Griechische Mythologie und ihre Spuren im Gehirn: Von Cerberus bis Mnemosyne

Die griechische Mythologie, reich an Symbolen und Erzählungen, findet überraschende Parallelen in der modernen Wissenschaft und der Funktionsweise unseres Gehirns. Von Genen, die nach mythologischen Figuren benannt sind, bis hin zu Metaphern, die unsere Gedächtnisprozesse veranschaulichen, zeigt sich die anhaltende Relevanz antiker Weisheit.

Cerberus: Vom Höllenhund zum Schlüsselgen

In der griechischen Mythologie bewacht Zerberus, der mehrköpfige Höllenhund, den Eingang zur Unterwelt. In der modernen Wissenschaft hat dieser Name eine ganz andere, aber ebenso wichtige Bedeutung erhalten. Cerberus ist ein Gen, das eine zentrale Rolle bei der Programmierung der Kopfregion von Lebewesen spielt.

Der Essener Biologe Horst Grunz war an der näheren Charakterisierung dieses Gens beteiligt. Während eines sechsmonatigen Forschungsaufenthaltes am Howard Hughes Medical Institute der University of California in Los Angeles arbeitete Grunz mit dem international bekannten Molekulargenetiker Professor Eddy DeRobertis zusammen. Diese Zusammenarbeit, die durch das finanzielle Engagement der Deutschen Forschungsgemeinschaft ermöglicht wurde, führte zu einer gemeinsamen Veröffentlichung in dem renommierten Wissenschaftsmagazin "Nature" (Piccolo et al., 1999; Nature Vol.).

Grunz konnte zeigen, dass Cerberus nicht nur für die Gehirnprogrammierung, sondern auch für die Herzentwicklung im werdenden Wirbeltierorganismus von Bedeutung ist. Er wies nach, dass sich in Zellkulturen erzeugtes Herzgewebe nach der Implantation in Froschlarven zu einem zusätzlich schlagenden Herzen entwickelte.

Die Entdeckung von Cerberus und seinen verwandten Genen liefert auf molekulargenetischer Ebene stichfeste Beweise für die Richtigkeit der von Charles Darwin verkündeten Abstammungslehre.

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Lethe und Mnemosyne: Die Kunst des Vergessens und Erinnerns

Die griechische Mythologie erzählt von zwei Flüssen im Hades, der Unterwelt: Lethe, dessen Wasser das Vergessen bewirkt, und Mnemosyne, dessen Wasser die Erinnerung stärkt und Allwissenheit verleiht. Diese Metapher beleuchtet die komplexe Beziehung zwischen Erinnern und Vergessen in unserem Gehirn.

Das Gehirn als Prioritätensetzer

Informationen zu vergessen ist manchmal genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, als sie sich zu merken. Das Gehirn ist kein Computer, der jede Information speichert. Stattdessen eliminiert es, was nicht genutzt wird, um das neurologische Gleichgewicht zu optimieren.

Jede Spezies, die ein Gedächtnis hat, vergisst. Eine Studie des Scripps Research Institute in Florida zeigte beispielsweise, dass Dopamin nicht nur für den Aufbau von Erinnerungen und das Lernen wichtig ist, sondern auch für das Vergessen. Der Kognitionspsychologe Oliver Hardt von der Universität McGill in Montreal (Kanada) betont, dass jeder Organismus ständig Informationen löschen muss, um sich besser an seine Umgebung anzupassen.

Die Neurogenese und das Vergessen in der Kindheit

Die Griechen glaubten, dass die Wirkung des Wassers aus dem Fluss Lethe bis in die frühe Kindheit anhielt, was erklärt, warum wir uns nicht an unsere Geburt und die ersten Lebensjahre erinnern können. Heute wissen wir, dass dies mit der Neurogenese des Gehirns zusammenhängt.

Neugeborene entwickeln eine große Anzahl neuronaler Verbindungen, die sich in den folgenden Jahren wieder verringern. Durch diesen Prozess werden Erinnerungen gelöscht, aber es wird eine größere kognitive Stärke und Beweglichkeit erreicht. In der Neurowissenschaft ist das Vergessen ein aktiver Mechanismus, der schon in einem sehr frühen Alter zu funktionieren beginnt.

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Das Wesentliche im Fokus

Experten für forensische Psychologie wissen, dass sich Zeugen selten mit absoluter Genauigkeit an ein Ereignis erinnern. Das Gehirn konzentriert sich auf die wesentlichen Informationen, um auf zukünftige Gefahren vorbereitet zu sein.

Hyperthymesie: Wenn Erinnerung zur Last wird

Das hyperthymestische Syndrom bezeichnet einen seltenen Zustand, der bewirkt, dass sich Personen an außergewöhnlich viele Einzelheiten ihres Lebens erinnern. Betroffene haben die Fähigkeit, sich an ungewöhnliche Details und belanglose Einzelheiten zu erinnern und grübeln lange über ihre Vergangenheit nach. Sie verbringen übermäßig viel Zeit damit, über ihre Vergangenheit nachzudenken und sind nicht in der Lage, die Erinnerungen, die in ihrem Kopf auftauchen, zu kontrollieren.

Aristoteles' Sicht auf das Gehirn: Ein Kühlsystem für das Herz

Der griechische Philosoph Aristoteles (384-322 v. Chr.) hatte eine bemerkenswert andere Vorstellung vom Gehirn als wir heute. Für Aristoteles war das Gehirn nichts weiter als ein Kühlsystem für das Blut, während er das Herz als den Sitz der wahrnehmenden Seele betrachtete.

Aristoteles' Annahme basierte auf seinen anatomischen Studien und Beobachtungen. Er argumentierte, dass eine Verletzung des Herzens den sofortigen Tod bedeutet, während Hirnverletzungen oft weniger dramatische Folgen haben. Zudem gehen Veränderungen des Herzschlags mit Veränderungen unseres Gemütszustandes einher. Umgekehrt scheint das Gehirn empfindungslos zu sein, da eine Berührung des Gehirns am lebenden Tier keinerlei Reaktionen hervorruft.

Obwohl Aristoteles das Gehirn nicht als zentrales Organ des Denkens und Empfindens erkannte, lieferte er mit seiner biologisch angehauchten Seelenlehre einen prägenden Beitrag zur Geschichte der Hirnforschung. Seine Beschreibung der "biologischen Ausstattung des Bewusstseins" wurde von der Hirnforschung übernommen und zum Paradigma für Jahrhunderte gemacht.

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Mnemosyne und die Gedächtniskunst

In der griechischen Mythologie war Mnemosyne die Personifizierung des Gedächtnisses. Im antiken Griechenland, wo Geschichten mündlich weitergegeben wurden, spielte das Gedächtnis eine entscheidende Rolle.

Die Loci-Methode: Ein Gedächtnispalast für das Gehirn

Die alten Griechen entwickelten Methoden, um ihr Gedächtnis zu verbessern, darunter die Loci-Methode, auch bekannt als Gedächtnisreise, Gedächtnispalast oder Geistespalasttechnik.

Der römische Redner Cicero berichtete, dass diese Technik von dem griechischen Lyriker Simonides von Ceos entwickelt wurde. Simonides erkannte, dass es möglich war, sich an alles zu erinnern, indem er es mit einem geistigen Bild eines Ortes verknüpfte.

Die Loci-Methode beruht darauf, dass man sich die Dinge, an die man sich erinnern will, mental vorstellt und sie in einer bestimmten Reihenfolge an verschiedenen Orten entlang einer vertrauten Route platziert. Diese Gedächtnistechnik kann noch weiter verbessert werden, indem man die Bilder lebendiger macht und sie mit mentalen Gerüchen und Geräuschen begleitet.

Neuere Forschungen haben gezeigt, dass die Gedächtnispalasttechnik sehr effektiv sein kann und die Gehirnaktivität der Teilnehmer so verändert, dass sie der von Gedächtnisweltmeistern ähnlicher wird.

Die Magische 7: Ein Zahlensymbol in Mythos und Alltag

Die Zahl 7 nimmt seit altersher und in allen Kulturen eine Sonderstellung ein. Man nimmt an, dass die 7 als so besonders wahrgenommen wurde, weil die Menschen 7 Himmelskörper zählten, die als göttliche Wesen gedeutet wurden: Sonne, Mond und die fünf mit bloßem Auge sichtbaren Planeten.

Die 7 findet sich in zahlreichen Bereichen unseres Lebens wieder:

  • Mythologie und Geschichten: Der Wolf und die 7 Geißlein, Schneewittchen und die 7 Zwerge, Die 7 Raben, Die 7 Schwaben, Die 7 Schwäne, 7 auf einen Streich (Das tapfere Schneiderlein), 7 Brüder (Der kleine Däumling), 7-Meilen-Stiefel (Der kleine Däumling), 7 Reisen von Sindbad dem Seefahrer (1001 Nacht), Siebenschön (von Ludwig Bechstein), 7 gegen Theben (griechische Mythologie).
  • Natur: 7 Tore zur Welt des Menschen (2 Ohren, 2 Nasenlöcher, 2 Augen und 1 Mund), Sinne des Menschen (Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen, Gleichgewichtssinn, Bewegungssinn), Länge eines durchschnittlichen Menschen (7-fache Kopfgröße), menschlicher Darm (ungefähr 7 Meter lang), 7 Richtungen (rechts, links, vorwärts, rückwärts, oben, unten und nach innen), Regenbogen (7 Farben), Siebenschläfer, Siebengebirge, Siebenpunkt (Marienkäfer), Siebengestirn (Plejaden), 7 Kontinente, 7 Weltmeere, 7 Klimazonen, 7 Vegetationszonen, 7 Chakren (Energiezentren), 7 Himmelskörper der Antike, 7 Hauptquantenzahlen (Chemie), 7-Wellen-Muster (Klimawandel).
  • Kultur: 7 Tugenden der Samurai, 7 Prinzipien der Huna, 7 emotionale Stimmungen (chinesische Philosophie), 7 freie Künste, 7 Weltwunder, 7 deutsche Kurfürsten, 7 Bundesräte (Schweiz), Harry Potter (endet mit Band 7).
  • Sprache: Das Wort „sieben“ hat in den indoeuropäischen Sprachen auffälligerweise die gleiche Wurzel.
  • Redewendungen: Morgens um 7 ist die Welt noch in Ordnung, auf Wolke 7 schweben, im 7. Himmel sein, ein Buch mit 7 Siegeln, ein Gesicht machen wie 7 Tage Regenwetter, den 7. Sinn haben.

Schlaf und die griechische Mythologie

Der Schlaf, eine wesentliche Voraussetzung für menschliches Leben, wird in der griechischen Mythologie durch den Schlafgott Hypnos repräsentiert, der als "Allbezwinger" gilt. Antike Quellen belegen die Auseinandersetzung mit dem Thema Schlaf, wobei der menschliche Körper zum Interessensknotenpunkt und das Gehirn zum "Schlafzentrum" erklärt wird.

Während die Schlafgelegenheiten von einfachen Schlafstellen im Freien bis zu luxuriösen Gemächern reichten, waren die Schlafenszeiten zumeist vom natürlichen Einfluss des Lichttages geprägt. Gesunder Schlaf galt als Zeichen für Wohlbefinden, während Schlafstörungen und Schlaflosigkeit bestmöglich bekämpft wurden, unter anderem mit Alkohol, Mohn und verschiedenen Schlafkräutern.

Die schöpferische Kraft des Gehirns: Mythen und Realität

Das menschliche Gehirn ist in der Lage, Sinneseindrücke schöpferisch zu verarbeiten und eine Vielfalt von phantastischen Ausdrucksformen zu erschaffen. Es kann mit mentalen Symbolen jonglieren, Sinneseindrücke mit eigenen geistigen Schöpfungen kombinieren und zu neue Ideen fabulieren.

Wenn die Kontrollfunktion der Wahrnehmung der äußeren Realität nachlässt, im Traum, dann entfaltet das Gehirn unzensiert seine schöpferischen Qualitäten, in der es wie in der Meditation keine Trennungslinie zwischen Ich und sozialer Umwelt gibt, zwischen virtuellen Gedanken-Kreationen und harten Gegenständen.

Aus Wahrnehmungselementen konstruiert das Gehirn das Wirklichkeits-Bewusstsein und "konfabuliert" sie zu einer kompletten Geschichte. Dieser Mechanismus des Gehirns ist die Grundlage mythischen Erlebens.

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