Das menschliche Gehör ist ein hochkomplexes Sinnesorgan, das uns ermöglicht, Klänge und Geräusche wahrzunehmen, Sprache zu verstehen und unser Gleichgewicht zu halten. Es ist erstaunlich, dass wir diese Funktion jeden Tag nutzen, ohne wirklich darüber nachzudenken. Das Ohr kann bis zu 400.000 Töne unterscheiden und innerhalb einer Sekunde etwa 50 Eindrücke verarbeiten - doppelt so viele wie unsere Augen. Dieser Artikel beleuchtet die Anatomie des Ohrs, seine Funktionsweise und mögliche Erkrankungen.
Aufbau des Ohrs: Vom Außenohr zum Innenohr
Das Ohr besteht aus drei Hauptbereichen: dem Außenohr, dem Mittelohr und dem Innenohr. Jedes Ohr ist einzigartig und seine Form ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.
Das Außenohr: Empfang der Schallwellen
Das Außenohr umfasst die sichtbaren Teile des Ohres: die Ohrmuschel, das Ohrläppchen und den äußeren Gehörgang. Die Ohrmuschel, die fast ausschließlich aus flexiblem Knorpel und Haut besteht, fängt Schallwellen wie ein Trichter auf und leitet sie durch den äußeren Gehörgang zum Trommelfell. Der Gehörgang bleibt durch Knorpel und Knochen immer offen, sodass die Schallwellen ungehindert zum Trommelfell gelangen können.
Das Mittelohr: Verstärkung der Schwingungen
Das Mittelohr besteht aus dem Trommelfell und der Paukenhöhle mit den Gehörknöchelchen. Das Trommelfell ist eine dünne Membran, die den Gehörgang zum Mittelohr verschließt und verhindert, dass Fremdkörper tiefer ins Ohr eindringen.
Trifft eine Schallwelle auf das Trommelfell, versetzt sie es in Schwingungen. Diese Vibrationen werden auf die drei Gehörknöchelchen übertragen: Hammer, Amboss und Steigbügel. Der Hammer hat direkten Kontakt zum Trommelfell und überträgt die Vibrationen an den Amboss, der sie wiederum an den Steigbügel weiterleitet. Der Steigbügel, der kleinste Knochen des menschlichen Körpers, transportiert die Schwingung ins Innenohr.
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Das Mittelohr ist ein luftgefüllter Hohlraum, die Paukenhöhle, die über die Eustachische Röhre (Ohrtrompete) mit dem Nasen-Rachen-Raum verbunden ist. Diese Verbindung ermöglicht den Druckausgleich im Mittelohr. Durch die Tube können aber auch Krankheitserreger aus dem Nasen-Rachen-Raum bis ins Mittelohr aufsteigen.
Unser Gehör verfügt über einen eingebauten Schutzmechanismus, der sich bei großer Lautstärke aktiviert. Um eine Lärmüberlastung zu verhindern, strafft ein Muskel das Trommelfell und ein anderer Muskel verkantet den Steigbügel. Dadurch werden Vibrationen und Schwingungen reduziert und das Geräusch wird gedämpft an das Innenohr weitergegeben.
Das Innenohr: Umwandlung in Nervenimpulse
Das Innenohr, das in der Felsenbeinpyramide liegt, ist der innere Bereich des Ohres und mit Flüssigkeit gefüllt. Hier werden die Schallwellen in elektrische Impulse umgewandelt, die dann an das Gehirn weitergeleitet werden. Das Innenohr besteht aus der Hörschnecke (Cochlea) und dem Gleichgewichtsorgan.
Die Hörschnecke ist ein schneckenhausförmiger Hohlraum, dessen Gänge mit Flüssigkeit gefüllt sind: Perilymphe (natriumreich) und Endolymphe (kaliumreich). Im Corti-Organ, der Schnittstelle der Hörschnecke, befinden sich die Haarsinneszellen. Ein gesundes Ohr verfügt über etwa 15.000 Haarsinneszellen, deren Reize von circa 30.000 Nervenfasern des Hörnervs in elektrische Impulse umgewandelt und an das Gehirn weitergeleitet werden.
Das Gleichgewichtsorgan besteht aus drei runden Bogengängen, die mit Lymphflüssigkeit gefüllt sind. Die Bogengänge münden in Ausbuchtungen (Ampullen), in denen sich Sinneshärchen befinden. Bewegungen des Kopfes setzen die Lymphflüssigkeit und die Sinneshaare in Bewegung. Diese Reize werden als Nervenimpulse an das Gehirn weitergeleitet.
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Der Hörnerv (Nervus vestibulocochlearis)
Der Nervus vestibulocochlearis, auch als Nervus statoacusticus oder Hörnerv bezeichnet, ist der achte von zwölf Hirnnerven. Er leitet die Informationen aus dem Hör- und Gleichgewichtsorgan des Innenohres in Richtung der Hörbahn und zu den Vestibulariskernen. Entsprechend dieser Funktion erfüllt er seine Aufgaben in den anatomischen Strukturen des Ohres.
Der Nervus vestibulocochlearis hat seinen Ursprung in zwei Anteilen, einer Radix vestibularis (für das Gleichgewicht) und einer Radix cochlearis (für das Hören). Die Radix cochlearis beginnt im Innenohr, genauer gesagt an den Zellkörpern (Perikaryen) des Ganglion cochleare, welches sich im Spindelkanal der Hörschnecke befindet. Die zentralen Fortsätze bilden somit das erste Neuron der Hörbahn. Die Radix vestibulares beginnt im Ganglion vestibulare am Boden des inneren Gehörgangs (Meatus acusticus internus). Beide Nervenwurzeln sind von einer gemeinsamen Bindegewebshülle umgeben.
Zusammen verlaufen die Nervenwurzeln durch den Meatus acusticus internus hin zum Porus acusticus internus, einer Öffnung des Felsenbeins (Os petrosum). Hier treten die Wurzeln in die hintere Schädelgrube ein. Unterhalb des Pons zieht die Struktur weiter und tritt am Kleinhirnbrückenwinkel etwas unterhalb des Nervus facialis in den Hirnstamm ein.
Der Nervus vestibularis gibt in seinem Verlauf mehrere Äste ab, darunter den Nervus utriculoampullaris, der afferente Fasern der Macula utriculi und der Crista ampullaris der Bogengänge enthält.
Nach dem Schädeleintritt ziehen der Nervus vestibularis und der Nervus cochlearis zu ihren jeweiligen Kerngebieten. Zu den Kochleariskernen zählen der Nucleus cochlearis anterior (vorderer Schneckenkern) und der Nucleus cochlearis posterior (hinterer Schneckenkern). Sie befinden sich seitlich (lateral) der Vestibulariskerne. Die Kerne stellen die erste Umschaltungsstation der Hörbahn dar. Die Afferenzen des Nervus cochlearis werden auf Efferenzen umgeschaltet, die die Informationen zum Corpus trapezoideum und zum Nucleus olivaris superior transportieren. Teilweise verlaufen die Bahnen auf der kontralateralen Seite.
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Die Kerne erhalten über den Nervus vestibularis die speziellen Informationen aus dem Gleichgewichtsorgan des Innenohres und über Fasern der Purkinje-Zellschicht des Kleinhirns (Tractus cerebellovestibularis) weitere Informationen. Alle Kerngebiete geben efferente Fasern zum Beispiel an die Augenmuskelkerne, den Thalamus oder an das Kleinhirn ab.
Funktionsweise des Gehörs: Ein komplexer Prozess
Der Prozess des Hörens ist komplex und beinhaltet mehrere Schritte:
- Aufnahme der Schallwellen: Die Ohrmuschel fängt Schallwellen auf und leitet sie durch den äußeren Gehörgang zum Trommelfell.
- Schwingung des Trommelfells: Die Schallwellen versetzen das Trommelfell in Schwingungen.
- Übertragung und Verstärkung: Die Schwingungen werden über die Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss, Steigbügel) verstärkt und an das ovale Fenster des Innenohrs weitergeleitet.
- Erregung der Haarzellen: Die Schwingungen versetzen die Flüssigkeit in der Hörschnecke in Bewegung, wodurch die Haarzellen im Corti-Organ erregt werden.
- Umwandlung in Nervenimpulse: Die erregten Haarzellen wandeln die Schwingungen in elektrische Impulse um.
- Weiterleitung zum Gehirn: Die Nervenimpulse werden über den Hörnerv (Nervus cochlearis) zum Gehirn geleitet.
- Verarbeitung im Gehirn: Das Gehirn wandelt die neuronalen Impulse in Sekundenbruchteilen um und erzeugt eine Wahrnehmung.
Übrigens: Der menschliche Hörsinn sorgt nicht nur dafür, dass wir Töne, Klänge und Geräusche wahrnehmen. Je nachdem, aus welcher Einfallsrichtung eine Schallwelle auf das Ohr trifft, kann unser Gehirn über die Laufzeit- und Pegelunterschiede der Geräusche sogar vergleichsweise präzise die Richtung eines Geräusches lokalisieren.
Erkrankungen des Gehörs
Ein Ausfall des Nervus vestibulocochlearis kann zu Einschränkungen des Gleichgewichts und des Hörens führen. Die Ursachen hierfür können unterschiedlich sein.
Hörverlust
Hörverlust kann verschiedene Ursachen haben und in unterschiedlichen Formen auftreten:
- Schallempfindungsschwerhörigkeit: Hierbei sind die Haarzellen in der Cochlea oder der Hörnerv selbst geschädigt. Dies kann durch Lärm, Krankheit, Kopfverletzungen oder Alterung verursacht werden.
- Schallleitungsschwerhörigkeit: Hierbei erreichen die Schallschwingungen das Innenohr nicht. Die Ursache liegt im Außen- oder Mittelohr, z.B. durch Schäden, Entzündungen oder Verstopfungen.
- Gemischter Hörverlust: Eine Kombination aus Schallempfindungs- und Schallleitungsschwerhörigkeit.
- Neurale Schwerhörigkeit: Die Ursache liegt hinter der Cochlea, im Hörnerv, im Hirnstamm oder im Gehirn selbst.
Weitere Erkrankungen
- Akustikusneurinom (Vestibularisschwannom): Ein gutartiger Tumor, der von den Schwann-Zellen des Nervus vestibulocochlearis ausgeht. Er kann zu Hörminderung, Tinnitus, Fazialisparese und Gangunsicherheiten führen.
- Herpes Zoster (Gürtelrose): Kann den Trigeminusnerv befallen und Schmerzen verursachen.
- Trigeminusneuralgie: Eine chronische Schmerzerkrankung, die den Trigeminusnerv betrifft.
- Morbus Menière: Eine Erkrankung des Innenohres, die mit Drehschwindel, Tinnitus und Schallempfindungsschwerhörigkeit einhergeht.
- Hörsturz: Eine plötzlich auftretende Innenohr-Schwerhörigkeit, meist verursacht durch Durchblutungsstörungen.
- Tinnitus (Ohrensausen): Kann nach einem Hörsturz oder bei Durchblutungsstörungen und Gefäßverengungen auftreten.
Diagnostik
Zur Diagnose von Erkrankungen des Gehörs stehen verschiedene Methoden zur Verfügung:
- Tonschwellenaudiometrie: Zur Feststellung von Hörverlusten in verschiedenen Frequenzen.
- Hirnstammaudiometrie (BERA): Ein audiometrisches Verfahren zur Untersuchung der Hörbahn im Hirnstamm. Sie wird unter anderem zur Frühdiagnostik des Vestibularisschwannoms und bei Neugeborenen mit Risikofaktoren für Hörstörungen eingesetzt.
- MRT: Zur Darstellung von Tumoren und anderen Veränderungen im Bereich des Gehörs.
Schutz des Gehörs
Gehörschäden durch laute Geräusche sind dauerhaft und irreparabel. Daher ist es wichtig, das Gehör zu schützen:
- Vermeidung von Lärm: Vermeiden Sie den Aufenthalt in lauten Umgebungen oder tragen Sie Gehörschutz.
- Ohrenpflege: Achten Sie auf eine regelmäßige Ohrenpflege.
- Vorsicht bei Medikamenten: Einige Medikamente können das Gehör schädigen. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Apotheker.