchspeicheldrüse, wann sie Verdauungsenzyme freisetzen muss? Ihre Experimente, bei denen sie Nerven durchtrennten, führten zur Entdeckung, dass Organe regulierende Sekrete abgeben, die später als "Hormone" bezeichnet wurden. Heute sind etwa 50 verschiedene Hormone bekannt, die als chemische Botenstoffe in Drüsen wie Nebennieren, Schilddrüse, Hoden oder Eierstöcken gebildet werden und über den Blutkreislauf zu ihren Zielorganen gelangen, um dort Stoffwechselprozesse zu aktivieren.
Die Rolle der Hormone im Körper
Hormone spielen eine entscheidende Rolle bei der Steuerung verschiedener Körperfunktionen, darunter:
- Stoffwechsel: Hormone wie Thyroxin und Trijodthyronin der Schilddrüse regulieren zahlreiche Stoffwechselprozesse und beeinflussen die Funktion von Herz, Kreislauf, Verdauung, Körpertemperatur und Gehirnprozessen.
- Blutdruck: Hormone wie Adrenalin aus den Nebennieren beeinflussen den Blutdruck, indem sie die Gefäße verengen. Auch die Nieren regulieren den Blutdruck hormonell, indem sie die Wasserausscheidung beeinflussen.
- Knochenauf- und -abbau: Hormone wie Parathormon, Vitamin D und die Sexualhormone Östrogen und Testosteron sind am Auf- und Abbau der Knochen beteiligt.
- Fortpflanzung: Geschlechtshormone wie Östrogen und Testosteron steuern die Entwicklung der Geschlechtsorgane, den Menstruationszyklus und die Fruchtbarkeit.
- Stimmung und Verhalten: Hormone wie Serotonin und Dopamin beeinflussen Stimmung, Emotionen, Antrieb und Schmerzempfinden. Melatonin reguliert den Schlaf-Wach-Rhythmus.
Die Steuerung des Hormonhaushalts
Die Ausschüttung von Hormonen wird über komplexe Regelkreise im Körper gesteuert. Die Hypophyse, ein kirschkerngroßes Organ im Gehirn, fungiert als übergeordnete Instanz für viele Körperdrüsen. Die Menge der Hormone schwankt abhängig von der Tageszeit, dem Menstruationszyklus oder körperlicher Belastung.
Auswirkungen von Nervendurchtrennungen auf den Hormonhaushalt
Wie eine Studie des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und der Charité - Universitätsmedizin Berlin zeigte, können Verletzungen des Gehirns oder Rückenmarks, die zu Nervendurchtrennungen führen, das Immunsystem schwächen und das Risiko für Infektionen wie Lungenentzündungen erhöhen.
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Der Nerven-Immunsystem-Hormon-Signalweg
Die Wissenschaftler entdeckten einen bisher unbekannten Signalweg, der Nerven- und Immunsystem über Hormone miteinander verbindet. Dieser Signalweg beginnt im Rückenmark und führt über Nervenleitungen zu den Nebennieren, wo die Produktion und Freisetzung von Hormonen beeinflusst wird. Bei einer Rückenmarksverletzung werden diese Verbindungen unterbrochen oder beschädigt, was zu einer Störung der Hormonausschüttung durch die Nebennieren führt.
Auswirkungen auf Immunorgane
Die Forscher stellten fest, dass bei Mäusen mit Rückenmarksverletzungen Lymphknoten, Thymus und Milz an Größe einbüßten, da die Zahl der darin enthaltenen Immunzellen zurückging. Dies deutet darauf hin, dass der veränderte Hormonspiegel die Immunorgane beeinträchtigt und die Abwehrkräfte schwächt.
Widerspruch zur gängigen Lehrmeinung
Die Ergebnisse der Studie widersprechen in mancher Hinsicht der gängigen Lehrmeinung. Bisher wurde angenommen, dass nach Verletzungen des zentralen Nervensystems große Mengen an Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet werden. Die Studie zeigte jedoch, dass die Pegel dieser Stresshormone zurückgehen.
Klinische Relevanz
Die Erkenntnisse über den Nerven-Immunsystem-Hormon-Signalweg könnten neue Therapieansätze zur Stärkung des Immunsystems bei Patienten mit Verletzungen des Gehirns oder Rückenmarks eröffnen. Medikamente, die auf den Hormonhaushalt einwirken, könnten möglicherweise helfen, die Immunabwehr zu verbessern und das Risiko für Infektionen zu senken.
Weitere Ursachen für Nervenschädigungen
Neben Verletzungen können auch andere Faktoren zu Nervenschädigungen führen, die den Hormonhaushalt beeinflussen können:
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- Diabetes mellitus: Überhöhte Blutzuckerspiegel können die Nerven schädigen und zu einer diabetischen Neuropathie führen.
- Alkoholmissbrauch: Übermäßiger Alkoholkonsum kann die Nervenzellen direkt angreifen und zu einer Unterversorgung mit wichtigen Vitaminen führen.
- Operationen und Unfälle: Verletzungen bei Operationen oder Unfällen können Nerven durchtrennen oder beschädigen.
- Entzündungen und Tumore: Nervenentzündungen, Engstellen an Gelenken und Tumore können Druck auf die Nerven ausüben und ihre Funktion beeinträchtigen.
- Autoimmunerkrankungen: Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Neurosarkoidose können das Nervensystem angreifen und Nervenschädigungen verursachen.
- Chemotherapie: Die Behandlung von Krebserkrankungen mit Chemotherapie kann Nervenzellen schädigen und zu Empfindungsstörungen, Gleichgewichtsstörungen oder Muskelschwäche führen.
- Infektionen: Infektionen mit Herpes-, Grippe- oder Hepatitis-Viren können Nervenschäden verursachen.
Symptome hormoneller Störungen
Typische Symptome hormoneller Störungen, die durch Nervenschädigungen verursacht werden können, sind:
- Ständige Müdigkeit
- Herzrasen
- Übermäßiger Durst
- Innere Unruhe
- Schweißausbrüche
- Erhebliche Gewichtszunahme oder -abnahme
Diagnose und Behandlung
Bei Verdacht auf eine hormonelle Störung sollte zunächst der Hausarzt aufgesucht werden. Er kann durch Bluttests erste Hinweise bekommen und bei Verdacht auf eine hormonelle Störung zu einem Endokrinologen überweisen.
Die Behandlung hormoneller Störungen hängt von der Ursache und der Art der Störung ab. In vielen Fällen können fehlende Hormone durch Medikamente ersetzt werden. Bei Tumoren der Nebenschilddrüse kann eine Operation erforderlich sein.
Was man selbst tun kann
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Hormonhaushalt positiv zu beeinflussen:
- Gewicht regulieren: Fettgewebe, insbesondere im Bauchbereich, produziert Hormone, die Entzündungen fördern können. Ein gesunder Lebensstil mit ausgewogener Ernährung und viel Bewegung beugt vor.
- Ausreichend Jod: Die Schilddrüse benötigt ausreichend Jod, um Schilddrüsenhormone zu produzieren.
- Sonne genießen: Vitamin D ist eigentlich ein Hormon und wird unter Einfluss von UV-Strahlen in der Haut gebildet.
- Ausgewogen ernähren: Bestimmte Vitamine, wie Vitamin B6, spielen eine Rolle im Hormonhaushalt.
- Ausgleich: Stress kann das Hormongleichgewicht beeinträchtigen. Regelmäßige Entspannungsübungen und Hobbys helfen, Stress abzubauen.
- Licht regulieren: Licht unterdrückt die Ausschüttung von Melatonin, dem Schlafhormon.
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